Prolog im Roman: Eintrittsbarriere oder Zugangsschleuse?

Den ersten Teil dieses zweiteiligen Artikels finden Sie hier: Warum Autoren einen Prolog schreiben: Drei falsche Gründe — Prolog, revisited

Der Prolog im Roman: Mehr als Zugangshindernis
Abb.: Der Prolog im Roman: Bloß Wassergraben, Zugbrücke, Tore und dicke Mauern? Oder mehr als ein Zugangshindernis?


Der Prolog im Roman: Nur eine Eintrittsbarriere?

Prologe sind Erschwernisse für den Leser, in einen Roman einzusteigen. So habe ich die Abneigung mancher gegen den Prolog in einigen älteren Artikeln erklärt (die Sie alle in »Bessere! Romane! Schreiben!« finden).
Aber ist das tatsächlich so? Vor allem: Ist es immer so? Und wenn nicht immer, wann nicht? Sollten Sie für Ihren Roman einen Prolog schreiben?

Sehen wir uns mal den Fantasy-Mehrteiler »Memory, Sorrow and Thorne« (dt. »Osten Ard«) von Tad Williams an. Der erste Band (»The Dragonbone Chair«) beginnt so:
0. Die übliche Titelei, die in amerikanischen Taschenbüchern immer auch seitenweise Blurbs, also gute Kritiken des Buchs, enthält.
1. Widmung des Autors
2. Author’s Note (Danksagung, noch aus der realen Welt)
3. Author’s Warning (wir gleiten in die Welt von Osten Ard, der »Autor« ist jetzt Teil der fremden Welt und nicht mehr mit Williams identisch)
4. Eine Karte der Welt von Osten Ard
5. Titel des Buchs auf einer eigenen Seite
6. Vorwort (könnte auch »Prolog« heißen, denn wir sind da schon in der Welt des Romans und das »Vorwort« stammt aus einem fiktiven Buch, das etwas über die Welt von Osten Ard erzählt)
7. Titel des ersten Teils: Part One: Simon Mooncalf
8. Karte der Burg, auf der Simon Mooncalf lebt

Der Leser hat neun Mal umgeblättert, bis er auf der ersten Seite der eigentlichen Story angelangt ist. Das Problem ist: Welcher Leser, der etwa im Buchladen oder auf der Seite eines Online-Händlers real oder virtuell im Buch blättert, arbeitet sich so weit vor? Klar, mancher tut das.
Aber mit dem Umblättern ist es wie mit dem Klicken im Web: Jedes Blatt und jeder Klick vergrößert die Chance, den Leser zu verlieren. Anders herum: Mit jeder Seite, die umgeblättert wird, springen Leser ab. Die Gründe dafür können im Buch selbst liegen.
Oder aber sie liegen komplett außerhalb. So wäre ein Szenario, dass die potenzielle Buchkäuferin während des Blätterns über den Buchrand eine Bekannte sieht und das Buch zuklappt und lieber Hallo sagen geht, statt weiterzulesen. Das Buch hat sie vergessen und nimmt es wahrscheinlich nie mehr in die Hand (sofern ihr der Autor unbekannt ist).

Bekannte Einwände das alles. Und durchaus gerechtfertigt. Aber sie geben eben nicht die ganze Wahrheit wieder.


Der Prolog im Roman als Erfüllen von Leserwartungen

Ganz entscheidend bei der Frage, ob Sie in Ihrem Roman einen Prolog schreiben oder es lassen, sind die Erwartungen Ihrer Leser.
Diese können ganz individuell an Ihren Büchern hängen: Wenn Sie den Lesern in all Ihren Romanen einen Prolog präsentieren, wird der Leser auch in Ihrem nächsten Buch einen erwarten. Der Prolog wird in diesem Fall nicht als Hindernis wahrgenommen, sondern als etwas Vertrautes, etwas, worauf man sich gerne einlässt, worauf man sich vielleicht schon freut, bevor man das Buch aufschlägt.

