Was wollen Ihre Leser?

Diese Kritik sagt es Ihnen

Was wollen die Leser? Was erwarten Sie von Ihrem Roman? Was von Ihren Charakteren? Das werden Sie nie wissen, das ist Glücksache: der richtige Leser trifft auf das richtige Buch und – Bumm!

Womöglich ist es doch nicht nur Glücksache. Was Leser wollen, erfährt man, wenn man sie danach fragt. Oder wenn man liest, was sie über ein Buch schreiben. Wie in der folgenden Rezension von Fabella über das Jugendbuch von Jutta Wilke, Wie ein Flügelschlag. (Das Buch und weitere Rezensionen finden Sie hier …)

Ich habe das Buch nicht gelesen. Mir geht es auch nicht darum, ob das Buch so gut ist, wie die Rezension vermuten lässt. Aber die Rezensentin spricht viele zentrale Aspekte an, warum das Buch bei ihr – und bei vielen anderen – so gut ankommt. Ich will dazu näher eingehen und wenn ich hier und da auch sicher einiges in die Worte der Rezensentin hineininterpretieren.

Es war super spannend, es hat mich absolut gefangen gehalten. Ein Weglegen war gar nicht möglich.

Die für viele wichtigste Anforderung an einen Roman: super spannend zu sein. Mehr noch: einen gefangen zu halten, von Anfang bis Ende.

Das heißt für Sie: Szenen, die eben nicht spannend sind, gehören nicht ins Buch. Ein Roman, der so spannend ist, dass Leser sich über zu viel Spannung beschweren, muss erst noch geschrieben werden. Kein Nachlassen der Spannung, kein Loslassen des Lesers, nirgends. Damit keine Reizüberflutung oder gar Langeweile aufkommt, wechseln Sie die Art der Spannung ab: Actionspannung, Rätselspannung, erotische Spannung, intellektuelle Spannung, emotionale Spannung, Suspense usw.

Die Geschichte um Jana, Mel und Mika ist so traurig, so spannend, so schön – eine bunte Mischung aus allem.

Traurig? Ja. Ein wichtiges Gefühl selbst in witzigen Büchern, wo es als Kontrast eingesetzt wird.
Spannend? Siehe oben.
Schön? Heißt übersetzt: Ach wie schön! Und vermutlich: Ach wie romantisch! Schön heißt auch: es werden Erwartungen bedient. Schön heißt: Der Kitsch ist nah, aber er ist nicht da. Die meisten Leser mögen das.
Eine bunte Mischung aus allem? Richtig und wichtig: Ein Buch ist nicht nur ein Steak, auch kein perfektes, sondern ein perfekt zusammengestelltes Menü, in dem es mal harmonisch, aber auch mal konfliktreich zugeht. Lachen und weinen, große Gefühle und weise Worte, Vertrautheit und Neues.

[unten geht’s weiter …]
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Und die Textproben? Stehen hier im Blog, werktäglich neu.

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Mal eine ganz reale Geschichte. Ohne irgendwelche Fantasy-Elemente. Einfach »nur« eine Geschichte, wie sie jeden Tag passieren könnte und die uns zeigt, wie wertvoll das Leben doch sein kann und wie gedankenlos damit gespielt wird.

Zumindest ab und an mögen die Leser auch Geschichten, die vielleicht nicht real sind, sich aber real anfühlen. Tatsächlich wurde mir von diesem Trend in der Jugendbuchbranche berichtet: weniger Fantasy, mehr Reality.

Ein Geschichte, wie sie jeden Tag passieren könnte? Das heißt zum einen eine Geschichte, die mit Versatzstücken arbeitet, die uns vertraut sind, und in der wir uns selbst leichter wiederfinden. Das heißt zum anderen eine Geschichte, die uns die Identifikation mit der Heldin leichter macht.

Für Sie heißt das: Je weiter Sie sich von den Gefühlen und Gepflogenheiten der Leser wegbewegen, von ihren Einstellungen und erlernten Verhaltensweisen, desto schwieriger werden Sie den Leser an Ihre Geschichte fesseln können.

Eine Geschichte, die uns zeigt, wie wertvoll das Leben doch sein kann und wie gedankenlos damit gespielt wird. Das heißt: Der Roman ist mehr als nur die Oberfläche der Story. Er hat ein Thema, das er untersucht – und es ist ein Thema, das die Leser interessiert, das einen Nerv trifft.

Versuchen Sie nicht, themenfreie Romane zu schreiben, in denen es nur um schnelle Action oder witzige Dialoge oder auch um einen raffiniert konstruierten Plot geht. Vertiefen Sie Ihren Roman mit einem Thema, um das er kreist. Das Thema muss nicht sichtbar werden, aber es sollte da sein, jederzeit spürbar, wie eine Farbe unter dem Meer, die den Wellen Schattierung gibt.

