Der Tod und das Franzbrötchen

So ermorden Sie eine Nebenfigur

Wann ist der perfekte Zeitpunkt, eine Figur in Ihrem Roman zu beseitigen? Ein schönes Beispiel zeigt uns Zal Batmanglij in seinem Film »The East« (USA 2013 / Drehbuch: Zal Batmanglij, Brit Marling; Regie: Zal Batmanglij). Izzy gehört zu einer Gruppe von Terroristen (sie selbst sehen sich eher als Aktivisten), die durch spektakuläre Aktionen auffallen: The East. Der Grund, warum Izzy beigetreten ist, liegt in ihrer Familiengeschichte. Ihr Vater nämlich leitet einen Chemiekonzern, der mit seinen Abwässern die Umwelt zerstört. The East gelingt es, Izzys Vater zu einem Selbstbekenntnis zu zwingen. Vor laufender Kamera outet er sich als Umweltzerstörer. Da taucht der Werkschutz auf, die Leute von The East fliehen. Izzy wird angeschossen und stirbt kurz darauf.
Das darf sie. Sie hat ihr Ziel erreicht. Vor allem aber hat sie ihre Rolle in dem Film vollendet.

Darum geht es: Der der perfekte Zeitpunkt, eine Figur in Ihrem Roman zu beseitigen, ist dann, wenn diese Figur ihre Rolle erfüllt hat.
In diesem Satz steckt noch mehr Zündstoff, als Sie glauben. Es geht darin um die Rolle einer Figur. Die aber haben so manche Charaktere in vielen Romanen gar nicht. Die Folge ist: Der Autor weiß nicht so recht, ob er diese Figur schon sterben lassen darf.
Umgekehrt heißt das für Sie: Wann immer Sie sich nicht sicher sind, wann Sie eine Figur sterben lassen sollen, sehen Sie sich die Rolle dieser Figur an. In den meisten Fällen heißt dieses Unwissen nämlich vor allem, dass Sie sich der Rolle nicht bewusst sind.

Izzys Tod enthält noch eine andere Komponente: Würde. Der Autor würdigt diese Figur, indem er ihr gestattet, ihr Lebensziel zu erreichen. Das ist eine Möglichkeit, die Sie als Autor haben, sich bei Ihren Figuren zu bedanken, und zwar dafür, dass sie die ihnen zugedachte Rolle erfüllt haben.

Würde mag ein Grund dafür sein, warum in vielen Romanen, vor allem in Spannungsromanen wie Thrillern, Horror oder Krimis, der Autor gern eine Figur ausführlich einführt, sogar aus ihrer Perspektive erzählt, nur um sie am Ende ihrer oft einzigen Szene töten zu lassen.
Max Landorff gestattet dem Kriminalbeamten Rainer Gritz gerade mal eineinhalb Seiten und eine eigene Erzählperspektive in seinem Thriller »Die Stunde des Reglers« (Scherz 2012).

Gritz will auf dem Weg zur Arbeit in seine Stamm-Bäckerei. Wir erfahren von seiner Leidenschaft für Franzbrötchen und wo sie entstanden ist. Viel mehr wissen wir nicht von ihm, aber dieses spezifische Detail bringt ihn uns näher. Macht ihn uns, den Lesern, sogar sympathisch. Dann, nach etwas mehr als einer Seite heißt es:

Parkplätze gab es natürlich nicht in der Gegend, und auch an diesem etwas nebligen Morgen ließ Gritz den Wagen mit eingeschalteter Warnblinkanlage an einer Straßenecke stehen. Als er auf die Bäckerei zuging, dachte er daran, dass er sich der mühseligen Arbeit würde unterziehen müssen, in internationalen Polizei- und Meldecomputern alle Gabriel Trejaks dieser Welt aufzuspüren. Und dann freute er sich über das warme Gefühl in seiner Hand. Er wunderte sich allerdings, wie das möglich war, dieses warme Gefühl, obwohl er die Bäckerei noch gar nicht erreicht hatte. Dort vorn war doch erst die Tür, die Glastür, durch die eine Frau herauskam, die ihn mit seltsam aufgerissenen Augen ansah. Und während sein Gehirn diese Tatsache verarbeite, sah er, dass er seine Hand vor den Bauch hielt und dass das Warme in seiner Hand flüssig und rot war.

Im Polizeibericht stand später, dass die Schüsse auf den Kriminalbeamten Rainer Gritz aus einer Pistole mit Schalldämpfer abgefeuert worden waren. Auch das Ergebnis der Autopsie war festgehalten: Eine der drei Kugeln steckte mitten im Herzen. Rainer Gritz hatte nicht leiden müssen. Er war beinahe sofort tot.

Ist eine solche Szene notwendig? Sie hat sowohl Vor- als auch Nachteile.

Die Leser werden aufs Glatteis geführt. Die Figur wird dem Leser nahegebracht, er entwickelt erste Emotionen für sie – und dann wird die Figur auch schon wieder aus dem Roman geworfen. Natürlich wollen die Leser aufs Glatteis geführt werden. Aber nicht immer und nicht an jeder Stelle des Romans.
Man könnte dieses Sympathisch-Machen sogar als ein Versprechen an den Leser deuten: Der Kerl ist eigen oder nett, folglich ist er wichtig. Ein Versprechen, das Sie mit der Ermordung gleich wieder brechen.
Am ungünstigsten steht eine solche Szene ganz am Anfang. Das nämlich birgt die Gefahr, dass der Leser die Nebenfigur irrtümlich für den Protagonisten hält. Das ist fast immer eine schlechte Idee, denn dadurch verringern Sie die Bindekraft an Ihren Protagonisten. Denn wenn Sie den endlich einführen, ist der Leser vorsichtig. Wer sagt ihm, dass dieser Mensch jetzt derjenige ist, der den Leser durch den Roman begleitet und geleitet?
Auch verkaufstechnisch ist das problematisch. Viele Leser lesen die erste Seite eines Romans im Buchladen oder online. Wenn Sie da erst mit einer Figur kommen, die ja gar nicht so interessant sein kann wie Ihr Protagonist, verschenken Sie eine Menge Potenzial und riskieren, dass der Leser das Buch aus der Hand legt, weil ihn der Charakter nicht genug anspricht oder weil der Charakter anders ist als erwartet.
Landorff immerhin bringt Rainer Gritz erst auf Seite 83. Das ist früh genug, dass es noch eine wichtige Figur werden könnte, aber nicht so früh, dass man Gritz für den Protagonisten hält.