Aus diesen individuellen Erwartungen haben sich allgemeine Erwartungen entwickelt, die an ein Genre an sich gerichtet sind: In einem Krimi darf ich als Leser rätseln, in einem historischen Roman erfahre ich eine Menge über Geschichte, in einem Fantasy-Roman gibt es eben einen Prolog.

Bei der Entscheidung, ob Sie in Ihren Roman mit einem Prolog einsteigen, sollten Sie jedoch bei den Lesererwartungen nicht stehen bleiben.
Fragen Sie sich:
* Schreibe ich den Prolog nur, weil das alle tun?
* Brauche ich diesen Prolog für diesen Roman?
* Wie sähe der Roman ohne Prolog aus? Würde tatsächlich etwas fehlen?
* Überwiegen die Vorteile des Prologs seine Nachteile in diesem speziellen Roman?
* Schreibe ich den Prolog vor allem, weil ich entweder mir, meiner Geschichte oder meinen Lesern zu wenig zutraue?

Bei diesen Fragen hilft ein Blick auf den nächsten Grund für einen Prolog.


Der Prolog im Roman als Realitätsschleuse

Beim Lesen von Tad Williams’ Buch wurde mir diese Wirkung eines Prologs zum ersten Mal bewusst: Williams schleust den Leser nach und nach in seinen Roman. Mit jeder weiteren Barriere lässt der Leser seine vertraute Welt ein Stück weiter zurück und lässt sich ein Stück mehr auf die neue Welt ein. Das mag ein Grund sein, weshalb sich der Prolog vor allem in Fantasy-Romanen findet. Denn die Welt dort ist denkbar weit von der Welt entfernt, in der die Leser leben.

Dem Prolog haftet zudem etwas Altertümliches an. Damit ist er perfekt für Geschichten, die ihre Leser in vergangene Zeiten mitnehmen oder eben in Welten, die ebenfalls altertümlicher wirken als unsere Zeit.

Betrachtet man den Prolog als Schleuse von der Realität in eine fiktive Welt, ergibt sich konsequenterweise, dass Prologe (und andere Zugangsbarrieren wie etwa Karten) desto überflüssiger werden, je näher die reale Welt an der Welt im Roman ist. Andersherum: Soll die Welt Ihres Romans die reale Welt möglichst genau wiederspiegeln, wären Prologe und andere Einstiegshindernisse kontraproduktiv: Der Leser kann und er sollte übergangslos in den Roman einsteigen dürfen.

Diese Funktion als Realitätsschleuse verliert zudem an Bedeutung. Ja, früher musste man den Lesern den Zugang zu den Welten einer Geschichte leichter machen. Heute sind wir sind als Leser, als Filmzuschauer, als Hörspielhörer, als Videogamer daran gewöhnt, übergangslos in neue Welten einzutauchen. Jeder von uns hat mit dreißig bereits Tausende fiktiver Welten betreten. Die nächste ist nur einen Knopfdruck entfernt.
Ironischerweise ist aber genau das ein guter Grund, einen Prolog zu schreiben: Um diesem Tempo etwas entgegenzusetzen, dem Leser Entschleunigung zu bieten.

Spezialtipp: Der Prolog im Roman sollte in erster Linie das erfüllen, was die Leser in Ihrem Genre suchen

Die Gefahr aber besteht, dass der Leser nicht oder nicht so sehr entschleunigt werden will, wie das mit einem Prolog geschähe. Bei der Entscheidung, ob Ihr Roman einen Prolog braucht, hilft ein Blick auf die Genre-Erwartungen Ihrer Leser.
Sucht der Leser vor allem Thrill und Suspense, könnte ein Prolog hinderlich sein. Sucht er hingegen Wunder und fremde Welten, kann der richtige Prolog der perfekte Einstieg in diese vom Leser erwarteten Genremerkmale sein.

