So schreiben Sie einen Prolog – und so lassen Sie ihn weg

Der Prolog im Roman – Teil 3

Wenn Sie der Meinung sind, Ihr Roman brauche einen Prolog, bedenken Sie erst folgendes:
* Könnte der Prolog nicht einfach „1. Kapitel“ heißen? (Und der Epilog entsprechend „X. Kapitel“?)
* Leistet Ihr Prolog etwas, das eine Szene oder Kapitel, eine Rückblende, ein Dialog oder innerer Monolog während des Romans nicht leisten kann? Wenn der Prolog das nur genauso gut tut, ist es nicht gut genug. Er sollte es besser können.
* Überwiegen die Vorteile (siehe Teil 1 vom letzten Freitag) die Nachteile (siehe Teil 2 von gestern)?
* Können Sie einen Anfang schaffen, der den Leser in den Roman hineinzieht und mit dem Protagonisten emotional verbindet? Wenn Sie einen Prolog schreiben, müssen Sie das zwei Mal können.
* Können Sie ein Ende schreiben, das den Leser befriedigt aus Ihrem Roman entlässt, ein Ende, das nachhallt? Wenn Sie einen Prolog verfassen, müssen Sie die Klammer mit einem Epilog schließen – und zwei solcher Enden schreiben.
* Prolog ist meist Backstory. Es gibt viele schöne Arten, diese in die Handlung zu integrieren.
* Lassen Sie Ihren Prolog einfach mal probeweise weg. Nehmen Sie sich den Roman wieder vor, wenn Sie Abstand gewonnen haben und stellen Sie sich die Frage: Fehlt diesem Roman der Prolog? Würde man ihn vermissen, wenn man nicht wüsste, dass es da mal einen Prolog gab? Fragen Sie Testleser, die nichts von dem Prolog wissen, der vorher da stand.
* Wenn schon Prolog, dann sollte der eine besondere Funktion erfüllen, entweder inhaltlich oder formal.
Beispiel für die inhaltliche Funktion: Der Prolog beschreibt ein aus der Erzählgegenwart gerissenes Ereignis, das der Leser vor Eintritt in den eigentlichen Roman kennen muss, um den Roman möglichst intensiv zu erleben und möglichst gut zu verstehen. Etwa ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit. Oder er schickt der Handlung, wie früher in Romanen häufiger geschehen, einen Kommentar voraus, der die Aufnahme des Romans durch den Leser beeinflusst. So etwa Hermann Hesse in seinem fiktiven „Vorwort des Herausgebers“ in Der Steppenwolf.
Ein Beispiel für die formale Funktion liefert der Prolog des Films Star Wars. Inhaltlich ist das alles Backstory und hätte im Film selbst besser gezeigt werden können. Das Formale aber macht diesen Prolog so besonders. In einer bis dahin nie gesehenen Weise wird über eine laufende, dreidimensional anmutende Schrift die Vorgeschichte des galaktischen Kriegs erzählt.
* Dramatisieren Sie Ihren Prolog. Zeigen Sie, wenn möglich, bereits die Heldin Ihres Romans. In Aktion.
* Alternativ verleihen Sie Ihrem Prolog etwas aus dem eigentlichen Romangeschehen Herausgehobenes, etwa durch eine andere Sprache, eine andere Atmosphäre. Oder Sie lassen im Prolog durch Ihren Erzählton bereits anklingen, auf welcher Note der übrige Roman schwingt.
* Werfen Sie Fragen auf, aber bleiben Sie dabei konkret. Verlieren Sie sich nicht in mysteriösen Szenen, wo eine unbekannte Person „Sie“ einer anderen unbekannten Person „Er“ Unbekanntes (aber meist Grausliges) antut.
Beispiel.
John Hart führt in seinem Roman The Last Child den jugendlichen Helden in einem Prolog ein und beschreibt ein konkretes Erlebnis aus seiner Vergangenheit. Was den Namen des Jungen betrifft, bleibt er jedoch vage, sodass man nach dem Romananfang nicht sofort weiß, mit wem man es hier zu tun hat. Durch seine Sprache und die Dramatik gewinnt der Prolog dennoch eine Atmosphäre und Intensität, die gut zum Roman passt. Aber ist der Prolog unbedingt nötig? Eher nicht. Und der Epilog könnte ebenso gut „X. Kapitel“ heißen.
* Fassen Sie sich kurz im Prolog. Grund: Hat der Leser sich erst einmal in der Erzählebene des Prologs und in der Erzählperspektive der Person dort eingelassen, reißt ihn der Übergang zum Anfang des Romans womöglich aus dem fiktionalen Traum. Mit dem Wort Prolog beugen Sie dieser Gefahr nur teilweise vor.
* Widerstehen Sie der Versuchung, nach einem spannenden, dramatischen Prolog den eigentlichen Roman langweilig zu beginnen oder gar Ihre Heldin als wenig interessant einzuführen. Seien Sie ehrlich zu sich: Schreiben Sie den Prolog vor allem deshalb, weil Sie entweder Angst vor dem Einstieg in den Roman haben oder weil Ihnen keiner einfällt, der Ihnen gut genug erscheint? Kein Grund zur Sorge. Schreiben Sie lieber einen schwachen Anfang als gar keinen. Überarbeiten können Sie immer noch.
* Wer mag, kann versuchen, seinen Verlag auszutricksen. Schicken Sie Ihre Textprobe oder das Manuskript ohne Prolog ein. Wenn Sie den Buchvertrag haben, können Sie ja versuchen, den Prolog noch unterzubringen. Womöglich werden Sie dann aber längst festgestellt haben, dass Sie den Prolog gar nicht brauchen. Und haben sich am Ende – zu Ihrem Besten – selbst ausgetrickst.

