Wer lauert da auf dem Dachboden und was zum Elch ist Disamima?

Wie Sie durch Informationsvorsprung zwischen Charakteren und Leser Konflikte schaffen

Viele Romane leben davon, dass der Leser einen anderen Wissensstand hat als der POV-Charakter (der Point-of-view-Charakter, das ist derjenige, aus dessen (subjektiver) Sicht erzählt wird). Entweder weiß der POV-Charakter etwas, was der Leser nicht weiß (POV > Leser). Die Folge: Der Leser rätselt, weil er eine Handlung oder eine Aussage des Charakters nicht versteht (verstehen kann). Oder der Leser weiß mehr als der POV-Charakter (Leser > POV). Das klassische Beispiel: Der Leser weiß, dass der Killer auf dem Dachboden sitzt, und die Heldin klettert nichtsahnend hinauf.

Aus den Wissensunterschieden oder Informationsvorsprüngen ergeben sich Konflikte. (Übrigens ein Satz, den sich die Bildungsminister über den Spiegel hängen sollten.) Was in der Bildungspolitik eher nicht gewollt wird, ist im Roman genau das, was Sie suchen.

Beide Methoden haben ihre Tücken. Im Fall von POV > Leser ist es vor allem das Durchhalten der Erzählperspektive. Weil Sie den Leser mit in den Kopf Ihres POV-Charakters nehmen, weiß der Leser alles, was der Charakter auch weiß. Es ihm zu verbergen, erfordert manchmal ziemliche Verbiegungen.
In meinem Roman Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit stand ich genau vor diesem Problem. Die Heldin Bica erzählt subjektiv aus der nahen dritten Person. Der Leser kennt viele ihrer Gedanken. Nun musste Bica etwas verbergen – vor dem Leser und vor Bicas Mutter, die von den Toten zurückgekommen ist –, was erst gegen Ende des Romans gelöst wird. Etwas für den Roman Essenzielles.

Warum ist ihre Mutter zurückgekommen? Um sie an ihre Pflicht als Tochter zu erinnern, gefälligst endlich ein Kind zu kriegen? Oder wegen DER SACHE? Nein, daran darf Bica nicht denken; womöglich können die Toten Gedanken lesen. DIE SACHE MIT MAMA, so wird sie es nennen: DISAMIMA. Wie eine gefährliche Krankheit klingt das, und das passt irgendwie – Disamima.

Glaubhaft wird diese Konstruktion vor allem durch den Charakter der Heldin. Der Leser hat Bica zuvor bereits kennen gelernt – ein solcher Gedankengang passt zu ihr. Dennoch, die Sache ist heikel, ein Balance-Akt, und vermutlich würde ich es beim nächsten Mal anders machen.

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Der andere Fall, Leser > POV, ist, was die Glaubwürdigkeit betrifft, eine weniger kitzlige Angelegenheit. Dafür aber könnten Sie damit Ihren Charakter anders in die Bredouille bringen: dadurch, der Leser hält ihn für dämlich. Bedenken Sie: Wir fühlen uns Menschen automatisch überlegen, wenn wir mehr wissen als sie. Vor allem, wenn es Dinge betrifft, die für diese Menschen wichtig sind. Was glauben Sie, was Geheimnisse und Tratsch so interessant macht? Ein Geheimnis zu kennen, gibt uns (das Gefühl von) Macht. Wenn wir es ausplaudern, wenden wir diese Macht an. Ein Held aber, dem wir uns überlegen fühlen, macht als Held womöglich dann doch nicht mehr so viel her.

Interessanter und risikoärmer, aber genau so wirkungsvoll und voll Konflikt kann ein weiterer Informationsvorsprung sein: der zwischen zwei Charakteren. Gerade im Subtext von Dialogen lässt sich das wunderbar ausspielen. Beachten Sie: Die Sache wird nur dann interessant, wenn der Leser um diesen Informationsvorsprung weiß.