Ein weiterer Nachteil ist simpel: Platzverschwendung. Warum Raum mit unwichtigen Charakteren vergeuden, der so den wichtigen Charakteren nicht mehr zur Verfügung steht? In die gleiche Kerbe haut der Kannibalisierungseffekt: Je mehr Figuren Sie in Ihren Roman stecken, desto weniger wichtig wird jede einzelne von ihnen, desto weniger Aufmerksamkeit kann der Leser jeder einzelnen von ihnen schenken.

Die hier bei Landorff gezeigte Methode aber hat auch eine Menge Vorteile.

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+ Die Ermordung sorgt für eine Überraschung – gerade weil uns der Charakter vorgestellt wurde, gerade weil er uns sympathisch gemacht wurde. Leser lieben Überraschungen.

+ Eine nähere Einführung der Figur – insbesondere dann, wenn Sie aus ihrem Point-Of-View erzählen – sorgt beim Leser für stärkere Emotionen. Und entsprechend tut das auch die Ermordung. Weil eben kein gesichtsloses Wesen getötet wurde, sondern ein Mensch, den der Leser kennenlernen durfte.
Hier aber ist die richtige Balance wichtig. Würde sich oben zitierte Szene statt über zwei Seiten über zwanzig ziehen und wäre ihr einziges Ergebnis der Tod einer unbedeutenden Nebenfigur, käme sich der Leser zu Recht verhohnepiepelt vor.

+ Eine solche Szene kann dem Leser eindringlich vor Augen führen, wie gefährlich der Gegenspieler des Protagonisten ist. Daher eignen sich diese Szenen auch gut als Pinch-Points.

Um solche Szenen in Ihrem Roman noch stärker zu machen, sollten Sie folgende Punkte bedenken:

? Ist sie optimal platziert, um ihre größtmögliche Wirkung zu erzielen? Nicht zu früh, nicht zu spät?

?
Falls Sie den Charakter als sympathisch einführen, lässt die Szene ihm seine Würde? Das ist wichtig für das Gefühl des Lesers dem Autor gegenüber. Landorff macht das vorbildlich, insbesondere im vorletzten Satz der Szene, in dem er schreibt: »Rainer Gritz hatte nicht leiden müssen.«
Eine wichtige Möglichkeit, der Nebenfigur ihre Würde zu lassen, sind spezifische Details: Zeigen Sie, dass der Charakter kein gesichtsloses Opfer ist, sondern ein Individuum. Das macht Ihnen, wie hier im Beispiel, die nahe personale Erzählperspektive besonders einfach.

? Zeigt sie in ausreichendem Maß die Gefährlichkeit des Gegenspielers? Wenn Sie schon eine solche eigene Szene schreiben, sollte die gefälligst durchschlagend sein. Das geht noch weiter: Zeigen Sie etwas vom Mörder! Das kann ein Detail in seinem Modus Operandi sein, das später im Roman noch eine Rolle spielt. Oder es kann sogar etwas sein, woran der Leser oder der Protagonist den Mörder / den Gegenspieler später erkennen oder überführen kann. Also etwa die Vorausdeutung einer Schwachstelle.
Damit geben Sie der Szene hohe Signifikanz und so auch der Nebenfigur. Die nämlich entpuppt sich dann als durchaus bedeutsam.

Wissen Sie, was Franzbrötchen sind?

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

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(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Was spricht noch dafür oder dagegen, einer unbedeutenden Nebenfigur eine solche Mord-Szene zu widmen? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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3 comments on “Der Tod und das Franzbrötchen”

  1. HenningM Antworten

    „Wissen Sie, was Franzbrötchen sind?“

    Ganz, ganz, gaaaaanz leckere Kalorienbomben, die es hier teuflischerweise in nahezu jeder Bäckerei gibt.
    Aber die Frage hat trotzdem was. Denn WENN mir diese „Franzen“ wichtig genug sind, im Wörterbuch/bei Wiki nachzugucken, DANN hat mich die Figur bzw. die Szene gepackt. Bspw. lese ich gerade v.Salomon, „Die Geächteten“, und da kommen (spielt Baltikum 1919) viele komisch klingende Begriffe vor – ich reime sie mir zusammen, nachgucken ist mir zu umständlich, weil: so toll ist der Text nicht. ABER bei Keun, „Das kunstseidene Mädchen“, kommt an exponierten Stellen ein sog. Feh-Mantel vor – und da habe ich mich natürlich gleich schlau gemacht, denn „Das kunstseidene Mädchen“ ist eines der besten Bücher (nicht nur der 1930er Jahre), die ich in je lesen durfte.
    Will sagen: mMn kann man (auch als Leser) die Qualität einer Szene gerade an solchen „Franzbrötchen“ für sich erkennen.

  2. Lillyn Bell Antworten

    Google sei Dank weiß nun auch eine Wienerin was ein „Franzbrötchen“ ist. 🙂
    Sieht lecker aus!

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