Ungeachtet all der Nachteile des Prologs verwenden ihn Autorinnen und Autoren noch immer gerne und häufig. Manche Bücher mit Prolog werden zum Welterfolg – aber wohl weniger wegen, sondern trotz des Prologs.
Dan Browns Prolog zu The Da Vinci Code ist immerhin eine hochdramatische Szene. Den schleppenden Anfang des eigentlichen Romans hat er damit vermutlich gerettet. In der ersten Szene erwacht der Protagonist in einem Hotelzimmer – ein solcher Anfang wird in jedem Schreibratgeber zurecht verurteilt.
Der zähe und endlos scheinende Prolog von Tolkiens Der Herr der Ringe hat schon so manchen Leser vorzeitig aufgeben lassen. Und sicher auch so manchen Käufer dazu gebracht, den Laden mit leichter Handtasche wieder zu verlassen.
Ein extremes Beispiel für Eintrittsbarrieren liefert Umberto Eco mit Der Name der Rose.
Er beginnt mit einer Vorbemerkung von sechs Seiten („Natürlich, eine alte Handschrift“). Danach folgt ein Dramatis Personae, wo auf einer Seite die wichtigsten Charaktere vorgestellt werden. Anschließend informiert Eco uns auf einer Seite über das Leben im Kloster und führt die einzelnen Gebete im Tagesablaufs der Mönche auf. Dann, endlich, möchte man fast sagen, kommt – der Prolog. Auf zehneinhalb Seiten wird die Rahmenhandlung dargestellt. Der eigentliche Roman beginnt auf Seite 33 – mit dem Wetterbericht.

Warum aber wurden diese Bücher dennoch zu solchen Megasellern? Sie wurden es nicht über Leser, die im Laden zufällig das Buch in die Hand nahmen. Sie wurden es auch nicht über Nacht. Aber ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad eines Buchs kommt es nicht mehr darauf an, ob der Anfang den Leser überzeugt. Das gleiche gilt für den Bekanntheitsgrad eines Autors. Man weiß ja, dass das Buch hervorragend sein muss. Weil man so viel davon gehört und gelesen hat, weil es einem die beste Freundin empfahl. Vielleicht mit den Worten: Den Prolog kannst du überspringen, aber dann wird es richtig gut.

Da Ihr (erster) Roman von oben genannten Vorteilen der Weltbestseller nicht profitieren kann, sollten Sie sich für einen schnellen und mitreißenden Einstieg entscheiden. Sicherheitshalber. Ja, und auch spaßeshalber. Sie sollten es selbst nicht erwarten können, dass Ihr Roman endlich anfängt. Wenn der Roman nicht mal Sie als Autorin oder Autor in seinen Bann schlägt, wie soll er das bei anderen schaffen? Macht nichts: Überarbeiten.

Übrigens: Überarbeiten ist sexy.

(c) Stephan Waldscheidt 2011

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??? Meine Frage an Sie: Wie schreiben Sie Ihre Prologe? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …
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18 Gedanken zu „So schreiben Sie einen Prolog – und so lassen Sie ihn weg

  1. Birgit

    Prolog:

    Heute schreibe ich keine Prologe mehr

    Beim Stöbern fand ich meine ersten Gehversuche als Geschichtenschreiberin. Siehe da: Einen Prolog fand ich und fühlte mich im Nachhinein ertappt. Spätestens seit diesem Blog werde ich nie wieder dran denken – wenngleich ich Wolfram Fleischhauers Bücher liebe, er darf das.