In Kate Mosses Roman Sepulchre soll Léonie von ihrer Mutter Marguerite aufs Land geschickt werden. Sowohl Léonie als auch Marguerite haben ihre Geheimnisse, was diese Reise betrifft. Léonies Geheimnis: sie will aufs Land, um dort heimlich Zeit mit ihrem Bruder verbringen zu können, der aus der Stadt fliehen muss. Der Leser weiß das. Was jedoch hinter Marguerites Äußerungen steckt, weiß weder der Leser, noch weiß es Léonie. Der Leser aber ahnt zumindest das Geheimnis in Marguerites Worten.

Léonie dachte einen Augenblick nach. »Denkst du, ich werde mich dort amüsieren?«
»Oh ja, da bin ich ganz sicher«, sagte Marguerite schnell. »Das Anwesen ist ziemlich schön, und ich stelle mir vor, dass sie in dreißig Jahren vieles verbessert haben.«
»Und das Haus selbst?«
Marguerite antwortete nicht.
»M‘man?«
»Das ist so lange her«, sagte sie bestimmt. »Alles wird sich verändert haben.«

Durch die vielen Unterschiede im Wissen zwischen den Charakteren und dem Leser entwickelt selbst ein so unspektakulärer Dialog Suspense.

Fragen Sie sich in Ihren eigenen Texten, wo ein Informationsvorsprung eine Rolle spielen könnte – und nutzen Sie die daraus resultierenden Konflikte aus.

(c) Stephan Waldscheidt 2011

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??? Meine Frage an Sie: Wie sehen Sie das mit dem Informationsvorsprung? Wo könnte man ihn noch anwenden? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …
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5 comments on “Wer lauert da auf dem Dachboden und was zum Elch ist Disamima?”

  1. Susanne Antworten

    Na gut, dann lass ich das. Mir gefällt er auch so, wie er ist.
    Abgesehen davon, ich glaube auch, man kann an einem Text fast ewig weiterarbeiten, nach einem Jahr findet man wieder was, das man anders hätte schreiben können oder wollen. Man muss ihn vielleicht nur irgendwann loslassen (besonders natürlich, wenn man eine Deadline hat).
    Viele Grüße, Susanne

  2. Stephan Waldscheidt Antworten

    @Susanne: Ach, das mit dem Durchstreichen muss nicht sein. Lieber lassen wir alles so, wie es ist. Wenn ich was ändern würde, dann den ganzen Roman. Nicht, weil er mir so nicht gefällt, das tut er und Verlag, Leser und Kritiker mögen ihn auch (und das mit Disamima hat niemanden gestört). Sondern weil ich eben ein konstanter Optimierer bin und immer denke, da kann man noch was besser machen und dort auch. Eine anstrengende Charaktereigenschaft, bei der nur eine Deadline vom Verlag hilft.

  3. Susanne Antworten

    Das ist interessant – wieso würden Sie die Sache mit “Disamima” beim nächsten Mal anders machen? Und wie? Da ich Ihren Roman hier habe, könnte ich die betreffenden Passagen dann durchstreichen und mir den korrigierten Text an den Rand schreiben 🙂

  4. Angelika Antworten

    Hallo Stephan!

    Informationsvorsprung zwischen Charakteren kann sich über deren Absichten auch auf deren Identität erstrecken. In einer meiner Geschichten gibt es zwei Protagonisten, wobei P1 der POV-Charakter ist. Der bekommt ständig Besuch von einem hartnäckigen P2, der weder seine Absichten noch seinen richtigen Namen preisgibt. Zwar macht P2 ab und zu Andeutungen, die aber erst am Ende der Geschichte Sinn ergeben.
    Durch diesen Informationsvorsprung von P2 ergibt sich sogar die zentrale Frage, die sich sowohl der POV-Charakter als auch der Leser stellen: Wer ist P2 und was will er?
    Aber keine Angst: Er will nix Schlimmes. :o)

    Viele Grüße,

    Angelika

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