Den Geliebten gewinnen oder ihn nicht verlieren – ein gewaltiger Unterschied

Mehr Dramatik durch negative Ziele

Ein Protagonist braucht ein starkes Ziel. Es funktioniert wie ein Mechanismus, der ihn durch den Roman zieht. Stellen Sie sich das ganz bildlich als Seilwinde vor: Je stärker der Zug, desto eher fegt der durch den Roman geschleifte Held Hindernisse weg – selbst wenn er sich in dem Prozess verletzt. Das starke Ziel fungiert etwa auch bei Cliffhangern ganz klar als Winde: Es reißt den Helden nach oben vom Cliff weg zurück auf sicheren Boden.

Manche Ziele sind stärker als andere. Einen spannenden Gedanken dazu liefert ausgerechnet die Wirtschaftsforschung. Aber so erstaunlich ist das dann vielleicht doch wieder nicht. Schließlich geht es auch bei den meisten Romanen ums Gewinnen und Verlieren.
So ist der Effekt einer Preissteigerung (= Verlust relativ zu einem Referenzwert) etwa doppelt so groß wie der Effekt von Preissenkungen (= Gewinn) (Daniel Kahnemann, »Schnelles Denken, langsames Denken«, Siedler 2011).
Diese Verlustaversion, so zitiert Kahnemann eine andre Studie, könne man schon bei Säuglingen beobachten: Sie klammern sich fest an ein Spielzeug und zeigen eine starke motorische Unruhe, wenn man es ihnen wegnimmt.

Ohne jetzt ins Detail zu gehen, denn darum geht es mir hier nicht, können Sie sich beim Plotten und Ausarbeiten eines Charakters diese Frage stellen: Welches Ziel zieht meinen Helden stärker an? Welches Ziel lässt ihn eher handeln, eher auch zu verzweifelten Methoden greifen? Welches Ziel bewegt ihn stärker? Und denken Sie an Ihre Leser: Welches Ziel sorgt eher für Suspense, für Rührung?

Wir können das Ganze auch auf die Motive übertragen, gerade in Kriminalromanen, und uns fragen: Welches Motiv treibt den Charakter stärker an?

Beispiel: Sie schreiben einen Krimi. Sie beginnen beim Plotten mit dem Verbrechen und damit mit dem Täter und, wahrscheinlich, Gegenspieler Ihres Protagonisten. Nennen wir den Schurken Schubach. Sie denken über zwei Varianten nach. In der einen begeht Schubach einen Mord, um in den Besitz einer alten, aber sehr wertvollen Villa zu gelangen, die seiner (noch) lebenden Erbtante gehört. In der anderen Variante gehört diese Villa Schubach schon. Doch in einer Erbstreitigkeit droht seine Kusine, Schubach die Villa wegzunehmen.
In beiden Fällen sieht Schubach keine Alternative als einen Mord. Beim Plotten beschäftigt Sie nun die Frage, welches Motiv glaubhafter ist. Ohne jetzt den Charakter und die Hintergründe zu kennen, nur dem Gefühl nach: Würden Sie da nicht auch sagen, dass die Angst vor dem Verlust der Villa sich stärker anfühlt? Für Schubach, aber auch für Sie an seiner Stelle?

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——————Stephan Waldscheidt schreibt als Paul Mesa——————-

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Gehen wir zurück zu den Zielen und zu einem anderen Beispiel: Sie sind dabei, Ihre Heldin Conny zu planen und aufzubauen. Sie stehen bei den Zielen vor zwei Alternativen, die Sie gegeneinander abwägen. Welches Ziel soll Connys Ziel sein? Ein mögliches Ziel wäre, Conny würde darum kämpfen, den von ihr sehr geliebten Kramer zu erobern. Ein anderes mögliches Ziel: Kramer hat eine Geliebte und Conny tut alles, ihren über alles geliebten Kramer von dieser Frau loszueisen und wieder für sich zu gewinnen.
Verlustangst gegen Besitzwunsch.
Wenn wir uns ansehen, was die üblichen Genres für die beiden Ziele wären, erkennen wir auch hier die Tendenzen, welches Ziel – bei ansonsten gleichen Umständen – das stärkere sein dürfte. Die Eroberung eines Mannes, das ist typischer Komödienstoff. Während der Kampf gegen den Verlust eines geliebten Menschen häufiger als Drama im Sinne einer Tragödie gestaltet wird. Warum? Auch deshalb, weil der Kampf gegen den Verlust des Geliebten ein stärkeres, sprich: dramatischeres, Ziel darstellt als der Kampf darum, sich den geliebten Mann zu erobern.

Ein anderes typisches Beispiel ist der klassische Thrillerstoff: Der Held muss verhindern, dass die Geiseln sterben / seine Familie entführt / seine Tochter ermordet wird. Wie viele Thriller kennen Sie, in denen es um positive Ziele geht, also etwa darum, einen Triathlon zu gewinnen oder als erster Mensch den Mond allein mit Steigeisen und ohne Sauerstoff zu erreichen?

Natürlich sind das alles zunächst nur Tendenzen. Selbstverständlich können Sie auch positive Ziele (etwas zu gewinnen) dramatisch stark ausgestalten. Aber negative Ziele (etwas nicht zu verlieren) bieten in vielen Fällen eine psychologisch überzeugendere und größere Zugkraft. Negative Ziele spielen meist mehr mit den Ängsten der Leser.

Denken Sie darüber nach, wenn Ihre Heldin oder Ihr Protagonist ein positives Ziel verfolgen: Wäre das Ziel nicht womöglich noch stärker und der daraus resultierende Roman noch mitreißender, emotionaler, dramatischer, wenn das Ziel ein negatives wäre?

