Die Erzählperspektive — Abschließend geklärt (Teil 1 von 2)

Heute und im nächsten Artikel gebe ich einige, so ich hoffe, abschließende Antworten zur Wahl der richtigen Erzählperspektive. Auslöser war diese Mail von Blog-Leserin Mel:


Ich schreibe an einem recht komplexen Entwicklungs-/Gesellschaftsroman. Da darin einige Charaktere involviert sind und es mir vor allem um die Darlegung ihrer Entwicklungen geht, wechsle ich auch die Perspektiven (ich schreibe aus personaler Sicht). Es heißt ja immer, dass man, wenn möglich, die Perspektive lediglich pro Kapitel wechseln soll. Ich selbst handhabe es aber so, dass ich auch
öfter innerhalb eines Kapitels pro Szene die Perspektiven wechsle.
Ist das wirklich so verkehrt?
Nur gehe ich immer danach, was für den Leser nun spannender ist, was mehr an Bedeutung hat in dieser Szene: Wessen Gefühle, wessen Fragen.
Beispiel: Person A denkt etwas über Person B. In der nächsten Szene wäre es zwar interessant zu wissen, was Person B dazu denkt, aber noch interessanter wäre es, dem Leser das eben nicht zu verraten und stattdessen Person A verwundert über
Person Bs Verhalten zu zeigen. Würde ich alle Gefühle und Gedanken von Person B mitteilen, wäre die Spannung dahin. Das wäre ein Beispiel für das Treubleiben einer Perspektive – umgekehrt ging es mir aber oft schon genauso. Wäre ich bei Person A geblieben, hätte das wichtige Gefühle von Person B verdeckt, die für die Aussage des Romans aber wichtig sind, etc. Ich gehe also immer nach Aussagekraft.
Ich hab in Ihrem Blog schon von Perspektivwechseln innerhalb eines einzigen Absatzes gelesen (und ich kenne derartige Romane, die ich trotzdem toll finde).
Ist also ein Perspektivwechsel innerhalb eines Kapitels wirklich so schlimm?


Mel spricht einen der Dauerbrenner unter den Themen an. Den Wechsel der Erzählperspektive. Dazu einige Anmerkungen, die das Thema zwar nicht abschließend klären, jedoch in den meisten Fällen die Entscheidung für den Autor leichter machen werden. Und das, liebe Autoren, ist schon ziemlich cool, wie ich finde. Also weiterlesen.

Was bedeutet Erzählperspektive (point-of-view oder POV) überhaupt?

Der Roman-Leser liest eine Geschichte. Diese Geschichte wird ihm erzählt. Wer aber ist der Erzähler?
Die erste Verwirrung sind die unterschiedlichen Möglichkeiten, diese Erzähler einzuteilen. Hier stelle ich kurz die jeweils wichtigsten gegenüber.

1. Ich-Erzähler (1. Person Singular) versus Er-Erzähler (3. Person Singular).

Beispiel Ich-Erzähler:
Gestern Abend war ich mal wieder auf der Pirsch. Hirsche, keine Männer. Als einzige Frau unter lauter Jägermeistern hat man es nicht leicht.

Beispiel Er-Erzähler:
Hanna war gestern Abend mal wieder auf der Pirsch. Hirsche, keine Männer. Als einzige Frau unter lauter Jägermeistern hatte sie es nicht leicht.

2. Auktorialer Erzähler versus personaler Erzähler.

Beispiel auktorialer Erzähler:
Die ganze Stadt schlief. Selbst die Rauchsäulen über den Dächern waren müde geworden, nur hier und da stieg noch eine steil und fest in die Nacht. Unter einer davon lebte Casimir, ein alter Mann, dem das Leben nichts mehr anhaben konnte. Dachte er. Unter einer anderen wischte Violetta gerade zum dritten Mal den Küchenfußboden. Wie immer, wenn sie nicht schlafen konnte, weil ihr One-Night-Stand in dieser Nacht zu laut schnarchte.

Beispiel personaler Erzähler:
Er konnte nicht schlafen. Mal wieder. Was soll’s. Casimir hatte ausgerechnet, dass er in seinem Leben schon siebzehn Jahre mit nichts als Schlaf verbracht hatte. Das sollte reichen, wie er fand.

