Carl Coyote und der bindungsunfähige Mann

Müssen Roman-Charaktere sich verändern?

Damit ein Roman überzeugt und mitreißt, muss der Leser den Eindruck gewinnen, dass die geschilderten Ereignisse bedeutsam sind. Da der Leser nicht selbst als Charakter in der Geschichte lebt, hat er keine direkte Möglichkeit, diese Bedeutsamkeit zu überprüfen. Die braucht er nicht, denn er schickt Avatare ins fiktive Geschehehen: eben die Charaktere.

Ein Beispiel für eine Veränderung: Der eingangs einer Geschichte bindungsunfähige Mann wird durch die Liebe zur richtigen Frau und die Überwindung innerer Dämonen gegen Ende der Geschichte doch zu einer Bindung fähig. Und wenn sie nicht gestorben sind …

Menschen ändern sich nicht einfach so. Das ist in der realen Welt so und daher sollte es im Roman nicht anders sein, will sein Autor einen glaubhaften Ausschnitt dieser Welt zeigen. Wenn ein Romancharakter sich ändert, ist das für den Leser ein Indiz: Die erzählten und beschriebenen Ereignisse waren dramatisch und eindrucksvoll genug, um im Charakter eine Veränderung zu bewirken.

Schlussfolgerung: Führe dem Leser Charaktere vor, die sich verändern.

So dachte ich. Bis ich gestern einen spannenden Artikel von »Scriptshadow« Carson Reese las, in dem er mich auf einen anderen Aspekt stieß: Die Entwicklung eines Charakters im Roman kann sich durch die Veränderung des Charakters zeigen, und in vielen Fällen ist das die beste Variante. Sie muss es aber nicht sein. Denn es gibt noch eine zweite Möglichkeit, wie Sie die Entwicklung etwa Ihres Protagonisten zeigen, ohne dass der sich verändern muss.

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——————Stephan Waldscheidt schreibt als Paul Mesa——————-

Insein für Outsider. Romantische Komödie

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Ironischerweise habe ich – und mancher von Ihnen sicher ebenfalls – diese zweite Möglichkeit in meinen eigenen Romanen bereits unbewusst angewandt.
Nehmen wir meinen neuen Roman »INSEIN FÜR OUTSIDER« und darin Flash, die männliche Hauptfigur (neben der beherrschenden Protagonistin Aja, in die Flash verliebt ist). Flash ändert sich als Mensch kaum, jedenfalls nicht durchgreifend. Was dem Roman aber nicht schadet. Denn der Leser erlebt durchaus eine Entwicklung Flashs.
Wie habe ich das angestellt? Ganz einfach: Indem ich im Lauf des Romans mehr und mehr von Flashs Wesen enthüllt habe, kurz vor Schluss sein großes Geheimnis. Der Leser hat keine Veränderung erlebt, aber eine Illusion davon. Und die ist – Romane sind Illusionsmaschinen – gut genug. Die einzelnen Stufen, in denen der Leser tiefer zum Kern des Charakters vordringt, sind vergleichbar mit den Stufen echter Veränderungen in der Persönlichkeit einer Romanfigur.

Dennoch glaube ich, dass diese Illusion einer Veränderung eine echte Veränderung nicht ganz aufwiegt. Ich halte Veränderungen von Charakteren weiterhin für das dramatisch stärkere Mittel. Doch falls Sie zwischen den beiden Möglichkeiten wählen müssen, sollten Sie auch das Genre Ihres Romans in die Betrachtung mit einbeziehen. »INSEIN FÜR OUTSIDER« ist in erster Linie eine Komödie – und Komödienfiguren neigen in vielen Fällen dazu, sich gerade nicht von der Welt und der Romanhandlung beeinflussen zu lassen, sie sträuben sich gegen Veränderungen. Gerade daraus beziehen viele Komödien ihren Witz.
Wo in einer Tragödie der Protagonist an der Welt scheitert, scheitert in einer Komödie die Welt am Protagonisten.

Nehmen Sie Carl Coyote aus den Roadrunner-Cartoons oder Tweetys Gegenpart Sylvester, alle von den Warner Bros. Egal, was die Welt dem Koyoten und der Katze auch an Hindernissen in den Weg wirft, die beiden geben nicht auf. Sie wollen den Vogel, Roadrunner oder Piepmatz, und sie verändern sich nicht ein Stück. Am Ende, wenn es ein Ende gäbe, wäre es wohl die Welt, die bei so viel Hartnäckigkeit die weiße Fahne schwingen würde.

Schreiben Sie hingegen einen Thriller oder ein Liebesdrama, könnte die stärkere Variante die mit den echten Veränderungen Ihrer Hauptfigur sein.

Stellen Sie auch die Frage nach Spannung und Suspense: Was ist für den Leser lesenswerter? Womit wecken Sie stärkere Emotionen? Mit der Spannung, die sich aus dem Aufdecken eines Geheimnisses ergibt, Stück für Stück? Oder mit der Suspense, die sich aus der Frage des Lesers ergibt, ob der Charakter sich verändert oder was noch alles passieren muss, damit er es tut?

In jedem Fall lohnt es sich, darüber nachzudenken, was für Ihren Roman die bessere Variante ist.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Wie denken Sie über die Bedeutung von Veränderungen und Entwicklungen von Charakteren? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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