Protagonist und Antagonist: Der Zauber der ersten Seite – und all der Seiten danach

Protagonist und Antagonist: Warum das Herz Ihres Protagonisten unrein und der Mörder ein Bekannter sein sollte


Protagonist: Ist Ihr Herz rein genug?

In dem Roman »Der Zauber der ersten Seite« (Blanvalet 2011 / Original: »Au bon roman«) der französischen Autorin Laurence Cossé geht es um die Gründung der perfekten Buchhandlung und um ein Komplott, das dem Laden schaden will. Das Buch ist für Freunde des »guten Romans« ein Genuss, denn es macht Spaß, über Bücherenthusiasten zu lesen und viele neue Romane zu entdecken, die in dem Buch vorgestellt werden. Als Roman funktioniert es selbst leider nicht ganz so perfekt.

Zwei Dinge in dem Buch will ich herausgreifen, die Ihnen beim Schreiben eines besseren Romans weiterhelfen.
Das erste ist eine Frage. Im Buch heißt es:
»Ist Ihr Herz rein genug? Denn das ist die Frage, genau dieselbe, die auch den Märchenhelden gestellt wird, bevor sie ihre Prüfungen bestehen müssen.«

Ein Roman aber ist kein Märchen. Den Unterschied erkennt man an der oben gestellten Frage vielleicht am besten. Charaktere, deren Herz rein (genug) ist, sind vor allem eins: langweilig. Denken Sie an Frau Holle. Die faule Pechmarie ist weitaus interessanter als ihr braves Stiefschwesterlein.
Das liegt an zwei Dingen. Zum einen daran, dass ein Charakter mit einem reinen Herzen zu wenig inneren Antrieb, zu wenig Probleme hat, um eine Handlung in Gang zu setzen und weiter und weiter voranzutreiben.
Das liegt zum anderen daran, dass ein Charakter mit reinem Herzen entsprechend wenig Konfliktpotenzial in sich trägt.
Der Vollständigkeit halber setze ich hinzu: Es sind durchaus Romane vorstellbar mit solchen reinherzigen Märchencharakteren. Oder Filme, man denke an »Forrest Gump«. Aber solche Gesichten sind schwieriger zu finden und schwieriger zu schreiben.


Protagonist: Wo das Herz unrein sein sollte

Die Frage nach dem reinen Herzen zu stellen, kann an drei Stellen Ihres Romans Schwächen und damit Verbesserungspotenzial aufzeigen.

1. Zu Beginn des Romans.
Ist das Herz Ihres Protagonisten zu Beginn des Romans rein genug?
Die richtige Antwort: Nein.
Ein unreines Herz drängt nach Veränderung, ob zum Besseren oder zum Schlechteren. Ein unreines Herz sucht den Konflikt und findet ihn auch.
Ein unreines Herz begeht aufgrund seiner Unreinheit Fehler. Wie der Protagonist, der sich betrunken ans Steuer setzt und ein Kind anfährt und Fahrerflucht begeht. Wie die Protagonistin, die ihrer hübscheren Freundin eins auswischen will und einem Typen mit schlechtem Ruf die Telefonnummer der Freundin gibt – einen Tag später sind die Freundin und der Typ spurlos verschwunden.

2. Am Ende des ersten Akts, aber vor dem eigentlichen Wendepunkt.
Wäre das Herz Ihrer Protagonistin rein genug, würde sie hier die richtige Entscheidung treffen, eine, die Konflikten aus dem Weg geht und die Geschichte zu einem harmonischen und raschen Ende führt. Das unreine Herz aber entscheidet sich für den konfliktreicheren Weg.
Statt, wie es vernünftig und gut wäre, die Arbeit der Kriminalpolizei oder der Palastwache des Sultans zu überlassen, stürzt sich die Heldin selbst ins Abenteuer – und in den eigentlichen Roman.

3. Am Ende des zweiten Akts, aber vor der dunkelsten Stunde und dem zweiten Wendepunkt.
Ist das Herz Ihres Protagonisten rein genug, nachdem er alles daran gesetzt hat, sein Ziel zu erreichen?
Die richtige Antwort: Nein.
Ein unreines Herz ist ein Herz, das sich noch gegen die Veränderung sträubt, die aber zur Lösung des Problems, zum Erreichen des Ziels notwendig ist. Ein unreines Herz steuert in die Katastrophe und in die dunkelste Stunde des Protagonisten.