Jana war mir sehr sympathisch und wie gut konnte ich ihre Gefühle im Umgang mit ihrer Mutter verstehen.

Sympathie für die Heldin erleichtert die Identifikation mit ihr, Empathie erleichtert die Gefühle für sie – und das Verständnis für das, was sie fühlt.

Dieses Auf und Ab, diese Wut und das gleichzeitige Mitleid. Ich fand das super realistisch geschildert und absolut glaubwürdig.

Wichtig: Ihr Roman sollte ein Auf und Ab sein, statt es sich auf einer dominanten Emotion gemütlich zu machen, keine Kneippkur, sondern ein Wechselbad der Gefühle. Zumindest dann, wenn Sie viele Leser erreichen wollen.
Und auch hier wieder: realistisch geschildert und glaubwürdig. Dass man Ihren Charakteren Handlungen, Gefühle und Gedanken abnimmt, ist einer der Kernpunkte eines erfolgreichen Romans. Gehen Sie nicht leichtfertig darüber hinweg, sondern sorgen Sie an allen Ecken und Enden für hohe Glaubwürdigkeit: durch die Motive der Charaktere und ihre Rationalisierungen irrationaler Handlungen, Gefühle, Umstände.

Und nicht selten hätte ich gewünscht, Jana helfen zu können.

Starke Einfühlung in die Heldin, genau das, was auch Sie erreichen wollen. Die Leser sollen sie anfeuern und unterstützen.

Denn sie stand mit der ganzen Situation so was von allein da.

Wenn Sie Ihre Heldin tief in den Schlamassel schicken, sollte sie irgendwann ganz allein dastehen. Denn nur dann kann sie den Tiefpunkt erreichen und nur dann kann sie aus eigener Kraft von dort wieder nach oben kommen – je tiefer, desto heldenhafter.

Und man darf dabei nicht vergessen, wie jung Jana eigentlich ist. Der Leistungsdruck, die ablehnenden Mitschüler, der Tod ihrer Freundin und das was folgt. Das ist so viel und Jana hat trotzdem immer weiter gekämpft und das war wirklich großartig.

So hoch der Druck auch ist, die Heldin resigniert nicht, sie kämpft weiter – und nur dann hat sie den Titel »Heldin« auch verdient.

Aber auch Mika mochte ich sehr gern, seine Reaktionen waren ebenfalls sehr menschlich und nachvollziehbar und auch mit ihm mußte man einfach Mitleid haben. Mel - ja nun Mel, ich muß sagen, wirklich sympathisch war sie mir nicht, allerdings hatte trotz allem sehr viel Verständnis für sie.

Auch die unterstützenden Charaktere sind wichtig, auch sie müssen nachvollziehbar handeln, auch mit ihnen muss man mitfühlen können. Selbst wenn sie, wie hier Mel der Rezensentin, nicht sympathisch sind.

Alles in allem ein wirklich tolles Buch, das einen mitreisst und das mir ein Ende brachte, mit dem ich so überhaupt nicht gerechnet hatte.

Ein überraschendes Ende ist zentral (und nicht nur die Rezensentin liebt es, wenn sie so überrascht wird). Ein vorhersehbares Ende ist eine Enttäuschung. Dafür hätte man das Buch nicht lesen müssen, sondern hätte es ja bereits vorher zuklappen können.

Vielleicht ein bißchen vermutet, aber das ganze Ausmaß, darauf wäre ich nie gekommen. Und ich liebe es, wenn ich so überrascht werde. So logisch, so klar und doch hab ich so lang im Dunkeln getappt :)

Doch das Ende sollte nicht als komplette Überraschung daherkommen, sprich: Der Held des Mittelalterromans sollte nicht am Ende von unerwartet auftauchenden Aliens gerettet werden, auf die es im ganzen Buch nicht einen Hinweis gab. Stattdessen soll es dem Leser das Gefühl geben, er hätte draufkommen können. Es sollte eben logisch und klar sein und den Leser doch die längste Zeit im Dunkeln tappen lassen.

Sie schaffen das, wenn Sie Ihre Geschichte auch vom Ende her planen. Oder, wenn Sie ein Drauflosschreiber sind, bei der Überarbeitung die Hinweise und Vorbereitungen in den Text einstreuen. Glauben Sie mir, die erste Variante ist nicht nur wirkungsvoller, sondern auch weit weniger frustrierend und weniger arbeitsintensiv.

