Frodos vergessene Darmspiegelung
Mittwoch, Mai 16th, 2012Wie die idealisierte Vergangenheit des Helden Ihren Roman besser macht
Der Besuch von Gandalf im Auenland hat die idyllische Welt von Hobbit Frodo in Unordnung gebracht (»Der Herr der Ringe«). Dass sie von ihrem Chef vom Schießstand in sein Büro zitiert wird, sorgt für eine Störung im Leben der FBI-Agentin Clarice Starling (»Das Schweigen der Lämmer«). Der Raumfrachter Nostromo findet ein havariertes Raumschiff mit einem toten Piloten nicht menschlicher Herkunft (»Alien«).
Solche Ereignisse, die einen Roman in Gang setzen (auslösendes Ereignis, inciting incident), zwingen den Helden zum Handeln. Sein Ziel ist es, die alte Weltordnung wiederherzustellen. Sein Leben in die geordneten Bahnen zurückzuführen, in denen es bis vor dem Ereignis verlaufen ist.
Dieses Bemühen hält nicht nur den Roman am Laufen. Es fußt in vielen Fällen auf einer Illusion, einer gängigen psychologischen Reaktion. Sie können sich diese zunutze machen.
Die uninteressante Variante: Der Held sieht sein altes Leben so, wie es tatsächlich und objektiv war. In vielen Fällen genügt Ihnen das, um einen guten Roman zu schreiben.
Spannender, weil konfliktträchtiger aber ist diese Variante: Kaum wird dem Helden sein normales Leben unter den Füßen weggerissen, verklärt er den alten Zustand in seiner Erinnerung: meine Ehe war besser, meine Kinder waren netter, meine schrottreifes Auto war ein Klassiker. Ein gewöhnlicher Trick unserer Psyche: Was man nicht (mehr) haben kann, erscheint einem viel erstrebenswerter.
Vermutlich war Frodos Leben im Auenland gar nicht so idyllisch. Sicher gab es Unfälle und Verletzungen, Liebeskummer, Einsamkeit, Krankheiten und Tode geliebter Menschen. Für Frodo aber ist das Auenland das Paradies – zumindest erscheint es ihm so, nachdem Gandalf sein Leben zerrüttet hat, indem er ihm von dem Einen Ring, seiner furchtbaren Macht und seinem schrecklichen Eigentümer erzählt.
Die Folge: Der Roman wirkt durch diese psychologische Ergänzung authentischer und Frodo wird noch entschlossener und härter um den Rückgewinn des alten Zustands kämpfen. Er wird beiseiteschieben, dass ihm oft langweilig war. Dass er ein Mädchen liebte, das ihn abgewiesen hat. Dass er nach seiner Rückkehr dringend mal wieder eine Darmspiegelung machen sollte.
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Für Sie heißt das, Folgendes zumindest einmal durchzuspielen: Geben Sie Ihrer Heldin tüchtig Illusionen über ihr vormals perfektes Leben, lassen sie sie von einer alten Beziehung schwärmen. Umso besser, wenn sich ihr Leben als gar nicht so perfekt entpuppt. Wenn die Vergangenheit sie einholt und der so idealisierte Ex-Mann sich als ein gefährlicher Psycho herausstellt. Denn dann ist der Kontrast zwischen der subjektiven Idylle und den objektiven Schrecken umso krasser – und konfliktreicher.
Wenn diese Idealisierung der Vergangenheit Ihren Roman mit mehr Spannungen auflädt, nur rein damit!
Das Ganze nutzt freilich nur dann etwas, wenn Sie dem Leser dieses Spannungsverhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit zumindest andeuten. Etwa indem Sie nach und nach das Ideal auseinandernehmen und mehr und mehr der objektiven Vergangenheit ans Tageslicht zerren. Das kann subtil geschehen, es kann aber auch den Roman bestimmen.
Verwandt mit dieser psychologischen Falle der Idealisierung ist eine weitere: Die Angst der Menschen vor Veränderungen. Diese führt, in Romanen auf psychologischer Grundlage, zu jener berühmten Absage des Helden an den »Ruf«, sprich: Der Held verweigert sich dem zentralen Romanproblem erst einmal. Er will nicht noch tiefer in den Schlamassel hineingezogen werden und baut darauf, dass die Dinge von allein oder zumindest ohne größeren Aufwand ins rechte und vertraute Lot einschwingen.
Der Held rechnet hier damit, dass die (idealisierte) Ordnung der Vergangenheit so massiv ist, ihr Sog so unwiderstehlich, dass sie von selbst wieder den Urzustand erreicht.
Er wird schmerzlich erkennen müssen, dass er sich irrt. Und der Roman geht richtig los.
Springen wir vom Anfang des Romans an sein Ende. Dort wird, bei einem glücklichen Ende, die Ordnung wiederhergestellt. Doch die entspricht nicht der alten, kann es nicht, denn der Held hat sich verändert. (Ausnahme: In Komödien scheitert manchmal nicht der Held an der Welt, sondern die Welt am Helden. Mit der Folge, dass er genau seinen alten Zustand oder die idealisierte Form davon erreicht.)
Bei einem unglücklichen Ende scheitert der Held, er erreicht keine Ordnung mehr, nicht die alte und auch keine neue. Sein Leben liegt in Scherben und es wird sich keine Vase mehr daraus fügen, egal, was er anstellt.
Eine Steigerung des unglücklichen Endes, für besonders gemeine Autoren, könnte so aussehen: Der Held schafft es am Ende, seinen alten, idealisierten Zustand zu erreichen. Ein Happy End? Im Gegenteil. Denn das, was sich den Roman hinweg als schöner, perfekter, erstrebenswerter dargestellt hat, erkennt der Held nun als Illusion. Sein altes Leben, das er wiederhat, ist eine Katastrophe. Bleibt zu hoffen, dass ein weiteres auslösendes Ereignis ihm erneut die Chance gibt, daraus auszubrechen. Doch wird er dazugelernt haben?
SW
(C) Stephan Waldscheidt 2012
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PS: Ein Gutachten von Exposé oder einer Textprobe aus Ihrem Roman hilft Ihnen weiter - bevor Sie den Roman schreiben oder zumindest bevor Sie ihn an Agenten oder Verlage schicken. Es erspart Ihnen viel unnötige Arbeit in die falsche Richtung, Zeit und Frustration und wird Ihren Roman deutlich stärker machen. Versprochen.
“Ich bin total beeindruckt mit wie viel Sorgfalt Sie sich mit meinem Text auseinandergesetzt haben. (…) Mein Mann, der noch mehr liest als ich, hat sich Ihr Gutachten inzwischen auch durchgelesen und sagt, als Schreiblaie habe er ganz viel gelernt.” (U. Wohlfahrt)
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??? Meine Frage an Sie: Welche Beispiele kennen Sie, wo sich die idealisierte Vergangenheit des Helden als Trug entpuppt? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …

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