Der Polizist, der nie Picasso wurde

Mit dem Aufzeigen von Alternativen Ihren Roman befriedigender machen

Wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn Sie sich damals für einen anderen Beruf entschieden hätten? Sie hätten niemals Ihren Partner an der Abteilungskaffeemaschine kennengelernt, Ihre Kinder wären nicht dieselben, falls Sie überhaupt welche hätten. Sie hätten nie diese Reise durch Australien gemacht, das war immer der Traum Ihres Partners, nicht Ihrer, Sie wären dann auch nicht von dieser Schlange gebissen worden, ein Biss, der Sie den kleinen Finger der rechten Hand kostete, ein Andenken, auf ewig. Und diese Affäre, die seit drei Monaten läuft, endlich wieder Schmetterlinge im Bauch statt Flugzeuge?

Selbst belanglos scheinende Entscheidungen können ein Leben komplett und nachhaltig verändern. So weit, so bekannt. Manche Alternativen malt man sich gern aus, anderen ist man froh, entkommen zu sein. Diese Gedanken sind menschlich – und sie haben die Kraft, auch Ihre Charaktere ein Stück menschlicher und damit lebendiger zu machen. Sie können sogar noch viel, viel mehr.

Sehen wir uns eine Szene aus dem wunderbaren literarischen Kriminalroman »The Paperboy« von Pete Dexter an (Random House 1995 / 2013 in neuer Übersetzung bei Liebeskind erschienen als »Paperboy« / eigene Übersetzung). Protagonist und Ich-Erzähler Jack James ist mit seinem Bruder, dem Journalisten Ward, bei der Polizei, um Informationen über einen Fall herauszubekommen. Nach mehrtägiger Warterei öffnet sich endlich einer der Polizisten Ihnen gegenüber und rückt mit Informationen über einen ehemaligem Häftling heraus. Er zeichnet eine Karte, wie sie in den Sümpfen Floridas zu dem Häftling finden. Jack bewundert das Zeichentalent des Polizisten, der aus einer banalen Wegskizze ein grafisches Kunstwerk macht.

Mein Bruder regte sich nicht, er wartete darauf, dass [der Polizist] fertig wurde. Der Mann genoss das Skizzieren, und Ward unterbrach ihn nicht, um ihm zu sagen, es gäbe keinen Grund für sorgfältige Großbuchstaben und Schattierungen. Ein klebriger Fliegenfänger hing von der Decke beim Fenster, über und über bedeckt mit Fliegen.
Ich fragte mich, was der Mann mit seinem Talent hätte anfangen können, wenn er nicht im Büro des Sheriffs arbeiten würde. Ob es ihn zu jemand anderem gemacht hätte.
Damals hielt ich es nicht für möglich, dass ich mich eines Tages fragen würde, was aus mir geworden wäre, wenn sich die Dinge anders entwickelt hätten. Ich dachte, sämtliche Entscheidungen würden immer vor mir liegen.

Hier geht es nicht um das Talent des Polizisten, sondern um Jacks Entscheidungen. Autor Pete Dexter hat das Zeichentalent als Aufhänger benutzt, der Jack zum Nachdenken bringt.

[unten geht’s weiter …]
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In so gut wie jedem Roman geht es um Entscheidungen der Hauptfiguren. Um zu zeigen, wie schwierig diese Entscheidungen für Ihre Heldin sind, lassen Sie sie davor über die Alternative nachdenken. Statt ihren Kram in den Seesack ihres Vaters zu stopfen und hinaus in den Regen zu laufen und sich an die Auffahrt zur Autobahn zu stellen, könnte sie auch daheim in ihrem Zimmer bleiben, mit einer Freundin telefonieren und sich Gedanken darüber machen, wie sie ihrem neuen Ex-Freund am Tag nach der Trennung in der Schule unter die Augen treten wird. Was er sagen wird. Wie sie sich anschließend fühlen wird.
Indem Sie Alternativen zur Entscheidung aufzeigen, können Sie diese Entscheidung so darstellen, wie Sie das wollen und wie es Ihr Roman braucht: Als eine unendlich schwierige Wahl. Als eine unumgängliche Entscheidung. Als den besten Weg. Als den einzigen Weg.
Zugleich schaffen Sie damit einen Anknüpfungspunkt für später. Etwa für Nostalgie, Bedauern, Schuld, Reue: Hätte ich doch damals … Wäre ich doch bloß nicht … Warum musste ich denn nur … – All das Quellen starker Emotionen und eine effektive Möglichkeit zur Verdichtung der Geschichte.

In den meisten Romanen geht es um Veränderungen der Hauptfiguren. Diese Veränderungen stellen Sie besonders heraus, wenn Sie Alternativen dazu aufzeigen. So denkt Ihr Protagonist vielleicht darüber nach, was aus ihm geworden wäre, wenn er sich nicht gegen den Schurken aufgelehnt hätte. Dieses Vergleichen des gegangenen und des nicht gegangenen Wegs sind auch sehr schöne und emotional vertiefende Möglichkeiten, einen Bogen zum Anfang zu schlagen und damit Ihren Roman in sich geschlossener zu machen.
Vielleicht denkt Ihre minderjährige Heldin darüber nach, was geschehen wäre, wenn sie zu Anfang der Geschichte nicht von daheim abgehauen und in den LKW gestiegen wäre, um nach Hannover zu ihrer Schwester zu trampen.
Indem Sie beide Alternativen einander gegenüberstellen, machen Sie die Veränderung besonders deutlich. Das heißt auch: Sie geben dem Leser das Gefühl, einer noch durchgreifenderen Veränderung beigewohnt zu haben. Die Folge: Das Lese-Erlebnis fühlt sich für ihn besonders erfüllend an und er wird Ihr Buch am Ende noch befriedigter aus der Hand legen.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Was kann das Aufzeigen von solchen Alternativen noch leisten? Beispiele? Wie machen Sie’s? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …

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1 comment on “Der Polizist, der nie Picasso wurde”

  1. Lehua Antworten

    Das ist schön zu lesen, denn ich habe einige dieser „Was wäre wenn“ Gedanken in den Kopf meiner Prota geschoben. Dabei habe ich mich schon öfter gefragt, ob ich das wirklich brauche, ob es jetzt eine Rolle spielt oder nicht usw. Dieser Artikel bestätigt, dass solche kurzen Gedankengänge durchaus ihre Berechtigung haben und man dem Chara auch mal eine Pause zum Nachdenken und Reflektieren geben sollte.

    Insofern, Danke für die neue Eingebung.

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