Exposition im Roman: Gähnen mit Johnny Depp? Muss nicht sein.

Exposition im Roman: Wie sie einen statischen Roman-Anfang mit Energie und Dynamik beladen

Exposition im Roman: Was Exposition ist — und was nicht

Sie kennen das: Zwar sollen im ersten Akt eines Romans die Charaktere und Konflikte eingeführt werden — Exposition eben. Der Anfang, die ersten paar Seiten eines Romans aber soll gleich richtig abgehen, Rückblenden sind verpönt und so weiter und so fort.

Was aber tun, wenn Sie einen missratenen Anfang haben und ihn retten möchten? Gerade bei Erstlingswerken kommt so etwas häufig vor: Sie schreiben zunächst drauflos, lernen aber mit der Zeit einiges dazu (ich hoffe, auch aus meinen Büchern und diesem Blog) und wissen, dass Sie den Anfang so nicht stehen lassen können.

Hier hält der Film »Transcendence« einige Tipps bereit (USA 2014 / Drehbuch: Jack Paglen; Regie: Wally Pfister / mit Johnny Depp, Paul Bettany und Rebecca Hall). Diese Tipps gibt er allerdings nicht freiwillig her. Sein Anfang ist jedoch so dermaßen zäh geraten, dass sich die Verbesserungsvorschläge aufdrängen.

Der erste Akt des Films hangelt sich von einer statischen Szene zur nächsten. Hier haben die Filmemacher den Namen »Exposition« für den ersten Akt zu wörtlich genommen und sich auf die »Darlegung« beschränkt und die Handlung vernachlässigt.
Wikipedia definiert die Exposition als »wirkungsvolle Einführung des Zuschauers in Grundstimmung, Ausgangssituation, Konflikte, Zustände, Zeit, Ort und Personen des Stückes und bereitet für das Verständnis wichtige Voraussetzungen vor«. Das Schlüsselwort hier ist »wirkungsvoll«. Je dynamischer, emotionaler und konfliktreicher Sie die Einführung gestalten, desto wirkungsvoller ist sie.

Die Charaktere in »Transcendence« reden viel. Leider ist das in den ersten Szenen alles, was sie tun: herumstehen und reden.
Die Lösung ist simpel: Geben Sie Ihren Charakteren in jeder Szene etwas zu tun, geben Sie ihnen relativ früh in jeder Szene ein Ziel, auf das sie hinarbeiten. Das Ziel muss nichts mit dem Endziel zu tun haben, der Roman aber wird dichter, falls es das hat. Sprich: Liefern Sie Ihren Charakteren immer einen Grund, ihren Hintern hochzukriegen.

Exposition im Roman: Beschreibungen dynamischer gestalten

Nicht hilfreich sind die weitgehend sinnlosen Bildeinblendungen, die Regisseur Pfister – vormals nur als Kameramann aktiv! – in seinem Regiedebüt aufbietet. Diese Einblendungen entsprechen in einem Roman Beschreibungen von Dingen oder Abläufen, die keinen Bezug zu Thema, Handlung oder Charakteren haben.

Für Sie heißt das: Streichen Sie solche Beschreibungen und widmen Sie sich dem, was die genannten zentralen Dinge direkt(er) betrifft. Damit sorgen Sie dafür, dass Ihr Roman dichter wird.
Je mehr Sie schon von Ihrem Roman wissen, desto einfacher fällt Ihnen dieser Schritt. Daher sei er auch denjenigen unter Ihnen empfohlen, die schon mehr als einen Roman geschrieben haben.

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Exposition im Roman: Konflikte sorgen für Dynamik

Für Gähnen bei »Transcendece« sorgen auch die im ersten Akt nicht vorhandenen Konflikte zwischen den verbündeten Charakteren. Auch die würden ja schon, siehe oben, dazu führen, dass die statischen Szenen dynamischer würden.

Für Sie heißt das: Bauen Sie auch zwischen Charakteren, die auf derselben Seite stehen, Konflikte ein. Das können situationsspezifische Konflikte sein (einer will heute Abend lieber essen gehen, der andere lieber daheimbleiben) oder charakterimmanente (sie mag grundsätzlich keine chinesische Küche, er kann keine Woche ohne sie auskommen).
Am einfachsten und ganz automatisch schaffen Sie Konflikte zwischen Verbündeten, indem Sie sie mit Persönlichkeiten besetzen, die vom Wesen her sehr verschieden, am besten um 180° verschieden, sind.

