Der Leser macht, was Sie wollen (der Held sowieso)

Chancen und Risiken der Recherche – und der Bavelas-Effekt

Der Autor als Manipulator

In seinem Buch »Du machst, was ich will« (Ariston 2013) erläutert Volker Kitz anhand von Beispielen aus seiner Zeit als Lobbyist spannende psychologische Erkenntnisse vor allem zur Manipulation von Meinungen.

Wann immer Sie als Autor das Wort »Manipulation« hören, sollten Sie aufhorchen. Manipulation ist eins Ihrer wichtigsten Werkzeuge – und zwar innerhalb und außerhalb dessen, was Sie schreiben. Lernen Sie darüber, was Sie können. Aus Büchern, aber vor allem aus dem Leben.
Im Leben – und damit auch in Ihren Geschichten – versuchen Menschen unausgesetzt, andere Menschen zu manipulieren. Das kann eine sehr allgemeine Form der Manipulation sein wie etwa: »Ich will, dass man mir Beachtung schenkt«. Oder auch sehr spezifische. Wenn es in einem Gespräch etwa darum geht, die vierzehnjährige Tochter von den Nachteilen eines frisch entdeckten Lasters wie dem Rauchen zu überzeugen.
Manipulation geschieht oft unbewusst. Aber Sie als Autor können dieses Instrument weit besser nutzen, wenn Sie sich seiner und seiner Wirkungen sehr wohl bewusst sind.

Der Laie nennt einen der wichtigsten dieser Manipulationsvorgänge auch »Dialog«. Im Zentrum jedes Dialogs in Ihrem Roman steht im Kern ein Konflikt. Und Manipulation ist ein spannender Bestandteil oder Auslöser vieler Konflikte.

Außerhalb Ihres Romans, außerhalb der Geschichte, geht es ebenfalls zentral um Manipulation: Um die Manipulation der Emotionen Ihrer Leser. Leider hat das Wort Manipulation ein schlechtes Image – durchaus zurecht. Wenn es Ihnen schwerfällt, über sich als Manipulator von Menschen zu denken, setzen Sie ein anderes Wort dafür ein. Wie wär’s mit »Gefühlssteuermann/Gefühlssteuerfrau«?

Der Bavelas-Effekt

Eine von vielen Methoden auf dem Buch von Kitz zur Manipulation von Meinungen ist der »Bavelas-Effekt«. Damit können Sie auch die Meinung Ihrer Leser zu Ihrem Buch beeinflussen. Genauer gesagt: zu komplexen Informationen in Ihrem Roman.
Den Bavelas-Effekt beschreibt Kitz so: »Menschen glauben einer komplexen Erklärung viel eher als einer einfachen – unabhängig davon, ob die Erklärung stimmt!«

Sie kennen das: In Ihrem Roman erklärt ein Flugzeugmechaniker (der später von Ihrem Bösewicht ermordet wird, weil er sein kompliziertes Gewäsch nicht mehr erträgt) Ihrer Protagonistin die Vorzüge des Motors einer Cessna Citation Columbus gegenüber dem in einer Cessna Citation Mustang. Der Charakter verlangt das leider.
Ihr Problem als Autor: Ein Verständnis der Erklärung ist nicht wichtig für den weiteren Verlauf des Romans. Sie soll aber die Kompetenz des Mechanikers glaubhaft vermitteln. Halten Sie die Erklärung knapp? Damit riskieren Sie womöglich, dass es sich für den Leser so anfühlt, als wüssten Sie nicht, wovon Sie schreiben. Oder erklären Sie en detail? Dann aber gehen Sie das Risiko ein, dass der Leser sich verwirrt oder gelangweilt abwendet. Bei der detaillierten Erklärung stoßen Sie noch auf ein andere Schwierigkeit: Sie verstehen selbst nicht so genau, was Sie über die Flugzeugmotoren recherchiert haben.

[unten geht’s weiter im Text …]



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Wie Sie den Bavelas-Effekt in Ihrem Roman einsetzen

Der Bavelas-Effekt sagt Ihnen, wie Sie am besten vorgehen: Erklären Sie ruhig detailliert und bringen Sie viele Argumente. Selbst wenn letztlich Unsinn dasteht. Wichtiger für die Überzeugungskraft als die Korrektheit der Informationen sind, laut Kitz, die Anzahl und die Durchnummerierung der Argumente.
Das wurde sogar in Studien bewiesen. Das Spannende daran: Der Effekt ist unabhängig davon, ob Sie die Information Laien oder Experten geben.

Tja, wenn wir Menschen tatsächlich die unabhängig und rational denkenden und handelnden Wesen wären, für die wir uns gerne halten, würden wir wohl kaum Romane lesen.