    Gruß Birgit

    Epilog:

    Tschüss

    Antworten
  2. Isabella Mohn

    Hallo Stephan,

    ich gebe mich nur ungern geschlagen. Vor allem mit vollkommen logischen Argumenten. Rechts, Links, Rechts, Touché! Arrrrhh….jetzt habe ich mich vier Tage dagegen gewehrt (“Und ich schreibe trotzdem meinen Prolog!”) und gestehe: Er kommt in die Tonne.
    Meine Theorie ist, dass man sich als Schreibschüler mehr als Profi fühlt, wenn man einen Prolog und einen Epilog schreibt. Wer kann schon behaupten das öfter zu tun? Vielen Dank für die (nötige) Überzeugung :)

    Isabella

    PS: Was sagt das aktuelle Kinoprogramm? ; )

    Antworten
  3. admin Artikelautor

    @Isabella. Bekehrte Raucher, heißt es, seien die militantesten Nichtraucher. Gilt auch für Prolog-Schreiber. Ich LIEBE Prologe, einfach so, irgendwie machen sie einen Roman so richtig vollständig. Aber leider muss alles weg, was der Roman nicht zum Fahren braucht, Spoiler, Rallye-Streifen, Dachgepäckträger, Prolog … Wenn wir mal alle ganz berühmt sind und nur noch Bestseller veröffentlichen, schreiben wir einen richtig FETTEN Prolog und kein Lektor traut sich, etwas dagegen zu sagen. Bis dahin …
    PS: The King’s Speech gärt noch in mir. Mal sehen, ob mir ein Artikel dazu einfällt. Vielleicht zum Charakter von Logue, dem Sprachtrainer, sehr interessanter Mann, sehr lebendig.

    Antworten
  4. Kai Seuthe

    Hm, die Argumente sind tatsächlich alle ganz schlüssig und ich sehe ein, dass auch ich meinen Prolog weglassen kann.
    Dabei lese ich auch ganz gerne Prologe. Sie sind in den meisten Fällen wie abgeschlossen scheinende Kurzgeschichten. Und irgendwann im Buch wird nochmal darauf zurückgegriffen, was mich dann dazu veranlasst, den Prolog nochmal zu lesen. Ist ja nicht verboten, im Buch hin und her zu blättern. Und die Gefahr, dass dadurch der fiktive Traum bei mir zerstört wird, besteht nicht. Sicher, ich denke kurz über die Ausgebufftheit des Autors nach, versinke kurz im Grüblen, um die Zusammenhänge zu begreifen, und lese dann ganz normal weiter.
    Schade, dass viele Lektoren Prologen gegenüber eher abgeneigt sind. Ich mag sie. Aber um mein Buch zu veröffentlichen werde ich ihn wohl weglassen. Der Tipp mit dem Vertrag in der Tasche und dem Prolog ganz hinterrücks find eich prima. Man könnte auch den Fans als Schmankerl einen Prolog als Download anbieten. Ja, das wäre doch was. Da liese sich bestimmt drüber reden.

    Besten Dank für deine ausführlichen Artikel zu diesem Thema!

    Antworten
  5. Mela

    Meine Ansicht: Prologe sind toll.

    Jeder sollte einen schreiben!

    Nie lernt man die Umgebung und die Welt über die man schreibt, so gut kennen als während der Arbeit am Prolog.
    Hat man den Prolog vollbracht, tut man ihn in die Schublade. Und da bleibt er auch.

    Antworten
  6. Isabella Mohn

    Bei Stephans Zeilen über den richtig FETTEN Prolog musste ich herzlich lachen =). (Für mich steht auf einem anderen Blatt, ob maximale Berühmtheit so erstrebenswert ist^^).
    Angesichts der Anti-Prolog-Lektorenliga sollten wir einen Autorenclub gründen, mit dem von Stephan beschriebenen Ziel – später mal ein richtig FETTER Prolog! Das wär herrlich…wer macht mit?
    Ansonsten gefällt mir die Idee mit dem zusätzlich downloadbarem
    Prolog von Kai.

    Isabella

    Antworten
  7. Marina

    Wozu die Voraberklärungen?
    Ein Buch ohne Prolog ist wie ein Fisch ohne Fahrrad.
    Sorry für den Vergleich, ich komme von der Küste.

