Wie lange sollte ein Roman sein? Am Beispiel von “Sturz der Titanen”

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Wie lange sollte ein Roman sein? Ken Folletts “Sturz der Titanen”

Kann ein Roman auch zu kurz sein? Kann man zu viel streichen? Und kann so etwas verhindern, dass ein Roman sein Potenzial nicht ausschöpft? Fragen, die wir heute am Beispiel von Ken Folletts Roman »Sturz der Titanen« erläutern, dem ersten Teil seiner Jahrhundert-Trilogie (Lübbe 2010, original »Fall of Giants«). Der Artikel bildet damit damit auch eine Synthese aus den letzten beiden Artikeln »Überflüssiges im Roman: So schreiben Sie nur das, was zählt« und »Dilemmas im Roman: So machen Sie Ihren guten Roman großartig«.

»Sturz der Titanen« ist ein gelungener Roman, spannend, vielschichtig und – wichtig für Leser historischer Romane und für die wenigen Männer, die Romane lesen (und nicht selber schreiben) – man kann auch noch etwas über Geschichte lernen. In der Hand eines weniger ausgebufften Autors wäre der Roman unter seinem eigenen Anspruch, der Fülle von Schauplätzen, Charakteren aus mehreren Ländern, geschichtlichen Fakten und der Verbindung all dessen zusammengebrochen.
Das passiert nicht. Doch selbst Ken Follett gerät ins Schwimmen und vertut letztlich die Chance, aus einem guten Roman einen großartigen zu machen. Was, nebenbei, in dieser Liga auch keine große Rolle mehr zu spielen scheint, Hauptsache, die Verkaufszahlen stimmen.

Die Ironie: Eigentlich macht Follett alles richtig. Der Roman enthält eine Fülle großartiger Geschichten und Schicksale. Wieso schöpft er trotzdem an zu vielen Stellen sein Potenzial nicht aus?
Greifen wir uns einen Plot und einen Protagonisten aus all den Plots und Protagonisten heraus und sehen uns zunächst an, was daran so gut ist. Und was Sie auch in Ihrem Roman einsetzen oder besser machen können.

Ken Follett - Credit - Barbara Follett


Wie lange sollte ein Roman sein? Subplot Grigori Peschkow

Grigori Peschkow ist Metallarbeiter in einer Fabrik im russischen Sankt Petersburg (später Petrograd). Er träumt davon, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Seit Jahren arbeitet und spart er auf den Tag hin, wo er endlich das Geld für die Fahrkarte nach Amerika zusammenhaben wird.
Das erzähltechnisch Gute daran: Grigori hat einen Traum. Er ist entschlossen, sich diesen Traum zu erfüllen. Leser lieben Charaktere mit Träumen, mit Entschlossenheit, vielleicht sogar mit einer Obsession.
Grigoris Traum bedeutet noch mehr: Er gibt Grigori ein klares Ziel. Und damit dem Autor eine Fülle von Möglichkeiten, gegen dieses Ziel Hindernisse zu stellen.
Wie ich es hier gar nicht oft genug betonen kann – denn viel zu viele Autoren sind sich dessen nicht bewusst: Ein zentrales Ziel des Protagonisten ist essenziell für einen funktionierenden Romanplot. Wenn es ein MUSS fürs Schreiben eines Romans gibt (der nicht bloße Kunst sein, sondern eine mitreißende Geschichte erzählen soll), dann ist es das: Der Protagonist MUSS ein Ziel verfolgen.
Das heißt auch in Grigoris Fall: Ein Ziel zieht Hindernisse an.

  • Grigori rettet eine fremde Frau, Katharina, die von Polizisten vergewaltigt werden soll.
    Das erzähltechnisch Gute daran: Grigori rettet einen fremden Menschen, noch dazu unter Einsatz seines Lebens. Altruismus kommt immer an und bringt uns Leser einem Charakter emotional näher. Dass Grigori seine Sicherheit und sein Leben dazu einsetzt, macht ihn besonders sympathisch.
  • Grigori macht sich bei der Rettung Katharinas einen der korrupten Polizisten zum Todfeind.
    Das erzähltechnisch Gute daran: Das Ereignis wird zum Schlüsselereignis für Grigoris Subplot. Seine gute Tat wird ihm schlecht vergolten – der Polizist taucht an den ungünstigsten Stellen auf und macht ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Die Rettung Katharinas schafft also einen entschlossenen, hasserfüllten Gegenspieler für Grigori.
  • Grigori verliebt sich in Katharina.
    Das erzähltechnisch Gute daran: Wir alle mögen Liebende. Punkt.
  • Katharina verliebt sich in Grigoris Bruder Lew.
    Das erzähltechnisch Gute daran: Unerwiderte Liebe – im Leben will sie keiner, aber im Roman sorgt sie für große Gefühle, große Konflikte, große Geschichten.

