Wer liest schon gerne auf Knien?
Donnerstag, Februar 23rd, 2012Autor und Leser - wer muss sich wem unterwerfen?
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Mein zweiter Schreibratgeber aus der Reihe »Bessere! Romane! Schreiben!« ist da.
Das E-Book zum Preis einer Latte Macchiato vereint 51 Artikel aus meinem Blog schriftzeit.de. Alle wurden überarbeitet und, auch dank vieler Leserkommentare, zum Teil deutlich erweitert. Insgesamt 287.000 Anschläge, das sind gut 170 Buchseiten. Mehr zu den Themen – unter anderem Erzählperspektive, Beschreibungen, Humor im Roman – lesen Sie hier
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„Meine Haltung zum Musikmachen hat sich verändert. In meiner Sturm-und-Drang-Zeit hab ich gedacht: Scheißegal, wir ziehen das jetzt durch, die anderen haben sowieso keine Ahnung. Heute bin ich der Meinung, dass die Musik vom Podium herunter ihr Publikum emotional erreichen muss, alles andere ist Quatsch. Das gilt übrigens auch für die Avantgarde: Man kann sich Musik nicht auf den Knien anhören.“ (Der Pianist Wolfgang Dauner im Interview, 22. Dezember 2010, DIE ZEIT No. 52)
So wie Wolfgang Dauner geht es auch vielen Autoren. Vergessen Sie nicht, dass Schreiben eine Form der Kommunikation ist, sprich: Sie haben einen Empfänger, der das, was Sie kommunizieren, verstehen möchte. Was übrigens eine Gefälligkeit des Leser Ihnen gegenüber ist. Er ist bereit, sich auf eine von Ihnen geschriebene Geschichte einzulassen – ein Vertrauensvorschuss. Enttäuschen Sie ihn nicht. Dafür (und für sein Geld) erwartet er eine Geschichte, die ihn emotional erreicht und berührt.
Das gilt für unterhaltsame Genregeschichten ebenso wie für anspruchsvolle erzählende Literatur. Um es mit Dauner zu sagen: Man sollte Ihren Roman nicht auf Knien lesen müssen.
Wenn der Leser sich nicht unterwerfen soll, muss es wohl automatisch der Autor.
Blödsinn.
In meinem Artikel (Was wollen Ihre Leser? Diese Kritik sagt es Ihnen) habe ich anhand einer Buchrezension einige zentrale Punkte aufgelistet, die viele Leser an Büchern schätzen. Dass nicht jeder diesen Artikel in dem Sinne verstanden hat, in dem ich ihn gerne verstanden gesehen hätte, unterstützt ironischerweise meinen Standpunkt.
Denn weder Leser noch Autor sind behavioristische Idioten. Sie lassen sich nichts vorschreiben, weder bei dem, was sie gerne lesen, noch bei dem, was sie gerne schreiben. Vielleicht sind die Leser sogenannter Trivialliteratur sogar unabhängiger als die Leser der sogenannten ernsten oder anspruchsvollen Literatur. Denn letztere lassen sich zu gerne ihre Lektüre von oben herab verordnen: vom Feuilleton ebenso wie von einem ominösen Kanon jener Bücher, die man gelesen haben muss, um mitreden zu können und als gebildeter Mensch dazustehen.
Auch ging es mir in besagtem Artikel und geht es mir in keinem meiner Artikel darum, einem Autor vorzuschreiben, wie er oder sie zu schreiben hat oder ihm oder ihr gar eine »Unterwerfungsgesinnung« zu verordnen, wie mir das in einem Blog-Artikel von Peter Nathschläger vorgeworfen wird. (Schöne Wortschöpfung, die »Unterwerfungsgesinnung«. Ich danke für den kontroversen Artikel und wünsche mir mehr Blog-Leser, die mir widersprechen. Na ja, zumindest ab und an.)
Bevor wir weiterdiskutieren, eine Definition: Ich unterscheide aus Gründen der Zweckmäßigkeit wertfrei zwischen erzählender Literatur und solcher, bei der die Sprache im Vordergrund steht. Hier im Blog geht es mir, wie ich immer wieder betone, um erstere. Ich bitte, das nicht als Abwertung im Sinn von künstlerisch wertvoll oder künstlerisch weniger wertvoll zu verstehen. Meiner Meinung nach entsteht literarische Kunst oft erst dann, wenn ein Roman neben seiner herausragenden Sprache auch gut erzählt ist.
Und was ist Erzählen? Manipulation von Emotionen. Punkt.