    Antworten
  8. Pingback: Wann ist ein Prolog empfehlenswert? - Fantasy-Foren

  9. Romanus

    Meiner Meinung nach hängt das alles von der Anzahl des erwünschenswerten guten Karmas und der Buchart ab. Ich habe mit meinen 16 Jahren ” voll die Erfahrung, EYH” ;) und habe gerade angefangen einen Fantasyroman zu schreiben, und ohne dn Prolog fehlt mir ein bnisschen die Erklärung für spätere Feeindschaften usw. und als ersten Kapitel möchte ich ihn jetzt nicht tarnen. Denn dan musste ich namen nennen und den vergisst er im 2./1. Kapitel wieder, und wenn ich den Prolog jetzt als erstes Kapitel tarne kommt es komisch vor, wenn ich keine Namen nenne, außerdem gibt es ja auch leser di gerne den prolog weglassen, und das ginge dann nicht =)
    Wegen des Karmas meine ich, damit die fantasyfans/gegner nicht mein Buch in die Hand nehmen und einen vollkommen unsinnigen und nicht zum buch passenden start finden und es darum fälschlicher5weise (nicht) kaufen, dann gibt dass bestimmt schlechtes karma :D

    PS: Die joanne K. Rowling hat es ja auch recht anders anfangen lassen, mit dem langweiligen großstadt leben und so und wenn die anfangsszene nicht gekommen wäre, hätten vllt so einiges an leuten niht das buch gelesen…das wäre eine TRAGÖÖÖÖDIE gewesen…. =)

    Grüße
    Romanus

    PS2: Sorry für schlechte rechtschreibung, hab hier nur ne gubbelige Tastatur run”gammeln” und bin noch nicht bei meinem echten PC =(

    Antworten
  10. Dirk

    Also, ich finde die Argumente alles andere als schlüssig.

    Als Punkt 1 wird hinterfragt:
    “Könnte der Prolog nicht einfach „1. Kapitel“ heißen?”

    Hieße ja, dass der Titel entscheidet, ob es sich um einen Prolog handelt oder nicht – sonst nichts. Ist der Inhalt egal?
    Demnach wäre ja
    Prolog: Der Affe isst Banane
    1. Kapitel: Franz fährt Motorrad
    2. Kapitel: Franz baut Unfall
    3. Kapitel: Franz wird begraben

    was völlig anderes als
    1. Kapitel: Der Affe isst Banane
    2. Kapitel: Franz fährt Motorrad
    3. Kapitel: Franz baut Unfall
    4. Kapitel: Franz wird begraben

    Na, wenn es so einfach geht, aus einem Prolog ein Kapitel zu machen.
    In dem Argument bleibt das inhaltliche völlig außen vor. Einfach prolog als Kapitel definieren – fertig.
    Für mich eine völlig unschlüssige Argumentation.

    Weiter heißt es:

    “Leistet Ihr Prolog etwas, das eine Szene oder Kapitel, eine Rückblende, ein Dialog oder innerer Monolog während des Romans nicht leisten kann? Wenn der Prolog das nur genauso gut tut, ist es nicht gut genug. Er sollte es besser können.”

    Grundsätzlich mag das ja stimmen. Warum ein Prolog es jedoch besser können sollte, wird nicht begründet. Zudem sollte man sich diese Fragestellung nicht nur beim Prolog, sondern bei jedem Kapitel und jeder Szene fragen: ist sie notwendig? Leistet dieses Kapitel das, was nicht auch ein anderes Kapitel leisten könnte.
    Insofern finde ich, relativiert sich die Fragestellung ungemein.
    Zudem wird völlig missachtet, dass gerade Rückblenden eher mit Vorsicht zu gestalten sind. Nicht gekonnt eingesetzt sind es nämlich die Rückblenden die ein buch zum Scheitern verurteiln. Hierzu findet man sicherlich genug Tipps im Netz, wie man behutsam Rückblenden einsetzen sollte. ich lese daher viel lieber einen gut gemachten Prolog als eine inhaltsgleiche aber schlecht gemachte Rückblende.
    Hier eine Rückblende quasi zu empfeheln um einen Prolog zu umgehen, halte ich für falsch.

    Weiter heißt es:
    “Können Sie einen Anfang schaffen, der den Leser in den Roman hineinzieht und mit dem Protagonisten emotional verbindet? Wenn Sie einen Prolog schreiben, müssen Sie das zwei Mal können.”

    Klingt nach “Schreiben sie einen guten Anfang und sie können sich für den rest des Buches auf ihren Lorbeeren ausruhen” Natürlich muss man mit einem prolog und dann folgendem Kapitel den leser in den Roman ziehen und an seinen Protagonisten binden. Aber sollte diese Intention nicht grundsätzlich für jedes einzelne Kapitel gelten? Was nützt ein guter Anfang, wenn mich die Folgekapitel nicht in der Geschichte halten können oder die Emotionalität nicht aufrechterhält.
    Richtg wäre die These, hieße sie: “Sie müssen jedes verdammte Kapitel es schaffen, den Leser zu fesseln, den Leser emotional an den Protagonisten binden.
    Wie einfach wäre die Schreiberei, wenn man es nur einmal machen muss …

    Weiter gehts:
    “Können Sie ein Ende schreiben, das den Leser befriedigt aus Ihrem Roman entlässt, ein Ende, das nachhallt? Wenn Sie einen Prolog verfassen, müssen Sie die Klammer mit einem Epilog schließen – und zwei solcher Enden schreiben.”
    Also es gibt genug schöne (Kriminal)romane, die mit einem passenden Prolog beginnen und ohne Rahmen bildenden Epilog auskommen. Daher würde ich dem nicht grundsätzlich zustimmen, wenn auch ich persönlich so empfinde, wie der Autor hier schreibt. Prolog samt Epilog schafft einen Rahmen um die Handlung.

    Nächster Punkt:
    “Prolog ist meist Backstory. Es gibt viele schöne Arten, diese in die Handlung zu integrieren.”
    1. liegt hier der Teufel im Detail, sprich im Wort ‘meist’.
    2. kann ein Prolog ja auch durchaus eine schöne Art sein, eine Backstory ins Buch einzubringen
    Ich stimme jedoch zu, dass solche Dinge, verwebt in die Handlung, sehr elegant sein können.

    Weiter:
    “Lassen Sie Ihren Prolog einfach mal probeweise weg. Nehmen Sie sich den Roman wieder vor, wenn Sie Abstand gewonnen haben und stellen Sie sich die Frage: Fehlt diesem Roman der Prolog? Würde man ihn vermissen, wenn man nicht wüsste, dass es da mal einen Prolog gab? ”
    Die Fragestellung ist durchaus berechtigt, sollte jedoch auch verallgemeinert für alle Kapitel und/oder Szenen gelten: Ist Kapitel 1 notwendig oder reicht es die Geschichte mit Kapitel 2 zu beginnen (geht was verloren). Brauche ich Szene X, was soll sie dem leser überhaupt zeigen?
    Daher relativiert sich auch diese Fragestellung.

    Weiter:
    “Wenn schon Prolog, dann sollte der eine besondere Funktion erfüllen, entweder inhaltlich oder formal.”
    Äh, sollte nicht jedes Kapitel, jede einzeln Szene eine Funktion erfüllen?
    1. Kapitel: Franz fährt Motorrad
    2. Kapitel: Franz baut Unfall
    3. Kapitel: Der Affe isst Banane
    4. Kapitel: Franz wird begraben
    Erfüllt Kapitel 3 eine Funktion? In dem Beispiel nicht.
    Natürlich soll, nein muss ein Prolog eine Funktion erfüllen. Gleiches gilt aber auch für alles andere in einem Roman, sei es Dialog, Rückblende, Kapitel oder Szene.
    (Als Beispiel einen Filmvorspann zu nennen, finde ich im übrigen unglücklich gewählt)

    Nächstes:
    “Dramatisieren Sie Ihren Prolog. Zeigen Sie, wenn möglich, bereits die Heldin Ihres Romans. In Aktion.”
    Dem ersten Satz würde ich zustimmen. Zweiten nicht unbedingt. Prologe werden geschrieben, weil sie eben NICHT grundsätzlich mit dem Hauptcharakter beginnen, sondern teilweise aus anderen Perspektiven her die Geschichte anfangen lassen. Klar darf aber auch mit dem Held begonnen werden.
    Dritter Satz “in Aktion” = volle Zustimmung ;-)

    Weiter:
    “Alternativ verleihen Sie Ihrem Prolog etwas aus dem eigentlichen Romangeschehen Herausgehobenes, etwa durch eine andere Sprache, eine andere Atmosphäre. Oder Sie lassen im Prolog durch Ihren Erzählton bereits anklingen, auf welcher Note der übrige Roman schwingt.”
    Würde ich so zustimmen. ;-)

    Weiter:
    “Werfen Sie Fragen auf, aber bleiben Sie dabei konkret.”
    Auch Zustimmung. Jedoch würde ich das konkret, je nach genre etwas ausdehnen. In Mystery, Thriller oder Krimi darf auch mal ein unbekannter was unbekanntes tun.
    Das Beispiel finde ich misslungen, weil es wieder damit endet, dass der Epilog auch hätte Kapitel X heißen können. Ein Epilog ist inhaltlich ganz anders strukturiert. Eine schlichte Umbenennung des Titels ist doch völliger Unsinn. Man hat den Eindruck der Autor habe eine Abneigung gegen die Worte Prolog/Epilog, denn die inhaltliche Ebene bleibt bei dieser “einfach-umbenennen”-Argumentation völlig auf der Strecke.

    Weiter:
    “Widerstehen Sie der Versuchung, nach einem spannenden, dramatischen Prolog den eigentlichen Roman langweilig zu beginnen …”
    Vollste Zustimmung!!!

    Next:

    “Überarbeiten ist sexy.”

    Auf jeden Fall!!!! ;-)

    Fazit:
    Ich finde die kritische Hinterfragung eher zu Allgemeingültig, als auf Prolog spezifisch. Ich würde mich weder als Prolog-Liebhaber als als -verachter bezeichnen. Aber diese grundsätzliche Antihaltung empfinde ich weder als objektiv noch als differenziert. Vor allem das Argument der simplen Titelumbenennung, und das noch vorab gestellt, hat dem Artikel von vorneherein seine Fundiertheit genommen.

    Antworten
    1. Stephan Waldscheidt

      Danke für diesen ausführlichen und bedenkenswerten Kommentar.

      Wogegen ich mich allerdings wehre: Ich zeige hier keineswegs eine undifferenzierte “grundsätzliche Antihaltung” dem Prolog gegenüber. In den zwei vorangehenden Artikeln gehe ich weiter auf den Prolog ein:
      Der Prolog im Roman, Teil 1: Was spricht dafür? http://schriftzeit.de/archives/66
      Der Prolog im Roman, Teil 2: Was spricht dagegen? http://schriftzeit.de/archives/68

      Dieser Artikel ist zudem schon ein paar Jahre alt. In meinem Buch “Bessere! Romane! Schreiben!” http://amzn.to/1jkCSpF bzw. “Bessere! Romane! Schreiben! 1 & 2 ” http://amzn.to/1g5Ta5P habe ich die Artikel ausgeweitet und weiter differenziert. Und tue das in einer Neu-Auflage womöglich noch einmal — unter Berücksichtigung der Punkte aus Ihrem Kommentar :-)

      Wünsche weiterhin feines Schreiben.

      Stephan Waldscheidt

      Antworten
  11. Dirk

    Hallo Herr Waldscheidt,

    ich freue mich, dass sie meine Anmerkung als konstruktiv auffassen.

    Meinen Eindruck der undifferenzierten Antihaltung habe ich jedoch nach der Lektüre aller drei Artikel gewonnen.

    Auch wenn sie nicht explizit sagen, dass sie keine Prologe mögen, klingt der Gesamttenor der drei Artikel so.
    Schon allein die Antwort “Oh, eine Menge.”, die sie im ersten Teil selbst auf die Frage “Was spricht gegen den Prolog im Roman?” geben, ist suggetiv. Sie suggeriert dem Leser, dass Prologe “eher falsch” sind.

    Auch am Ende des zweiten Teils geben sie dem Prolog eine eher negative Note mit, in dem sie unter anderem sagen “… zeige Romane, die trotz Prolog zum Weltbestseller wurden.”

    Widersprechen möchte ich zudem auch noch dem Argument aus Teil 2 ‘Prologe würden den Leser verwirren’.
    Multiperspektivische Geschichten mit komplizierten ineinander verknüpften Handlungssträngen wechseln auch von Kapitel zu Kapitel teilweise von Szene zu Szene die personale Erzählebene. Teilweise tauchen Charaktere aus Kapitel 1 erst im beispielsweise fünften wieder auf, weil zunächst mit den vorhergehenden vier, die anderen zentralen Figuren eingeführt wurden. Dies würde ja bedeuten, dass solche Romanstrukturen generell auch verwirrend währen, weil der Leser zunächst in Kapitel 1 einen Charakter kennenlernt,der dann zunächst wieder von der Bildfläche verschwindet.
    Mir persönlich geht es eher so, vorausgesetzt das Kapitel war gut und spannend geschrieben, dass ich mit einer freudigen Ungeduld das nächste Kapitel angehe und, wenn ein Cliffhanger geschaffen wurde, sich meine Spannung und ‘Wiedersehensfreude’ ungemein steigert. Wenn dann das Folgekapitel dies mit dem neuen Charakter auch schafft, habe ich am Ende von Kapitel 2 gleich zwei Cliffhanger, deren Auflösung ich kaum erwarten kann. Für mich dann schon gleich zwei Gründe, unbedingt weiter zu lesen.
    Mich verwirren solche Wechsel daher nicht.

    Würden Leser eine solche Herangehensweise als verwirrend bezeichnen, könnte ich dies aber durchaus nachvollziehen, schließlich erfordert es einen gewissen Grad an Konzentration und beherbergt die unterschwellige Angst, man könnte schon wieder vergessen haben, welche Personen oder gar Handlungen im anderen Erzählstrang vorkamen.

    Ich finde gerade dies spricht bei solch verwirrten lesern FÜR einen Prolog.
    Denn hätte man es so, wie sie es Vorschlagen und man benennt Prolog einfach um in Kapitel 1, liegt zwischen Kapitel 1 und 2 eben das obe beschrieben Multiperspektivische.

    Ein Prolog nimmt jedoch die Verwirrung indem er vorab strukturiert.
    schon alleine der Titel ‘Prolog’ soll dem Leser im vorhinein vermitteln, dass dies eben nicht Haupthandlungsstrang und eventuell nicht die Hauptperson ist.
    Die Erwartungshaltung ist doch eine ganz andere, da der Prolog durch die Titulierung ‘Prolog’ einen Alleinsetellungsmerkmal erhält.
    In einem Prolog erwartet man eben nicht zwangsläufig auf die Hauptperson zu stossen.
    Daher ist der Sturz ins kalte Wasser gar nicht so schlimm, bzw. verwirrend, wenn man in Kapitel 1 auf eine völlig andere Perspektive bzw Hauptperson stößt.
    Als strukturierendes Element kann ein Prolog demnach gerade für Leser, die mit zuvielen Handlungssträngen (noch) nicht zurechtkommen, sehr sinnvoll sein.

    Den Thriller The Power of the Dog von Don Winslow kenne ich zwar nicht, aber die aus dem Prolog stammende wiederkehrende Szene, finde ich ein sehr gutes Beispiel für einen völlig sinnlosen Prolog. Wahrscheinlich war Kapitel 1 völlig missraten ;-)

    Ich hätte mir von dem Artikel, glaube ich, mehr Beispiele von sinnvollen und sinnlosen Prologen gewünscht, mit einer entsprechenden Analyse, warum er gut oder schlecht war.
    Schlechte Beispiele haben sie ja einige aufgeführt, im teil 1 haben sie jedoch nur erwähnt, in welchen Genre sie Usus sind, ohne genauer zu erklären warum?
    Schlechte Prologe würden mir übrigens auch massig einfallen.
    Zu den Guten: Hmm, ich finde Krimis die mit dem Opfer im Prolog anfangen und von einem Unbekannten um die Ecke gebracht werden, durchaus gut (auch da gibt es sicherlich ganz, ganz schlechte), da sie das Haupttenor des Buches enthalten und somit direkt für Spannung sorgen. Folgt dann ein richtig gutes erste Kapitel mit dem Ermitller, bin ich meist sehr gespannt, wie er und das Opfer oder Täter ‘zusammenfinden’ werden.

    Grundsätzlich kann es sicherlich nicht verkehrt sein, auf die Gefahren von Prologen hinzuweisen, wenn man seine Vorzüge dem gegenüberstellt.

    im übrigen finde ich ihren Blog sehr gelungen und habe diesem schon viele hilfreiche sowie kreative Tipps entnommen.

    Also, bitte weiter so – ob mit oder ohen Prolog ;-)

    Dirk

    Antworten
  12. Dirk

    Oh Graus, welch Rechtschreibung.

    Hätte ich doch lieber nochmal drüber gelesen, bevor ich auf “Kommentar abschicken” drückte.

    Denn wie haben Sie es treffend festgestellt:

    “Überarbeiten ist sexy.”

    ;-)

    Antworten
  13. Lukas Knoll

    Vielen Dank Herr Waldscheidt,
    Durch ihren Artikel verstehe ich nun viel mehr von der Literatur und vom Schreiben eines Prologs.
    Da ich Prologe und Epiloge jedoch ganz besonders liebe, haben sie haben sie mich nicht davon überzeugen können, ihn bei meinem Roman wegzulassen, aber sie haben mich davon überzeugen können, nur das wichtigste hineinzubringen und alles Überflüssige und Langweilig Erscheinende wegzulassen, was ich im späteren Verlauf des Romans ja noch erzählen kann!

