Archive for Februar, 2012

Das Reich der Angst wimmelt von lebendigen Details

Mittwoch, Februar 29th, 2012

So zeigen Sie Emotionen Ihrer Charaktere

Emotionen im Roman immer und allein über Handlung und Dialog zu vermitteln, das schaffen nur begnadete Erzähler. Der große Rest muss deshalb nicht verzweifeln. Es gibt eine Methode, die das ausgleicht und die auch von den meisten Bestsellerautoren verwendet wird.

In seinem Roman »Im Reich der Angst« (Klett-Cotta 2011) wendet der spanische Autor Isaac Rosa diese Methode effektiv an. Ich wette, Sie wenden Sie auch bereits an. Aber wenn Sie meine Gedanken dazu gelesen haben, können Sie das womöglich noch effektiver tun.

Rosa schreibt über den Angestellten Carlos und seine Ängste, die letztlich die Ängste der ganzen Gesellschaft widerspiegeln. Immer wieder musste ich beim Lesen denken, diese Ängste seien typisch deutsch, aber sie scheinen doch weiter verbreitet zu sein.

[unten geht’s weiter …]
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Und die Textproben? Stehen hier im Blog, werktäglich neu.

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So kommen wir also zur zweiten Version seines bewussten Albtraums. Zu der schlimmeren Variante. Derjenigen, die ihn manchmal aus dem Schlaf hochschrecken, aber lieber nicht die Augen öffnen lässt: Sie sind hier, im Schlafzimmer. Also presst er die Lider zu, unter die Decke gekuschelt, mit dem Gesicht zum Nachttisch. Er lauscht, doch ohne Erfolg: Da sind weder Schritte noch Atemgeräusche, auch kein Flüstern oder raschelnde Kleidung. Schließlich macht er die Augen auf. Es ist niemand da. Er hat sich oft überlegt, was er tun würde, wenn doch jemand da wäre. Er stellt sich vor, wie er mitten in der Nacht die Augen aufschlägt und, sobald sich seine Pupillen ans Halbdunkel gewöhnt haben, im Schlafzimmer einen Mann ausmacht, zwei Männer, in schwarzer Kleidung und mit Kapuzen oder Gesichtsmasken; sie durchwühlen die Schubladen der Kommode, greifen zwischen Strümpfe und Slips, in der freien Hand eine kleine Taschenlampe mit einem winzigen Lichtkegel. Besser, sich schlafend zu stellen, denkt er. Noch besser, tatsächlich zu schlafen. Nicht aufzuwachen, nichts zu hören. Er wäre dankbar dafür, betäubt zu sein, ein Fläschchen oder ein feuchtes Tuch, das ihm unter die Nase gehalten wird, und erst fünf oder sechs Stunden später wieder aufzuwachen, mit Kopfschmerzen und ausgetrockneter Kehle. Sollen sie ihre Arbeit beenden und verschwinden, und erst am nächsten Morgen, nach ein, zwei alltäglichen Verrichtungen (ins Bad gehen, die Hose anziehen oder sogar frühstücken), würde man dann den Diebstahl bemerken, wo sind die Ohrringe, die habe ich doch auf den Tisch gelegt, ich kann die Autoschlüssel nicht finden, hast du meine Handtasche gesehen. Aber wenn er die Augen öffnet und sie sind noch da, wenn er sie im ungünstigsten Moment erwischt, was dann? Sich ihnen entgegenzustellen, auf sie loszugehen, das kommt nicht in Frage. Sie sind zwei gegen einen, sie sind kampferprobt, bestimmt sind sie bewaffnet, und er ist noch schlaftrunken, kraftlos, er ist ein friedfertiger Mensch, er hat noch nie mit der Faust zugeschlagen, der Boden ist kalt, wenn er den nackten Fuß darauf setzt. Einen stumpfen, schweren Gegenstand hat er auch nicht in Reichweite, er kann ja schlecht mit dem Papierlämpchen vom Nachttisch auf sie eindreschen oder einen Pantoffel nach ihnen werfen oder eine zusammengerollte Zeitung. Er könnte schreien, in der Hoffnung, dass sie einen Schrecken bekommen und fliehen. Was schreit man denn in einer solchen Lage? »Hilfe!« klingt arg theatralisch, »Haltet den Dieb!« ebenso, ganz zu schweigen von »Rettet uns!«. »Polizei« ist nicht sehr praktisch, und außerdem könnte eine Erwähnung der Staatsmacht die Einbrecher wütend machen und aggressive Reaktionen provozieren – noch aggressivere. Vielleicht sollte er einfach laut brüllen, ohne Worte. Ein langgezogenes, kehliges »A«, das sich hoffentlich zu einem so gellenden Schrei auswächst, dass es sie in die Flucht schlägt. Aber wenn er schreit, werden sie nicht als Erstes an Flucht denken, rechnen wir nicht mit solchen Feiglingen, solchen Dilettanten. Ihr erster Gedanke wird sein, ihn zum Schweigen zu bringen, ihn niederzustrecken, ihm eine Socke in den Mund zu stopfen, ihm das Kissen aufs Gesicht zu pressen, und dann wird auch Sara wach werden, auch mit ihr wird man etwas unternehmen müssen, kümmere du dich um den Schreihals, ich übernehme die Zuckerschnitte. (S. 16f. Zur Leseprobe geht es hier …)