Wer die Emotionen im Leser nicht erreichen und beeinflussen will, der schreibe bitte ein Fachbuch oder Bedienungsanleitungen. Aber bitte auch kein Sachbuch. Denn Informationen werden dann am besten aufgenommen, wenn sie von Emotionen unterstützt werden.
Leider hat das Wort Manipulation nicht zu Unrecht ein negatives Image, man denke an Werbung oder politische Propaganda. Doch wer sich auf eine Erzählung einlässt, der will auf eine für ihn angenehme Weise manipuliert werden. Und für diese Manipulation gibt es Regeln, Mechanismen, Sozialtechniken, die gut oder weniger gut funktionieren. Zum Glück aber funktionieren nicht alle Techniken bei jedem und schon gar nicht bei jedem gleich. Sonst stünde in den Regalen der Buchläden nur noch ein einziges Buch.
Auf schriftzeit. de stelle ich einige dieser Techniken vor. Statt Kreativität einzuschränken, eröffnet ihre Kenntnis einen potenziell unendlich großen Raum, in dem sich Kreativität reichlich austoben kann und darf und soll. Und in dem auch der künstlerische Ausdruck nicht zu kurz kommen muss.
Besagte Manipulationstechniken zu kennen, hilft sowohl Autoren wie auch Lesern. Erstere wissen, wie sie die besten Chancen haben, erwünschte Reaktionen auf Leserseite zu triggern. Letztere wissen, worauf sie sich einlassen.
Ich verstehe nicht, was verwerflich daran sein soll, wenn man weiß, auf welche Weise und mit welchen Mitteln man beispielsweise Spannung in einem Roman erzeugen kann.
Natürlich darf man diese Möglichkeiten und Techniken ignorieren und so tun, als diente man damit der Kunst. Doch in meinem Verständnis wäre das so, als würde ein Schreiner sich bewusst nicht mit seinen Maschinen und der Beschaffenheit des Holzes auseinandersetzen aus Angst, das könnte seine Kreativität beim Bau eines Tischs oder auch eines Stückes Holzkunst ohne Nutzwert beeinträchtigen.
Auch wenn es ein Klischee ist: Kunst kommt von Können, nicht von Ignoranz und schon gar nicht von Unfähigkeit.
[unten geht’s weiter …]
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Und die Textproben? Stehen hier im Blog, werktäglich neu.
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Was ist die Alternative? Texte verfassen, die niemand lesen will, weil niemand sie versteht? Nur, um möglichst jedem Anschein einer »Unterwerfungsgesinnung« fern zu bleiben? Kunst um der Kunst willen? Wozu veröffentlichen, wenn ich nicht gelesen werden will? Goethe hat gesagt, wer nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben. Hat Goethe sich seinen Lesern unterworfen? Hat Goethe geschrieben, weil vor allem Geld damit verdienen wollte? Ich denke, das könnten die meisten Autorinnen und Autoren leichter haben.
Dass manche Autoren leicht verkäufliche und harmlose Texte schreiben, liegt in den meisten Fällen eben nicht an ihrem Gewinnstreben, sondern daran, dass sie in ihrer Schreibe etwas ansprechen, was vielen Lesern gefällt und dass sie persönlich schlicht harmlose Zeitgenossen sind. Für sie ist ein locker-flockiger Frauenroman eben der authentische Ausdruck ihrer Person als Autorin. Ein bleischweres existenzialistisches Werk um Schuld und Sühne würde nicht zu ihnen passen.
Wer sind wir, dass wir uns anmaßen, die Bedürfnisse von Lesern nach Unterhaltung abzuwerten?
Am Ende und allein vor seinem weißen Blatt auf dem Bildschirm muss und darf der Autor für sich entscheiden, welchen Weg er geht, worauf es ihm ankommt. Das ist eine wunderbare Freiheit, die in vielen Ländern nicht selbstverständlich ist.
Ich strebe ein Vertrauensverhältnis zwischen meinen Lesern und mir an, keinen Egotrip, der die Leser auf die Knie zwingt, und ganz sicher keine Unterwerfung. Dazu manipuliere ich viel zu gerne, dazu ist mein Ego nun doch zu groß, meine Suche nach dem perfekten Satz zu ernst, meine Hoffnung, Unterhaltung mit Anspruch verbinden zu können, zu dringlich.
Nach der Lektüre sollen beide Seiten das gute Gefühl haben, dass sich der Einsatz von Zeit und Geld und Kraft und Emotionen gelohnt hat. Dass sie ein Stück reicher geworden sind, beim Schreiben wie beim Lesen.
Was ist mit Ihnen?
SW
(c) Stephan Waldscheidt 2012
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