Roman-Autoren, ihr seid besser als Hollywood. Wenn ihr nur wollt.

Wie Sie den Schauplatz Ihres Romans einführen wie im Film — und wie Sie das noch besser tun

Von Filmen können Sie als Romanautor lernen, wie Sie Dinge auf den Punkt bringen. Das gilt vor allem, wenn es ums szenische Erzählen und den Aufbau und die Dramaturgie von Szenen geht. Ein entscheidender Punkt im Film und Roman ist die Einführung des Settings. Hier können Sie zu Beginn der Szene umschweifend und langweilig den Schauplatz beschreiben.
Die Folge: Der Schauplatz erscheint selbst als uninteressant und austauschbar.
Die Folge davon: Es ergeben sich erstens keine Konflikte zwischen Setting und Charakteren.
Beispiel: Ein Kettenraucher muss stundenlang unter einem No-Smoking-Schild warten. Er wartet darauf, dass eine Frau aus einem Büro kommt, der er folgen will.)
Das Setting animiert oder inspiriert den Charakter nicht zum Handeln. Beispiel: Nach einer Stunde hält der Raucher es nicht mehr aus und geht ein paar Meter weiter oder er dreht das Schild um und zündet sich eine an. In genau dieser Sekunde kommt die Frau aus dem Büro – und der Raucher verpasst sie.

Warum neigen Roman-Autoren dazu, zu ausführliche, zu umständliche oder zu wenig hilfreiche Beschreibungen einzubauen?

Das hat zwei Gründe:

Grund eins:
EIn weiteres Wort, ein weiterer Satz kosten nichts. Anders im Film, wo jede Sekunde in Gold aufgewogen wird.
Tatsächlich aber kosten auch den Roman-Autoren unnütze Wörter eine Menge.
1. Sie verschwenden die Zeit des Lesers.
2. Sie walzen den Roman aus – und ein Roman ist wie ein Teig: Zu dünn ausgerollt verliert er an Geschmack und kriegt schlimmstenfalls Löcher und bricht auseinander.
3. Sie verschwenden Ihre eigene Zeit. Denn jedes Wort will erst einmal geschrieben werden. Und dann muss es überarbeitet und vielleicht gestrichen werden. In derselben Zeit hätten Sie ein besseres Wort schreiben können.

Grund zwei:
Faulheit. Rumzulabern macht weniger Mühe, als sich genau zu überlegen, wie man etwas treffend sagen, etwas auf den Punkt bringen könnte.
In der Autorenzunft wird immer so viel geschimpft auf Ablenkungen durch Familie und Beruf und Internet, auf die wenige Zeit, die man habe, auf alles Mögliche – aber dass ein mäßiger Roman kein guter Roman wird, liegt in vielen Fällen weder an Zeitmangel noch an Ideenlosigkeit oder gar Unfähigkeit des Autors. Sondern schlicht daran, dass er zu bequem ist, die zusätzliche halbe Stunde Nachdenken zu investieren. Die Folge sind unter anderem Klischees oder eben, wie hier, umständliches Um-den-heißen-und-treffenden-Brei-herum-Geschreibsel.
Ich weiß, wovon ich schreibe. Ich bin auch zu oft zu faul. Pech für meine Romane.

Wie Sie grandios in eine Szene einsteigen und den Schauplatz sofort etablieren — Zwei Beispiele

Dabei könnten Sie, wenn Sie sich die Extra-Minute gönnen, um sich ein treffenderes Bild zu überlegen, genau wie im Film knapp in eine Szene einsteigen oder, darum geht es ja heute, Ihre Leser in den Schauplatz einführen.

Wie Sie das grandios gut machen können, sehen Sie in diesem Trailer zum Neustart des Mad-Max-Franchise, »Mad Max: Fury Road« (Australien 2015 / Drehbuch: George Miller, Brendan McCarthy, Nico Lathouris; Regie: George Miller)

Erste Einstellung: Wüste, altes Auto mit sonderbarem Zusatztank, Eidechse – mit zwei Köpfen. Allein die Eidechse in der Wüste genügt, dass der Leser weiß: Mit dieser Welt ist etwas eindeutig nicht in Ordnung. Erste Handlung: Der einsame Mann, den man nur von hinten sieht, zertritt die Eidechse.

