Zwei besondere Bestsellertricks aus »Der Junge, der Träume schenkte« von Luca di Fulvio

Was einen Bestseller von erfolglosen Romanen unterscheidet

Bestsellertrick 1: Reparatur ausgeschlossen

Viele Bestseller zeichnen sich darin aus, dass ihre Autoren weiter gehen als die Kollegen. Viele der weniger erfolgreichen Kollegen sind deshalb weniger erfolgreich, weil sie dieses »Weitergehen« missverstehen. Bei ihnen bedeutet das oft einfach mehr Explosionen, mehr Action, mehr Gewalt, mehr Grausamkeit, mehr Buchseiten.
Oder es bedeutet, dass sie ihren Charakteren nicht genug abverlangen. Sicher, sie bereiten ihnen schreckliche Schmerzen, sie verletzen sie tief. Aber das reicht eben nicht immer aus.
Luca di Fulvio ist einer, der weitergeht. Auch deshalb wurde sein Roman »Der Junge, der Träume schenkte« ein Weltbestseller.



Was ist schlimmer als eine tiefe Verletzung? Richtig: etwas Irreparables. In di Fulvios Buch wird der weiblichen Hauptfigur Ruth bei einer Vergewaltigung (= tiefe Verletzung und das Äußerste, wohin sich die meisten Autoren wagen) auch noch der Finger abgeschnitten.
Diese Grausamkeit aber ist eben kein Selbstzweck. Der fehlende Finger ist ein Makel, der der schönen Ruth für immer bleibt, ihr für den Rest ihres Lebens anhaftet und sie jeden Tag dieses Lebens an die Vergewaltigung erinnern wird. Der fehlende Finger und die Tat, die dazu führte, bestimmen den Kurs des Romans. Sie beeinflussen Ruth und sie beeinflussen den Protagonisten Christmas, der Ruth liebt. Sie schicken Christmas auf einen Rachetrip, der sein Leben verändern wird.

Etwas Irreparables heißt auch: Hier wurde der Punkt ohne Wiederkehr überschritten. Nicht von ungefähr ist das auch der Punkt, der bei den zentralen Entscheidungen des Helden so bedeutsam ist, etwa im ersten Plotpoint am Ende des ersten Akts.

Ein anderes Beispiel für etwas Irreparables mit lebenslangen Konsequenzen könnte auch etwas durchaus Positives sein: Etwa wenn aus der Vergewaltigung ein Kind entstanden wäre. Solche Dinge eignen sich eher für Romane mit einem leichteren Ton, die dennoch erzählerisch mitreißend sein sollen.

Etwas »Irreparables« kann aber auch etwas sein, was sich durchaus reparieren lässt. Entscheidend ist, dass es in dem Moment, in dem es passiert, dem Leser und den Charakteren als unwiderbringlich zerstört oder verloren erscheint.
Das klassische Beispiel hierfür sind Beziehungen, die auseinanderbrechen und bei denen man sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie diese wieder zusammengeflickt werden könnten. Aber genau das tut der Bestsellerautor: Er schafft das scheinbar Unmögliche.
Ich weiß nicht, ob man lernen kann, dieses »reparable Irreparable« für seinen Roman zu entdecken. Es hilft aber sicherlich, wenn man sich Zeit lässt, eine solche Lösung eines scheinbar unlösbaren Problems zu finden. Und wenn man in der Lage ist, aus den üblichen Denkschemata auszubrechen und neue Wege zu gehen. Dazu braucht es eine Kombination aus Klugheit, Mut und Kreativität. Die Sie ja haben. Wahrscheinlich müssen Sie nur etwas genauer nachsehen, wo das alles in Ihnen steckt und wie Sie es herausholen.

Dieses Irreparable bietet wie kaum etwas anderes die Gelegenheit zum Drama. Nutzen Sie den Moment aus, schwelgen Sie in der Katastrophe und den dazugehörigen Gefühlen, machen Sie dem Leser die Konsequenzen des Schrecklichen klar. Und tun Sie das konkret und bildhaft. Wie das Luca di Fulvio hier in der Unterhaltung zwischen Christmas und seiner geliebten Ruth tut.