[Randnotiz: Dieses Blockhafte im Satz, das Verzichten auf Absätze verstärkt das beklemmende Gefühl noch. Mehr darüber, wie Sie Absätz ebenso effektiv einsetzen wie Isaac Rosa hier, lesen Sie in meinem Ratgeber »Absätze – Dynamische Kraftzellen im Roman«]

All dies geschieht nur in der Vorstellung des Charakters. Es gibt uns einen guten, ja, detaillierten und detailreichen Einblick in seine Ängste. Genau das ist der Punkt: Seine Gedanken sind klar und bestimmt und reich an Handlung und Details. Sie sind bildhaft und verfügen damit über das Potenzial, Gefühle auch im Leser hervorzurufen.

Hier kommt nun der Vorteil der Literatur zum Tragen. Für den Leser unterscheiden sich die Wörter innerhalb dieser Gedanken von Carlos nicht von den Wörtern innerhalb der eigentlichen Handlung des Romans. Was in der »Realität« der Handlung Gefühle hervorruft, schafft das auch in der »Vorstellung« von Carlos‘ Gedanken.

Die einzige Hürde: Sie müssen »es« dem Leser zeigen. Ob Sie das in bildhafter, bestimmter, detailreicher Handlung tun oder in Gedanken, die dieselben Qualitäten aufweisen, spielt höchstens eine untergeordnete Rolle.

Ernest Hemingway hat »es« seinen Lesern oft allein über Handlung und Dialoge gezeigt, wobei man das Dialoge streichen könnte, denn die sind letztlich nur ein Spezialfall von Handlung. Papa, wie er liebevoll von seinen Fans genannt wurde, erzählt objektiv, er blickt von außen auf die Charaktere.

Diese objektive Erzählweise findet sich heute fast nur noch in der anspruchsvollen Literatur. Die modernen Erzähler gehen andere Wege. Sie reisen in den Kopf ihrer Charaktere. In den Kopf? Eben nicht nur. Denn indem Sie den Leser an den Gedanken der Figuren teilhaben lassen, öffnen Sie auch einen direkteren Zugang zu ihrem Herz.
Damit das gelingt, bedarf es starker, klarer, detailreicher (Sinnes-)Eindrücke. Diese können auch Sie liefern, begnadeter Erzähler oder nicht. Sie müssen es bloß tun. Schreiben.

Nehmen Sie sich die Szene vor, an der Sie gerade arbeiten. Sehen Sie sich die Gedanken Ihres Protagonisten an. Sehen Sie etwas? Oder sind da nur abstrakte Begriffe wie Freiheit oder Schönheit oder Eitelkeit oder Angst? Verwandeln Sie sie in Bilder, je bewegter und sinnlicher, desto besser. Worauf warten Sie?

SW

(c) Stephan Waldscheidt 2012

PS: Ich danke Klett-Cotta für die Zusendung des Rezensionsexemplars.

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PS: Ein Gutachten von Exposé oder einer Textprobe aus Ihrem Roman hilft Ihnen weiter - bevor Sie den Roman schreiben oder zumindest bevor Sie ihn an Agenten oder Verlage schicken. Es erspart Ihnen viel unnötige Arbeit in die falsche Richtung, Zeit und Frustration und wird Ihren Roman deutlich stärker machen. Versprochen.

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??? Meine Frage an Sie: Halten Sie das objektive Erzählen für überlegen? Das subjektive? Warum? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …