Der Schnürsenkel-Zwischenfall und Fellatio im Auto

Warum Unfälle und Krankheiten hochspezifisch sein sollten

Heute morgen wollte ich zum Bäcker. Meine Schuhe habe ich mir erst im Hausflur angezogen. Sie aber nicht zugebunden. Das wollte ich an einem Treppenabsatz erledigen. Ich schließe die Wohnungstür und will zu besagter Treppe gehen – und es schlägt mich fast hin. Einer der langen Schnürsenkel hatte sich unter die Tür geklemmt, im Halbdunkel des Hausflurs hatte ich das nicht bemerkt. Ein bisschen mehr Energie (es war zum Glück noch vor dem Frühstück), und ich hätte mich ernsthaft verletzen können. Ein Unfall, würdig für einen Roman.

Die Sache ist idiotisch. Aber eben sehr speziell. Auch das machte einen solchen Unfall würdig für einen Roman.

Zu oft aber liest man von nicht näher erläuterten »Autounfällen« als Ausgangspunkt von Charakter-Motivationen (»Seine Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen«). In manchen Fällen genügt das. In den meisten Fällen nicht.
Denn die faulen Autoren entlarven sich damit: Sie zeigen Allgemeines, statt sich um Spezielles und damit Lebensechtes zu bemühen. Ein Autounfall ist langweilig. Aber ein Autounfall, wie ihn Garp in John Irvings »Garp und wie er die Welt sah« hat (Diogenes 1979), ist etwas sehr Eigenes. (Garp fährt in das in seiner Einfahrt parkende Auto seiner Frau Helen hinein, die gerade mit ihrem Liebhaber Fellatio im Auto hat. Bei dem Unfall wird Garps und Helens Sohn Walt getötet.)

Mit Krankheiten verhält es sich ähnlich. Da draußen lauern eine Menge Krankheiten, von denen Sie noch nie gehört haben. Viele, gerade tödliche Krankheiten, kommen zudem gerne in Kombination mit anderen Krankheiten daher. So sterben Krebspatienten häufig gar nicht am Krebs, sondern an einer Begleiterkrankung, etwa einer Lungenentzündung. Oder die Krankheit sorgt dafür, dass jemand einen idiotischen Unfall hat. Beispiel: ein Schwindelanfall wegen Diabetes lässt einen Charakter auf die Straße taumeln, wo er von einem Auto angefahren wird.

Unfälle, gerade solche, die etwa für eine Motivation des Charakters sorgen oder sein Leben verändern, sind dramatische Großereignisse. Sie haben sehr konkrete und sehr individuelle Züge verdient.
Nicht nur das. Sie verlangen danach.

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——————Stephan Waldscheidt schreibt als Paul Mesa——————-

Insein für Outsider. Romantische Komödie

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Ein solches Ereignis muss für den Leser erfahrbar werden, will er die ganze Wucht begreifen, mit der es in das Leben des Charakters bricht. Ein solches Ereignis sollte glaubhaft sein und frei von Klischees, weil es sonst die Motivation oder die Veränderung des Charakters insgesamt infrage stellt.

Denken Sie selbst an die großen Unfälle, die Krankheiten oder anderen Katastrophen in Ihrem Leben – Sie werden sich daran erinnern, stimmt’s? Sie haben Details vor sich, manche schmerzhaft klar. Jeder dieser dramatischen Zwischenfälle hatte für Sie etwas sehr Spezielles, nicht wahr? So banal diese Feststellungen klingen, so deutlich zeigen sie doch, wie entscheidend spezifische Details in diesen Fällen sind.

Noch etwas kommt hinzu. Unfälle und andere Katastrophen bieten sich hervorragend als Geheimnisse an. Sie müssen nicht gleich mit der Tür ins Haus des Lesers fallen und den schrecklichen Zwischenfall detailliert schildern, der den Schurken Ihres Romans zu seinen Untaten treibt.
Häufig ist es wirkungsvoller, mit dem Allgemeinen zu beginnen und das Geheimnis nach und nach zu enthüllen – vom allgemeinen Autounfall zum sehr speziellen Fellatio im parkenden Auto und dem Tod des Kindes.
Oder Sie liefern dem Lesers Details wie Schlaglichter, die erst nach und nach die komplette Szene enthüllen.
Eine weitere Möglichkeit: Der Charakter will nicht von der Katastrophe reden, etwa weil die Erinnerung daran zu schmerzhaft ist, und ein anderer enthüllt nach und nach die Details.

