Mildernde Umstände. Oder das Gegenteil.
Dienstag, Mai 8th, 2012Wie Ihnen ein psychologisches Phänomen beim Romanschreiben hilft
Sie haben Ihren Mann ermordet. Sie glauben, es ist das perfekte Verbrechen. Ein Vermittler wird auf Sie angesetzt. Er steigt aus einem zerbeulten Peugeot, der ebenso wie sein labberiger Trenchcoat schon einige Jahre auf dem Müll verbracht zu haben scheint. Er selber sieht noch abgerissener aus. Er hat ein Glasauge und seine Haare haben jenen Out-of-bed-Look, der bei ihm jedoch kein bisschen sexy wirkt, nur unausgeschlafen. Der Ermittler hat einen kurzbeinigen Hund dabei, der sich freiwillig keinen Millimeter bewegt. Statt Sie zu dem Fall zu befragen, spricht der Ermittler vor allem mit seinem Hund. Die ersten Worte, die er dann doch mit Ihnen wechselt, betreffen seine Frau. Mrs Columbo.
Sie unterschätzen den Mann. Sie schließen von seinem Verhalten und Aussehen in der Situation auf seine Persönlichkeit. Ihr größter Fehler. Sie haben den Rest Ihres Lebens Zeit, ihn zu bedauern. Inspector Columbo bringt sie ins Gefängnis.
Der Fehler, den Sie begangen haben, heißt fundamentaler Attributionsfehler.
Eine (…) Ursache für die eingebildete Menschenkenntnis ist der sogenannte fundamentale Attributionsfehler. Er besagt, dass wir die jeweilige Situation und die Umstände, unter denen eine Person handelt, oft ignorieren und den Grund für ein Verhalten stattdessen in der Person selbst suchen. Treffen wir zum Beispiel jemanden, der uns unfreundlich oder aggressiv behandelt, schieben wir das automatisch auf dessen Charakter. Äußere Faktoren, also beispielsweise ob diese Person gerade gestresst ist oder soeben eine belastende Nachricht erhalten hat, kommen uns dabei nicht in den Sinn. (Chaehan So; Mensch, was für ein Irrtum!; Spiegel Online, 31.03.2012)
Nicht nur einem psychologisch motivierten Roman helfen Erkenntnisse der Psychologie. Der fundamentale Attributionsfehler lässt sich auch wunderbar zur Charakterzeichnung heranziehen.
Er hilft Ihnen auf zwei Arten:
1. Bei der Steuerung der Wahrnehmung eines Charakters durch andere Charaktere.
2. Bei der Steuerung der Wahrnehmung eines Charakters durch den Leser.
Jede Art lässt sich auf je zwei Weisen anwenden:
a) Sie lassen den fundamentalen Attributionsfehler zu.
b) Sie decken ihn (sofort oder später) auf.
Im Beispiel Columbo begehen die Charaktere im Film den Fehler (Art 1). Die Zuschauer aber, die den Seriencharakter Columbo bereits kennen, begehen ihn nicht. Ein Reiz der Serie besteht genau darin, dass der Zuschauer mehr weiß als die Charaktere. Er weiß mehr als der Mörder – und zugleich weiß er auch mehr als der Ermittler. Obwohl man meist den Eindruck hat, Columbo wisse nach einer Minute ebenfalls schon, wer der Mörder ist. Den Rest des Films verbringt er damit, den Mörder sich selbst überführen zu lassen.
Der Kenntnisstand des Mörders ist, zu Beginn, Weise a). Nach und nach aber erkennt er den Fehler, den er bei der Einschätzung des Inspectors begangen hat, sodass er am Ende auf dem Stand von Weise b) ist.
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Beinahe noch interessanter finde ich die Art 2: Sie verführen den Leser dazu, einen fundamentalen Attributionsfehler zu begehen. Gerade bei der Einführung eines Charakters kann Ihnen dieser psychologische Umstand wertvolle Dienste erweisen.
Beispiel. Der Held (und zugleich der Charakter, aus dessen Perspektive Sie erzählen) lernt an einer Tankstelle eine Frau kennen. Sie ist total aufgebrezelt, wirkt vollkommen überdreht, riecht nach Alkohol. Sein erster Eindruck: Tussi mit Alkoholproblem. Sein Fazit: Höflicher, aber knapper Smalltalk, dann Abgang.
Tatsächlich begeht er einen fundamentalen Attributionsfehler. Die Frau hat sich gerade mit ihrem Verlobten getroffen, um einen Termin für die Hochzeit zu finden. Dafür hat sie sich schick gemacht, hat Champagner getrunken. Ihr Verlobter aber eröffnet ihr, dass er eine andere hat und aus der Heirat nichts wird. Sonst ist diese Frau eher zurückhaltend und bodenständig, eher sportlich und naturverbunden – und die Klamotten hat sie von einer Freundin, die sich für Mode interessiert.
All das weiß der Held beim Kennenlernen nicht (1a). Auch der Leser weiß es nicht (2a). Aus diesem Nichtwissen lässt sich später eine Überraschung ableiten, wenn Sie den wahren Charakter der Frau enthüllen.
Sie können jedoch den Leser schlauen machen als den Helden. Indem Sie dem Leser die Szene im Restaurant zeigen, wo der Verlobte die Verlobung platzen lässt (2b). Hier lässt sich Spannung aus dem unterschiedlichen Wissensstand zwischen Held und Leser konstruieren. Vielleicht weiß der Leser, dass die Frau und der Held perfekt zusammenpassen würden. Der Held aber kann mit der vermeintlich überdrehten Schnalle nichts anfangen. Statt sie zu einem Kaffee einzuladen (was die Frau gut gebrauchen könnte), smalltalkt er und fährt dann weiter, allein. Der Leser ist gepackt: Der Held soll sie nicht einfach ziehen lassen, er hat nicht mal ihre Nummer, wie sollen die beiden jemals zusammenkommen!
Sie sollten sich dieser Chancen bewusst sein, aber auch die Risiken nicht vergessen, die der fundamentale Attributionsfehler mit sich bringt. Diese sind gerade bei der Einführung eines Charakters enorm wichtig – weil enorm gefährlich.
Führen Sie die oben gezeigte Frau als Heldin Ihres Romans ein und zeigen Sie sie in eben dem Zustand, in dem der Held sie kennenlernte, wird der Leser womöglich dieselben Schlüsse ziehen wie der Held: Tussi! Nichts wie weg hier! Während der Held auf seiner Ducati davonbraust, legt der Leser das Buch weg. Er hat keine Lust, eine solche Heldin einen ganzen Roman lang zu begleiten. Ende der Geschichte.
Dabei kann es ein gelungener Einstieg sein, die Heldin eben erst einmal anders zu zeigen, als sie normalerweise ist – schon allein, weil es einen Konflikt bedeutet zwischen ihrem Normal-Ich und dem Anfangs-Ich.
Sie lösen das Problem, indem Sie sofort dafür sorgen, dass die Heldin interessant ist – indem Sie etwas Interessantes oder Unerwartetes tut oder sagt oder denkt oder fühlt. Oder indem Sie sie in einer spannenden Situation zeigen oder mit Ihrer Beschreibung das Interesse des Lesers wecken. Damit legen Sie den Keim, aus dem später leichter Sympathie oder Empathie treiben kann.
Dann denkt der Leser zwar immer noch: »Tussenalarm!« Aber die Tussi hat etwas, was ihn zum Weiterlesen zwingt. Und wenn es nur ein bisschen verlaufener Kajal ist oder ein linker Schuh, der nicht zum rechten passt.
SW
(C) Stephan Waldscheidt 2012
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??? Meine Frage an Sie: Wie könnte man noch mit dem fundamentalen Attributionsfehler arbeiten? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …


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