Achtung: Autoren, die richtig gut schreiben können, bitte herhören! <! -- stilitisch sprachlich besser schreiben -->

Eine neue Sichtweise auf die alte Regel »Kill your darlings«

Wunderbar, wenn man beim Lesen den Eindruck hat, ein Autor könne so richtig gut schreiben. Jeder seiner Sätze macht Spaß. Wow, wenn wir doch auch solche Kleinodien aufs Papier laufen lassen könnten! Simon Urban kann richtig gut schreiben. Das ist mir auf den ersten Seiten seines Romans »Plan D« (Schöffling 2011) klargeworden.

Und dann wurde mir noch etwas klar, etwas weniger Schönes. Urban weiß, dass er gut schreiben kann. Was für sich genommen noch keine Schande ist. Aber ein Problem werden kann. Für den Roman, für die Leser – und für den Autor.
Ob es ein Problem wird, hängt auch damit zusammen, in welchem Genre der Autor schreibt. Ein literarischer Roman mag mehr Wörter vertragen als ein Thriller, der den Leser atemlos durch seine Seiten jagen will.
Urbans Roman ist kein Thriller. Da der Mann diverse literarische Preise und Stipendien gewonnen und am Literaturinstitut Leipzig studiert hat, nehme ich mal an, mit dem Roman verfolgt er vordringlich einen literarischen Anspruch. Auch das ist für sich genommen noch keine Schande. Und ebenso wenig, was mir ein unbeabsichtigter Buchstabendreher bewusstmachte, ist es immer ein Schaden. Zumal sich die ersten Seiten von Plan B sehr süffig lesen und ebenso gut wie klug unterhalten.

Ah. Diese Süffigkeit! Sie entsteht obwohl oder weil, da bin ich mit mir noch uneins, der Autor nicht knapp erzählt, sondern eher geschwätzig. Hier wird noch ein Detail in die Tasten gehauen, da eine Beobachtung des Erzählers eingeflochten, die für die Handlung irrelevant ist und weder die Charaktere noch das Thema vertieft. Womit wir beim oben angesprochenen Problem wären. Ein Autor, der gut schreibt und das auch weiß, ist besonders anfällig für Geschwätzigkeit. Die unterstelle ich Urban nicht. Anders wäre es, wenn sein Roman auf den ungeduldigen Thriller-Leser abzielte.

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Sehen wir uns einen Ausschnitt an aus »Plan D« an. Und dann redigieren wir die Stelle, als wäre der Roman ein Thriller und wir ein Lektor, der aufs Tempo drücken (und der Herstellung zweihundert Seiten sparen) will.

Voss müffelte. Bislang hatte Wegener nur davon gehört, dass Voss müffelte, jetzt roch er es. Voss müffelte nach ungewaschenen Elasta-Feinripp-Unterhemden aus dem VEB Sigmund Jähn, nach filterlosen Karo-Kippen, nach Zwiebeln, Knoblauch, Zahnstein, nach der penetranten Sorge um die exakte Einhaltung der Straßenverkehrsrichtlinien und nach irgendwas anderem, das Wegener nicht identifizieren konnte. Vielleicht ein letzter, trauriger Rest Florena Sport Deodorant, der die Schlacht gegen Buttersäure, Tabak und verschiedene Gemüse aus der Familie der Lauchgewächse vor Tagen verloren hatte und sich jetzt möglichst unauffällig verflüchtigen wollte.

Voss müffelte. Wird im nächsten Satz gesagt. Kann wegfallen. Das dritte müffelte kann ebenfalls raus. Alle drei »müffelte« haben sprachlich jedoch durchaus ihre Berechtigung. In einem Thriller aber ist die Sprache nicht das entscheidende Kriterium, sondern der Thrill. (Man sollte solche literarischen Romane vielleicht dementsprechend »Sprachler« nennen.)
Der letzte Satz über das Deodorant will noch einen draufsetzen. Stattdessen überlädt es den Abschnitt. Denken Sie immer daran: Zu viele Bilder und Eindrücke behindern sich gegenseitig. Nehmen Sie die stärksten, die entscheidenden. Wenn Sie immer mehr draufpacken, nehmen Sie den besten mehr von ihrer Wucht. Die Vielfalt der Gerüche, die Urban hier aufführt, hat aber auch gerade in ihrer Menge ihre literarische Berechtigung.
Und: Auch Absätze und sogar Sätze sollten Sie dramaturgisch aufbauen. Mit dem Höhepunkt oder der Pointe am Schluss. Noch ein Grund, den letzten Satz zu streichen. Und damit auch den anderen Geruch, den Wegener nicht identifizieren kann. Die Pointe ist, ganz klar, die penetrante Sorge um die exakte Einhaltung der Straßenverkehrsrichtlinien. Wobei man die beiden Adjektive im Satz je nach Gusto auch noch streichen könnte. Ich würde nur das »exakte« streichen.

So läse sich der Absatz, wenn Urbans Roman ein Thriller wäre:

Bislang hatte Wegener nur davon gehört, dass Voss müffelte, jetzt roch er es: ungewaschene Elasta-Feinripp-Unterhemden aus dem VEB Sigmund Jähn, filterlose Karo-Kippen, Zwiebeln, Knoblauch, Zahnstein und die penetrante Sorge um die Einhaltung der Straßenverkehrsrichtlinien.

Von 646 Anschlägen und 87 Wörtern zu 274 Anschlägen und 37 Wörtern. Mit einer echten Pointe am Ende. Das ist schon eher Thriller-Format.

Autoren, die gut schreiben können, sollten noch weniger selbstverliebt sein als andere. Obwohl sie es, und das ist die Tragik darin, ja durchaus verdient hätten.
»Kill your darlings«, diese berühmte Schreibregel, die zum gnadenlosen Umgang mit den eigenen Lieblingsstellen im Text auffordert, bekommt bei überzogener Selbstliebe eine neue Dimension: Denn dann heißt »Kill your darlings« nichts anderes als: Bring den selbstverliebten Autor in dir zum Schweigen.

SW

(c) Stephan Waldscheidt 2013

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