Warum Stephen King Erfolg hat – und andere nicht

Warum ist Stephen King so erfolgreich, andere Autoren, die vergleichbare Geschichten erzählen, sind es nicht? Bei der Lektüre eines Romans von Scott Nicholson »The Red Church« (Haunted Computer Books 2009) habe ich darauf einige Antworten gefunden, die auch Ihren Roman besser machen können.

Nicholsons Roman hat einen typischen King-Plot: In einer amerikanischen Kleinstadt geschehen grausige Morde. Zugleich kehrt ein Prediger in die Stadt zurück, den viele für tot gehalten hatten, und schart eine Gemeinde um sich. Er gibt sich für Gottes zweiten Sohn aus, der Sohn, der die Fehler des Ketzers Jesus richten soll. Die Männer und Frauen der Gemeinde sind ausnahmslos Nachfahren der Familien, die einige Generationen zuvor den Vorfahren des Predigers gelyncht hatten. Bald wird klar, dass der Prediger große Macht hat. Und dass er böse ist. Auf der Seite der Guten stehen ein Sheriff und seine Stellvertreterin, zwei kleine Jungen und der Vater der Jungen. Mehr und mehr wird die Vergangenheit offenbart und die Guten rüsten sich zum finalen Kampf gegen die Bösen und das Böse

So weit, so King.

Obwohl Nicholson einige angesehen Preise gewonnen und durchaus erfolgreich schreibt, ist er eben nicht King. Vom Großmeister ist er meilenweit entfernt. Was den Erfolg und auch was die Qualität seiner Erzählkunst zumindest in »The Red Church« betrifft.

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Die folgenden Punkte könnten auch für Ihren Roman wichtig sein:

King ist ein Füllhorn an spezifischen Details, seine amerikanischen Kleinstädte stecken so voller einzigartiger und genau beobachteter Winzigkeiten, dass sich ihre Welt selbst dem Leser erschließt, der nie dort war. Seine Charaktere summen eben nicht nur irgendwas vor sich hin, sondern sie haben einen bestimmten Song im Kopf. Bei Nicholson fehlen spezifische Details fast völlig.

Im Gegensatz zu den vergleichbaren Romanen von King ist das Ensemble von Nicholson begrenzter. Das betrifft weniger die Hauptfiguren und POV-Charaktere – auch da gibt es bei Nicholson eine Reihe – als die Nebenfiguren und Randfiguren, die nur winzige Rollen ausfüllen. Bei Nicholson spielen außer den direkt an der eigentlichen Handlung Beteiligten keine weiteren Akteure mit oder finden auch nur Erwähnung.

Die Schauplätze bei Nicholson sind sehr beschränkt. Der überwiegende Teil der Szenen spielt sich an einem halben Dutzend Orten ab (Schauplätze sind auch Zimmer oder unterschiedliche Bereiche einer Dorfstraße, also keineswegs nur andere Städte).

Diese drei Einschränkungen sind nicht per se schlecht. Es kommt darauf an, wie man damit umgeht und was man damit vorhat. Bei Nicholson ergibt sich daraus jedoch ein sehr eng wirkendes Umfeld und ein Ensemble, das wie aus der Welt gefallen zu sein scheint. Eben: Es fehlt seinem Roman an der Welthaltigkeit. Nicholsons Versuch, ein vollständiges Abbild einer Kleinstadt entstehen zu lassen, funktioniert nicht.

Das Schlimmste aber und das, was mehr als alles andere verhindert, dass Nicholsons Roman ein guter Roman wird, der sich zugleich auch gut verkaufen kann: »The Red Church« ist extrem statisch.

Es fehlen die permanenten Veränderungen, die einen guten Roman zu einem spannenden und abwechslungsreichen Lesevergnügen von der ersten bis zur letzten Seite machen. Zwar bemüht Nicholson eine ganze Reihe von Erzählperspektiven, doch in den wenigsten davon bewegt sich etwas. Die Gedanken der Mutter des Predigers etwa, Ma Beth, die in sicher einem Dutzend Szenen zu Wort kommt, kreisen immer um dasselbe. Und auch zu viele der Charaktere entwickeln sich nicht. Wie etwa eine der Sektenzugehörigen, die in jeder der POV-Szenen von Ma Beth erwähnt wird – und jedes Mal als Schlampe beschrieben wird und jedes Mal damit beschäftigt scheint, entweder den Prediger mit ihrem Ausschnitt zu verführen oder ein anderes Sektenmitglied hinter die Büsche zu zerren.

Selbst bei den Hauptfiguren geschieht in zu vielen Szenen viel zu wenig, sie tun, denken und sagen im Prinzip immer das Gleiche. Für den Roman heißt das: die unverzichtbare Eskalation im zweiten Akt findet kaum statt. Wendepunkte sind hier bloß Änderungen von einem statischen Zustand in den nächsten.
Bei King haben alle POV-Charaktere immer etwas zu tun. Jeder von ihnen treibt die Handlung, seinen Subplot in jeder Szene voran, jeder hat ein klares Ziel. Dass dies in manchen seiner Romane etwas länger dauert, hat King den nicht ganz ungerechtfertigten Ruf eingebracht, seine Bücher seien zu dick – manche sind es, manche nicht. Aber sie sind aus einem anderen Grund zu dick, der bei Nicholsons Roman jedoch weit stärker auftritt und den Roman letztlich zerstört: Nicholson hat zu viele Szenen doppelt, dreifach, vierfach im Roman.

Jede Szene im Roman soll eine bestimmte Mission erfüllen. Wenn sie das tut, gut. Dann aber braucht es nicht noch eine Szene, der dieselbe Aufgabe zukommt. Bei Nicholson etwa hätte eine Szene über Ma Beth genügt, die ihre Ansichten zu ihrem Sohn und zu den Mitgliedern der Sekte / Gemeinde zeigt. Nicholson aber schreibt Szene um Szene mit ein und derselben Mission. Der Roman kommt dadurch kein Stück voran.

Am Ende ist der Roman kaum mehr als eine aufgeblähte Kurzgeschichte.

Achten Sie in Ihrem Work-in-progress darauf, dass nicht nur dauernd etwas geschieht, sondern dass auch die Handlung vorankommt. Unausgesetzt. In jeder Szene. Streichen Sie all die Szenen, die Sie im Prinzip schon einmal geschrieben haben. Sehen Sie diese Streichung als Luxus: Sie können aus der besten der Szenen wählen, die alle ein und dieselbe Mission erfüllen.

Und bringen Sie die Welt in Ihren Roman. Vor allem gelingt das mit spezifischen Details. Denken Sie daran: Die Welt kennt keine Abstrakta wie Baum oder Freiheit. Sie kennt nur halb abgebrannte Hainbuchen und eine Frau, die sich aus ihren Handschellen herauswindet, aus dem Fenster klettert und in ihrem weißen Mini Cabrio in den Sonnenuntergang reitet, äh, fährt.

SW

(C) Stephan Waldscheidt 2012

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PS: Ein Gutachten von Exposé oder einer Textprobe aus Ihrem Roman hilft Ihnen weiter – bevor Sie den Roman schreiben oder zumindest bevor Sie ihn an Agenten oder Verlage schicken. Es erspart Ihnen viel unnötige Arbeit in die falsche Richtung, Zeit und Frustration und wird Ihren Roman deutlich stärker machen. Versprochen.

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??? Meine Frage an Sie: Was macht Stephen King noch erfolgreicher als andere Autoren desselben Genres? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …