Der Kern Ihres Romans ist nicht immer das, was Sie glauben

Stephen King nennt “Let Me In” den “besten amerikanischen Horrorfilm der letzten zwanzig Jahre”. Mag sein. Gelungen ist der Film, was vor allem an seinen Hauptfiguren liegt.
Im Kern ist der Film eine Liebesgeschichte.
Viele Genre-Geschichten tragen in einem Kern etwas anderes, Tieferes in sich. In vielen Fällen ist genau das der Grund, warum sie so gut sind oder so erfolgreich werden. “Game Of Thrones” ist ein Familiendrama, ebenso wie “The Walking Dead”. Das Fantasy- oder Endzeit-Genre ist dabei das Setting, nicht aber der Kern.

Was ist Ihr Roman in seinem Kern? Ist er genau das, was er auf den ersten Blick scheint? Ein Krimi, der ein Krimi ist? Ein historischer Roman, der nur vor allem ein historischer Roman ist? Wenn Sie den Kern Ihres Romans entdecken, finden Sie nicht nur mehr über die Geschichte und ihre Charaktere heraus — sie werden auch zahlreiche Ansätze erkennen, den Roman stärker, fesselnder, berührender zu machen.

In “Let Me In” liest der zwölfjährige Protagonist in der Schule “Romeo und Julia” — und der Autor zeigt Ihnen damit eine Möglichkeit, wie Sie den Kern Ihres Romans herausheben und in das Handlungsgeflecht verweben.

“Let Me In” DVD http://j.mp/1iNBOOL | Info https://de.wikipedia.org/wiki/Let_Me_In

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4 comments on “Der Kern Ihres Romans ist nicht immer das, was Sie glauben”

  1. Susanne Gavenis Antworten

    Ich habe gerade diesen (leider nicht mehr so aktuellen) Artikel auf Ihrem Blog entdeckt, aber da ich denke, dass auch ein etwas verspäteter Kommentar immer noch interessant sein kann, möchte ich kurz meine Gedanken dazu äußern.

    Als ich das erste Mal vor einigen Jahren “Let me in” gesehen habe, war mein erster Gedanke: Was reden die nur alle von der zarten und berührenden Freundschaft zwischen dem Jungen und dem Vampirmädchen? Auf der Oberfläche ist das zweifellos das zentrale Thema, aber der Subtext erzählt m.E. eine ganz andere Geschichte, die weit weniger zart und anrührend ist. Als Protagonist Owen bei dem Vampirmädel zu Hause in der Wohnung ist, entdeckt er dort einige (offensichtlich bereits Jahrzehnte alte) Fotos von ihr (die sich naturgemäß in dieser ganzen Zeit äußerlich überhaupt nicht verändert hat) und einem Kind, das ziemlich eindeutig ihren gegenwärtigen menschlichen Blut-Beschaffungs-Lakaien darstellt, der im Film gerade auf recht hässliche Art das Zeitliche gesegnet hat und dadurch als Blutlieferant ausfällt.

    Die Parallele zwischen der sich anbahnenden Freundschaftsbeziehung zwischen dem 12jährigen Owen und dem Vampirmädchen und der damaligen Beziehung zwischen dem Mädchen und ihrem früheren Lakaien wird, wie ich finde, durch diese nur wenige Sekunden dauernde Sequenz mit den Fotos sehr deutlich und verleiht in meinen Augen der auf der Oberfläche des Films sich entwickelnden Freundschaft eine deutlich zynischere und unromantischere Note. Dass am Ende des Films der Protagonist (immerhin noch ein Kind) völlig mit seinem alten Leben gebrochen hat und mit dem Vampirmädchen auf eine Reise ins Unbekannte aufbricht, zeigt, dass er nicht nur psychologisch und emotional, sondern auch äußerlich nun die Rolle ihres früheren menschlichen (ebenfalls männlichen) Dieners komplett übernommen hat.

    Mag wohl sein, dass das Mädel ihn nicht von Anfang an auf diese Weise auf seine spätere Rolle hin funktionalisiert und sozialisiert hat (immerhin sträubt sie sich ja mehrere Male gegen seine Freundschaftsbekundungen und Annäherungen), aber diese zweite Bedeutungsebene ist m.E. dennoch durchgängig im Film enthalten (zumal sowohl der Protagonist Owen als auch der Junge auf den alten Fotos bereits von ihrem äußeren Erscheinungsbild her wie sozial isolierte Underdogs wirken, also für die Aufgabe eines Dieners optimal geeignet sind).

    Dieses Detail mit dem alten Foto gibt es meines Wissens nach weder in dem Roman noch in der schwedischen Erstverfilmung (“So finster die Nacht”), sondern nur in dem amerikanischen Remake. Auch der Filmtitel “Let me in” ist m.E. aus dieser Perspektive heraus doppelbödig. In dieser Sicht geht es dann nicht nur um das schlichte, auf der Hand liegende “Du musst mich erst hereinbitten, bevor ich deine Wohnung betreten kann”, sondern auch um das “Bitte mich in dein Leben, gestatte mir, dass ich von diesem Leben und von dir selbst vollständig Besitz ergreife, bis du (freiwillig) tust, was in meinem Interesse ist”. Es würde mich wirklich interessieren, ob der Drehbuch-Autor die offensichtliche Freundschafts-Ebene für die eigentlich wichtige und primäre hält oder die zynische, kalt-funktionale “Ich suche mir einen neuen jugendlich-männlichen Diener, der mir emotional hörig ist, weil mein alter es nicht mehr lange macht”. Ich hoffe irgendwie, dass nicht nur ich diese zweite Ebene sehe (was würde das über mich aussagen?), sondern auch noch andere Zuschauer zumindest ein vages, ungutes Gefühl bei dieser Freundschaft verspüren.

  2. Stephan Waldscheidt Antworten

    Hallo Apfelsaft,

    das ist bei manchen Romanen tatsächlich so, etwa den historisierenden Schnulzen, die im Gewand (und Setting) eines historischen Romans einen Liebesplot verkaufen. Oder bei historischen Krimis, SF-Thrillern usw.

    Geht man von den Erwartungen der Leser aus, die diese mit dem Genre verbinden, sieht die Sache anders aus. Bei klassischen Fantasy-Romanen erwarten die Leser das Faszinierende und Geheimnisvolle einer fremden Welt. Das steht für viele im Zentrum. Bei einem typischen historischen Romanen geht es vielen Lesern eher um die Historie als um das, was sich da an Plot abspielt.

    Die Grenzen sind, wie so oft beim Schreiben, fließend bis nicht vorhanden.

    Stephan Waldscheidt

    • Apfelsaft Antworten

      Man kann Herr der Ringe auch als Abenteuerroman bezeichnen, manche historische Romane als Entwicklungsromane. Die Welt von GoT ist ja auch recht geheimnisvoll und faszinierend, wenn auch anfangs sehr diskret.

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