Wie Sie Leser berühren: Anatomie einer Rührung

Leser berühren: Tränen in den Augen beim Lesen

Die Leser zum Weinen zu bringen, gelingt nicht jedem Buch. In vielen Romanen ist das auch gar nicht vom Autor gewollt, etwa in harten, plotgetriebenen Thrillern, wo die Charaktere flach bleiben und auch bleiben sollen, um das Mitreißende der Handlung nicht zu stören.
In nicht wenigen Romanen versucht der Autor, Tränen in den Augen seiner Leser zu provozieren – und scheitert. Grund dafür sind in vielen Fällen zwei weit verbreitete Missverständnisse unter Autoren.

Leser berühren: Zwei falsche Annahmen zu Tränen der Leser

Irrtum 1. Wenn ich beim Schreiben weinen muss, weint der Leser auch beim Lesen.

Dieser Irrtum ist sehr häufig eine Frage des Schreibhandwerks. Zwar ist der Autor selbst sehr von dem mitgenommen, was er schreibt – aber er bringt es womöglich nicht so gut und überzeugend zu Bildschirm, dass es auch andere anrührt. Ein tiefes Gefühl zu empfinden reicht nicht automatisch, dass auch der Leser ähnlich empfindet. Eine Lektion, die gerade Schreibanfänger lernen müssen. Und auch erfahrene Autoren werden immer wieder mit diesem Problem zu kämpfen haben: Wie schaffe ich es, dass der Leser das fühlt, was ich fühle – oder was ich ihn fühlen lassen will? (Viele Anregungen dazu finden Sie übrigens in meinem Arbeitsbuch »Schreibcamp: Emotionen«)

Irrtum 2. Wenn meine Charaktere weinen, weinen auch die Leser.

Anders als Irrtum 1 ist das hier keine Frage des Handwerks, sondern eine der Psychologie. Mag es für den Charakter im Buch noch so schlüssig und glaubhaft sein, an dieser Stelle in Tränen auszubrechen – der Leser ist nicht in dieser Position, auch nicht, wenn er sich mit der Figur im Roman identifiziert, er ist ein anderer Mensch. Der vielleicht weniger leicht Tränen in den Augen hat oder aus anderen Gründen als denen, die gerade im Roman vorkommen. Und außerdem, sehen Sie sich mal die Wirklichkeit und Ihr eigenes Verhalten an: Wie oft müssen Sie weinen, wenn ein Ihnen nahestehender Mensch in Tränen ausbricht? Und wenn das Problem (etwa der Tod der Eltern, der alle Kinder betrifft) nicht Ihr Problem ist (etwa, dass Ihre Freundin von Ihrem Mann verlassen wurde)?

Aber Ihre Leser weinen zu machen, das ist schon die hohe Kunst. Die Sie, je nach Genre, mal mehr, mal weniger gut beherrschen sollten. Fangen wir mal bei der Vorstufe an: Wie schaffen Sie es, Ihre Leser anzurühren? Womöglich ist das sogar das Meiste, was Sie erreichen können – den Schritt von der Rührung zu den Tränen hängt sehr stark vom individuellen Leser ab. Rührung hingegen ist, behaupte ich, universeller.

Leser berühren: Ein Beispiel aus Brandon Sandersons Roman »Words of Radiance«

Mich hat neulich eine Stelle in dem Fantasy-Roman »Words of Radiance« (Tor 2014; zweiter Band des »Stormlight Archive«; dt. Teil 1: »Die Worte des Lichts«) von Brandon Sanderson gerührt – und ich habe versucht, diese Rührung zu analysieren. Wie hat der Autor es geschafft, dieses Gefühl in mir hervorzurufen?

Shallan, die Protagonistin des Romans, ist zum Zeitpunkt dieser Ereignisse gerade mal vierzehn. Sie lebt mit ihrem Vater und ihren drei nur wenig älteren Brüdern Balat, Wilkim und Jushu auf einem Landsitz. Sie sind adelig, aber kurz vor dem finanziellen Kollaps. Die Familie als solche ist schon lange am Ende. Der Vater ist ein Tyrann. Den ältesten Sohn, Helaran, hat er bereits verstoßen. Die anderen sind zu schwach, sich gegen ihn aufzulehnen – den Vater, den Mann, der mutmaßlich auch ihre Mutter ermordet hat.

In der Szene, die wir uns hier genauer ansehen, bringen Schuldeneintreiber Jushu zurück zur Familie. Jushu hat hohe Spielschulden, er kann nicht vom Glücksspiel lassen. Doch der Vater verweist die Männer des Hauses. Er hat kein Geld übrig für seinen Sohn. Jushu, so der Vater, habe sich seinen Scheiterhaufen selbst errichtet.
Die Brüder akzeptieren das Urteil, sehen, wie der Bruder weggeschafft wird, wohl seinem Tod entgegen, sind entsetzt, hilflos.
Nicht so Shallan. Ihren Vater kann sie nicht erweichen. Sie versucht es bei Ballat und Wilkim: Sie sollen ihr ihre teuren Dolche geben. Damit und mit ihrem Halsband könne sie Jushu vielleicht noch freikaufen.
Ballat glaubt nicht daran, die Schulden seien zu hoch. Und Jushu, so sagt er, habe sich seinen Scheiterhaufen selbst errichtet – er wiederholt die schrecklichen Worte des Vaters. Dennoch, nach einigem Hin und Her geben ihr die beiden Brüder schließlich widerstrebend die Messer.
Shallan eilt den Schuldeneintreibern hinterher, voller Angst – aber sie tut es trotzdem. Obwohl ihre Waren die Schulden bei Weitem nicht aufwiegen, schafft sie es, dass ihr die Männer Jushu überlassen.
Sie hilft dem malträtierten Jushu zurück zum Haus. Auf halbem Weg kommt ihnen Balat entgegen. Und greift Jushu helfend unter den Arm.
»Danke«, flüsterte Jushu. »Sie [Shallan] sagt, ihr habt mich gerettet. Danke dir, Bruder.« Er begann zu schluchzen.
»Ich …« Balat sah Shallan an, dann wieder Jushu. »Du bist mein Bruder. Los, wir schaffen dich zurück und machen dich wieder sauber.«

Vielleicht hat Sie die Stelle nicht so berührt. Das mag daran liegen, dass Sie den Roman nicht kennen. Oder auch daran, dass Sie andere Rührungspunkte haben oder ein höheres Rührungsniveau brauchen. Dennoch, Rührung gehört zu den Gefühlen, die sehr universell sind und womit Sie eine Menge Leute gleichermaßen erreichen können.

Leser berühren: Die detaillierte Anatomie einer Rührung

Gehen wir ins Detail.

1. Jushu hat einen Fehler gemacht. Viele Fehler. Im Text erkennt man, dass er nicht stolz darauf ist, sondern eher ein armes Schwein.

2. Der Vater bestraft ihn damit, dass er ihn diese Fehler selbst ausbaden lässt. Rational kann das der Leser nachvollziehen. Aber die Härte, mit der der Vater sein Urteil spricht, nimmt ihn dennoch gefühlsmäßig zumindest ein wenig für Jushu ein.

3. Die Brüder sehen das ähnlich wie der Vater. Auch sie haben Jushu anscheinend aufgegeben. Vordergründig tun sie das, was Shallan von ihnen verlangt, eben nur ihrer Schwester zuliebe. Aber zwischen den Zeilen erkennt der Leser, dass sie noch ein Band zu Ihrem Bruder spüren. Wenn sie ihn hassen würden, würden sie Shallan nicht ihre Messer überlassen, das Einzige von Wert, was sie besitzen.

4. Jemand setzt sich dennoch für ihn ein: Shallan. Das beweist dem Leser eins: Dieser Jushu hat jemanden, der ihn liebt. Also schließt der Leser daraus, dass Jushu auf irgendeine Weise liebenswert sein muss – und Rettung verdient hat. Damit wird im Leser unbewusst die Hoffnung in Gang gesetzt, Shallan möge Jushu retten können. Zum Teil wegen Shallan, mit der der Leser mitfühlt. Zum Teil aber eben auch wegen Jushu selbst.

5. Der Leser wird Zeuge, wie mies es Jushu bei den Männern geht, die ihn verschleppt haben, der Autor zeigt seine Lage, seine Verletzungen. Mitgefühl beim Leser! Dieses Mitgefühl entsteht auch dadurch, dass der Leser die Szene aus Shallans Sicht erlebt, mit der er sich verbunden fühlt.

6. Shallan befreit Jushu und bringt ihn nach Hause. Bis hierhin wäre das eine gelungene Szene. Aber tiefer berühren würde sie wohl die wenigsten. Wichtig ist, dass Jushut dankbar für die Rettung ist und auch überwältigt. Seine Tränen allein aber sind es nicht, die den Leser rühren (siehe oben Irrtum 2: Wenn meine Charaktere weinen, weinen auch die Leser).
Der entscheidende Aspekt kommt durch Balat ins Spiel: Balat vollführt eine Wendung. An dieser Stelle erkennen Sie, welche auch emotionale Macht geschickt platzierte Wendungen entfalten können.
Die Rührung entsteht, weil Balat sich zuvor gegen Jushus Rettung ausgesprochen hat – und jetzt seine Meinung ändert und eben nicht nur seine Meinung, sondern auch sein Tun: Er tut aktiv etwas. Seine Einstellung zu Jushu ändert er genau dorthin, wo der Leser diese Einstellung haben will: »Du bist mein Bruder.«
Das steckt unbewusst in den meisten von uns, auch in den meisten Lesern: Der Wunsch nach Harmonie, nach familiärem Zusammenhalt. Es ist ein archetypischer Wunsch, womöglich steckt er sogar in unsere Genen, so tief ist er in uns verankert.
Dennoch könnte die Sache schiefgehen – wenn Autor Sanderson die Situation nicht bewusst flach halten würde: keine großen Gefühlsüberschwänge, kein In-die-Arme-Fallen, kein Melodrama. Sondern eine simple Geste – Balat greift seinem Bruder unter den Arm, eine Geste, die man durchaus auch symbolisch verstehen darf – und ein simpler Satz: »Du bist mein Bruder.« Als wäre dieser Satz Erklärung genug. Und genau das ist er: Er erklärt alles, die ganze Situation.
(Hier sollten Sie auch nochmals oben Irrtum 1 lesen: Wenn Sie als Autor gerührt sind, müssen Ihre Leser das noch lange nicht sein.)
Dahinter, um ja nicht ins Melodrama abzugleiten, stellt der Autor noch einen Satz, der einerseits den Kitsch vermeidet und andererseits authentisch wirkt: »Los, wir schaffen dich zurück und machen dich wieder sauber.«

Es gibt viele Möglichkeiten, Ihre Leser zu berühren. Diese auch in Ihren Roman zu bringen, ist kein Hexenwerk. Sondern Einfühlung in Ihre Charakter und die Situation, Kenntnis der menschlichen Psyche und – schlichtes Schreibhandwerk. Mit anderen Worten: erlernbar.