  • Grigoris Backstory. Nach dem Tod der Eltern kümmert sich Grigori um seinen kleinen Bruder Lew, wird praktisch zu seiner Ersatzmutter.
    Das erzähltechnisch Gute daran: Noch einmal Altruismus. Hier wirkt er deshalb so positiv, weil Grigori selbst noch ein Kind ist, als er die Mutterrolle übernimmt. Sprich: Er muss über sich und seine normalen Fähigkeiten hinauswachsen. Solche Charaktere lieben die Leser.
  • Grigori liebt seinen Bruder, obwohl der ein Halunke und Hallodri ist.
    Das erzähltechnisch Gute daran: Eine Liebe, die aufrechterhalten wird, obwohl der Geliebte sie nicht verdient, verleiht dem Liebenden etwas Edles, Aufopferungsvolles. Noch ein Punkt für Grigori.
  • Grigori liebt seinen Bruder auch dann noch, als der mit Katharina zusammenkommt.
    Das erzähltechnisch Gute daran: Auch hier wieder ein Opfer Grigoris. Er stellt seine eigenen Bedürfnisse und Gefühle hintenan. Ein weiterer Punkt für diesen Charakter.
  • Grigori verspricht seinem Bruder, dass er ihm Geld schicken wird, sobald er in Amerika ist, damit Lew ihm nachkommen kann.
    Das erzähltechnisch Gute daran: Ein Versprechen ist im Roman besonders gut. Denn in ihm liegt sofort die spannende Frage: Kann und wird es eingehalten werden? Und: Noch einmal folgt Grigori seinem selbstlosen Wesen. Der nächste Pluspunkt.
  • Am Tag seiner Abfahrt tötet Lew einen Polizisten. Er wird verfolgt. Er bittet Grigori, ihm seine Fahrkarte nach Amerika zu geben.
    Das erzähltechnisch Gute daran: Hier schließt sich der Kreis zu Grigoris Traum – er kann seinen Traum nicht erfüllen, wenn er Lew hilft. Aber er hilft ihm und opfert für seinen Bruder das Kostbarste, was er im Leben hat. Da ist es fast schon nebensächlich, dass Grigori sich durch diese Tat selbst in Gefahr bringt.
  • Als Grigori nach Hause kommt, macht Katharina ihm Vorwürfe: Er sei schuld, dass Lew fort sei.
    Das erzähltechnisch Gute daran: Undank ist der Welt Lohn. Als Leser wünschen wir uns Gerechtigkeit für Grigori, bekommen sie aber nicht, was für eine noch tiefere Verbindung zu Grigori sorgt.
  • Katharina eröffnet ihm, sie sei schwanger. Natürlich von Lew. Sie bittet Grigori, sich um sie und das Kind zu kümmern.
    Das erzähltechnisch Gute daran: Auch das macht Grigori. Das wievielte Opfer war das jetzt schon?


  • Wie lange sollte ein Roman sein? Fazit

    Das waren eine Menge Punkte für Grigori und seinen Subplot. Was gibt es daran auszusetzen? Grundsätzlich nichts. Aber bei diesem Roman eben schon. Denn all diese Punkte werden in wenigen, kurzen Szenen abgehandelt! Dabei wäre es genug Material für einen ganzen Roman von mehreren hundert Seiten. Und genau das ist der Knackpunkt: »Sturz der Titanen« ist zwar mit 1040 Seiten im Taschenbuch ein Wälzer – aber was seine Geschichten betrifft, ist er bei weitem zu dünn. Grigoris Geschichte kann in dieser Kürze nicht die emotionale Kraft entfalten, zu der sie fähig wäre. Wenn der Autor sich und dem Leser Zeit ließe: Zeit, die Probleme und Träume der Charaktere zu verstehen, Zeit, ihnen emotional näherzukommen, Zeit, Suspense zu entwickeln, Spannung aufzubauen.
    Insbesondere Grigoris eigentlich wunderschöne Geschichte (hier habe ich nur deren Anfang beschrieben!) bekommt keinen Raum, keine Zeit sich zu entfalten (Physiker sprechen von der Raumzeit, da Zeit und Raum beim Stand der Forschung als eins angesehen werden – sollte man auch beim Roman manchmal so definieren).
    Die Folge: Die Geschichte liest sich wie ein etwas ausführlicheres Exposé. Trotz all der geschickten Kniffe und Entwicklungen seines Autors kommt Grigori dem Leser kaum nahe.

    Viele Romane kranken an einer Überfülle von Überflüssigem – manche Romane aber leiden an der Hektik ihres Autors. Vermeiden Sie beide Fehler.
    Streichen Sie alles, was der Geschichte und den Charakteren nicht dient.
    Geben Sie der Geschichte Raumzeit, sich zu entfalten – das heißt nichts anderes: Geben Sie Ihren Lesern Zeit, sich in die Geschichte zu versenken und mit den Charakteren vertraut zu werden.
    Hierbei helfen Ihnen nur das Problembewusstsein, das ich hiermit hoffentlich geweckt habe. Erfahrung beim Schreiben und ein noch genaueres Hinhören: Was brauchen meine Charaktere? Was braucht meine Geschichte?

    Dann heißt es in Ihrer Karriere irgendwann auch mal »Aufstieg des (Schreib-)Titans«.

    Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

    Stephan Waldscheidt

    (c) SW 2015


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    3 comments on “Wie lange sollte ein Roman sein? Am Beispiel von “Sturz der Titanen””

    1. Ana Antworten

      Ich kenne den Roman nicht und kann daher die Figur Grigori nur nach Ihrer Beschreibung beurteilen.

      Ehrlich? Solch ein Gut-Mensch-Charakter, der immer nur auf die Mütze bekommt und trotzdem nicht einmal aus der Haut fährt/zurückschlägt, empfinde ich als langweilig und vor allen Dingen als unrealistisch. Irgendwann ist bei jedem Mensch einmal das Maß voll und die Leidensfähigkeit ausgeschöpft. Dann schlägt/beißt der *normale* Mensch entweder um sich – im besten Falle trifft es dann den/die Richtigen (wie langweilig für den Leser, wenn das zu früh geschieht), im schlimmsten Falle den Falschen (dann kann der Charakter sich mit Gewissensbissen herumschlagen und wird dem Leser – zumind. mir 😉 – noch sympathischer und menschlicher) – oder gibt auf (das eventl. vorzeitige Ende vom Roman).

      LG
      Ana

      • Stephan Waldscheidt Antworten

        Keine Sorge, Ana, das liest sich nur in der geballten Form hier im Artikel so schlimm. Im Buch funktioniert der Charakter des Grigori ganz ordentlich — aber eben, wie ich im Artikel schreibe — nicht optimal.

        Ansonsten gebe ich Ihnen Recht, so ein geballtes Auf-die-Mütze-Kriegen nervt den Leser, allerdings vor allem dann, wenn es mit einem passiven Charakter einhergeht. Tut der Charakter etwas, um sein Ziel zu erreichen (“der normale Mensch schlägt/beißt um sich”, wie Sie schreiben), sind solche Rückschläge für den Leser leichter zu verkraften, mehr noch, sie gehören ja zu einem funktionieren Roman dazu.

        Das alles ändert aber nichts daran, dass die einzelnen, im Artikel angesprochenen Punkte ein wunderbares Drama ergeben — sofern der Autor dem Drama und den aktiven (!) Charakteren darin Raumzeit lässt, sich zu entfalten.

        SW

    2. Apfelsaft Antworten

      Vielleicht ist die Geschichte zu sehr nach den vermeintlichen Wünschen des Lesers und deshalb fehlt der Figur das Krumme und das Schräge, was das Leben auch ausmacht. Der Leser durchschaut indirekt die Wirkabsicht des Autors und das funktioniert nicht. Das wird auch nicht durch längeren Umfang besser.

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