Beweis mir, dass du das Mädchen liebst, Krabat!

Einfache Lösungen für massive Probleme in Ihrem Roman

Viele Filme und Romane sind auf den ersten Blick eine Katastrophe. Alles scheint so miserabel und aussichtslos, dass man sich als einziges Medium für eine Veröffentlichung die tiefste Stelle der Restmülltonne vorstellen kann. Doch dieser erste Blick kann täuschen. In manchen Fällen verstellen grobe Schnitzer und Probleme nur den genaueren Blick auf die Lösungen – die häufig sogar erstaunlich einfach sind.

Erzählerisch eine solche Katastrophe ist der Kinofilm »Krabat« (Deutschland 2008 / Drehbuch: Marco Kreuzpaintner, Michael Gutmann; Regie: Marco Kreuzpaintner).
In dem Film nach der Vorlage von Otfried Preußler (1970) geht es um den Waisenjungen Krabat, der zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs von einem Müller aufgenommen wird und von ihm zusammen mit den anderen Gesellen in die schwarzen Hexenkünste eingeführt wird. Die zunächst wie eine Rettung erscheinende Mühle entpuppt sich für die Gesellen mehr und mehr als Gefängnis. Erst als Krabat sich in ein Mädchen verliebt, entwickelt er die Kraft, gegen die Gefangenschaft und den bösen Meister aufzubegehren.

Bereits die Einführung des Protagonisten ist bestenfalls suboptimal. Krabat zieht mit zwei Freunden durch die Lande, immer kurz vor dem Hungertod. Als eines Tages eine geheimnisvolle Stimme aus dem Nichts zu im spricht, lässt er seine beiden Freunde im Stich und folgt der Stimme.
Warum er das tut, bleibt offen. Dass Krabat seine einzigen Freunde im Stich lässt, sorgt nicht gerade dafür, dass man ihn ins Herz schließt. Schlimmer: Es verhindert eine schnelle emotionale Verbindung mit ihm und damit eine Identifikation. Die Folge: Man bleibt Zuschauer, wird aber nie (mit Krabat zusammen) in die Handlung hineingezogen.
Abhilfe: Krabat einen Grund liefern, warum er geht. So hätte die Stimme einfach sagen können »Sag deinen Freunden nichts, sonst wirst du nicht bei mir aufgenommen.« Oder: »Deinen Freunden wird es besser gehen ohne dich.« Oder man hätte eine Abschiedsszene gestalten können, wo Krabat sich verabschiedet, gerne mit Konflikten. Aber Krabat wirkt nicht einmal innerlich zerrissen. Er geht einfach.

Den größten Teil des Films fehlt Krabat sowohl ein Ziel als auch ein Antrieb, dieses Ziel zu erreichen. Das war in der Buchvorlage anders. Dort wird die Gemeinschaft mit den anderen für Krabat ein zentraler Faktor, wegen ihr will er in der Mühle bleiben. Im Film aber hat Krabat keinen überzeugenden Grund, in der Mühle zu bleiben. Auch die Angst vor dem Verhungern draußen im Land wäre ein legitimer Antrieb, der aber ebenfalls nicht erkennbar wird.
Stattdessen wurstelt Krabat vor sich hin. Die Faszination der schwarzen Kunst wird ebenfalls nicht spürbar. Überhaupt wirkt vieles nur behauptet.
Wichtig: Für die zentralen Dinge wie eben Antrieb und Ziel der Hauptfigur sollten Sie sich zumindest ein wenig Zeit nehmen, um sie dem Leser deutlich zu machen. Der will keine Behauptungen, er will Beweise: Er will sich selbst überzeugen. Das müssen keine langen Szenen sein. Manchmal genügt schon der richtige Satz an der richtigen Stelle.

Ein gewaltiger Lapsus ist, dass der Zuschauer mehr als die Hälfte des Films im Unklaren darüber gelassen wird, was bei der Geschichte überhaupt auf dem Spiel steht, sprich, um welche Einsätze hier gespielt wird. Das sagt einer der Gesellen erst nach einer Stunde und acht Minuten: »Wir sind alle todgeweiht. Wir können hier nicht mehr raus.«
Damit verschenkt der Film eine Stunde Suspense. Um wie vieles interessanter wäre es gewesen, wenn man schneller erfahren hätte, in welcher heiklen Lage sich Krabat befindet! Jede der Szenen hätte dadurch mehr Kraft gewonnen. Sich darauf zu verlassen, dass der Leser schon mitbekommt, was schlimmstenfalls passieren könnte, ist grob fahrlässig.

Ein Problem, das ich als schwerwiegend empfunden habe, zieht sich durch den kompletten Film: Krabat wirkt auf mich desinteressiert sowohl an der Handlung, an den anderen Charakteren und sogar an seinem eigenen Schicksal.
Das wird an drei Aspekten besonders deutlich und dadurch verheerend:

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1. Die Mühle umgibt offenbar ein düsteres Geheimnis. Da sind zum einen die magischen Kräfte des Müllers. Und dann ist da dieser mysteriöse Mann in dunkler Kutte, der immer bei Neumond eine Wagenladung Knochen anliefert, die die Gesellen dann in einer verrückten Nacht und unter großen Anstrengungen zu Knochenmehl zermahlen.
Krabat interessiert sich nicht dafür. Nicht ein einziges Mal fragt er einen der anderen nach diesem Mann. Oder nach der Magie des Müllers. Ein Geheimnis aber wird erst dann richtig geheimnisvoll, wenn sich der Protagonist (als Stellvertreter des Lesers oder Zuschauers) für die Auflösung dieses Geheimnisses interessiert.