Wenn Sie an allen Punkten, die in dieser Rezension angesprochen wurden, noch tüchtig feilen, sind Sie ein gehöriges Stück weiter auf dem Weg zu einem nicht nur veröffentlichten, sondern auch erfolgreichen Roman. Ein Problem bleibt: Geschmack und Subjektivität der Leser (und zuvor der Lektoren). Für eine andere Rezensentin erfüllt der Roman womöglich diese Anforderungen nicht. Verbleiben wir so: Kümmern Sie sich um die hier angesprochenen Aufgaben und Sie verkleinern das Risiko eines Misserfolgs deutlich.

SW

(c) Stephan Waldscheidt 2012

[Meinen Dank an Fabella, die mir erlaubt hat, aus Ihrer Kritik zu zitieren, und an Jutta Wilke, die einen Roman geschrieben hat, der solche Kritiken hervorbringt.]

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PS: Ein Gutachten von Exposé oder einer Textprobe aus Ihrem Roman hilft Ihnen weiter - bevor Sie den Roman schreiben oder zumindest bevor Sie ihn an Agenten oder Verlage schicken. Es erspart Ihnen viel unnötige Arbeit in die falsche Richtung, Zeit und Frustration und wird Ihren Roman deutlich stärker machen. Versprochen.

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??? Meine Frage an Sie: Was ist noch zentral für einen erfolgreichen Roman? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …

8 Responses to “Was wollen Ihre Leser?”

  1. Christine Says:

    Diese Rezension habe ich schon zigmal gelesen, von anderen Rezensenten zu anderen Geschichten. Lässt das Buch für mich total billig klingen.
    Alles nachvollziehbar, mit allem identifizierbar, alles irgendwie sympathisch, alles so spannend… Das klingt 08/15, und wenn ich mich mal aus dem Fenster lehnen darf, prophezeie ich, dass die Spannung aus der üblichen Mischung von Missverständnissen, Zeitdruck, etwas Liebeskummer und banaler Ungewissheit erzeugt wird, die wir auch in Romantischen Komödien finden. Vanilleeis.

    Natürlich ist das alles wieder Geschmackssache, aber ich werde ehrlich nie verstehen, wie Leute Bücher über den seichten Kram lesen können, den sie selber tagtäglich erleben und empfinden, mit den seichten Leuten, die ihnen sowieso jeden Tag über den Weg laufen. Ist das das Second-Life-Phänomen? Die Ästhetisierung des Banalen oder wie das hieß? Naive Kunst?

    Wenn ich etwas lese, dann weil es mir Zugang zu einer Erlebnisweise verschafft, die mir neu und fremd ist. Ich will über Leute lesen, die anders funktionieren, anders denken, anders erleben, anders wollen; Leute, die man erstmal verstehen lernen muss, und die man nicht nach dem Klappentext schon kennt, weil ihre Persönlichkeit durch die Grenzen des Sympathischen/Damit-Identifizierbaren/Nachvollziehbaren geknebelt wird. Andere Gesellschaften finde ich auch spannend, andere Regeln, andere Bedürfnisprioritäten, andere Symbole.

    Meine Lieblingsbücher: Das Parfum, Schlafes Bruder, Der Virtuose. Immersive Reading würde ich das nennen, weil es so durch und durch fremdartig ist, bis runter auf die Ebene von Satzbau und Wortwahl. Man muss natürlich etwas mulu sein, um sowas als Autor tatsächlich durchzuziehen, aber zwischen diesem Level und Vanilleeis liegt eine weite Landschaft, in der man sich austoben kann.

    Ich glaube, richtig gute Autoren schreiben Bücher, von denen die Leute vorher noch gar nicht wussten, dass sie sie würden lesen wollen.

  2. Stephan Waldscheidt Says:

    Hallo Christine,

    danke für deinen ausführlichen Kommentar. Kann ich nachvollziehen, was du schreibst. Mir ging es bei dem Artikel jedoch nicht um die Qualität eines Romans, sondern um das, was einen Roman erfolgreich macht. Und das sind nun mal eben vor allem die angesprochenen Faktoren.

    Die Menschen wollen more of the same, in so ziemlich allem, Essen, Partnerschaft, Geschichten, so ticken eben die meisten und wenn man viele Bücher verkaufen will, hat man die besten Chancen, wenn man den Menschen gibt, was sie wollen.

    Ob das der richtige Weg für einen selbst als Autor ist, darf jeder für sich entscheiden. Wer seine Seele verkaufen muss, um solche Bücher zu schreiben, sollte es besser lassen. Doch wer selbst so tickt, wer selbst die kuscheligen Geschichten des immer gleichen mag, für den ist das sicher keine schlechte Lösung.