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

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(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Welche Fälle kennen Sie, wo positive Ziele ganz klar stärker sind als ihre negative Variante? Welche gelungenen Beispiele aus Literatur oder Film fallen Ihnen ein? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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7 comments on “Den Geliebten gewinnen oder ihn nicht verlieren – ein gewaltiger Unterschied”

  1. Graf zum Busch Antworten

    Hallo Herr Waldscheidt,

    soweit bin ich bei Ihnen, dass ein drohender Verlust den Helden mehr zum Handeln motiviert als ein zu erreichendes (positives) Ziel.

    Allerdings: Wird der „Held“ nicht schwächer dadurch, dass er sich erst durch den drohenden Verlust in Bewegung setzt? Um in Ihrem Schubach-Beispiel zu bleiben: Wenn Schubach seine Tante um die Ecke bringt, um an die Villa zu kommen, zeigt sich darin sein starker Charakter. Er braucht keinen äußerlichen Auslöser als Motivation für den Mord, sondern er will etwas von sich aus. Wenn ihm allerdings seine Kusine die Villa wegzunehmen droht, setzt sich Schubach erst (widerwillig) in Bewegung, weil jemand anders das will, was er hat.

    Anders ausgedrückt: Die Jagd nach einem postiven Ziel von sich aus ohne Anstoß von außen macht den Helden aktiver, er scheut für dieses Ziel keinen Konflikt, keine Hindernisse. Das Verhindern eines Verlustes macht den Helden passiv, er braucht eben einen Anstoß von außen, um ein Ziel zu entwickeln und dieses auch zu verfolgen – er wird sozusagen unfreiwillig in den Konflikt „hineingetreten“.

    Und gehen Leser nicht eher eine emotionale Bindung zu einem starken, aktiven Helden ein?

    Viele Grüße
    Michael Meinert

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Hallo Herr Meinert,

      Sie haben Recht, es ist zentral, dass der Held aktiv wird. Was ihn letztlich aber zu mehr Aktivität anstiftet, kann man pauschal nicht sagen. Es ließe sich ein Gegenbeispiel zu Ihrem konstruieren, wo eben das Vermeidenwollen des Verlustes Schubach zu noch mehr Aktivität anstiftet. Insofern macht ein Vermeidenwollen ganz und gar nicht passiv, wie schon im Artikel gezeigt: Um den Verlust der Villa zu vermeiden, wird der Täter zum Mord getrieben. Das ist doch ziemlich aktiv, oder?

      Mir geht es in dem Artikel darum, dass Autoren sich Gedanken darüber machen, ob eine andere Sichtweise auf Motive und Ziele nicht womöglich ihren Protagonisten stärker treibt (Motiv) oder stärker durch den Plot zieht (Ziel).

      Letztlich ist es entscheidend, dass der Held in die Gänge kommt, eben aktiv wird, wie Sie das sehr schön beschreiben. Die Psychologie kann Hilfestellung geben, indem sie offenlegt, dass Verlustangst tendenziell häufig stärker ist als Besitzgier. Wie das im Einzelfall vom Autor ausgestaltet wird, ist seine/ihre Sache.

      Bleiben Sie aktiv! 😉

      Stephan Waldscheidt

  2. Kristin B. Sword Antworten

    Herr Waldscheidt, ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre Projekte.
    Ich kann gut nachvollziehen, dass Sie deshalb weniger Zeit für dieses Blog aufwenden können, möchte aber gerade deshalb diese Zeilen nutzen, um Ihnen für all die Zeit zu danken, die Sie bereits dafür aufgebracht haben. Ihre Beiträge sind für mich derart wertvoll, dass ich Sie auch in der Danksagung meines Romans erwähnt habe.

    Viele Grüße
    Kristin B. Sword

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Liebe Kristin B. Sword,

      vielen Dank für die netten Worte und natürlich vor allem für die Erwähnung in Ihrem Roman — für den ich Ihnen auch viel Erfolg wünsche. Ich freue mich sehr, dass meine Tipps tatsächlich zu (besseren) Romanen führen. Genau darum mache ich das hier schließlich 🙂

      Ihr Schreibtipp/Linktipp erscheint übrigens diesen Dienstag.

      Stephan Waldscheidt

      PS: Keine Sorge, ich schreibe weiter Artikel auf schriftzeit.de, nur eben ein wenig seltener.

  3. Janett Marposnel Antworten

    Mein Protagonist verfolgt ein absolut positives Ziel. Nur leider gerät dieses Ziel ins Wanken und er kommt nicht darum herum, die Verfolgung des positiven Zieles mit vielen kleinen negativen Zielen aufzunehmen. Ich lasse ihn diese negativen Ziele erreichen, obwohl sie ihn schrecklich quälen (oder gerade weil sie ihn so schrecklich quälen) bis er, auf Grund der erreichten negativen Ziele, auffliegt und das große positive Ziel, für das er so sehr gekämpft hat, auch futsch ist. Tja, und dann werden die Karten neu gemischt und am Ende wird, trotz allem, alles gut, aber soweit bin ich noch nicht.

  4. Windsbraut Antworten

    Ein spannendes Thema. Und psychologisch stimmig. Den meisten Menschen wird der Wert einer Sache, einer Person, einer Konstellation erst in dem Augenblick bewusst, indem sie sie verlieren bzw. zu verlieren scheinen. Dann ist der Schmerz am größten, die Angst am quälendsten. Vermutlich ergibt sich oft ein Mix der Motive: Der Protagonist verfolgt z. B. ein negatives Ziel (die Liebe seiner Frau nicht zu verlieren), der Antagonist ein positives (die Frau des anderen flachlegen). Dadurch entsteht ein emotionales Ungleichgewicht, das den Leser noch einmal mehr für den Protagonisten einnimmt und die Spannung erhöht.

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