Ist ein ganz Lieber. Ein Gefühlsmensch.

Originelle Methoden, Romanfiguren vorzustellen

Neulich schrieb mir eine befreundete Kollegin mit einem Anflug von Verzweiflung:

Ich fange gerade mit meinem Roman „???“ an und es ist soooo schwierig, die einzelnen Charaktere auf eine originelle Art vorzustellen und nicht immer „Sie war …“, „Er arbeitete als …“ zu schreiben.

Vorneweg zur Beruhigung: Bei Vorstellungen von Charakteren erwartet der Leser nicht unbedingt Originalität. Da verhält es sich bei vielen wie bei der Sprecherzuordnung: Sie wird einfach überlesen und man konzentriert sich auf den Gehalt der Information. Hinzu kommt bei unoriginellen Vorstellungen wie bei anderen Klischees ein gewisses wohliges Vertrauen, das viele Leser in Romanen suchen. Dazu habe ich gestern ausführlich geschrieben: Schon tausend Mal gelesen? Dann bitte noch einmal das Gleiche!
Dieses Vertraute kann durchaus auch den Autor mit einschließen und sogar zum Markenzeichen werden. Bei Martin Suter etwa bekommt der Leser bei Beschreibungen häufig noch eine exakte Vorstellung der Kleidung nebst (Edel-)Marke.

Dennoch kann es dem Leser, dem Charakter und sogar dem Autor in vielen Fällen besser dienen, wenn die Einführung einer Romanfigur nicht nach Schema F abläuft.

So hilft eine originellere, eine besondere Einführung des Charakters dem Autor dabei, dass ihm das Schreiben mehr Spaß macht. Er wird sich mit mehr Leidenschaft in den Roman stürzen und sich auch selbst mehr für die eingeführte Person interessieren, nicht zuletzt, weil er sich zuvor intensiver mit ihr beschäftigen musste. Es gibt nichts Tödlicheres für einen Roman, als wenn die Charaktere den Autor zu langweilen beginnen!

Den Charakter selbst macht eine besondere Einführung zu jemand Einzigartigem – und genau solche Figuren wollen Sie doch erschaffen. Außerdem: Der erste Eindruck zählt. In den meisten Fällen möchten Sie nicht, dass Ihr Charakter einen stereotypen und langweiligen Eindruck hinterlässt. Denn dann haben Sie anschließend umso mehr damit zu tun, diesen Ersteindruck zu revidieren.

Der Leser schließlich freut sich über eigenständige Charaktere, eben weil er sofort das Besondere erkennt und er erkennt auch das Versprechen: Von einem so interessant eingeführten Charakter ist ein spannenderer, überraschenderer Roman zu erwarten als von Lieschen Schmidt, von der wir zu Anfang erfahren, dass sie Ende zwanzig ist, schwarze Leggings trägt und bei Karstadt in der Parfümerie arbeitet.
Halten Sie solche Versprechen bitte unbedingt ein, sonst verärgern Sie Ihre Leser.

Hier noch die Tipps, die ich der Kollegin gegeben habe. Bitte nur als Anregung verstehen, es gibt gute Gegenbeispiele und unendlich viele andere Möglichkeiten, die mal mehr, mal weniger sinnvoll sein können.

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Der beste Tipp: Stell die Charaktere in Action vor. Ansonsten wechselst du ab: Einmal stellst du, als Erzählerin, sie vor. Dann lässt du sie von einem anderen Charakter im Dialog vorstellen. Eine andere darf sich selbst vorstellen (dazu musst du eine passende Situation erfinden, wo das glaubhaft ist: „Ich mit meinen roten Haaren und Sommersprossen? Ich musste mich immer wehren. Irgendwie konsequent, dass ich heute den schwarzen Gürtel in Karate habe, oder?“
Ganz wichtig: Mach was aus jeder Einführung, etwas Besonderes, einen einzigartigen Auftritt. Der erste Eindruck zählt auch im Roman und beeinflusst alles, was später kommt.
Und such dir jedes Mal andere Dinge aus, die du beschreibst. Den Job muss man nur bei der kennen, bei der der Job etwas bedeutet, die Größe nur bei der, die besonders groß oder besonders klein ist. Und so weiter.

Wichtig ist, dass die Einführung des Charakters nicht nur zu ihm passt, sondern auch zu Ihrem und in Ihren Roman. So wie das bei Daniel Glattauer und seinem Roman »Ewig dein« (Zsolnay 2012, Goldmann 2014) der Fall ist.
Hannes ist der neue Möchtegern-Mann-fürs-Leben von Judith. Er kommt in Judiths Freundeskreis besser an als bei Judith selbst. Nach einer gemeinsamen Feier ruft Judith ihre Freunde an und holt sich von jedem seine Meinung zu Hannes.

Jetzt war Judith sozusagen von den Socken, beschloss, die versäumte Nacht aufzuarbeiten, rief einen nach dem anderen an und holte sich folgende Meinungen und Ansichten über Hannes Bergtalter ein. Ilse: Fescher Mann. Wirkt sehr natürlich. Großer Kopf. Zahnpasta-Lachen. Liebling aller Schwiegermütter. Modisch eher konservativ. Bürstenfrisur passt ihm nicht optimal. Prinzipientreu. Ein bisschen schrullig, aber nicht verklemmt. Kann einer Frau tief in die Augen schauen. Kann gut zuhören. Mag Kinder. Hat sich lang und breit nach Mimi und Billi erkundigt. Hat ihnen sogar etwas mitgebracht. Ist ganz ein Lieber. Ist ein Riesenbärli. (…)
Roland: Ein echter Sympathieträger. Absolut vertrauenswürdig. Hat nichts Verschlagenes in seiner Art. Geht offen und herzlich auf alle zu. Sehr redegewandt. Große Überzeugungskraft. Hat viel Interessantes über Architektur zu erzählen. (…)
Valentin: Ein Gefühlsmensch. Eigentlich kein typischer Mann. Nicht so lässig. Kein Angeber. Eher weich. (…)

Diese Vorstellung des Charakters Hannes ist zwar nicht seine Einführung in den Roman, sondern geschieht etwas später. Dennoch zeigt Sie sehr schön auf, welche spannenden und dennoch sehr organisch wirkenden Methoden es gibt, Charaktere dem Leser nahezubringen.
Sie zeigt zugleich, welche Macht in der Einführung von Charakteren liegt: Subjektive Beschreibungen sind am interessantesten, weil sie auch so viel über den Beschreiber aussagen. Damit erledigt eine gute Beschreibung mindestens doppelte Arbeit!
Andersherum: Da Beschreibungen etwas über den Beschreiber aussagen, fallen langweilige, stereotype Beschreibungen auch auf den Beschreiber, den Erzähler und letztlich auf den Autor zurück.

Welche Methode der Vorstellung passt in Ihren Roman? Ihr Roman ist etwas Besonderes, die Charaktere darin sind es auch. Also gehört in Ihren Roman auch eine besondere Methode, diese Charaktere vorzustellen.
Denken Sie in Ruhe darüber nach. Lernen Sie dazu den einzuführenden Charakter besser kennen. Dann haben Sie schon gewonnen, selbst wenn Sie sich letztlich für die gewohnte Variante Geschlecht-Alter-Kleidung-Job entscheiden: Sie sind Ihrem Charakter ein Stück nähergekommen. Das wird Ihnen an anderen Stellen des Romans zugutekommen.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Wie führen Sie Ihre Charaktere ein? Immer gleich, immer anders, immer angepasst? Warum so? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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