Im Beispiel mit den Motoren geht es scheinbar um die Überzeugung einer Romanfigur. Tatsächlich aber geht es auch um die Überzeugung des Lesers – in doppelter Hinsicht. In inhaltlicher Hinsicht wird der Leser dann überzeugt, wenn auch der Protagonist überzeugt wird – sofern sich der Leser mit ihm identifiziert. Darüber hinaus geht es hier, wie gesagt, auch darum, den Leser von Ihrer Kompetenz zu überzeugen.

Das Ironische am Bavelas-Effekt: Selbst wenn Sie das mit den Motoren knapp und korrekt beschreiben – weil Sie sich mit der Sache auskennen, herzlichen Glückwunsch –, kommt es beim Leser womöglich als weniger überzeugend an, als wenn Sie eine kompliziertere und fehlerhafte Erklärung gewählt hätten!

Chancen und Gefahren der Recherche

Das alles ist kein Aufruf für schlampige Recherche. Unabhängig vom Bavelas-Effekt hilft es Ihnen als Autor in vielen Fällen ungemein, wenn Sie ein Thema sehr gut verstehen und beherrschen. Weil Sie über vieles schreiben können, worüber ein Totallaie eben nicht oder nicht so schreiben könnte.
Mir geht es darum:
1. Seien Sie sich bewusst, was Sie tun, wenn Sie über Recherchiertes schreiben. Und welche Risiken Sie eingehen, selbst wenn Sie das Fachgebiet sehr gut kennen.
2. Haben Sie Mut zur (Verständnis-)Lücke. Selbst wenn Sie nicht alles kapieren, was Sie recherchiert haben, können Sie trotzdem darüber schreiben. Je komplizierter Sie das anstellen und je mehr durchnummerierte Argumente Sie bringen, desto eher werden Ihnen selbst Experten das Zeug abnehmen.

Denken Sie daran: Konzentrieren Sie sich auf Ihre Fähigkeiten als Gefühlssteuermann / Gefühlssteuerfrau. Und nicht auf Ihre Expertise für Flugzeugmotoren.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


??? Meine Frage an Sie: Ist Ihnen das mit dem Bavelas-Effekt schon einmal aufgefallen? Oder selbst passiert? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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10 comments on “Der Leser macht, was Sie wollen (der Held sowieso)”

  1. Stephan Waldscheidt Antworten

    Hallo Christina,

    danke für Ihren Kommentar. Ein „zu spät“ gibt es hier ja zum Glück gar nicht. Ich freue mich, wenn der Artikel Ihnen weitergeholfen hat.
    Die zum Teil kritischen Beiträge hier sehe ich weniger als Kritik an dem Artikel als an der Glaubwürdigkeit der Studie zu diesem ja tatsächlich schwer zu glaubenden Effekt.

    Für mich das Schöne am Schreiben eines Romans: man muss nicht streng wissenschaftlich vorgehen. Wenn etwas uns den Anstoß zu einem besseren Text, einer spannenderen Geschichte, einem intensiveren Erlebnis beim Leser gibt, dann spielt die wissenschaftliche Korrektheit der Quelle keine Rolle.

    Wünsche weiterhin feines Schreiben.
    Stephan Waldscheidt

  2. Christina Antworten

    Hallo, guten Tag! : )

    leider bin ich mit meinem Kommentar spät dran, da ich diesen Beitrag soeben erst gefunden habe.
    Ich fand ihn jedoch hochinteressant, er gefiel mir sehr. Doch es überraschte mich, dass er auf negative Kritik stieß. Habe alle Kommentare gelesen, möchte es aber vermeiden, meinen eigenen Senf dazu abzugeben, da schließlich jeder seine eigene Meinung vertreten darf. Und deshalb „sage“ ich einfach: Vielen Dank für Ihren Beitrag, Stefan. Mir persönlich hat es sehr geholfen.

    Herzliche Grüße,
    Christina

  3. Andarta Antworten

    Die Studie, die beweist, dass selbst bei Experten Numerierung überzeugender ist als Inhalt, wage ich zu bezweifeln. Da nützt auch die schöne Inhaltsnumerierung dieses wie immer sehr informativen, hilfreichen und unterhaltsamen Textes am Anfang nichts 😉
    Wenn der Autor schlampig recherchiert hat oder Fakten falsch wiedergibt, lege ich das Buch zur Seite. Ich finde das ärgerlich; es nimmt mir die Illusion, wirklich in der anderen (Roman-)Welt zu sein. Ausnahmen mache ich bei Science-Fiction-Romanen oder -Filmen, in denen die Zukunftstechnologie gerne in Tech-Gebrabbel verpackt sein darf (die TARDIS in Doctor Who steht für Time and Relative Dimension in Space = man kann sich ungefähr vorstellen, was es sein soll, obwohl die pysikalische Grundlage dafür wirklich reinste und schönste Fantasie ist).