2. Es wird eine Liebesgeschichte angelegt. Krabat geht mit seinem Freund Tonda in das nahegelegene Dorf und sieht dort ein Mädchen, in das er sich verliebt.
Das war’s dann für lange Zeit zu diesem Thema. Krabat scheint sich auch für die eigene Lovestory nicht zu interessieren, denn er macht keinerlei Anstalten, die Mühle zu verlassen und das Mädchen wiederzusehen – und das zu einem Zeitpunkt, wo der Zuschauer noch nicht einmal weiß, dass keiner der Gesellen aus der Mühle weg kann (also vor den oben erwähnten eine Stunde acht Minuten).

3. Als Krabats bester Freund Tonda in der Mühle getötet wird, wird Krabat Zeuge davon – durch eine Bodenklappe auf dem Schlafspeicher der Gesellen. Er regt sich kurz darüber auf, als er die Schreie Tondas hört, unternimmt aber nichts, um ihm zu helfen.
Nicht einmal für seinen besten Freund bringt Krabat größeres Interesse auf. Er kommt damit als schwach, passiv und feige herüber. Warum sollte ich mich für einen solchen Charakter interessieren?
Wenn sich schon der Protagonist nicht für die eigene Geschichte und solche zentralen Aspekte wie die drei oben genannten interessiert – warum sollte es dann Ihr Leser tun?
Abhilfe: Lassen Sie den Charakter handeln! Das hat zwei Vorteile: Sie beweisen dem Leser damit, dass Ihr Protagonist sehr wohl größtes Interesse an seiner Geschichte (seinem Leben) hat. Und Sie können den Protagonisten scheitern lassen. Darum geht es: um Hindernisse und um das Scheitern an diesen Hindernissen. Bevor sie am Ende vielleicht oder vielleicht auch nicht überwunden werden. (Sichtbar) Scheitern aber kann nur jemand, der handelt.

Dieses Desinteresse des Protagonisten zieht weitere Probleme nach sich. Vieles wirkt damit nur behauptet, viele Szenen machen auf mich den Eindruck, dass der Regisseur sie eben so befohlen hat. Sie wirken nicht organisch. Für mich besitzt der Film daher keine schlüssige Abfolge von Aktion und Reaktion, vielmehr zerfällt er in einzelne Szenen und wirkt abgehackt.

Die jeweiligen Lösungsansätze wären in »Krabat« einfach umzusetzen gewesen. Nicht zuletzt wird er von einigen hervorragenden Schauspielern getragen, etwa David Kross und Daniel Brühl.
Wie schade und welche Verschwendung, dass man darauf verzichtet hat. Wie leicht hätte aus einem recht erfolgreichen Film (1.486.444 Zuschauer) ein richtig guter und noch weit erfolgreicherer Streifen werden können.
Einen nicht unwesentlichen Teil der Zuschauer haben vermutlich die Leser der Buchvorlage gestellt. Sie haben dem Drehbuchautor und Regisseur eine Menge Arbeit abgenommen und die Lücken gefüllt, die er gelassen hat. Diesen Vorteil aber wird Ihr Roman nicht haben, es sei denn, Sie erzählen einen bekannten Stoff nach.
Selbst Autor Otfried Preußler zeigte sich mit der Umsetzung zufrieden. Kein Wunder, er kennt den Stoff ja und kann das Fehlende an Motivation oder Einsätzen für sich ergänzen.

Mein Fazit für Ihren Roman:
1. Verzweifeln Sie nicht, wenn Testleser oder Sie selbst massive Problem in Ihrem Roman erkennen. Vieles lässt sich erstaunlich einfach lösen, ohne dass gleich eine komplette Überarbeitung notwendig wird. Oft genügen beispielsweise schon drei oder vier kleine Handlungen oder Sätze des Protagonisten, um seine Entschlossenheit zu zeigen, sein Ziel zu benennen oder klarzumachen, was auf dem Spiel steht.
2. Tun Sie sich und Ihrem Roman den Gefallen und gehen Sie diesen Extra-Kilometer, um die Geschichte noch besser zu erzählen. Es lohnt sich. Ich bin sicher, der Stoff Ihres Romans ist es wert.
3. Gerade wenn Sie Ihren Roman selbst publizieren: Überstürzen Sie nichts. Wie Sie aus diesem Artikel sehen, kann schon ein wenig Mehrarbeit den Unterschied zwischen Top oder Flop bedeuten.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

PS: Sicher gibt es weitere Gründe, warum Charaktere einen nerven. Deshalb würde ich mich heute besonders über Ihre Erfahrungen zu diesem Thema in den Kommentaren freuen.

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Welche Erfahrungen haben Sie mit einfachen Lösungen auf große Roman-Probleme gemacht? Welche Filme oder Bücher hätte man mit einem einfachen Kniff um ein Vielfaches besser machen können? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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