Archive for the ‘Über das Schreiben’ Category

Die improvisierende Mörderin

Montag, Mai 7th, 2012

Erfolgreich mit Erzählregeln brechen

Eine der unverbrüchlichen Regeln des Romanhandwerks heißt: Im ersten Plotpoint am Ende des ersten von drei Akten verpflichtet sich der Held dem zentralen Problem des Romans. Kein Weg zurück. Die Entscheidung stößt den Helden in den zweiten Akt, ins Muskelfleisch des Romans.

Joanna Hines hat in ihrem Roman »Improvising Carla« (Simon & Schuster 2001 / keine deutsche Ausgabe) mit dieser Regel gebrochen. Ihre Heldin Helen lernt im Urlaub auf einer griechischen Insel eine Frau kennen und freundet sich mit ihr an. Nach einer durchzechten Nacht gehen beide zusammen vom Apartment zweier Bekannter durch ein Waldstück zurück zu ihrem Hotel. Sie geraten in Streit, gehen aufeinander los.
Filmriss Helen.
Als sie wieder zu sich kommt, liegt Carla tot vor ihr, sie selbst hat einen Stein in der rechten Hand, der vor Blut und anderen unschönen Substanzen klebt. Helen ist, was Wunder, überzeugt, sie wäre die Mörderin, zumal niemand anderes in der Nähe war oder nur wissen konnte, dass sie um diese Zeit in dieser Gegend unterwegs sein würden. Voller Panik versucht sie, die Leiche verschwinden zu lassen, kann sie aber nur ein paar Meter bis zu einer Straße schleppen – wo ein LKW herangedröhnt kommt, bremsen muss und die Tote unter einer Ladung Steine vergräbt.

In vergleichbaren Romanen wäre dieser Mord das auslösende Ereignis. In seiner Folge, im ersten Akt, würde die Heldin nun Informationen sammeln, die sie bald davon überzeugen, dass sie nicht die Mörderin sein kann. Die Entscheidung, ihre Unschuld zu beweisen, könnte der erste Plotpoint sein, die Suche nach dem wahren Mörder könnte im Midpoint beginnen.

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Joanna Hines geht es um etwas anderes. Ihr ist die psychologische Seite ihrer Heldin wichtiger als die Auflösung des Mordes. Statt die Heldin vor der Justiz fliehen zu lassen (wie etwa im Film »Auf der Flucht« mit Harrison Ford und  Tommy Lee Jones), lässt Hines sie ungeschoren davonkommen. Helen kann glaubhaft vorbringen, sie wäre woanders gewesen. Der Fall wird eingestellt, der Tod als Unfall deklariert.

Der Großteil des Buchs widmet sich nun Helen und ihrer Flucht vor ihren inneren Dämonen. Eine Flucht, die, wie sie bald erkennt, hoffnungslos ist. Während ihr Leben wegen ihrer Schuldgefühle immer unerträglicher wird, versucht sie, mehr über diese Urlaubsbekanntschaft herauszufinden, lernt ihre Familie und Freunde kennen.
An Helens Überzeugung, dass sie die Mörderin ist, hat sich jedoch nichts geändert. Erst am Ende des zweiten Akts findet sie heraus, dass sie wahrscheinlich doch nicht die Täterin sein kann. Und erst jetzt beginnt das, was für gewöhnlich dem zweiten Akt vorbehalten wäre: Helen sucht den wahren Mörder.

Was die Autorin hier tut, funktioniert. Auch wenn es nicht wirklich überzeugend funktioniert. Das ist aber weniger der mutigen und außergewöhnlichen Konstruktion zuzuschreiben, sondern eher dem Umstand, dass in einem Großteil des Romans wenig geschieht und vor allem die Spannung nur sehr, sehr fern spürbar ist. Präsent ist sie schon, denn als Leser hat man natürlich seine Zweifel an Helens Vermutung, wie der Mord passiert ist.

Für Sie heißt das zweierlei: Wagen Sie sich auch mal an weniger ausgetretene Konstruktionen. (Obwohl ich das für Ihr Erstlingswerk nicht unbedingt empfehlen würde.) Und wenn Sie das tun, sorgen Sie für Subspannung, will heißen: Verlassen Sie sich nicht ausschließlich auf die Überzeugungskraft Ihres zentralen Plots. Bauen Sie vielmehr Subplots ein, die in sich für Spannung sorgen, auch dann, wenn diese im zentralen Plot – der Konstruktion geschuldet – etwas in den Hintergrund tritt.

Und: In psychologischen Romanen vergessen Sie dennoch die Handlung nicht!

Hines‘ Roman hätte eine Heldin mit einem interessanteren Innenleben gebraucht. Helen ist sehr durchschnittlich. Was einerseits dem Leser hilft, sich mit ihr zu identifizieren. Und eine Identifikation ist in diesem Roman zentral: Nur so können die Leser den Gedankengängen der Heldin folgen und auch ihre Ängste und Verdächtigungen nachvollziehen.
Dann aber zwingt die Autorin den Leser dazu, sich sehr lange und sehr intensiv mit dem Innenleben der Heldin auseinanderzusetzen. Und das müsste dann aber entsprechend aufregender und abwechslungsreicher sein.

Beim Romane Schreiben stehen Sie fast immer vor einem vergleichbaren Problem: Wenn Sie an einem Ende etwas überziehen – wie hier die Konzentration auf die Psychologie der Heldin Helen –, müssen Sie das an einem anderen Ende ausgleichen.
Ein guter Roman ist ein fein austariertes Gebilde. Wenn Sie irgendwo von der klassischen »Formenlehre« der Romanstruktur oder der Charakterzeichnung abweichen, müssen Sie das an einer anderen Stelle ausbalancieren.

Doch um dieses Austarieren überzeugend hinzubekommen, müssen Sie den »Idealzustand«, eben den klassisch strukturierten Roman und seine Anforderungen kennen und zumindest einigermaßen beherrschen. Und dieses Beherrschen sollten Sie trainieren. Etwa indem Sie einen klassisch strukturierten Roman schreiben. Die Regelbrüche heben Sie sich für später auf. Dann gelingt Ihnen auch damit ein verdammt guter Roman.

SW

(C) Stephan Waldscheidt 2012

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??? Meine Frage an Sie: Wie weichen Sie von etablierten Erzählregeln ab? Und wie gleichen Sie das aus? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …