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Das Original bitte, keine Totenmaske

Donnerstag, April 19th, 2012

Mit diesem Trick machen Sie Ihre Texte nuancenreicher

Was braucht ein Roman, um sich auch in anderssprachigen Ländern zu verkaufen? Vermutlich sollte er sich gut übersetzen lassen, oder? Kein Problem, Ihr Roman lässt sich hervorragend eins zu eins in sämtliche Weltsprachen und selbst in Dialekte von Papua-Neuguinea übertragen. Das spricht, ganz klar, für seine Qualität.

Bull, wie der kurz angebundene Amerikaner zu sagen pflegt (und dabei die für den Kraftausdruck eigentlich zentralen Körperausscheidungen des Rinds unter den Tisch fallen lässt, also, jetzt im übertragenen Sinn …). Zu Deutsch: Nö.

Wer »Ja« geantwortet hat, muss vor dem Weiterlesen eine Strafrunde drehen und den Artikel von gestern lesen, Von Unkraut und Lektoren.

Alle anderen brauchen nicht zu warten und dürfen gleich diesen Ausschnitt aus Klaus Modicks Roman »Sunset« (Eichborn 2011) goutieren:

Und dann kommt das übersetzte Wort, der übersetzte Satz. Er stimmt, er ist richtig, aber etwas Entscheidendes fehlt. Der Duft, die Nuance ist fort, das Leben ist gewichen, als sei die Übersetzung die Totenmaske des Originals. Häufig verhält sich der übersetzte Satz zum eigenen wie eine Übertragung der Bibel in Basic English zum Worte des Herrn.

Manche Texte lesen sich aber schon im Original, als seien sie übersetzt. Eben weil ihnen die Nuancen fehlen oder die kulturspezifischen Details, die sich nicht übersetzen lassen.

[unten geht’s weiter …]
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Und die Textproben? Stehen hier im Blog, werktäglich neu. schriftzeit.de soll kostenlos bleiben, daher freue ich mich umso mehr über jeden, der meinen Schreibratgebern eine Chance gibt. Oder sie im Gefallensfall weiterempfiehlt. Oder eine Rezension darüber schreibt. Danke!

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Da sich gerade diese Nuancen und Details am besten erst bei der Überarbeitung einfügen lassen, sollten Sie ab und an ein wenig von Ihrem Text zurücktreten und sich einen Übersetzer vorstellen, der Ihren Text in eine Sprache Ihrer Wahl übertragen will – einen Menschen, der Ihnen widerlich ist und dem Sie alle nur denkbaren Hindernisse in den Weg werfen, damit ihm seine Arbeit schwer, im Idealfall unmöglich wird.
Mit diesem Feindbild weit hinten im Kopf machen Sie sich dann weiter an Ihrem Roman zu schaffen und fügen Spezifika ein, Wortspiele, Redewendungen. Lauschen Sie dem den Wörtern und Sätzen nach und entscheiden Sie sich bei Synonymen auch mal nach dem Klang. Erfinden Sie Wörter, die man in keinem Wörterbuch findet. Benutzen Sie auch mal hochspezifische Fachausdrücke aus einem abgelegenen Spezialgebiet wie Kollokat oder Riesen-Holzschlupfwespe – Wörter, vor denen selbst leo.dict.org kapituliert: »Für den Begriff  findet sich im Wörterbuch keine Entsprechung«.

Der widerliche Übersetzer wird Sie hassen. Soll er. Ihre Leser aber werden Sie lieben. Ihr Text wird reicher, bunter, lebendiger – lebensnäher.
Dafür werden selbst diejenigen Leser Sie lieben, die nur die Übertragung lesen. Denn letztlich wird sich der Übersetzer doch so viel Mühe geben, dass er zumindest einige Ihrer Nuancen retten wird. Wenn diese Nuancen aber von Anfang an fehlen, kann selbst der beste Übersetzer keinen nuancenreichen Text daraus machen.

Nach getaner Überarbeitung ändern Sie Ihre Einstellung. Stellen Sie sich den Übersetzer als einen sympathischen Menschen vor. Einen, dem Sie eine spannende Herausforderung gönnen, einer, der farbenfrohe Texte zu würdigen weiß und der fahlen Einheitsbrei genauso ablehnt wie Sie. Er wird Ihnen dankbar sein für jede Nuance.

Das Zitat aus Modicks Roman geht so weiter:

Hat er denn Grund zu klagen? Übersetzungen sind auch Bereicherungen.

SW

(C) Stephan Waldscheidt 2012

PS: Ich danke Eichborn für die Zusendung des Rezensionsexemplars.

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PS: Ein Gutachten von Exposé oder einer Textprobe aus Ihrem Roman hilft Ihnen weiter - bevor Sie den Roman schreiben oder zumindest bevor Sie ihn an Agenten oder Verlage schicken. Es erspart Ihnen viel unnötige Arbeit in die falsche Richtung, Zeit und Frustration und wird Ihren Roman deutlich stärker machen. Versprochen.

Mehr Info & Preise hier …

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Sie haben Fragen rund ums Schreiben von Romanen? Ich beantworte Sie Ihnen und Dir gerne. Einfach Mail an blog@waldscheidt.de. Den Feed abonnieren: http://schriftzeit.de/feed. Und bei Gefallen: weiterempfehlen oder verlinken (rechte Maustaste, Link kopieren)! Danke.

??? Meine Frage an Sie: Wie halten Sie es mit Nuancen? Wann fügen Sie sie ein? Sofort? Später? Gar nicht? Warum nicht? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …