Viel zu viel Qualen für diesen kleinen Leib

Ihre Charaktere zu stressen, ist nicht genug

In einem Roman mitzuspielen, verursacht für die Romanfiguren erheblichen Stress. Stress ist eine Beanspruchung von Körper oder Geist. Viele Autoren begnügen sich damit, ihre Charaktere Stress auszusetzen: Sie werfen sie in von Taifunen aufgewühltes Wasser, lassen sie blind durch schlangenverseuchte Sümpfe waten oder stellen sie vor Rätsel, an deren rascher Lösung das Leben von Menschen hängt.
Und dann wundern sie sich, wenn der Roman bei seinen Lesern auf keine große Gegenliebe stößt.

Während des Studiums, in einem meiner Hauptfächer »Organisation und Personalmanagement«, habe ich eine wichtige Unterscheidung kennengelernt. Eine, die wie mir heute Morgen klargeworden ist, erhebliche Bedeutung für das Schreiben von Romanen hat. Ich bin immer wieder angenehm überrascht, wenn sich mein Studium so viele Jahre später noch als nützlich erweist.

Ich spreche von der Unterscheidung in Stress und Strain – Beanspruchung und Belastung.

Ein Beispiel dazu: Der Held Ihres Romans ist ein hobbymäßiger Marathonläufer. In einer Szene muss er vor seinen Verfolgern fliehen, zu Fuß. Sie sind zäh, aber natürlich ist Ihr Held zäher. Die Verfolgung hat ihn gestresst, sie hat ihn beansprucht – körperlich belastet hat sie ihn kaum.
Während die Beanspruchung lediglich das Maß eines Reizes beschreibt – der Held muss drei Kilometer rennen, bis er seine Verfolger los ist, anscheinend auch passionierte Jogger –, bezieht sich die Belastung auf das individuelle Reagieren auf diesen Stress.

Nehmen wir an, der Held Ihres Romans wäre kein körperlich fitter Läufer, sondern ein alter Mann, stark übergewichtig und mit Arthrose in den Zehen, die jeden Schritt schmerzhaft macht. Drei Kilometer sind auch für ihn drei Kilometer, bei seiner Flucht vor Verfolgern ist er derselben Beanspruchung ausgesetzt wie der Marathonläufer. Die Flucht ist für ihn jedoch um ein Vielfaches belastender.

Die eingangs erwähnten Romane funktionieren deshalb nicht, weil der Autor seinen Charakteren zwar viel Stress zumutet, sie jedoch zu wenig belastet. Aber Stress ist es nicht, was Charaktere antreibt und zu Veränderungen in ihnen sorgt. Nur wenn Sie eine Romanfigur extrem belasten und schließlich überlasten, wird der Druck hoch genug sein, um eine Veränderung zu bewirken. Nur dann wirkt die Veränderung authentisch, nur dann ist sie glaubhaft.
Ebenso wichtig: Nur, wenn der Charakter extrem beansprucht und belastet wurde, nur dann hat er sich ein gutes Ende verdient.

Wie sieht es mit Belastung ohne Beanspruchung aus? Auch diese Variante schadet einem Roman. Sie erkennen das daran, wenn Charaktere überreagieren, wenn melodramatische Momente sich abwechseln oder eben wenn es eine durchgreifende Veränderung im Wesen der Figur gibt, aber der Leser den Grund dafür nicht erkennen kann.

Geben Sie Ihren Charakteren beides, Stress und Strain, Beanspruchung und Belastung, nur dann erschaffen Sie ein rundes, befriedigendes Lese-Erlebnis.

Ein wichtiger Aspekt aber fehlt bei diesen Gedanken noch.

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Sehen wir uns dazu den Roman »Die Flucht« von Jesús Carrasco an (Klett-Cotta 2013). Darin setzt der Autor seinen Protagonisten, ein Kind von noch nicht mal zehn Jahren, einer Menge Stress aus, von dem das Kind bis an seine Grenzen belastet wird. Die Flucht führt das Kind durch eine sonnenverbrannte Einöde.

Gedanken, die ihm jetzt kamen, weil die ausgebrannte Erde ihn auf eine Weise zermürbt hatte, wie er es sich daheim nie hätte träumen lassen. Der Kampf um Überleben hatte ihn restlos ausgelaugt, und nun hätte er das Kostbarste seiner selbst für ein wenig Ruhe gegeben, für die einfache Befriedigung seiner Grundbedürfnisse: Schutz vor der Sonne zu suchen, der Erde jeden Tropfen Wasser abzuringen, sich selbst zu verletzen, sein eigenes Gefängnis zu sprengen, über das Leben anderer zu entscheiden, das waren Dinge, die seine kindlichen Gedanken, seine im Wachstum begriffenen Knochen, seine weichen Muskeln, seinen schmächtigen Körper, der erst noch zu männlicher Kantigkeit heranreifen musste, überforderten.

Das Kind ist für diese Art Überlebenskampf körperlich noch nicht reif, die Beanspruchung wird zur Belastung, die Belastung wird zur Überlastung.

Um Ihren Helden zu überlasten, müssen Sie wissen, womit Sie ihn am besten und wirkungsvollsten überfordern können. Dazu sehen Sie sich Ihren Helden an. Wenn es ein Marathonläufer ist, dann lassen Sie ihn nicht zu Fuß fliehen. Werfen Sie ihn stattdessen ins Wasser, wenn er ein Nichtschwimmer ist. Lassen Sie ihn seine Rettung von cleveren Schlussfolgerungen abhängen, wenn er geistig träge ist.
Das Gute an dieser Methode: Die Lösung liegt im Charakter vor Ihnen auf dem Silbertablett. Dazu müssen Sie nur Ihren Charakter gut kennen oder noch ein wenig besser kennenlernen. Und: Sie brauchen sich nicht mal sonderlich anzustrengen, um den Charakter zu überlasten. Wenn Sie einen genialen Schwertkämpfer mit einem Schwertkampf überlasten wollen, müssen Sie sich was ziemlich Schlaues einfallen lassen, damit es funktioniert. Einen Nichtschwimmer schubsen Sie einfach über den Rand eines Ruderboots und fertig.

Erster Tipp: Wie Carrasco in seinem Roman schreibt: »auf eine Weise zermürbt, wie er es sich daheim nie hatte träumen lassen« – Belasten Sie Ihren Protagonisten auch mit Dingen, die er sich nicht hatte vorstellen können.

Zweiter Tipp: Variieren Sie die Überlastungen, bringen Sie nicht nur körperliche oder nicht nur geistige Stressfaktoren ins Spiel. Geben Sie Ihrem Protagonisten eine Stressbreitseite aus allen Rohren.

Meist ist erst die Überlastung in der Lage, einen Charakter durchgreifend zu verändern. Merken Sie sich also diese Abfolge:

Beanspruchung → Belastung → Überlastung

Und Ihr Roman wird Sie zwar weiter beanspruchen, aber ein Stück weniger belasten.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Wie belasten Sie Ihre Charaktere? Wo in Literatur oder Film ist das besonders gut gelungen? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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