»Nichts und niemand kann mir je den Finger wieder wachsen lassen«, setzte Ruth in aggressivem Ton hinzu.
Christmas schloss den Mund, konnte aber den Blick nicht von ihr abwenden.
»Ich werde immer nur bis neun zählen können«, sagte Ruth da und lachte gezwungen, voller Zynismus wie eine Erwachsene. So nämlich fühlte sie sich nun. Wie ein Mädchen, das gezwungenermaßen in einer einzigen Nacht hatte erwachsen werden müssen.

Dieses Weitergehen über das Reparable hinaus bringt für Sie als Autor noch einen weiteren Vorteil: Sie vermeiden Melodrama. In dem Beispiel wäre Melodrama, wenn Ruth »nur« verprügelt worden wäre und sich daraus dieselben Reaktionen der Charaktere anschlössen wie in di Fulvios Roman. Die Reaktionen wären dem Geschehen nicht angemessen, sie wirkten übertrieben und dadurch unglaubhaft, eben melodramatisch.

Bestsellertrick 2: Sätze, bei denen dem Leser der Atem stockt

Ein ebenfalls sehr effektives Mittel, Leser zu verzaubern, sind Situationen oder auch bloß Sätze, vielleicht sogar nur Wörter, bei denen dem Leser die Luft wegbleibt. Weil sie so schön, so intensiv, so unerwartet sind.

An den obigen Dialog schließt sich dieser Satz, diese Entgegnung an:

»Wäre ich dein Lehrer«, antwortete Christmas leise, »würde ich die Mathematik für dich neu erfinden.«

Aus dem Zusammenhang gerissen, mag der Satz kitschig klingen. Innerhalb des Romangefüges aber passt er und entfaltet seine Wirkung.

Wie funktioniert das?

Christmas sagt den Satz nicht einfach so. Das nämlich ist ein Grund, warum mancher in sich schöne Satz oder manche für sich allein schöne Szene nicht funktionieren: weil sie aus dem Zusammenhang und damit aus der Geschichte gerissen sind und daher auch den Leser aus der Geschichte reißen. Er mag den Satz als etwas Besonderes bemerken, aber der Geschichte nutzt das nichts, weil er eben auch bemerkt, dass der Satz oder auch die Szene da nicht hineingehört.

[Zwischenbemerkung: Das ist einer der Gründe, weshalb ein Schreiblehrer auf die Idee mit dem »kill your darlings« gekommen ist. Denn die Darlings, die dem Autor eben als besonders gelungen auffallen, konnten ihm nur deshalb auffallen, weil sie sich eben nicht nahtlos in die Geschichte einfügen. Und genau weil sie das nicht tun, sind sie verzichtbar und sollten gestrichen werden. Meistens.]

Christmas aber bezieht sich direkt auf Ruths Bemerkung mit dem Zählen. Der Satz passt in den Zusammenhang. Lesen Sie den kompletten Abschnitt noch einmal:

»Nichts und niemand kann mir je den Finger wieder wachsen lassen«, setzte Ruth in aggressivem Ton hinzu.
Christmas schloss den Mund, konnte aber den Blick nicht von ihr abwenden.
»Ich werde immer nur bis neun zählen können«, sagte Ruth da und lachte gezwungen, voller Zynismus wie eine Erwachsene. So nämlich fühlte sie sich nun. Wie ein Mädchen, das gezwungenermaßen in einer einzigen Nacht hatte erwachsen werden müssen.
»Wäre ich dein Lehrer«, antwortete Christmas leise, »würde ich die Mathematik für dich neu erfinden.«

Was den Satz von Christmas besonders macht: Er passt perfekt in den Roman, in die Stelle hinein – und geht doch weit über sie hinaus. Er nimmt etwas Triviales und überhöht es, inhaltlich und poetisch. Und er tut das auf eine Weise, die den Satz eben nicht als das Besondere herausstellt, sondern ihn eher wie etwas Selbstverständliches erscheinen lässt: Christmas nämlich sagt den Satz »leise«.