    He, und ob das Buch so ist, wie du prophezeist, weißt du gar nicht. Bitte keine Vorverurteilungen. Obwohl die einem bei der Auswahl des Lesestoffs gute Dienste tun, zugegeben.

    Mir gefällt der letzte Satz: “richtig gute Autoren schreiben Bücher, von denen die Leute vorher noch gar nicht wussten, dass sie sie würden lesen wollen.” So ist es.

    Schön, dass die kontroverse Christine wieder da ist. Freue mich auf weitere Kommentare.

    SW

  3. Susanne Says:

    Ich glaube, Leute lesen nicht nur Bücher, weil sie Zugang zu fremden Erlebniswelten haben wollen. Sie wollen auch Zugang zu ihrer eigenen Erlebniswelt, sie wollen sehen, dass ganz “normale” Leute die gleichen, vielleicht schlimmere Probleme haben wie sie selbst, sie wollen durchs Schlüsselloch schauen, sie wollen das Gefühl, dass sie nicht allein sind auf der Welt mit ihren Schwierigkeiten. Deswegen muss das nicht alles seichter Kram sein. Auch Vanilleeis kann man fantasievoll garnieren.

  4. Stephan Waldscheidt Says:

    Gut gesagt, Susanne!

    SW

  5. Christine Says:

    @Stephan: Danke, tut gut, wieder auf dem Damm zu sein :)
    Du hast natürlich recht, jeder darf und soll so schreiben und lesen, wie er/sie sich am wohlsten fühlt. Mich frustriert es nur immer wieder ungemein, dass sich so viele Autoren auf einem so niedrigen Niveau wohlfühlen, solange nur die Kasse klingelt.
    Ich glaub, ich tret irgendwann in Streik und schreib was ganz unsäglich seichtes, und wenn das dann durch irgend einen beknackten Zufall gut ankommt, geb ich ein Interview, das nur aus irrem Gelächter besteht.

    @Susanne: Sind die Begriffe ’seicht’ und ‘normal’ nicht mehr oder weniger synonym? Normal, gewöhnlich, banal, seicht?

  6. Susanne Says:

    @Christine: Für mich ist zwischen normal und seicht schon ein Unterschied, aber das ist Definitionssache. Beispiel: Das Kinderbuch “Paule ist ein Glücksgriff” handelt von einer ganz normalen Familie mit einem adoptierten Kind und ist trotzdem alles andere als seicht, sondern pfiffig, witzig, warmherzig und originell.
    Auf der anderen Seite gibt es Bücher, die mit einem scheinbar tiefgründigen Thema daherkommen, dieses aber so dilettantisch, langweilig oder dozierend verarbeiten, dass es auch wieder nix ist. Ich kann deinen Frust schon nachvollziehen, geht mir auch öfter so, aber es hat für mich nicht unbedingt was damit zu tun, ob es um normale Menschen geht, sondern mehr damit, auf welche Art und Weise diese Menschen (und das ganze Thema) mir nahegebracht werden.

  7. Ruth Gogoll Says:

    Geschmäcker sind verschieden. Ich schreibe Liebesromane, und zwar lesbische Liebesromane, und meine Leserinnen wollen genau das erleben, was sie sich wünschen: die große, lebenslange Liebe zwischen zwei Frauen. Wie realistisch Liebesromane, ob nun hetero- oder homosexuell, sind, das sei dahingestellt, dennoch hat es viel damit zu tun, dass man sich vorstellen können möchte, in einer zwangsheterosexuellen Welt ganz “normal” zu leben, wenigstens für die Dauer des Buches. Liebe, Romantik, Zärtlichkeit - viele haben das in ihrem täglichen Leben nicht, und dennoch ist es ein Grundbedürfnis von uns allen. Das m.E. völlig zu Recht von Liebesromanen erfüllt wird.

    Gut, ich bilde mir ein, keine seichten Liebesromane zu schreiben, sondern gute, aber das tut wohl jeder. Dazu sind die Meinungen garantiert geteilt. ;)

    Wenn aber immer wieder Bücher wie “Parfüm” oder “Schlafes Bruder” oder was auch immer angeführt werden, macht mich das auf eine Art wütend. So als ob das gute Literatur wäre. Diese Bücher und Geschichten sind schrecklich, und es wäre wahrscheinlich besser, sie wären nie erschienen. Wer so etwas schreibt, hat in meinen Augen ein Problem mit sich selbst, ein mentales Problem, das er versucht, auf die Leser abzuwälzen.

    Aber das ist natürlich nur meine persönliche Meinung. Wie gesagt, Geschmäcker sind verschieden.

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