Zahltag: Wie Sie sich mit Auszahlungen bei den Lesern bedanken

Auszahlung oder Payoff im Roman
Abb.: Auszahlungen an Ihre Leser: Sie fesseln Sie mit Ihrer Geschichte …


Auszahlung oder Payoff in Ihrem Roman: Ihre wichtigsten Mitarbeiter

Sie sind Arbeitgeber. Ja, Sie. Tun Sie nicht so, als ob Sie nicht wüssten, wovon ich spreche. Sie sind doch Schriftsteller. Oder Autorin. Also beschäftigen Sie eine Menge Leute, um ein Produkt fertigzustellen, dass Sie produzieren. Diese Leute nennt der Volksmund auch »Leser«.

Die meisten Autoren geben sich der, zugegeben, sehr angenehmen Illusion hin, einen Roman zu schreiben, ihn zu überarbeiten und in Zusammenarbeit mit Testlesern oder einem professionellen Lektorat zum fertigen Produkt »Buch« zu machen. Ja, das Buch als solches ist ein fertiges Produkt. Der Verlag hat seine Arbeit getan.
In den Buchhandlungen oder den Lagern und Servern der Online-Händler aber wartet der Roman, unfertig, auf die Menschen, die ihn tatsächlich vollenden. Besagte Leser. Erst durch ihre Mithilfe, erst in ihrem Kopf entsteht die Geschichte.

Eigentlich naheliegend, dass diese Leute auch für ihre Mitarbeit bezahlt werden sollten. Moment, sagen Sie, meine Leser sollen für mein Buch bezahlen. Das finde ich auch. Bücher sind zu billig, und insbesondere bei E-Books hat sich ein für viele Selfpublisher ruinöser Preiskampf entwickelt.
Ich erwarte ja nicht von Ihnen, dass Sie Ihren Lesern Geld überweisen. Sie haben ein Zahlungsmittel, das viel wertvoller ist als Geld: die Elemente der von Ihnen erzählten Geschichte. Das können kleine Belohnungen für die Leser sein wie gelungene Metaphern, unerfühlte oder im Gegenteil sehr vertraute Emotionen, aufschlussreiche Informationen und neue Sichtweisen, Suspense und unaufhörliche Spannung.
Oder diese Zinsausschüttungen von geleisteten Vorausdeutungen und Hinweisen. Die Creative-Writing-Literatur spricht auch, in einem Metapherndurcheinander, von »plant«, also Anpflanzung, und »payoff«, also Auszahlung.

Auszahlung, richtig. Das sind diese wunderbaren Stellen vor allem gegen Ende des Romans, wo sich zuvor gestreute Hinweise zu einer Enthüllung verdichten, wo eine gelegte Spur zum Ziel führt, wo eine vorbereitete Sprengladung mit lautem Knall explodiert.
Mit diesen Auszahlungen belohnen Sie Ihre Leser dafür, dass Sie sich von Ihnen haben durch den Roman führen lassen. Dass sie geduldig weitergelesen haben, weil Sie darauf vertrauten, dass Sie sie nicht enttäuschen, im Gegenteil, dass die Auszahlung unerwartet üppig ausfällt.
Sie können diese Zahlungen auch als Boni für besonders aufmerksame Leser verstehen. Wer die gut versteckten Hinweise A, B und C findet, wird dafür mit einer Enthüllung belohnt, die umso stärker wirkt, die umso befriedigender ist, je mehr Hinweise der Leser erkannt hat.


Auszahlung oder Payoff: Am Beispiel von Lisa Gardners Roman »Hide«

Lisa Gardner enthüllt in ihrem Krimi »Hide« (dt. »Kühles Grab«) auf einer halben Seite gleich zwei Dinge, die Auszahlungen prasseln also nur so auf die Leser nieder. Zu ihrer Freude.

Protagonistin Bella ist ihr halbes Leben schon auf der Flucht vor einem unbekannten Mörder. Ihre Wohnung hat sie mit einer ganzen Reihe von Schlössern gesichert. Der Leser wird auf diesen Umstand einige Male am Rande hingewiesen.
Im Finale aber ist der Killer bei ihr in der Wohnung – und sie kann nicht fliehen, weil ihre eigenen Schlösser sie daran hindern.
Der aufmerksame Leser streicht lächelnd diese den Konflikt noch verschärfende Auszahlung ein.

Auf derselben Seite kämpft Bella dann gegen ihren Gegner. Um den Hals trägt sie ein Amulett, das etwas von der Asche ihrer Eltern enthält. Auch auf diesen Umstand wurde der aufmerksame Leser verwiesen – die Anpflanzung oder Einzahlung. Im Kampf nun kann Bella das Amulett öffnen und sie pustet dem Bösewicht die Asche in die Augen und gewinnt dadurch einen entscheidenden Vorteil.
Der aufmerksame Leser streicht lächelnd eine weitere, wohlverdiente Auszahlung ein.

Nicht alle Auszahlungen funktionieren. Auch dazu findet sich in Lisa Gardners »Hide« ein Beispiel. Eine Nebenfigur enthüllt kurz vor Schluss den Bruder von Bellas Vater als (einen) Bösewicht. Aber leider, leider war von diesem Mann im ganzen Roman nie die Rede, nicht ein einziges Mal ist er aufgetaucht. Das heißt, er hat für den Leser nicht existiert. Für ihn fühlt sich die von der Autorin geplante »Enthüllung« kein bisschen wie eine solche an.
Darum fühlt er sich betrogen. Die vermeintliche Auszahlung ist gar keine, sondern eher eine lange Nase, ein Ätsch der Autorin. Das ist, wie Sie sich denken können und wahrscheinlich aus eigener Erfahrung als Leser wissen, keine gute Idee.
Dabei wäre auch hier eine Auszahlung ganz einfach möglich – und das selbst dann, wenn Ihnen beim Schreiben erst am Ende der Onkel als Bösewicht einfällt.

Gehen Sie einfach zurück im Text und bauen Sie den Onkel unauffällig an zwei oder drei Stellen ein. Wenn Sie es noch raffinierter machen wollen, statten Sie ihn, ebenso unauffällig, mit einem Motiv aus – und Sie haben die Einzahlung. Wenn Sie noch einen draufpacken und die Sache intensiver gestalten möchten, sorgen Sie dafür, dass der Leser eine Haltung zu dieser Figur des Onkels einnimmt. Je mehr Emotionen die Enthüllung am Ende haben soll, desto mehr Emotionen müssen Sie zuvor hineinstecken. Etwa in der Form, dass der Leser den Onkel äußerst liebenswert findet. Umso größer dann das Entsetzen, wenn der Mann am Ende als Mörder enthüllt wird.
Und am Ende kassiert der Leser befriedigt auch hierfür seinen Lohn in Form einer aufregenden Enthüllung.

Arbeitgeber haben einen Verantwortung Ihren Mitarbeitern gegenüber. Bei Schriftstellern und Ihren Lesern ist es genauso. Sie wollen doch keinen Streik riskieren, oder?

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2015

PS: Der angekündigte Beitrag „Realistische Romane (Teil 3)“ erscheint ein anderes Mal.

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