    Antworten
  14. Lukas Knoll

    Oh je!
    Ich habe “haben sie” einmal zu oft hingeschrieben!
    Ich hätte doch noch einmal öfter darüberschauen sollen (Denn überarbeiten ist sexy!!).
    Aber nun zum eigentlichen Thema:
    Heute habe ich meinen Prolog fertig geschrieben und muss sagen, dass er ohne ihre Argumente nicht so gut geworden wäre. Denn dadurch ist mir die Idee gekommen, die spätere Hauptperson meines Romans in Aktion zu präsentieren und den Prolog nicht länger als zwei Seiten werden zu lassen. Am Ende des Prologs ist meine Hauptperson schließlich bewusstlos geworden.
    Sie machen doch gute Autoren besser, denn ich hätte an sie nun eine Frage Herr Waldscheidt:
    Wie kriege ich es am besten hin im ersten Kapitel einen Traum der Hauptperson zu beschreiben?
    Ich habe nähmlich vor, im ersten Kapitel über einen Traum der Hauptperson noch während ihrer Bewusstlosigkeit zu erzählen. In diesem Traum soll die Hauptperson auf die Idee kommen, den Tod ihrer Familie zu rächen, da diese im Prolog umgebracht wurde, bevor die Hauptperson bewusstlos geworden ist. Der eigentliche Roman wird dann erst richtig mit dem Zweiten Kapitel beginnen. Ich weiß einfach nicht, wie ich diesen Traum bescheiben soll, darum möchte ich nun sie fragen wie sie es tun würden. Im Internet habe ich danach, wie man einen Traum in einem Roman am besten schreibt, recherchiert, aber nichts gefunden.
    Ich wäre ihnen für ein paar Tipps sehr dankbar!!

    Antworten
    1. Stephan Waldscheidt

      Hallo Herr Knoll,

      danke für den Kommentar.

      Zu Ihrer Idee mit dem Traum im ersten Kapitel:
      Kurz: Lassen Sie’s.
      Länger: Sie wollen die Leser in Ihren Roman hineinziehen. Mit einem Traum aber gelingt Ihnen das denkbar schlecht. Denn der zeigt ja nicht das, was tatsächlich geschieht, sondern eben nur … einen Traum.
      Erst der Prolog, dann der Traum — Sie wollen die Leser partout nicht in Ihre Geschichte hineinlassen. Dabei brauchen Sie zumindest den Traum nicht. Warum soll die Hauptperson im Traum auf die Idee mit der Rache kommen? Warum kann sie das nicht nach dem Aufwachen, beim Anblick der toten Familie? Das könnte der Leser nachvollziehen. Und: Das wäre eine Entscheidung, die die Hauptperson bei vollem Bewusstsein getroffen hat, sprich: Für diese Entscheidung übernimmt sie auch die Verantwortung. Und das ist ganz zentral.

      Beginnen Sie den “eigentlichen” Roman doch einfach mit dem ersten Kapitel. Und mit einer Hauptperson, die das Grauen ihrer toten Lieben vor sich sieht. Ein Traum ist da eine emotional deutlich schwächere Idee.

      Wenn Sie Träume in Ihrem Roman einsetzen, dann tun Sie das nur, wenn deren Einsatz ebenso berechtigt ist (wie etwa in Scorseses Film “Shutter Island”), tun Sie es nur, wenn die Träume eine aktive und wichtige Rolle im Plot spielen. Ansonsten sind sie bloß Ballaststoff und blähen den Roman auf wie Darmgas. Und Sie wollen doch nicht, dass Ihre Leser beim Lesen die Nase rümpfen, oder?

      Stellen Sie sich nicht die Frage, was möglich ist. Sondern was eine möglichst gute Lösung ist.

      Ich hoffe, ich konnte ein wenig helfen.

      Stephan Waldscheidt

      Antworten
  15. Lukas Knoll

    Hallo Herr Waldscheidt!
    Ich kann ihnen nicht genug für ihre Antwort danken!
    Allerdings hatte ich nie vor, einen wirklich langen Traum zu schreiben der, so wie sie es ja formulierten, den Roman wie Darmgas aufblähen würde.
    Aber schließlich und endlich habe ich gemerkt, dass ich den Traum auch weglassen kann.
    Ihre Antwort hat mich nähmlich auf eine geniale Idee für den weiteren Verlauf in meinem Roman gebracht.

    Lukas

    Antworten

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