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Das ist ja gerade das Spannende an solchen Studien: dass ihre Ergebniss dem widersprechen, was man (insbesondere von sich selbst) glaubt. Ob die hier Zitierte stimmt — ich weiß es nicht. Aber eine interessante Diskussionsgrundlage ist sie allemal.

      Übrigens: Die meisten Menschen sind auch überzeugt, dass sie sich nicht von Werbung beeinflussen lassen. Womit sie sich nachweislich irren. Da jedenfalls bin ich mir sicher, ich komme aus der verhaltenswissenschaftlichen Marketingforschung.

      Stephan Waldscheidt

      • Andarta Antworten

        Stimmt! Werbung wirkt – leider lässt sich das jenseits des Online-Sektors und/oder der gezielten Marktforschung nur schwer belegen. Hat schon seinen Grund, warum die „klassischen“ Medien mit sinkenden Werbeeinnahmen zu kämpfen haben. Aber das ist ein anderes Thema.
        Studien werden gerne als PR-Maßnahmen (mein Hometurf) in Auftrag gegeben und eine gute Studie zeichnet sich dann vor allem dadurch aus, dass sie ein überraschendes Ergebnis liefert. Das bekommt man schon mit leichten Änderungen bei der Formulierung der Fragen oder der Definition von „Experte“ hin. Oder mit n=7.
        Ich zweifel im übrigen auch nicht an der Aussage, dass Menschen einer komplexen Erklärung eher glauben als einer einfachen. Das erscheint mir plausibel. Nur der Nachtrag, dass das auch für die Leute gilt, die Fachleute auf diesem Gebiet sind, halte ich für Humbug.
        Unter Kosten-Nutzen-Aspekten macht es aber sicher Sinn, nicht mehr als nötig zu recherchieren, da die Zahl der Laien deulich größer ist als die Zahl der Experten . Oder wie es John Grisham im Nachwort zu Confession so sympathisch formuliert: „Some overly observant readers may stumble across a fact or two that might appear to be in error. They may consider writing me letters to point out my shortcomings. They should conserve paper. There are mistakes in this book, as always, and as long as I continue to loathe research, while at the same time remaining perfectly content to occasionally dress up the facts, I’m afraid the mistakes will continue. My hope is that the errors are insignificant in nature.“

  4. Sabine Antworten

    Der Bavelas-Effekt überzeugt mich jetzt auch nicht, es sei denn, ich hab ihn falsch verstanden. Aber dass man als Autor den Leser manipulieren kann und auch soll, der Meinung bin ich auf jeden Fall. Ich mache das hauptsächlich durch die Gedanken des Protas, durch die ich sogar unglaubwürdige Szenarien glaubwürdig erscheinen lasse. Denn es ist alles nur Auslegungssache und braucht meist nur ein bis zwei Sätze, die in eine gewünschte Richtung lenken. Auch kann man den Leser sehr gezielt von z.B. Setups bzw Ankern ablenken, indem man den Hauptfokus in dem Moment auf etwas anderes lenkt. Sogar Tatsachen, die bei genauerer Betrachtung unlogisch wären, wirken auf den Leser plausibel, wenn man ihn gekonnt „einlullt“ und ihm gar nicht erst die Zeit lässt darüber nachzudenken – das funktioniert am besten, wenn man etwas Spannung untermischt, was wiederum den Fokus verlagert. Also ich persönlich manipuliere, wo es nur geht und bis jetzt hat es noch nie ein Leser mitbekommen.

  5. Apfelsaft Antworten

    Das halte ich für falsch, man hat als Autor auch eine Verantwortung. Die Verantwortung bedeutet nicht nur, dass man den Leser unterhält, sondern dass man dem Leser, der nebenbei immer in einer Demokratie Wähler ist, kein falsches Weltbild aufzwängt, ohne dass er es durchschauen kann.

    Und es reicht, wenn einer den Unsinn durchschaut und es an die Öffentlichkeit bringt.

    • Kristin B. Sword Antworten

      Ein wenig problematisch ist außerdem, das der Leser sich durch zu konkrete Erklärungen gelangweilt fühlen könnte oder gar den Eindruck bekommt, der Autor wollte da ums Brechen und Biegen sein während der Recherche erworbenes Wissen an den Mann / die Frau bringen.
      Die Art der Darstellung ist also – wie so vieles – eine Gratwanderung. Und Geschmackssache. Wo der eine Leser bereits eingeschlafen ist, lechzt der nächste nach noch mehr Details.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Ich denke, dass der (kluge) Leser das Weltbild / die Manipulation durchaus durchschauen kann, wenn er / sie das will. Viele aber wollten das ja nicht, für sie ist Lesen zunächst die Flucht in eine andere und meist geordnetere Welt. Ich akzeptiere diese Haltung. Aber sicher ist das eine Frage, mit der sich jeder Autor auseinandersetzen sollte: Wie weit will ich Leser manipulieren? Ist Manipulation vertretbar, wenn der Manipulierte manipuliert werden will?

      SW

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