He, Sie Gott, passen Sie auf, dass Sie nicht fallen

So planen und plotten Sie Ihren Roman richtig

»Olympus has fallen«. Guter Titel. Und hat nichts mit fallenden Aktienkursen des Kamera-Herstellers zu tun. Sondern mit dem Weißen Haus in Washington, D. C., das von nordkoreanischen Terroristen eingenommen wird. Der Rest des Films, der zur Zeit in den Kinos läuft, ist so vorhersehbar und schlecht gemacht, dass man beinahe darüber lachen könnte (USA 2013; Regie: Antoine Fuqua; Drehbuch: Creighton Rothenberger, Katrin Benedikt). Aber immerhin wird viel geschossen und geblutet. Und Ashley Judd hat mal wieder eine (kleine) Rolle.

Keine Sorge, das wird keine Erregung über miese Filme. Sondern darüber, wie Sie einen Roman planen und plotten.

Mit den vielen Ungereimtheiten und Klischees will ich mich gar nicht erst abgeben, der Film war nicht mal in seiner miesen Qualität originell. Besonders amüsiert habe ich mich über die Szenen in der Kommandozentrale, wo der amtierende Präsident (der eigentliche Präsi wird als Geisel im Bunker im Weißen Haus festgehalten) und sein Stab dem Helden im Weißen Haus dabei zuhören, wie er Heldenhaftes tut, und ihm sinnlose Befehle geben, denen er sich klugerweise widersetzt.

Richten Sie sich einen dunklen Raum mit Bildschirmen ein und setzten Sie ein paar Darsteller davor. Ja, genau so einen Raum, wie Sie ihn schon in hundert anderen Filmen gesehen haben. Füllen Sie den Raum beliebig mit irgendwelchen wichtig aussehenden Menschen weißer und schwarzer Hautfarbe, uniformiert oder im Anzug, viele Männer, ein paar Quotenfrauen, und gruppieren Sie sie um einen großen Tisch.
Und dann geben Sie ihnen ein Drehbuch.
Sorgen Sie dafür, dass sie sich an das Drehbuch halten. Egal, was für ein Mist da drinsteht.
Wenn Sie Gefühle möchten – und sicher möchten Sie das, Gefühle gehören einfach zu einem Film –, stellen Sie einen Assistenten hinter die Kamera, der große Tafeln mit gut lesbarer Schrift hochhält, auf denen beispielsweise steht »Bestürzung« oder »unbändige Freude und du, Joe, du musst jubeln«.

So ähnlich müssen die Szenen in der Kommandozentrale entstanden sein. Das Wichtigste waren natürlich die großen, gut lesbaren Tafeln, wie man sie aus TV-Shows kennt, wo dem Publikum signalisiert wird, wann es klatschen und wann es pfeifen soll.

Ja, der Regisseur und / oder die Drehbuchautoren sind wohl keine Meister im Geschichtenerzählen. Was ist ihr Problem?

Viele Autoren schlagen sich mit der Frage herum, wo sie ihren Roman beginnen sollen. Vielleicht haben sie eine Idee für eine Geschichte, aber sie haben irgendwo gelesen, dass man die Geschichte aus den Charakteren heraus entwickeln soll. Andere Autoren sehen bereits die Heldin klar vor sich, haben aber kein Problem, wie sie die gute Frau in eine Handlung verstricken sollen, die halbwegs Sinn und Spannung ergibt.
Also denken sich die mit der Geschichte ein paar Romanfiguren aus und die mit den Charakteren überlegen sich eine Geschichte – und beide enden sehr bald in einer Sackgasse, die Mauer am Ende ein unüberwindliches Hindernis.

Das Hindernis: Die Geschichte und die Charaktere wollen einfach nicht zusammenkommen. Stellen Sie sich das wie zwei Bauklötze vor. Die kann man aufeinanderstapeln oder nebeneinanderlegen, aber eine Einheit bilden sie nie.

Wo sollen Sie anfangen? Beim Charakter oder beim Plot?

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Die Antwort wird Sie überraschen: Es ist egal, wo Sie anfangen.

Nein, ganz egal ist es nicht. Sie sollten da ansetzen, von wo Sie die meiste Energie spüren, dort, wo das Problem am aufregendsten knistert, wo sich Ihr Ideenquell besonders breit auftut.