Wie heißt es auf dem Kasernenhof so zärtlich: »Kompaaniiiiie: Rühren!« Viel Erfolg dabei.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


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5 comments on “Wie Sie Leser berühren: Anatomie einer Rührung”

  1. Henrik Verkerk Antworten

    „er wiederholt die schrecklichen Wörter des Vaters“. Gemeint sind doch wohl „Worte“, oder? Es klingt sicher beckmesserisch, aber der Unterschied ist doch ziemlich bedeutsam.
    Das Beispiel oben von Frauke Bitomsky macht klar, dass auch die Rührung im Auge des Beschauees liegt – und dass sie vom Autor, wie jeder Höhepunkt, sorgsam vorbereitet werden muss, damit sie ihre ganze Wirkung entfalten kann. Die von ihr beschriebene Situation empfinde ich eher als kitschig. Aber wenn man viele, viele Seiten an der Seite eines Protagonisten verbracht hat, empfindet man alles, was ihm widerfährt wie etwas, was einem selbst (oder einem guten Freund) widerfahren könnte.
    Trotzdem kann man die wirkung sehr genau kalkulieren. „Was weint ihr denn, Kinder!“ sagte Thomas Mann hochbefriedigt, nachdem er seiner Familie die Szene mit Rahels Tod aus „Joseph und seine Brüder“ vorgelesen hatte. „Es sind doch nur Worte …“ Vorlesen hilft. Wenn es dann auf den Hörer wirkt, wirkt es meist auch auf den Leser.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Danke für den Kommentar und für das Wort „beckmesserisch“, das mir neu war.

      Was Kitsch betrifft, so verhält es sich damit ähnlich wie mit dem Humor: Die individuellen Kitsch- und Lachgrenzen sind extrem unterschiedlich. So haben wir beispielsweise in Deutschland, so mein Eindruck, eine niedrigere Kitschschwelle als in den USA.

      Vorlesen hilft in vielen Situationen auch beim Schreiben. Hier aber bezweifle ich, dass man vom einen auf das andere schließen darf. Der Vorleser bringt ja selbst wieder sich und seine Person und seine Interpretation ein, sodass im Zuhörer eine andere Geschichte entsteht mit anderen Gefühlen als beim Selberleser.

      SW

  2. Frauke Bitomsky Antworten

    Das letzte Buch, dass mich (beinahe) zum Weinen gebracht hat, war „The Broken Pieces“ von David Dalglish, der vierte Band seiner Paladinreihe. Mein Lieblingscharakter, der sich im Laufe der vier Bände von seiner eher bösen Gottheit ab- und der guten Gottheit zugewandt hatte, hat geade noch gemeinsam mit dem Hauptcharakter alle Probleme lösen können. Dann opfert er sich, um den Hauptcharakter zu retten und wird um dies schaffen zu können für einen Moment von der Macht des guten Gottes erfüllt. Als der Hauptcharakter in Sicherheit ist verlässt ihn diese Macht und er erliegt seinen Verletzungen – mit sich selbst und seinem (neuen) Gott im reinen, aber allein und ohne, dass irgendjemand auf der Welt (inklusivedem geretteten Hauptcharakter) weiß, was mit ihm gechehen ist.

    Ich muss zugeben, dass ich danach noch ein paar Stunden wach lag um das zu verarbeiten, weil es eine wirklich intensive Szene war. Dalglish tut sich am Anfang seiner Reihen immer etwas schwer mit der Charaktertiefe, aber im Laufe der Bücher wird das immer besser und man wird doch wirklich mitgerissen.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Danke für das schöne Beispiel.

      Wow, eine noch Stunden nach dem Roman wachliegende Leserin. Bisher war mein Ziel immer, die Leser während des Lesens wachzuhalten. Jetzt habe ich ein neues Ziel. Danke auch dafür 🙂

      SW

      • Frauke Bitomsky Antworten

        Bitte, gerne 🙂
        Was mich wachgehalten hat war dieses bittersüße Ende, das einerseits wunderschön war (weil auch der Hauptcharakter wirklich gebrochen daraus hervorging) und andererseits einfach nur in der Leserseele wehtat.

        Aber es wäre doch auch ein schönes Ziel, dass der Leser beim Lesen einschläft – weil er vor Spannung das Buch die ganze Nacht nicht aus der Handlegen kann und sogar dann noch weiterlesen will, wenn ihm morgens um 5.00 die Augen zufallen 😉

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