Am Anfang Ihres Romans ist es entscheidend, dass Sie dem Leser zeigen und vor allem versprechen, dass er in Ihrem Buch finden wird, was er darin sucht. Sonst legt er es weg und kauft lieber eins, das diese Erwartungen besser zu erfüllen verspricht. Das heißt, Sie präsentieren dem Leser im Prolog am besten genau das, was er von dem Genre erwartet. Dass Sie ihm dann sogar noch mehr bieten, versteht sich von selbst.
Wenn Sie Ihrem Thriller einen Prolog voransetzen, sollte dieser Prolog sofort Thrill bieten. Der Fantasy-Roman-Prolog hingegen sollte einen Vorgeschmack auf die Wunder bringen, die den Leser erwarten. Der Prolog eines historischen Romans könnte einen (spannenden!) Abriss der damaligen Zeit, der Gesellschaft, der politischen Lage geben.

Letztlich muss der Prolog genau das leisten, was jeder gelungene Roman-Anfang leistet: Den Leser zu packen und erst wieder loszulassen, wenn er die letzte Seite gelesen hat.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


??? Meine Frage an Sie: Wie halten Sie es mit dem Prolog in Ihrem Roman? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂



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5 comments on “Prolog im Roman: Eintrittsbarriere oder Zugangsschleuse?”

  1. Windsbraut Antworten

    Das sind spannende Überlegungen zum Thema Prolog. Besonders fasziniert hat mich die Idee der Realitätsschleuse.
    In der Hypnotherapie werden dem Patienten/Klienten „Geschichten mit Zauberkraft“ erzählt, die eigene innere Bilder auslösen. Dabei wird die Technik des Einrahmens der Erzählung – durch Prolog und Epilog – dazu genutzt, den Zuhörer tiefer in diese Bilder eintauchen zu lassen, einen Trancezustand zu induzieren. Das passt zu der Überlegung, dass eine größere Realitätsnähe gegen die Konstruktion Prolog/Epilog spricht.
    Die Erzähl-Tradition mit Prolog und Epilog stammt, wenn ich mich richtig erinnere, aus dem griechischen Drama und sollte Personen, Zeit und (realitätsfernen) Mythos für die Zuhörer einführen. Vielleicht verweist die Struktur auch auf die noch ältere mündliche Tradierung. Ein Erzähler stimmt den Kreis seiner Zuhörer damit ein, induziert eine „Erzähltrance“, in die alle gemeinsam eintauchen, und sorgt so für eine Aufmerksamkeitsfokussierung. So betrachtet passen Fantasy oder Historischer Roman als Genre gut dazu.

  2. Martin Völler Antworten

    Also. Ich habe vor 10 Jahren ein Manuskript fertig gestellt. Es ist ein Polit-Thriller. Im Präsens geschrieben, also immer aktuell. Nun habe ich dort auch sowohl einen Prolog wie auch einen Epilog verfasst. Meines Erachtens ist ein Prolog mit einem Epilog verbunden. Das heißt, kein Prolog ohne Epilog. Teilen Sie meine Meinung? Danke für eine Rückmeldung und einen Gruß aus Osnabrück.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Hallo Herr Völler,
      danke für Ihren Kommentar. Auch für mich bedingt ein Prolog einen Epilog. Das ist heute aber mehr denn je Geschmackssache. So zumindest mein Eindruck.
      Schönen Gruß nach Osnabrück
      Stephan Waldscheidt

      • jon Antworten

        Wenn der Prolog Vorabinfos liefert, die Kulisse vorbereitet, auf den „fremden Ton“ einstimmt – also eben Realitätsschleuse in den (Fantasy- oder historischen) Roman ist -, was bitte soll dann der Epilog? Den Leser rauswerfen? Das wäre kontraproduktiv, denn ob ein Buch über den letzten Satz hinaus noch als gut empfinden wird, hängt vom Nachklingen ab. Davon, dass die Spannung und die Stimmung eben nicht schon auf Null (also unter das Niveau des Anfangs) sinkt, sondern der Leser das Buch noch „nachspürt“.
        Was anderes ist es, wenn der Prolog nur nebenbei diese Schleusenfunktion erfüllt, er in erster Linie einen eigenen Spannungsbogen öffnet, der über den Roman hinweg in der Schwebe bleibt (wie ein unterbrochener Akkord, der noch nach einem Ende ruft) – dann nur MUSS eine Epilog diesen Bogen runden …

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