Als ich erwachte, lag ein toter Plot neben mir

Wie Sie Ihren Roman noch spannender beginnen

Gestern im Buchladen habe ich ein Buch aufgeschlagen. Im ersten Satz erwacht gerade jemand. Danach kam ein kurzer Rückblick, was am Tag davor passiert ist. Ich weiß nicht mehr, wie das Buch hieß oder von wem es war, ich habe es nach zwei Sätzen weggelegt und vergessen.
Mag sein, der Autor hat sich an die gute, alte Regel gehalten, »Fang mit einer Störung im Alltag deines Helden an«. Und mag auch sein, der Autor ist so sensibel, das für ihn das Erwachen jeden Morgen eine gewaltige Störung in seinem ansonsten ruhigen, bewusstlosen Leben darstellt.
Ich muss gestehen, ich bin nicht so sensibel. Ich freue mich, dass und wenn ich morgens aufwache, aber die erste echte Störung kommt für mich meist erst in Form eines knurrenden Magens. Und selbst den würde ich meinen Lesern nicht zumuten.

Ihre Leser sind ebenfalls nicht so sensibel. Denen müssen Sie schon mehr bieten als einen Typen, der gerade aufwacht. (Die gern gewählte Alternative, bei der jemand gefesselt in einem dunklen Verlies aufwacht, ist genauso schlecht, dafür um einiges melodramatischer und so klischeehaft, dass jedem, der seinen Roman so beginnt, ein Leben lang die Lizenz zum Schreiben entzogen gehört. – Und kommen Sie mir jetzt bloß nicht damit, dass das Erwachen ja dazu dient, den Alltag des Helden zu etablieren. Sechs! Ja, auch für Sie als Walldorfschüler. Ab in die Ecke und dort bleiben Sie so lange, bis Sie zur Vernunft gekommen sind!)

Genug aufgeregt. Mikael Niemi fängt seinen Roman »Erschieß die Apfelsine« (btb 2013) mit einer besonderen Art einer Störung an.
Der Roman beginnt so:

Dinge, die man beachten sollte, wenn man sich verliebt.
Erstens: Verlieb dich nicht.

Der Held ist sechzehn, unglücklich in das hübscheste Mädchen der Schule verliebt, und von dem hat er sich gerade einen gewaltigen und maximal blamablen Korb eingefangen. Der Blumenstrauß, den er ihr geben und den sie nicht haben wollte, muss nun dran glauben.
Das kurze Anfangskapitel endet so:

Schließlich hole ich die Blumenreste aus meiner Schultasche, sie sind verwelkt und stinken nach Beerdigung. Ich radle ins Industriegelände und finde eine Kiesgrube, in die ich sie werfe. Dann kippe ich eine Flasche Spiritus darüber, die ich aus dem Putzschrank geklaut habe, ich gieße die Flüssigkeit über die Stiele, ertränke die Blumenblätter. Anschließend werfe ich ein Streichholz. Das flackert auf, eine blaue Flamme schießt hoch, dann knistert es und fängt an zu rauchen. Eine Weile bleibe ich so stehen und sehe es brennen, mein sechzehnjähriges Leben. Ich opfere es. Alles verschwindet, verkohlt. Tränen steigen mir in die Augen, aber ich kann nichts machen. Alles muss weg, ausradiert werden. Bald bleibt nur noch ein ekliger, glimmender Haufen zurück.
Ein Kerl, der auf dem Rad vorbeifährt, starrt mich an und ruft:
»Was machst du denn da?«
»Würstchen grillen«, antworte ich.
Das kommt direkt aus dem Bauch. »Würstchen grillen.«
Mit einer Stimme, die neu, frech und mutig klingt. Eine Rebellenstimme. Sie scheint noch zu groß zu sein, trägt nicht so recht. Ich weiß noch nicht, ob mir das gefällt. Aber jetzt ist es zu spät, ich verlasse das glimmende Grab und radle nach Hause. Alles um mich herum ist frisch und neugeboren. Reingewaschen.

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Das Interessante an diesem Anfang ist, dass er eine Störung enthält, aber nicht nur. Er beinhaltet auch etwas, auf das viele Romane erst hinarbeiten, etwas, was sie erst am Ende nach einem für den Held äußerst anstrengenden Plot erreichen: eine Veränderung. In diesen wenigen Seiten des Anfangskapitels spielt sich eine ganze Geschichte ab. Von der Störung – dem unglücklich Verliebtsein – bis zur Veränderung des Helden durch die große Blamage.
Übrigens: Statt das Anfangskapitel dröge mit »Prolog« zu betiteln, heißt es bei Niemi »Ein paar Ratschläge, bevor ich sterbe«. Wenn Sie mich fragen (und das tun Sie, sonst wären Sie nicht hier, vielen Dank), schlägt dieser Titel jedes »Prolog« um mehr Längen als der Deutschland-Achter eine ertrinkende Nacktschnecke.

Wäre das auch etwas für Ihren Roman? Nein, ich meine nicht die Ruderer und auch nicht die Nacktschnecken. Ich spreche von der Veränderung. Sie ist die maximale Störung im Leben (neben dem Tod, aber der ist durchaus auch eine Veränderung).
Was nicht heißt, dass dies die einzige Störung im Leben des Helden bleiben sollte. Er darf sich durchaus noch einmal wandeln. Sogar wieder zurück zur Ausgangsposition. Vieles ist möglich.

Nehmen Sie sich Ihren Helden vor, drehen und wenden Sie ihn. Würde ihm eine – glaubhafte und nachvollziehbare – Veränderung am Anfang guttun? Würde sie den Rest des Wegs durch den Plot noch interessanter, spannender, gefühlsintensiver machen?
Und: Eine Veränderung des Helden, wie hier bei Niemi, ist womöglich gar keine! Sie mag nur im Kopf des Helden stattfinden, nur Wunschdenken sein.
Und auch dieser Gedanke macht den Roman für den Leser lesenswerter. Er will herausfinden: Hat sich der Held tatsächlich gewandelt? Oder sitzt er nur einem gewaltigen Irrtum auf? Täuscht er sich selbst oder will er sogar mich, den Leser, täuschen, Stichwort »unzuverlässiger Erzähler«?

Sie sehen, ein Romananfang bietet mehr spannende Möglichkeiten, als man zunächst glaubt. Und wenn Ihr Held anfangs wirklich keine größere Störung erfährt als das Erwachen – lassen Sie ihn schlafen und schreiben Sie über jemand Interessanteres.

SW

(c) Stephan Waldscheidt 2013

PS: Kurze Pause im Blog. Den nächsten Artikel gibt es am 25. Februar. Danke fürs Lesen und Kommentieren. Ich freue mich auf eure besseren Romane!

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??? Meine Frage an Sie: Eine Veränderung des Helden gleich zu Beginn — fallen Ihnen Beispiele dazu ein? Welche Veränderungen könnten Sie sich vorstellen? Welche Nachteile hat diese Methode? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …

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