Drei gefährliche Fehler beim Schreiben Ihres Romans, die Ihnen gleich nicht mehr unterlaufen …

Was ich als Schreibcoach so an Filmen und TV-Serien mag: Viele Fehler werden in diesen Medien sehr viel offensichtlicher als im Buch und erlauben zugleich Rückschlüsse auf die gleiche Art Fehler in Romanen. Mein aktuelles Beispiel ist Episode 10 aus der zweiten Staffel der Zombie-Serie »Fear the Walking Dead« (USA 2016). Die folgenden drei typische Fehler könnten auch Ihnen unterlaufen.

Nummer Eins

Zwei der Protagonisten, Travis und sein Sohn Chris, durchqueren zu Fuß eine mexikanische Einöde mit dem Ziel US-Grenze. Die Sonne brennt auf sie nieder. Einer der beiden sagt, sie sollten dringend Schatten aufsuchen. Der Dialog an sich ist in Ordnung. Doch der Regisseur begeht einen entscheidenden Fehler: Er bezieht die Umgebung nicht richtig mit ein. Denn im selben Moment, als der Satz mit dem Schatten fällt, laufen Vater und Sohn gerade an einem Hang vorbei, der reichlich Schatten offeriert.
Ein nachvollziehbarer Fehler. Im eng budgetierten TV-Geschäft wird schnell gedreht. Es fehlen Zeit und Assistenten, auf solche Details einzugehen und das Drehbuch zu ändern oder die Szene zu verschieben.
Diese Entschuldigung haben Sie als Romanautor nicht. Doch die Umgebung nicht oder nicht richtig einzubeziehen, ist ein ebenso häufiger wie vermeidbarer Fehler. Prüfen Sie das, was Sie schreiben und beschreiben immer auch in Bezug auf die Umgebung. Vielleicht lassen Sie Ihre Helden schon eine Weile herumlaufen. Und vergessen dabei, dass es längst dunkel sein müsste, sie also den herantrottenden Hund gar nicht sehen können. Oder Sie lassen die Szene in einer lärmerfüllten Fabrik spielen. Übersehen dann nach ein paar Seiten, dass es Ihrer Heldin bei dem Krach unmöglich wäre, das Telefonat zu belauschen, das ihre Erzfeindin hinter einem Regal versteckt führt.
Es wird immer Leser geben, die solche Fehler bemerken. Und denen Sie damit den Lesegenuss trüben. Versetzen Sie sich vor und eben auch nach dem Schreiben in die Szene und versuchen Sie sie mit möglichst vielen Sinnen wahrzunehmen.

Nummer Zwei

Während Travis und Chris noch Schatten suchen, durchforsten die Protagonisten Alicia, Ofelia, Madison und Strand ein vermeintlich leerstehendes Hotel. Madisons Tochter Alison will mit Elena losziehen, um die Zimmer einzeln zu durchsuchen. Madison will das nicht, sie fürchtet um ihre Tochter, es kommt zu einer Diskussion. Alicia geht dennoch. Zurück bleiben Strand und eine sehr besorgte Madison.
Diese aber hat ihre Sorge in der nächsten Szene schon wieder komplett vergessen. Sie betrinkt sich zusammen mit Strand und philosophiert mit ihm über das Leben und Cocktails. Kein Gedanke mehr an Alicia, auch dann nicht, als Alicia schon eine Stunde oder länger fort ist.
In unserem Beispiel reagieren die Zuschauer auf zwei mögliche Arten. Entweder nehmen Sie Madison ihre Sorge für Alicia nicht ab. Oder sie halten ihr Verhalten – das Vergessen ihrer Tochter und der Gefahr, in der sie sich befinden könnte – schlicht für unglaubhaft. Beides sind Reaktionen, die Sie von Ihren Lesern ganz sicher nicht wollen. Achten Sie bei Ihrem Roman darauf, dass Sie Szenen nicht einzeln betrachten, sondern im Zusammenhang insbesondere mit der Szene davor.

Nummer Drei

In eine ähnliche Richtung geht der dritte Fehler dieser Episode aus »Fear the Walking Dead«. Als Alicia mit einer neuen Bekannten, der Hotelmanagerin Elena, auf Infizierte (Zombies) stößt, macht sie sich Sorgen um ihre Mutter, Madison, die sie das letzte Mal unten in der Bar gesehen hat. Diese Sorge verstärkt sich, als Zombies von den Balkonen stürzen, vom Lärm aus der Bar angelockt (Strand hämmert auf dem Klavier herum). Dennoch hat Alicia viel Zeit, irgendwelche Zombies in irgendwelche Fallen zu locken, um sich anschließend noch die Lebensgeschichte Ofelias anzuhören und ihre Beichte, sie habe eine ganze Hochzeitsgesellschaft eingeschlossen, um ein Verbreiten der Infektion zu verhindern, und so die Eingeschlossenen zum Tod verurteilt und damit zur Wandlung in einen Zombie. Zwischendurch verkündet Alicia immer wieder, wie dringend sie runter zu Madison müsse.
Bloß nimmt der Zuschauer das Alicia bald nicht mehr ab. Denn sie hat für alles Mögliche Zeit. Die Dringlichkeit ist nur behauptet, da Alicia nicht danach handelt. Womit wir, nebenbei, einen der Fälle hätten, wo das Zeigen das Erzählen übertrumpft: Der Zuschauer glaubt die Dringlichkeit dann, wenn er sie sieht, wenn er also sähe, wie Alicia nichts Eiligeres zu tun hat, als nach unten zur Bar zu gelangen, wo ihre Mutter ist. Immer nur zu sagen, wie dringend es wäre, nutzt sich schnell ab und verliert mit jedem Mal mehr an Glaubwürdigkeit.
Für Sie und Ihren Roman heißt das: Achten Sie darauf, dass die Behauptungen Ihrer Charaktere auch zu ihren Taten passen. (Es sei denn, Sie wollen ein Auseinanderfallen von beidem.) Dieser Fehler begegnet mir gerade in Texten von weniger erfahrenen Autoren so gut wie immer. Er entsteht dann, wenn die Autorin zwar das Richtige will, also etwa eine aktive Heldin zeigen, sich es jedoch zu bequem macht und das Aktive allein mit Worten heraufzubeschwören versucht.
Immer nur zu sagen, »Ich liebe dich«, reicht nicht. Den Worten müssen Taten folgen.

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Wie Sie andere gefährliche Fehler in Ihrem Roman vermeiden, erkläre ich in meinen Schreibratgebern …