Ein anderes herrliches Beispiel stammt aus dem Film »The Social Network« (USA 2010 / Drehbuch: Aaron Sorkin; Regie: David Fincher)

Der Regisseur stand vor der Aufgabe, einen Wechsel der Stadt – von der Universität Cambridge zum Campus in Stanford – zu zeigen. Die umständliche und langweilige Variante wäre ein Flug über die Stadt und die Uni. Die Variante eines faulen Autors wäre es, die erste Einstellung einfach zu untertiteln: »Stanford, Kalifornien«.
David Fincher weiß etwas Besseres. Er zeigt ein Bett mit zwei jungen Menschen. Eine junge Frau springt auf und läuft ins Bad. Man sieht sie von hinten, sie trägt nichts als einen roten Slip. Darauf prangt der Schriftzug der bekannten Elite-Uni, »Stanford«.
Diese Einführung des Schauplatzes hat gleich mehrere Vorteile:
1. Sie geschieht beiläufig.
2. Sie etabliert nicht nur die Stadt, sondern sofort auch das studentische Milieu.
3. Sie ist überraschend.
4. Sie ist sexy.
Vor allem aber sagt sie uns, 5., bereits eine Menge über den Charakter, der da noch im Bett liegt und im Folgenden eine wichtige Rolle im Film spielt.

Was Sie als Autor und Romanschriftsteller darüber hinaus können — und sogar noch besser

Zweiköpfige Eidechsen und Unterwäsche mit Schriftzug – das können Sie als Roman-Autor auch. Jetzt kommt das richtig Gute: Als Roman-Autor können Sie sogar noch viel mehr.
Denn die Beispiele bislang haben den Schauplatz jeweils nur visuell eingeführt. In einem Roman aber stehen Ihnen sämtliche Sinne zur Verfügung. Und die sollten Sie nutzen!

Selbst solche guten Einführungen wie die oben beschriebenen nutzen sich ab. Klar, der Sehsinn ist unser prominentester (ob es der wichtigste ist, darüber kann man streiten). Daher macht es Sinn, ihn am häufigsten zu verwenden. Doch zwischendurch tut es Ihrem Roman gut, wenn Sie weitere Sinne benutzen. Denn auch damit können Sie – Ideen und die Überwindung der eigenen Faulheit vorausgesetzt – blitzschnell Schauplätze etablieren.

Beispiele:
Eine heruntergekommene Kneipe führen Sie über Geruch ein. Diese Mischung aus abgestandenem Bier, noch abgestandenerem Rauch und dem Rasierwasser des Mannes hinterm Tresen.
Ein Schiff führen Sie ein über ein Glas, das auf einem Tisch hin und her rutscht, während darüber eine Lampe im selben Rhythmus schwingt. Über das schwindelerregende Gefühl unter den Füßen des Charakters.
Ein Freibad bei großer Hitze führen Sie ein über das Gefühl von Schweiß, der von der Stirn ins Eis tropft und dem Geschmack von Vanille, der sich mit Salz aus den Schweißtropfen mischt.

4 Vorteile, die Ihnen diese Methode bei der Etablierung eines Schauplatzes für Ihren Roman bietet

Diese Methode bietet Ihnen mehrere Vorteile:
1. Sie holen den Leser sofort in die Szene hinein.
2. Sie können ohne Umschweife mit der Handlung loslegen.
3. Sie geben Ihren Charakteren mehr Material, mit dem sie arbeiten können. Sehen Sie Ihren Schauplatz ruhig mal als einen Haufen von Requisiten, die die Charaktere benutzen können.
3. Sie machen jede Szene einzigartig.
4. Sie können zu dem Schauplatz zurückkehren und sehr schnell und sehr einfach Veränderungen zeigen. (Beispiel. Anderes Rasierwasser — Mann hinterm Tresen hat neue Freudin)

Sie sehen, Sie sind besser als jeder noch so gute Hollywood-Film. Wenn Sie nur wollen.

Na los, dann wollen wir mal …!

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


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??? Meine Frage an Sie: Wie kann man Schauplätze noch schnell und stark einführen? Beispiele? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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