Ihr Roman als Wimmelbild

Warum Leser unübersichtliche Situationen lieben

In Wolfgang Herrndorfs Roman »Sand« (Rowohlt 2011) erwacht der Protagonist in einer Scheune mitten in der Wüste. Er erinnert sich an nichts. Ja, ein furchtbares Klischee, das mit dem Gedächtnisverlust, aber darum geht es hier nicht. Sondern um die Situation, in der er sich befindet: mit einer Leiche, einem halbblinden Fellachen mit Mistgabel, der auf ihn losgeht, und einigem mehr.

[Er] drehte sich um und sah, was der Fellache sah. Neben Gerümpel und Maschinenteilen lag zwischen zwei Stellwänden im Halbdunkel ein Mann. Ein Mann in einer weißen Dschellabah, die Gliedmaßen eigenartig verrenkt. Auf seinem zerschmetterten Kopf lag der Block des Flaschenzugs mit gewichtigen Metallhaken. Die ölige Kette ringelte sich durch Blut und Gehirn. Der Dreizack schob sich ins Bild. Es schien nicht der richtige Moment, dem Mann etwas von seiner Amnesie zu erzählen. Eine frische Leiche, vier bewaffnete Männer in einem Jeep, ein irr blickender Fellache mit einer Mistgabel: Die Situation war unübersichtlich. (S. 103)

Vollends unübersichtlich wird die Situation durch den Gedächtnisverlust des Protagonisten. Was für ihn der blanke Horror ist, lässt den Leser wohlig aufseufzen: Leser lieben Verwicklungen, Verwirrungen und vertrackte bis aussichtslose Lagen. Eine solche Situation ist letztlich nichts anderes als ein großer Haufen ineinander verkeilter Konflikte. Hier der innere Konflikt des Protagonist wegen seines verlorengegangenen Gedächtnisses. Der Konflikt zwischen ihm und den vier bewaffneten Männern. Der Konflikt zwischen ihm und dem irr blickenden Fellachen mit der Mistgabel. Der Konflikt zwischen ihm und der Leiche, für die er vermutlich verantwortlich ist.

Die Szene ist ein Wimmelbild, in dem der Protagonist mehrfach auftaucht und jedes Mal in einer anderen misslichen Lage gezeigt wird. Jeder liebt Wimmelbilder. Weil man sich so wunderbar in sie vertiefen, seine Augen von einer Szenerie zur nächsten schweifen lassen kann. Und, ganz wichtig: weil man trotz des Wimmelns den Überblick hat. Wimmelbilder sind Draufschauen auf einer göttlichen Perspektive, kein Kuddelmuddel.

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Das zeigt zugleich das Risiko, das Sie beim Schaffen solcher zunächst unübersichtlichen Situationen eingehen: dass die Unübersichtlichkeit zu groß wird, zu chaotisch und damit letztlich an Wirkung verliert.
Wichtig hier ist der Unterschied zwischen chaotisch wirken und chaotisch sein. Ersteres gibt beim Lesen ein Gefühl kindlicher Freunde, eben wie beim Betrachten eines Wimmelbildes. Letzteres verwirrt, verstört und reißt aus dem Erzähltraum der Geschichte. Tatsächlich sind Wimmelbilder ja hochgradig geordnet, da geht nichts drunter und drüber, da ist alles fein säuberlich vom anderen getrennt, man muss suchen, aber es ist ein angenehmes Suchen, kein nervöses, ängstliches oder hektisches. Die Situation ist eben nur insofern unübersichtlich, dass der Leser sie nicht auf einmal überblicken kann, er muss seinen Blick schweifen lassen, muss mal hierhin, mal dorthin schauen, um alles zu erfassen. Aber dann erfasst er auch alles. Und genießt.

Schreiben Sie dann und wann ein Wimmelbild. »Wimmeln« ist ein Begriff, der vor Leben strotzt. Ein Wimmelbild erfüllt Ihren Roman mit Leben. Sie als Autor sollten dem Leser dabei stets das Bild vermitteln: Die Situation mag für ihn unübersichtlich sein, sie aber überblicken alles und werden ihn sicher hindurchleiten.

SW

(c) Stephan Waldscheidt 2012

[Ich danke dem Rowohlt-Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars.]

PS: Ein Gutachten von Exposé oder einer Textprobe aus Ihrem Roman hilft Ihnen weiter - bevor Sie den Roman schreiben oder zumindest bevor Sie ihn an Agenten oder Verlage schicken. Es erspart Ihnen viel unnötige Arbeit in die falsche Richtung, Zeit und Frustration und wird Ihren Roman deutlich stärker machen. Versprochen.

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??? Meine Frage an Sie: Wie halten Sie es mit vertrackten Situationen? Was sind weitere Risiken? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …

2 Responses to “Ihr Roman als Wimmelbild”

  1. Susanne Says:

    Wimmelbilder finde ich gut. Aber dass ich beim Lesen des zitierten Absatzes “wohlig aufgeseufzt” hätte, kann ich beileibe nicht behaupten …

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