Das Ergebnis ist alles andere als kitschig: So geht Romantik.

Mehr darüber, »wie Bestseller geht«, lesen Sie im nächsten Artikel mit weiteren Beispielen aus Luca di Fulvios Welterfolg. Der übrigens schlicht eine tolle Geschichte erzählt.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


??? Meine Frage an Sie: Wie reparieren Sie Irreparables? Beispiele, auch aus Filmen oder Romanen? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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10 comments on “Zwei besondere Bestsellertricks aus »Der Junge, der Träume schenkte« von Luca di Fulvio”

  1. Susanne Lenné Antworten

    Ein anderes Beispiel für etwas Irreparables mit lebenslangen Konsequenzen könnte auch etwas durchaus Positives sein: Etwa wenn aus der Vergewaltigung ein Kind entstanden wäre. Solche Dinge eignen sich eher für Romane mit einem leichteren Ton, die dennoch erzählerisch mitreißend sein sollen.
    Wer so etwas als Beispiel gibt, ist entweder besonders emotionslos, oder -ein Mann?
    Ich glaube nicht, das sich auch nur eine der im Krieg von Gegnern vergewaltigten Frauen über ein Kind ihres Vergewaltigers freut, und es sogar lebenslang als „positive“ Konsequenz mit „leichterem Ton“ erlebt. Ein bischen mehr nachdenken bitte.
    Mit freundlichem Gruß
    Susanne Lenné

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Danke für Ihren Kommentar. Den ich, als Mann, erwartet hatte 😉

      Tut mir leid, wenn das falsch angekommen ist. Ich meinte damit, dass eine Frau ihr Kind auch dann lieben kann und wahrscheinlich lieben wird, selbst wenn es aus einer Vergewaltigung entstanden ist. Das ändert ja nichts daran, dass sie vielleicht ihr ganzes Leben an dieser schrecklichen Tat leiden wird. Aber glauben Sie tatsächlich, eine Mutter würde ihr so gezeugtes Kind ein Leben lang hassen? Das erscheint mir, aus meinen Erfahrungen mit Müttern, eher unwahrscheinlich.

      SW

      • Susanne Lenné Antworten

        Lieber Stephan, danke für die rasche Rückmeldung. Ich bin kein „Fachmann“, habe allerdings mehrere Artikel gelesen, von Frauen in Kriegsgebieten in Afrika, die ein Kind von ihren Vergewaltiger haben (was von diesen auch als lebenslange Erinnerung gewollt war); kaum eine hatte ein liebevolles Verhältniss zu diesem Kind. Wie es den Frauen in Ex-Jugoslawien ging, um ein Beispiel aus Europa zu haben, weiss ich nicht. Ich weiss nicht, was für Mütter Sie kennen, aber es soll auch das eine oder andere Kind, das nicht aus einer Vergewaltigung stammt, vernachlässigt und ungeliebt sein.
        Aber das war ja jetzt nicht das Thema des Artikels, habe mich wirklich nur über diesen Gedankenzusammenhang aufgeregt.
        Viele Grüße Susanne L.

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  5. Windsprite Antworten

    Ich finde es stimmt, es ist ziemlich stark, wenn etwas Irreparables einfach nicht repariert wird. Wenn zum Beispiel eine Figur wirklich stirbt und einfach tot gelassen wird, wenn etwas verlorengeht und verloren bleibt. Da gibt es ja zu viele Geschichten, in denen der Verlust behoben wird und dadurch eigentlich das Ausmaß des Verlusts plötzlich verlorengeht. Dann denkt man nur: „Aha. So einfach, und jetzt ist es wieder da?“

    Deshalb finde ich es aber an sich den Aspekt mit dem Irreparablen gut, denn ich habe schon sehr viele Bücher gelesen, in denen irreparable Dinge auf inakzeptable Weise wieder hergeholt wurden.

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