Falls Ihnen eine aufregende Geschichte einfällt, fangen Sie bei der Geschichte an.
Dann fragen Sie sich, mit welchen Rollen muss ich die Geschichte füllen, damit sie besonders spannend, dramatisch, suspenseful und emotional wird. Achtung, wir reden hier von »Rollen«. Das sind zunächst nur Crash-Test-Dummies ohne Gesicht oder nähere Eigenschaften.
Erst wenn Sie die Rollen so festgelegt haben, dass sie Ihre Geschichte optimal tragen, hauchen Sie diesen Rollen Leben ein. Machen Sie Charaktere daraus, Menschen. Und zwar solche Menschen, die sich in die Rolle zwar einpassen, aber auch darüber hinausgehen. Damit vermeiden Sie das Problem, dass der Charakter sich partout nicht in Ihren Plot einfügen will.
Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Schneider. Sie schneidern das perfekte Kostüm für eine Königin – und dann passen Sie es der Königin an. Damit sie atmen, sich bewegen, lachen oder tanzen kann. Das Kostüm bleibt das gleiche, doch wer darin steckt, das ist eine ganz individuelle Sache.

Falls Ihnen hingegen zunächst die Idee für eine interessante Heldin kommt, eine ganz ungewöhnliche Frau, deren Leben Sie näher beleuchten möchten, dann beginnen Sie bei diesem Charakter. Bauen Sie diesen Charakter auf. Fragen Sie die Frau nach ihren innersten Bedürfnissen, ihrem fatalen Fehler, ihrem größten Schmerz, danach, was sie antreibt. Und daraus entwickeln Sie Ihren Plot.
Fragen Sie sich, wie diese Frau beispielsweise zu einer Veränderung getrieben werden kann, dazu, auf ihr Inneres zu hören, ihre Bedürfnisse zu entdecken und entsprechend zu handeln. Was würde eine solche Frau bis zum Äußersten prüfen, zum Äußersten treiben?
Sie entwickeln Plot-Punkte vergleichbar den Crash-Test-Dummies, sprich: Ereignisse, die noch unklar sind, von denen Sie aber bereits die Wirkung auf Ihre Heldin kennen.
Das könnte beispielsweise so aussehen: Im ersten Wendepunkt am Ende des ersten Akts muss Ihre Heldin sich auf ihr endgültiges Ziel festlegen. Dieses Ziel aber kennen Sie, Sie haben es aus ihren Bedürfnissen heraus entwickelt. Und dann müssen Sie eine Szene oder ein konkretes Ereignis entwickeln, wo sich die Heldin zum Erreichen dieses Ziels verpflichtet.

Jetzt sind Sie nicht Schneider, sondern Einrichter. Sie wissen genau, welche Möbel in das Zimmer Ihres Plots hinein müssen. Aber wie die Möbel gestrichen und gruppiert werden und mit welchen Accessoires Sie diese ergänzen, das macht das Individuelle an Ihrer Geschichte aus.

Anscheinend haben die Drehbuchautoren oder der Regisseur von »Olympus has fallen« an einem dieser Punkte versagt: Es sieht aus, als hätten sie mit einer Story begonnen und daraus Rollen entwickelt – aber sie haben dann aufgehört, aus diesen Rollen Charaktere zu entwickeln, Menschen aus ihnen zu machen, die sich zwar an den Plot halten, aber eben als Menschen, nicht als Puppen. Ein Mensch ist eben mehr als seine Rolle. Und wenn dieses Mehr fehlt, spüren das die Zuschauer oder die Leser. Mensch sein, heißt, in der Rolle dennoch Spielraum zu haben und sie individuell auszufüllen.
Die betrogene Ehefrau ist eine Rolle. Aber es gibt unendlich viele Möglichkeiten, diese Rolle auszufüllen und sie zum Leben zu erwecken. Das ist eine der wichtigsten und spannendsten Aufgaben für Sie als Autor.

Autor zu sein, auch das ist eine Rolle – die eines Gottes, Gottvaters, die von Zeus persönlich. Wie Sie sie ausfüllen, zeigen Sie in Ihren Texten. Geben Sie sich Mühe damit. Sonst heißt es auch bei Ihnen irgendwann: Olympus has fallen.

SW

(c) Stephan Waldscheidt 2013

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??? Meine Frage an Sie: Wie beginnen Sie Ihren Roman? Warum? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …