… und plötzlich ist der Held schlauer als der Leser

Dramatische Ironie verkehrt

Dramatische Ironie, klassisch

Stellen Sie sich eine Droge vor, die es Ihnen erlaubt, schöne Erinnerungen eins zu eins nachzuerleben. Wie diese Droge ganz Amerika in ein Heer von Süchtigen verwandelt und wie ein ebenfalls süchtiger Ex-Cop einen Mord aufzulösen versucht, darum geht es in Dan Simmons’ SF-Thriller »Flashback« (Quercus 2011). Der Roman wird aus den Perspektiven mehrerer Charaktere erzählt – eine Vorgehensweise, die die Verwendung von dramatischer Ironie am einfachsten macht.

So werden auch die Perspektiven von Val, Sohn des Ex-Cops und Protagonisten Nick Bottom, und dessen Großvater dargestellt. Das erlaubt es Autor Simmons, dem Leser Informationen zu geben, die Nick nicht hat. So weit, so bekannt. Was mir in diesem Roman jedoch zum ersten Mal aufgefallen ist – obwohl dieser Kniff häufig angewendet wird –, ist die Verkehrung der dramatischen Ironie in ihr Gegenteil: Ab einer bestimmten Stelle schlägt das Ruder herum und auf einmal weiß Nick etwas, was der Leser nicht weiß.

Der Moment, wo die eine Variante in die andere umschlägt

Beide Varianten – Leser weiß mehr als Charakter, Charakter weiß mehr als Leser – treten häufiger in ein und demselben Roman auf. Das Interessante hier, was wir uns näher ansehen, ist der Moment, wo die eine Variante in die andere umschlägt. Nick hat offenbar etwas vor, will ein Treffen mit dem Bürgermeister. Anscheinend hat er eine Ahnung, wer der Mörder ist. Waren wir bislang immer tief in seinen Gedanken drin, enthält er uns auf einmal vor, was er weiß und was er vorhat.
In »Flashback« geschieht dieses Umschwenken nach 79 % des Romans (diese Prozentangaben beim Kindle sind für uns Autoren ein schöner Vorteil gegenüber Papierbüchern), also kurz vor Ende des zweiten Akts. Sprich: An einer Stelle, wo die Spannung sowieso schon extrem hoch ist. Durch dieses Kippen des Informationsstands zieht der Autor die Spannungsschraube noch ein Stück weiter an.

[unten geht’s weiter im Text …]



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Vorteile dieses Vorgehens

Wieso sorgt dieses Vorgehen für mehr Spannung? Der Leser ist es gewohnt, dass er mehr weiß als Protagonist Nick. Auf einmal aber drehen sich die Verhältnisse um – eine große Veränderung. In einem Roman sind es vor allem die Veränderungen, die dem Leser das Gefühl geben, die Geschichte gehe voran. Auch dieses Umschalten im Informationsstand gibt dem Leser das Gefühl, dass hier gerade etwas Einschneidendes geschieht.
Das Verführerische daran für Sie als Autor: Sie können diese Methode auch dann anwenden, wenn tatsächlich gar nichts wirklich Einschneidendes geschehen ist. Allein das Gefühl beim Leser ist entscheidend, um für mehr Spannung und Suspense zu sorgen.
Hinzu kommt: Das Kippen im Informationsstand kommt für den Leser unerwartet. Überraschungen aber sind einer der wichtigsten Bestandteile im Autoren-Repertoire. Insbesondere in Thrillern wie »Flashback« erwartet der Leser gegen Ende Unerwartetes.

Nachteile dieses Vorgehens

Leider, wie meistens, birgt auch diese Methode Nachteile. Mancher Leser mag sich verschaukelt fühlen, plötzlich und scheinbar grundlos ausgestoßen aus den Gedanken des Protagonisten.
Vor allem aber erfordert das Vorgehen, wie auch »Flashback« zeigt, am Ende eine längere Erklärung durch den Protagonisten: Wie hat Nick herausgefunden, wer der Mörder ist? Denn den Weg, wie Nick zu seinen Schlussfolgerungen gekommen ist, will der Leser in jedem Fall nachvollziehen können. In »Flashback« bedeutet das im Höhepunkt ein Anhalten der Handlung und einen – angesichts der Situation in der Höhle des Löwen (Gegenspielers) – nicht sehr glaubhaften Monolog des Protagonisten.

Sie erkennen diese Situation wieder? Richtig, in vielen weniger gelungenen Romanen oder Filmen ist es der Schurke, der den Monolog hält, um sein Verbrechen zu erklären. Auch diese Situation wirkt in den meisten Fällen aufgesetzt und nicht authentisch. Denn die Erklärung ist ja offenkundig vor allem an den Leser gerichtet und durchbricht so die Geschlossenheit der Handlung.

Empfehlungen

Falls Sie darüber nachdenken, in Ihrem Roman ein solches Umkippen des Informationsstands zwischen Leser und Protagonist zu verwenden: Versuchen Sie, eine im Nachhinein und vor allem durch Handlung verständlich werdende Variante zu schaffen. Im Fall von »Flashback« könnte das beispielsweise heißen, dass Nick durch das, was er tut, die Erklärung für das Ergebnis seiner Ermittlungen liefert – also den von ihm ermittelten, dem Leser aber noch unbekannten Mörder erschießt und seine verbale Erklärung auf zwei, drei Sätze beschränkt.
Das aber erfordert eine sehr gut durchdachte Konstruktion. Denn je weniger der Leser arbeiten muss, desto mehr müssen Sie als Autor schuften. Desto eher machen Sie den Leser zu einem Süchtigen, der nicht genug von Ihren Büchern haben kann.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014

1. PS: Ein schönes Detail aus dem Roman »Flashback« sind die Süchtigen, die sich im Keller einer alten und längst leergeräumten Buchhandlung wie in einer Opiumhöhle ihren Erinnerungen hingeben – und die ersten Male nacherleben, die sie ihre Lieblingsbücher gelesen haben.

2. PS: Wer den wunderbaren Autor Simmons noch nicht kennt: Bitte nicht diesen Roman kaufen! Die Story wird zu oft von reaktionären, dumpfen und, für einen so klugen Autor wie Simmons, erstaunlich dummen Botschaften zum Anhalten gebracht. Was dann leider den Eindruck erwecken muss, hier spräche nicht das lyrische Ich, sondern tatsächlich der Autor. Über Botschaften in Romanen schreibe ich vielleicht demnächst mal …


??? Meine Frage an Sie: Welche Vor- oder Nachteile bringt dieses Umkippen der Informationsverhältnisse noch ein? Kennen Sie Beispiele aus Film oder Buch? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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