Exposition im Roman: Auch kleine Ziele besitzen Energie

Dass sich keine Konflikte zwischen den Verbündeten ergeben, liegt bei »Transcendence« vor allem daran, dass diese keine sich gegenseitig ausschließenden Ziele verfolgen.
Auch hier ist eine Überarbeitung ohne große Umwälzungen im Roman möglich. Beispiel: Der Ehemann will den Hochzeitstag mit einem üppigen Essen feiern, die Ehefrau will lieber fasten.
Sobald Ihre Charaktere in einer Szene ein Ziel verfolgen, ergibt sich etwas Wunderbares: Die Szene wird von ganz allein dynamischer und Ihnen fallen auf einmal viel, viel mehr Dinge ein, wie Sie die Szene interessanter und dramatischer gestalten können.
Dynamik führt zu mehr Dynamik.
Kleiner Tipp: Betrachten Sie die jeweiligen (Erst-)Ziele der Verbündeten als Subplots, die Sie dann ebenfalls, wie Ihre Subplots, auflösen. Auf diese Weise wird Ihr Roman dichter und Sie verschaffen dem Leser das befriedigende Gefühl, noch eine kleine Geschichte in Ihrer großen Geschichte miterlebt zu haben.

Exposition im Roman: Ohne Dynamik gehen Thema oder Botschaft unter

Was ist eine Folge dieser statischen Exposition von »Transcendence«? Die Kritik schreibt, von Rotten Tomatoes zusammengefasst: »Die großen Themen des Films können erzählerisch nicht erfasst werden« (RottenTomatoes.com, zit. nach Wikipedia). Die Aussage enthält Sprengkraft. Denn sie bedeutet, dass der Film seine Themen nicht darstellen konnte – nicht obwohl, sondern weil er sich zu sehr auf ihre reine Erwähnung konzentriert hat.
Für Sie heißt das: Dem Leser Ihr Thema in erster Linie nur vorzubeten, führt dazu, dass er von dem Thema weniger mitnimmt, als er das getan hätte, wenn Sie das Thema in Handlung umgesetzt, also dynamisch dargestellt hätten.

Exposition im Roman, Fazit: Springen Sie mit Anlauf

Bedenken Sie, dass ein statischer Anfang sich nur schwer zu einer dynamischen Handlung aufschwingt. Sehen Sie den ersten Akt Ihres Romans nicht als abgeschlossenen Block an Informationen, den Sie dem Leser vor die Füße werfen: »Da nimm, bedien dich.«
Stellen Sie sich die Exposition vielmehr wie einen Anlauf zu einem Weitsprung vor. Je dynamischer, je energiegeladener der Anlauf, desto weiter der Sprung.
Aus dem Stand wurde noch kein Weltrekord gesprungen und auch kein fesselnder Roman verfasst.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


??? Meine Frage an Sie: Wie bringen Sie Dynamik in die Exposition? Welche gelungenen Beispiele kennen Sie aus Film oder Roman? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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1 comment on “Exposition im Roman: Gähnen mit Johnny Depp? Muss nicht sein.”

  1. dahmane Antworten

    In vielen Fällen hilft es, für (1) die wichtigen Firguren und (2) die Handlung selbst ein ausführliches Drehbuch zu schreiben, das keine wesentlichen Fragen mehr offen lässt. Nicht für die ganze Geschichte, sondern nur für ihren Anfang. Wenn man für die darin entworfenen Szenen und ihre Protagonisten alle wesentlichen Fragen geklärt und vor allem die potentiellen Konflikte sauber herausgearbeitet hat, dann erst kommt die Frage: Wo beginnt jetzt mein Buch? Davor? Mit dieser Szene? Oder danach.
    Das kann (und sollte) ein Spannungsschriftsteller wohl selbst dann machen, wenn er die ersten Kapitel schon entworfen hat. Ich kenne viele Fälle (meine eigene Arbeit eingeschlossen), wo die Eingangsszenen zwar plastisch waren, aber ins Nirgendwo führten.
    Eine der elegantesten Formen für eine Eingangsszene könnte diese sein: Sie ist ein verkappter Prolog, weil sie einen Konflikt vorführt, dessen Bedeutung sich erst viel später enthüllt, zugleich aber macht sie gespannt auf die Hauptfigur, selbst wenn diese in den Eingangsszenen gar nicht auftaucht.
    Das schafft doppelte Dynamik. Einmal in der Szene selbst, dann aber auch wie die Vorspannung eines Langbogens für alles, was danach kommt.
    Nur wer sich vorher viele Gedanken gemacht hat, bleibt Herr über seine Arbeit. Der andere muss sich hinterher seine Gedanken machen. Auch das ist, freilich, Übungssache.

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