Warum Sie als Romanautor häufiger ins Kino gehen sollten

Wer heute Romane schreibt, kommt, sofern er oder sie sich vor allem als Erzähler sieht, an Filmen nicht vorbei (und vielleicht bald auch nicht mehr an Games und an den immer anspruchsvolleren Fernsehserien vor allem von HBO). Zu sehr wird das Erzählen vom Film gerade hollywoodscher Prägung beeinflusst. Das betrifft etwa den Aufbau vieler Genre-Romane, deren Struktur der von Drehbüchern folgt (die ihre Struktur wiederum aus griechischen Dramen übernommen haben). Und es geht etwa hinein in den deutlichen Vorzug, der dem szenischen Erzählen gegenüber dem klassischen Erzählen gegeben wird – getreu dem Credo »Show, don‘t tell!« (Einer Aufforderung, der man sich als Romanautor immer erinnern, ihr aber nicht immer folgen sollte.) Film und Roman beeinflussen sich seit Jahren gegenseitig – Filme gehen aus Romanen hervor, in Romanen wird auf Filme Bezug genommen – und nicht zuletzt beeinflussen Filme auch die Wahrnehmung der Leser und was sie von Geschichten erwarten und davon, wie sie erzählt werden.

Dennoch wäre es falsch, übereilt den Schluss zu ziehen, dass Romane wie nacherzählte Filme werden sollten. Um bestehen zu können gegenüber der weiter zunehmenden Medien- und Freizeitkonkurrenz, muss der Roman sich seine Eigenständigkeit bewahren und seine Stärken ausspielen – und noch stärker machen. Wer weiß, vielleicht werden sich Roman und Film ja irgendwann voneinander entfernen, wird der Roman wieder narrativer oder entwickelt neue Erzähltechniken, die so nur in diesem Medium funktionieren.

Wie es auch mit den Medien weitergehen mag, an einem kommt kein Roman-Autor vorbei, der sich kontinuierlich verbessern will: Sich auch mit Filmen zu befassen und sich von den Meistern des Mediums Erzähltechniken und -kniffe abzuschauen und sie für seine Arbeit anzupassen oder zu verbessern.

Einen tiefen Einblick in das Medium Film bietet James Monacos Klassiker Film verstehen, ein Wälzer, der sich umfassend mit »Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der neuen Medien« befasst. Als Romanautor werden Sie erstaunt sein, wie viel mehr und wie viel komplexer das Erzählen im Film doch ist und welche Möglichkeiten das Medium bietet. Allein die Möglichkeiten der Erzählperspektive im Film mit denen im Roman zu vergleichen, lohnt sich, weil es vor Augen führt, wie wichtig im Roman die Wahl der treffenden Perspektive(n) ist.

Gerade zur Perspektive liefert der zur Zeit in den Kinos laufende Film Source Code interessante Einblicke. Wie etwa die Erkenntnis, dass im Film der Ausbruch aus einer Perspektive die Regel ist und erstaunliche Effekte erzielen kann. Ohne zu viel zu verraten: In der »Lächel-Szene« gegen Ende bricht das Erzählen aus der Perspektive (und aus der Zeit aus) und friert den Moment ein. In einen Roman lässt sich so etwas nicht direkt übersetzen, weil es den Leser zu weit aus seinem fiktionalen Traum risse. Aber dem findigen Autor fallen womöglich ähnlich effektive Methoden ein …

Einiges, was man in Film verstehen liest über das filmische Erzählen liest, lässt sich auch auf das schriftliche Erzählen übertragen, inspirierend und ein Augenöffner für Autoren ist das Buch allemal. Werfen Sie mal einen Blick hinein. Die prall gefüllten 810 Seiten mit zahlreichen Filmstills, Grafiken und Schaubildern liegen jetzt in einer aktualisierten und erweiterten Ausgabe bei rororo vor, für 19,95 € ist das Buch ein Schnäppchen. Nichts zum Auf-einen-Rutsch-Lesen, aber immer mal wieder einen Blick und ein Kapitel wert, wie jedes gute Nachschlagewerk.

(c) Stephan Waldscheidt 2011

Liebe, Kaffee, Portugal!
Lesung & portugiesisches Frühstücksmenü
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Sonntag, 26. Juni 2011, 10 Uhr, Café Pinkoko, Karlsruhe, (Südliche) Waldstraße 42
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Paul Mesa liest aus dem Roman “Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit” Mehr dazu …

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??? Meine Frage an Sie: Wie halten Sie es mit dem Film? Was haben Sie schon aus Filmen gelernt? Was kann der Roman besser? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …
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