Wie Sie Emotionen bunt machen und tief — und Ihren Roman das Potenzial zum Bestseller verpassen

Letzte Woche haben wir uns zwei geniale Methoden angesehen, wie Sie Ihrem Roman mehr Bestseller-Potenzial verleihen (Zwei besondere Bestsellertricks aus »Der Junge, der Träume schenkte« von Luca di Fulvio). Die Tricks stammen aus dem Roman und Weltbestseller »Der Junge, der Träume schenkte« von Luca di Fulvio (Bastei-Lübbe 2011). Heute spüren wir einen weiteren Aspekt auf, der so manchen Roman erst zum Bestseller gemacht hat.

Die Emotionstricks eines Bestsellers

Mehr als alles andere suchen Leser in einem Roman starke Gefühle. Dessen sind sich die meisten Autoren bewusst. Viele von ihnen begehen jedoch den Denkfehler und betrachten sich ausschließlich die Gefühle der Romanfiguren. Was ein guter Ansatz ist, jedoch nicht weit genug geht. Im Zentrum der Gefühle im Roman stehen die Gefühle, seien wir exakter: die Emotionen, des Lesers. Seine Emotionen entscheiden, welchen Roman er da liest, nicht die Emotionen der Charaktere und erst recht nicht die des Autors. Seine Emotionen sind es auch, die ihn zum Kauf Ihres nächsten Buchs verleiten. Oder eben nicht.

Dennoch können Sie als Autor mit beeinflussen, welche Emotionen beim Leser ankommen und sogar, welche Emotionen er oder sie empfindet. Das Wundermittel heißt Identifikation. Je stärker sich der Leser mit Ihrem Protagonisten oder Ihren Point-of-view-Charakteren identifiziert, desto eher werden deren Gefühle zu seinen eigenen. Eine Reihe weiterer Wundermittel verrät Ihnen mein Arbeitsbuch »Schreibcamp: Emotionen« (http://j.mp/1kSsTKh).

Damit aber die Identifikation auf solche Weise funktioniert, müssen einige Voraussetzungen gelten. Die wichtigste: Der Leser muss den Charakteren ihre Emotionen abnehmen. Wenn Liebe oder Hass vom Autor nur behauptet werden, merkt das der Leser sehr schnell und vor allem unbewusst: Er bleibt kühl, der Roman reißt ihn nicht mit. Mal davon abgesehen, dass die Wunderwaffe der Identifikation dann nur Platzpatronen verschießt. Was für eine Verschwendung!

Es geht also darum, Emotionen glaubhaft zu machen und sie zugleich (dem Leser) zu zeigen.

Emotionen von Romancharakteren gelingen Ihnen dann glaubhafter, wenn Sie sich von der einfachen Schwarzweißmalerei verabschieden und die Gefühle als bunt und mehrdimensional zeigen. So wie das Luca di Fulvio mit einem erstaunlich einfachen und erstaunlich wirkungsvollen Mittel tut. Sehen wir uns einen Ausschnitt aus seinem Roman an.

Ruth sah ihn an. Sie sah den Jungen an, der ihr neun Blumen [sie hat einen Finger verloren, hat also nur noch neun] geschenkt hatte, der die Mathematik für sie neu erfunden hätte, und sie hasste ihn von ganzem Herzen, weil sie die Augen nicht von ihm abwenden konnte, weil es ihr einfach nicht gelingen wollte, ihn nicht anzusehen.

Ruth hasste Christmas von ganzem Herzen. Das steht da. Aber glauben Sie das? Nein, ich auch nicht. Durch diese Umkehrung der wahren Gefühle Ruths schafft der Autor ein Paradoxon, das ihrer Liebe eine Dimension hinzufügt.

Manchmal tun oder sagen Charaktere etwas, das ihren eigentlichen Gefühlen widerspricht. Vielleicht, weil die Umstände sie dazu zwingen. Oder weil sie selbst der Meinung sind, diese Emotionen nicht empfinden zu dürfen. Auf diese Weise entwickeln Sie starken Subtext, der in Konflikt mit dem Text darüber tritt und so für Dramatik sorgt.
Ruth und Christmas lieben einander. Aber die Umstände sprechen gegen sie: Sie kommt aus reichem Haus, er ist ein mittelloser Junge aus der Gosse.

Doch als Ruth plötzlich zu sprechen begann, klang ihre Stimme hart und aggressiv. »Wir können nicht mehr als Freunde sein«, sagte sie übertrieben laut und zog sich zurück.
Im Nebenzimmer seufzte der alte Saul auf.
Christmas versetzte es einen Stich in die Magengrube. (…) »Klar …«, sagte er schließlich. (…) »Klar«, sagte er noch einmal, nun ebenfalls in aggressivem Ton. »Du bist ein reiches Mädchen und ich ein armer Schlucker aus der Lower East Side. Glaubst du, ich weiß das nicht?«

Subtext ist ein hervorragendes und mächtiges Instrument, um Gefühle herauszuheben, indem Sie an der Oberfläche etwas ganz anderes, vielleicht sogar Widersprüchliches darstellen.
Nebenbei benutzt di Fulvio hier auch noch ein Mittel, um Melodramatik zu vermeiden: Saul im Nebenzimmer hat alles mit angehört. Er seufzt, als er Ruths Entscheidung mitbekommt. Ein kleiner, humorvoller Einschub, der die ganze Szene echter macht – einschließlich der Gefühle von Ruth und Christmas.

Einen dritten Weg, Gefühle glaubhaft zu vermitteln, sie in ihrer ganze Komplexität und Widersprüchlichkeit zu zeigen, beschreitet dieser Ausschnitt:

Am nächsten Tag fuhr sie zu Sal. Während sie nebeneinander in dem winzigen Raum saßen, ging ihr durch den Kopf, dass sie auch ihm etwas sagen sollte. Und da nahm sie zum ersten Mal jenes neue Gefühl in sich wahr: Ein Gefühl von Schuld breitete sich in ihr aus. Aber warum fühle ich mich schuldig?, dachte sie, während sie schweigend dasaßen. Es ist nichts passiert. Ich tue nichts Unrechtes! Das Schuldgefühl schlug plötzlich in Wut um, und in diesem Moment meinte sie, Sal zu hassen.

Gefühle schlagen manchmal einfach um, verkehren sich von einem Augenblick auf den anderen in ihr Gegenteil. Solche intensiven emotionalen Wendepunkte sind (bei gesunden Menschen) nicht an der Tagesordnung. Gerade darum bezeichnen sie häufig etwas Signifikantes: extrem starke Gefühle gepaart mit Verwirrung. Solche Momente sind meist hoch dramatisch und sie offenbaren viel über einen Charakter.
Ein solches Gefühlswirrwarr ist realistisch und macht Emotionen bunt.
Eine kleine Warnung: Hier macht es die richtige Dosis. Wenn Sie einen Charakter alle zwei, drei Seiten seine Gefühle von einer Sekunde auf die andere ändern lassen, wird er dem Leser bald als neurotisch und kurz darauf als krank erscheinen. Sparen Sie sich solche Momente für Offenbarungen und wichtige Enthüllungen auf und um die wahren Emotionen des Charakters hinter dem Wirrwarr zu zeigen.

Im nächsten Artikel erkläre ich Ihnen anhand von di Fulvios Roman das Geheimrezept zu den Erwartungen des Lesers.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


??? Meine Frage an Sie: Wie sorgen Sie für intensivere Gefühle in Ihrem Roman? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂



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2 comments on “Wie Sie Emotionen bunt machen und tief — und Ihren Roman das Potenzial zum Bestseller verpassen”

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