Fazit: Ein unreines Herz ist ein Herz, das von Geheimnissen verunreinigt ist, das Leichen im Keller hat. Denken Sie an den Begriff »aus seinem Herzen keine Mördergrube machen«. Tun Sie das Gegenteil. Machen Sie aus dem Herzen Ihres Protagonisten eine Mördergrube!


Antagonist: Der Täter wird enthüllt und … Ätsch!

Bleiben wir bei Mördern. Sie sind fast immer die Schurken in einem Roman, die Gegenspieler des Protagonisten. In vielen Fällen weiß der Leser früh, wer dieser Gegenspieler ist. In manchen Fällen aber bleibt der eigentliche Bösewicht lange im Dunkeln. Das kann spannend sein, wie viele gute Krimis und Thriller, aber auch Romane anderer Genres belegen. Es kann für Suspense sorgen und den Leser rätseln lassen: »Wer hat Laura Palmer getötet?« (Eine Frage, die die Zuschauer der TV-Serie »Twin Peaks« lange bei der Stange hielt.)
Die Beantwortung der Frage ist meist eine Enthüllung und zugleich eine Überraschung, nicht selten ist es der beste Moment einer Geschichte.

Um diese Suspense auszunutzen und Ihren Lesern das bestmögliche Erlebnis zu verschaffen, sollten Sie jedoch das nicht tun, was Laurence Cossé in »Der Zauber der ersten Seite« tut: Sie enthüllt den Täter der Mordanschläge auf Seite 419 (von 456). So weit, so gut, hat sie doch die Enthüllung möglichst lange hinausgezögert und die Suspense ausgereizt.
Der Täter aber ist ein Charakter, der in dem Roman bislang gar nicht vorkam, nicht mal am Rande. Man liest den Namen bei der Enthüllung das erste Mal – und ist unsäglich enttäuscht, schlimmer: Als Leser fühlt man sich von der Autorin verspottet. Eine solche Enthüllung erlebt der Leser als das Pendant zum kindischen Ätsch samt Fingerreiben.

[unten geht’s weiter im Text …]



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Antagonist: Vier Gründe, warum unbekannte Täter eine schlechte Idee sind

Warum ist das keine gute Idee für Sie als Autor?

1. Der Leser hat keine Chance, auf den Täter zu kommen. Seine ganzen Gedanken und Ideen, wer denn nun verantwortlich für die Mordanschläge auf die Schriftsteller sein könnte, erweisen sich als von vornherein (!) aussichtslos.

2. Da der Täter im Roman überhaupt nicht vorkommt, kann sich der Leser auch kein Urteil zu ihm bilden und, noch wichtiger, keine Haltung, keine Emotionen zu ihm entwickeln. Der Täter ist ihm schlicht egal, seine Enthüllung ebenfalls.

3. Wegen der ersten beiden Gründe verliert auch die groß angelegte und lange vorbereitete Enthüllung jede Bedeutung und Wucht. Statt einen Ballon laut platzen zu lassen, wie das der Leser angespannt erwartet, lässt die Autorin am Ende lediglich die Luft aus dem Ballon heraus – mit diesem hässlich quietschenden Geräusch, das auch immer ein bisschen nach Ätsch klingt.

4. Das Ende des Romans wird vom Leser als unbefriedigend empfunden. Im schlimmsten Fall ärgert er sich so darüber, dass er keinen weiteren Roman desselben Autors mehr in die Hand nehmen wird.

Für Sie heißt das: Wenn Sie Ihre Leser rätseln lassen, dann geben Sie ihnen etwas dafür. Schreiben und Lesen ist im Idealfall ein Geben und Nehmen – der Leser gibt Ihnen seine Aufmerksamkeit, Sie belohnen ihn dafür mit einer unterhaltsamen und klugen Geschichte und einem guten oder zumindest zufriedenstellenden Gefühl.

Stellen Sie sich vor, wenn ich diesen Artikel mit der Frage »Warum ist das keine gute Idee für Sie als Autor?« beendet hätte. Nicht sehr befriedigend, oder?

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


??? Meine Frage an Sie: Wann ist ein zuvor unbekannter Täter doch eine gute Idee? Wann könnte er funktionieren? Welche gelungenen Beispiele kennen Sie aus Film oder Roman? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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