Ich-Perspektive: Sympathy for the devil

Mitgefühl mit dem Gegenspieler: Sympathie für den Antagonisten: Die Ich-Perspektive als Wunderwaffe

Ich-Perspektive: So erzeugen Sie Mitgefühl mit dem Antagonisten, mit unsympathischen Charakteren oder mit Figuren, die Schreckliches tun

Der Thriller »A Simple Plan« von Scott Smith (Alfred A. Knopf 1993 / dt. »Ein ganz einfacher Plan«) ist eines der verstörendsten Bücher, die ich je gelesen habe. Die Geschichte nimmt den Leser derart gefangen, dass die schrecklichen Wendungen des Plots einen zu Zeugen, nein, zu Mittätern von Dingen machen, die man lieber nie gesehen, nie erlebt, nie getan hätte.

Stephen King (der noch mehr Blurbs schreibt als Romane) sagte über den Roman: »Lest dieses Buch. Es ist besser als jede Suspense-Roman seit ›Das Schweigen der Lämmer‹«. Das Buch wurde auch verfilmt. Den Trailer empfehle ich nur denen, die es nicht lesen wollen.

In dem Buch geht es um zwei Brüder, die zusammen mit einem Freund ein kleines Sportflugzeug finden, das in einem einsamen Waldstück abgestürzt ist. In dem Flugzeug liegt der tote Pilot – und eine Tasche mit 4,4 Millionen Dollar. Die Entscheidung, das Geld zu behalten, erweist sich als fatal und führt die drei Männer und ihre Familien in eine Abwärtsspirale aus Gier und Gewalt, die auf erschütternde Art logisch und zwingend ist.

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive eines der Brüder, Hank, erzählt. Die Wahl dieser Erzählperspektive ist hierbei ganz entscheidend für das Funktionieren des Romans. Ich könnte mir vorstellen, dass der Film trotz guter Kritiken auch deshalb kein Klassiker wurde und beim Publikum kaum seine Produktionskosten einspielte, weil dort diese Erzählperspektive nicht möglich war, sprich: kein Eintauchen in die Gedanken des Protagonisten.
Denn das Spannende und zugleich Unheimliche an dem Roman sind die Gedanken des Ich-Erzählers und wie er uns mitnimmt auf seinem Weg in die Hölle.

Diese Gedanken sind noch mehr als das: Sie sind notwendig. Erst die Ich-Perspektive sorgt für das Funktionieren des Plots. Insbesondere dann, wenn der Roman an die Grenzen der Glaubwürdigkeit stößt. Im Midpoint des Romans war ich dann auch kurz davor, das Buch wegzulegen. Aber natürlich hatte mich die Geschichte längst zu sehr gepackt, um das tun zu können.

Wer gerne noch mal mehr über die Erzählperspektive nachlesen möchte, findet hier zwei grundlegende Artikel zum Thema: Die Erzählperspektive — Abschließend geklärt http://schriftzeit.de/archives/1810 und http://schriftzeit.de/archives/1814

Ich-Perspektive: Was sie besser kann als andere Erzählperspektiven

Die Ich-Perspektive kann manches besser als alle anderen Erzählperspektiven (POV, Point-Of-View).

* Wie in »A Simple Plan« kann sie die Glaubwürdigkeit erhöhen oder sie sogar erst ermöglichen.

* Sie vereinfacht das Mitgefühl des Lesers auch für Charaktere, die unsympathisch sind oder Schreckliches tun. Das schafft sie, indem Sie den Leser am tiefsten in einen Charakter hineinzieht. So tief, dass die Gedanken und Gefühle dem Leser auch dann nahe kommen, wenn er sich nicht mit dem Ich-Erzähler identifizieren will oder kann.

* Sie kann Entscheidungen und moralische Dilemmas am eindringlichsten erkunden – beides zentrale Punkte für einen guten Roman.

* Sie kann über eine starke Erzählstimme mit einer klaren Haltung für einen Sog sorgen, der den Leser mitreißt. Im Fall von »A Simple Plan« ist dieser Sog der eines Strudels direkt in die (metaphorische, nicht die buchstäbliche) Hölle.

Bonus: Was Sie von Scotts Smiths »A Simple Plan« noch für Ihren Roman mitnehmen können

Fluchtimpuls und Konflikte

Jeder gute Romancharakter will vor etwas entkommen, sei es einem buchstäblichen oder einem psychischen Gefängnis: beispielsweise Guantanamo, einer zerrütteten Beziehung, dem Alkoholismus.
Dieser Fluchtimpuls kann ein starker Antrieb sein. Und daher eine reiche Quelle für Konflikte.
Hank Mitchell aus »A Simple Plan« will seiner unglücklichen Kindheit entkommen und mit ihr dem Ort, wo er sie verbracht hat: die armselige Farm seiner Eltern. (»Die Farm war etwas, wovor ich mein ganzes Leben lang davongelaufen bin.« (…) »Wir waren arm; wir waren, was ich mir geschworen hatte, als Erwachsener nie zu sein: Wir waren wie unsere Eltern.«) Sein Bruder Jacob will das Gegenteil: Er will die Farm mit dem gefundenen Geld wiederaufbauen. Voilà, schon haben wir gleich zwei Konflikte: den inneren, den Hank mit seiner Vergangenheit ausfechtet, und den äußeren, den er mit seinem Bruder eingeht.

Rätselspannung durch Mehrdeutigkeit

»A Simple Plan« bezieht seine Spannung in erster Linie aus der Suspense. Doch auch der Rätselspannung bedient er sich hier und da auf vorbildliche Weise.
In einer Sequenz taucht ein FBI-Agent names Baxter in der kleinen Heimatstadt der Hauptfiguren auf – zumindest gibt er sich beim Sheriff als solcher aus. Hank und seine Frau aber fürchten, der Mann könne in Wahrheit einer der Verbrecher sein, denen das gefundene Geld gehörte. Wenn Baxter nicht vom FBI ist, wird er wahrscheinlich den Sheriff töten, sobald der ihn zum Flugzeugwrack geführt hat. Den Tod des Sheriffs will Hank auf keinen Fall. Wenn Baxter aber vom FBI ist, könnte er Hank auf die Schliche kommen.
Autor Smith schafft auf beeindruckende Weise eine Situation, in der alles, was Baxter tut, zweideutig wird:

* Um Baxter zu testen, sagt Hank, er wolle ihn fotografieren.
Baxter aber will das nicht. Der Verbrecher würde es auch nicht wollen. Aber vielleicht würde es der FBI-Agent aus ganz harmlosen Gründen ebenfalls nicht wollen.

* Baxter hat weder dem Sheriff noch Hank seine Dienstmarke gezeigt.
Ein Versäumnis? Oder Absicht, weil er gar keine Marke hat?

* Hank ruft auf der Straße den Vornamen des Verbrechers, als Baxter sich von Hank abgewandt hat und gerade zurück ins Polizeigebäude geht. Baxter reagiert auf den Ruf. Aber er hält nur kurz inne und geht dann weiter, ohne sich umzudrehen.
Hat der Verbrecher automatisch auf seinen Vornamen reagiert? Oder hat der FBI-Agent einfach bloß auf einen lauten Ruf reagiert, unabhängig von dem, was gerufen wurde?

Durch diese Mehrdeutigkeit von Baxters Handlungen erzeugt der Autor eine extreme Spannung. Der Leser stellt sich all die Fragen und ist permanent hin- und hergerissen, ob Baxter nun tatsächlich vom FBI ist oder aber der Verbrecher, der hinter dem Geld her ist.

Ein emotionales Ende durch Recycling

Um ein emotionales Ende zu schaffen, lässt Autor Smith den Protagonisten Hank in der letzten Szene in Gedanken zu einer anderen Szene aus dem Buch zurückkehren.
Solche Szenen können sehr stark wirken, weil sie mehr sind als eine Erinnerung des Erzählers – sie sind zu einer Erinnerung des Leser geworden. Das schafft eine starke Verbindung.
Emotionen kommen dann hinzu, wenn zwischen der Szene aus dem Anfang oder der Mitte des Romans und der Szene an seinem Ende etwas Einschneidendes vorgefallen ist, etwa ein Todesfall.
Ein klassisches Beispiel ist der Liebende, der sich am Ende der Geschichte an eine Szene aus dem Leben mit seiner verstorbenen großen Liebe zurückerinnert.
Auf diese Weise können auch Sie in Ihrem Roman intensive Gefühle beim Leser heraufbeschwören – und müssen dafür nicht einmal eine eigene Szene schreiben.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


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