In jedem Fall aber gehen Sie von einem sehr konkreten und sehr detailliert im Charakter präsenten Ereignis aus. Und pflanzen es nach und nach auch Ihren Lesern ins Gedächtnis ein. Als ein Detail Ihres Romans, an das er sich noch lange erinnern wird. Etwa auch dann, wenn er Ihr nächstes Buch in der Hand hält und sich fragt, ob er es kaufen soll.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Welche Unfälle und Katastrophen aus Romanen oder Filmen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? Warum? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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3 comments on “Der Schnürsenkel-Zwischenfall und Fellatio im Auto”

  1. Yoona Antworten

    Zum Thema ,,bizzare Unfälle“ fällt mir als erstes ,,Das Leben, das Universum und der ganze Rest“ von Doglas Addams ein (dritter Teil der Anhalter-Triologie in fünf Bänden). Da wird ein Typ durch einen, Zitat ,,Unglücksfall mit einem Teilchenbeschleuniger, einem flüssigen Mittagessen und ein paar Gummiringen“ unsterblich, was ihm nach einer Weile ziemlich auf die Nerven geht.
    Ach so, da wäre dann noch die Star-Trek-Folge ,,Implosion in der Spirale“, ein Samelsurium für skurille Unfälle: Es beginnt damit, dass ein Wissenschafler das Schiff kontaminiert, weil ihm bei der Untersuchung eines Außenpostenteam, das an einer misteriösen Krankheit gestorben ist, die Nase juckt. Er zieht sich kurzerhand Handschuh und Kopfhaube seiner Sicherheitskleidung aus, und kratzt sich. Absulut dämlich, aber genial, das etwas so banales beinah ein komplettes Raumschiff mit vierhundert Leuten an Bord auslöscht. Später dreht dieser Wissenschaftler durch das Virus mitten in der Schiffsmensa durch, und droht den anderen mit seinem Brotmesser. Sulu und noch ein Typ versuchen ihn zu beruhigen, es kommt zu einer Rangelei, und die drei stürzen. Der Wissenschaftler fällt genau in das Brotmesser, und stirbt später an den Folgen der Verletzung und dem Virus.
    Mir fällt dann auch noch eine Szene aus ,,Die Scanner“ von Robert M. Sonntag ein, auch wenn ich nicht weis, ob das noch als Unfall gilt. In dieser Dysthopie beherrscht der Konzern Ultranetz die Welt, alle Menschen tragen Mobrills, sozusagen anziehbare Smartphones, und es gibt auch sogenannte ,,Animatoren“, tastbare Hologramme. Der beste Freund des Protas ist schon länger über eine Beziehung durch diese Medien mit einer Frau in einer anderen Stadt zusammen, die er jedoch wegen der Distanz noch nie richtig getroffen hat. Da kriegt er ein Video auf seine Mobrill geschickt, dass seine Freundin dabei zeigt, wie sie mit einem anderen Mann schläft. Er glaubt, er wäre durch die Entfernung uninteressant für sie geworden, und bringt sich mit einer Überdosis Drogen um. Später stellt sich heraus, dass er das Video durch eine Datenpanne bei Ultranetz völlig außerversehen zugeschickt kriegte, und dass es schon mehrere Jahre alt ist. Das ist so richtig schön tragisch und banal.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Danke, Yoona, für die vielen starken Beispiele. Mir gefällt die Kombination im letzten Satz: „so schön tragisch und banal“. Genau solche Dinge ergeben oft großartige Geschichten, eben weil die Fallhöhe so groß ist zwischen dem Banalen einerseits und dem Tragischen, Großen andererseits.

      Stephan Waldscheidt

  2. Carmilla DeWinter Antworten

    Hm, nein, Garp ist bei mir derjenige Unfall, der am besten hängengeblieben ist, da so tragisch und absurd. Wenn ich mir so meine phantastiklastige Sammlung anschaue, fällt mit als ersters Harry Potter ein: Wie viele Jugendliche landen schon mit einem fliegenden Auto in einer gewalttätigen Weide, weil ein Hauself (heißen die auf deutsch so?) ihnen den Zugang zum Hogwarts Express verwehrt hat?

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