Schlupflöcher im literarischen Gesetz

Wann passive Charaktere besser sind als aktive

Ein passiver Protagonist ist der Tod Ihres Romans.
Ende.

Verdammt kurzer Artikel. Wenngleich lang genug für einen sonnigen Montagmorgen. Und dennoch unbefriedigend. Hm …

Neuer Versuch.

Auch wenn obige Weisheit zu den wenigen Aussagen zum Schreiben gehört, die in die Nähe eines Gesetzes kommen, so gibt es auch hier Schlupflöcher. Schreiben ist ein wenig wie Steuern zahlen. Ober sie eben nicht zahlen, den Schlupflöchern sei Dank.

Was ist das Problem mit der Passivität des Protagonisten? Was meine ich überhaupt mit Passivität?
Ein passiver Protagonist hat kein Ziel.
Falls er ein Ziel hat, verfolgt er es nicht. Oder nicht hinreichend intensiv.
Die Folge: Das vorgebliche Ziel ist gar keins. Denn – Umkehrschluss – wäre es eins, würde der Charakter ja alles daransetzen, es zu erreichen.
Passive Charaktere sind nicht hinreichend motiviert.
Auch hier: Wären sie es, würden sie aktiv werden.
Die Einsätze – die Dinge, die auf dem Spiel stehen – sind nicht hoch genug.
Wären sie es, würde der Protagonist aktiv werden.
Protagonist?
Nein. Denn in dem Wort steht das Aktive schon drin. Ein passiver Protagonist ist keiner, bestenfalls ein Tagonist. Die Lateiner unter ihnen dürfen sich mit diesem Wortstummel herumschlagen.
Passive Charaktere schaffen es in den meisten Fällen nicht, beim Leser starke Emotionen auszulösen. Mal abgesehen von Ärger: »Wieso kriegt dieser Sack nicht endlich den Hintern hoch und tut etwas?« Die Folge: Passive Charaktere sind oder werden im Lauf des Romans unsympathisch. Sie sind vermutlich einer der wichtigsten Gründe, warum ein Roman nicht zu Ende gelesen wird.
Ein passiver Protagonist gerät häufig nicht in Konflikte, auch das kann für den Roman fatal sein.
Hier allerdings gibt es viele Ausnahmen. Gerade zu Beginn eines Romans stolpern viele Protagonisten (die sich diesen Namen im Lauf des Romans durchaus verdienen) in Situationen, in denen sie zunächst nur passiv sind.
Schwerer allerdings haben es passive Charaktere dann, wenn es um die Eskalation von Konflikten geht.

Genau hier, bei den Konflikten, finden sich dann auch die ersten wichtigen Schlupflöcher im Gesetz des aktiven Protagonisten.

[unten geht’s weiter]
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Passivität ist dann erlaubt und kann sogar ein starkes Instrument, wenn sich durch das Nichtstun des Charakters der Konflikt noch verschärft. Und – denken Sie daran, dass Sie möglichst die stärkste Variante finden – diese Verschärfung sollte größer sein, als wenn der Charakter aktiv geworden wäre.
Beispiel:
Ein Ehestreit. Die Frau wirft dem Mann vor, er rede nicht mit ihr. Statt nun mit ihr darüber weiter zu streiten und den Konflikt dadurch eskalieren zu lassen, kann der Mann weiter schweigen – und die Frau noch mehr aufbringen. Durch nichts hätte er den Konflikt hier besser anstacheln können, als mit dem weiterzumachen, was seine Frau ihm vorwirft. Insofern ist Passivität hier tatsächlich die beste Variante.

Wichtig bei passiven Charakteren ist, dass die Handlung weiter voranschreitet und sich die Dinge im Roman spürbar verändern. Das erreichen Sie dadurch, indem Sie der passiven Hauptfigur (die ja noch kein Protagonist ist) einen aktiven Antagonisten gegenüberstellen. Der Antagonist treibt die Handlung voran, er wird – zumindest für eine Weile – zum eigentlichen Protagonisten.
Beispiel:
Ein Schüler provoziert einen Klassenkameraden wieder und wieder. Der Kamerad – die Hauptfigur Ihres Romans – versucht, der Provokation durch Nichtstun entgegenzutreten. Die vermeintliche Passivität wird zu einer Reaktion, einer Handlung.
Ähnliche Fälle eignen sich hervorragend, Emotionen sich anstauen zu lassen – hier bei der Hauptfigur, aber auch beim Leser. Wehr dich doch, feuert der Leser den passiven Schüler an, schlag zurück! Die Erwartung eines Ausbruchs aus der Passivität sorgt für Suspense.
Nicht vergessen dürfen Sie, für Eskalation des Konflikts zu sorgen. In diesem Fall würden Sie die Provokationen immer weiter verschärfen.
Und: Die Handlung muss ebenfalls voranschreiten, der Leser muss Veränderungen erkennen. Das könnten Sie in dem Beispiel etwa dadurch erreichen, dass Sie die Emotionen des provozierten Schülers zeigen und wie er mehr und mehr unter den Angriffen des Antagonisten leidet.
Dieses Hineingehen in den passiven Charakter ist ein zentrales Mittel, den Roman zu retten. Wenn Sie keine äußeren Handlungen des Charakters zeigen, müssen Sie dem Leser die Veränderungen im Inneren des Charakters nahebringen. Nur auf diese Weise bauen Sie Suspense auf – indem Sie deutlich machen, dass der passive Charakter der Explosion immer näher kommt. Und: Nur auf diese Weise gelingt es Ihnen, den Charakter beim Leser weiter als sympathisch erscheinen zu lassen. Der Leser darf sich nicht permanent fragen, warum der Junge nicht endlich etwas unternimmt. Liefern Sie ihm überzeugende Gründe dafür.

Irgendwann aber muss die Passivität in Aktivität kippen, es zu einer Reaktion kommen und danach möglichst zu einer selbst angestoßenen, also unprovozierten Aktion. Nur so nämlich verdient ein solcher, lange Zeit passiver Charakter sich ein gutes Ende, nur dann empfindet es der Leser als poetisch gerecht.

Nur dann haben Sie Ruhe vor der literarischen Steuerfahndung.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

PS: Ich freue mich, wenn Sie einen Blick in meinen neuen Roman werfen …

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Wann ist ein passiver Charakter noch besser als ein aktiver? Beispiele? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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