Neben diesen beiden wichtigsten Unterscheidungen kann man noch die folgenden einander gegenüberstellen:

3. Personaler Erzähler, der von sich erzählt, versus oder personaler Erzähler, der von jemand anderem erzählt.

4. Der personale Erzähler erzählt direkt, das heißt, er ist sich bewusst, dass er erzählt. Oder: Der personale Erzähler erzählt indirekt, das heißt, der Leser erlebt das Geschehen durch die Augen und die Gedanken des Erzählers, ohne dass der Erzähler sich direkt und offen an ein Publikum oder eben den Leser richtet.

Mel selbst wechselt den POV innerhalb eines Kapitels, bleibt aber innerhalb einzelner Szenen dem jeweiligen Erzähler treu. Das ist ein weit verbreitetes Vorgehen, gegen das grundsätzlich nichts einzuwenden ist – denn es funktioniert, wie viele gute Romane beweisen, die so erzählt werden. Um Ihre Frage zu beantworten, Mel: Nein, das ist nicht so verkehrt.

Ob es die optimale Lösung ist, ist eine andere Frage.

Sehen wir uns dazu mal den auch von Mel angesprochenen Fall an: Wechsel der Erzählperspektive innerhalb einer Szene. Darauf aufbauend komme ich weiter unten auf die Frage nach der optimalen Lösung zurück.

[unten geht’s weiter im Text …]



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Warum ist der Wechsel der Erzählperspektive innerhalb einer Szene fast immer ungünstig?

Dazu zwei Grafiken. Das Auge ist das Auge des Lesers.

Auktorialer Erzähler / POV
(Grafik 1: Auktorialer Erzähler & Wechsel POV)

In Grafik 1 sehen wir, wie der Leser – geleitet von einem auktorialen Erzähler – eine Szene überblickt. Der Wechsel in den Kopf eines anderen Charakters ist denkbar leicht. Bildlich gesehen erfordert er nicht mehr als eine kleine Verschiebung des Blicks.

Personaler Erzähler / POV
(Grafik 2: Personaler Erzähler & Wechsel POV)

Ganz anders sieht es in Grafik 2 aus. Hier mutet die Autorin ihren Lesern wesentlich mehr zu als nur eine kleine Blickkorrektur. Sie verlangt von den Lesern bei jedem Perspektivwechsel den Sprung in einen anderen Charakter – und damit in eine andere Persönlichkeit.
Stellen Sie sich das ganz plastisch vor, um zu erkennen, was das für den Leser bedeutet: Er muss mit jedem Wechsel in einen neuen Körper schlüpfen, in eine neue Gedanken- und Gefühlswelt, muss sich andere Weltbilder zu eigen machen. Nur um dann womöglich drei Sätze später schon wieder zum nächsten Charakter weiter zu müssen, wieder mit der kompletten Prozedur: Körper und Geist ausziehen und schnell, schnell in einen anderen Körper mit anderen Gedanken und anderen Einstellungen springen. Klingt anstrengend für mich.

Eine einfache Faustregel, die Sie auch aus der Grafik herauslesen können: Je größer der Abstand zwischen Erzähler und Charakteren, desto unproblematischer können Sie die Perspektive wechseln.

Aber die Anstrengung bleibt nicht die einzige Zumutung. Denn Perspektivwechsel innerhalb einer Szene verwirren den Leser regelmäßig. Mindestens dann, wenn er nicht mehr weiß und auch nicht mehr wissen kann, in wessen Persönlichkeit er denn gerade steckt, wer diesen Gedanken denkt, wer das sieht, was dieser Charakter sieht.
Ein großer Nachteil kommt hinzu: Der Autor verwehrt es dem Leser mit diesen ständigen Wechseln, sich tatsächlich in einer Figur einzurichten. Sich eben tatsächlich die Haut und die Gedanken zu eigen zu machen. Stattdessen hält der Autor ihn auf dem Sprung. Wie sollte da Identifikation mit einem Charakter funktionieren?

Ich frage mich schon lange, was Autoren bewegt, diese häufigen POV-Wechsel durchzuziehen. In den meisten Fällen nämlich fordern weder der Inhalt noch Thema oder Form des Romans dieses Perspektive-wechsel-dich-Spielchen.
Heute Morgen habe ich mir die Antwort gegeben. Ihnen gebe ich Sie in der Fortsetzung zu diesem Artikel. Und Tipps, wie Sie die richtige Erzählperspektive für Ihren Roman finden.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


??? Meine Frage an Sie: Welche Vorteile hat es, innerhalb einer Szene die Perspektive zu wechseln? Gelungene Beispiele? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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