Romane Schreiben lernen heißt auch, von den Lesern lernen

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3 zentrale Aspekte, um Ihren Roman zu verbessern – Schreiben lernen mit Stephen Kings »The Green Mile«

Im letzten Artikel (4 todsichere Möglichkeiten, ihren Roman zu verbessern: Schreiben wie Stephen King) haben wir untersucht, wie die Fans von Stephen Kings »Shining« Autoren jedweden Genres Tipps zum Schreiben geben – mit ihren Einschätzungen dazu, was ihnen an dem Buch oder Film am besten gefallen hat. Schreiben lernen heißt eben auch, von den Lesern lernen, die Ihre Bücher lesen sollen.

Heute nehmen wir uns ein anderes Buch von Stephen King vor, das ebenfalls erfolgreich und gut verfilmt wurde (was leider eher die Ausnahme ist bei King-Büchern): »The Green Mile«, jenen Roman über den Todestrakt eines Gefängnissen und den gespenstischen Vorgängen dort.

1. Was Leser wollen: Geschichten, die ihnen »den Hals zuschnüren«

Kaum eine Leser-Reaktion dürfte einen Romanautor mehr freuen als eine, die über Intellektuelles und Emotionales hinausgeht und sich beim Leser körperlich zeigt. Das können Bewegungen wie das Abnagen der Fingernägel vor Spannung sein oder körperliche Reaktionen wie das Ausbrechen in Tränen, ein lautes Auflachen oder eben das Zuschnüren des Halses.
Leser lieben es, wenn ein Buch eine solche Reaktion bei ihnen bewirkt, wenn sich die Wörter auf dem Papier oder die Bilder auf der Leinwand in etwas Neues und Starkes verwandeln – und zwar ganz manifest und spürbar. Etwas, das ihnen wiederum selbst beweist, wie intensiv sie das Buch erleben.

Wie schaffen Sie das in Ihrem eigenen Buch?

1. Über Emotionen. Starke Emotionen lösen körperliche Reaktionen aus. Intensivieren Sie die Emotionen in Ihrem Roman (Wie das geht, lesen Sie in meinem Ratgeber »Schreibcamp: Emotionen«) und Sie haben gute Chancen, dass Ihre Leser auch eine körperliche Reaktion zeigen.

2. Über Aktivierung, die vor den Emotionen kommt.
Bereits vor den Emotionen, deren Richtung und Qualität dem Leser bewusst sind, kann ein Reiz eine vorbewusste Reaktion auslösen. Diese Kraft haben beispielsweise Wörter, die Ekel auslösen. Noch mehr Kraft haben innere Bilder. Je konkreter sie sind, desto stärker wirken sie.
Das Zuschnüren der Kehle als Reaktion auf ein besonders intensives, grauenvolles inneres Bild wird dann vielleicht, vielleicht aber auch nicht zu einer Emotion.

Hilfreich, aber keine Voraussetzung für 1. und 2. ist …

3. Identifikation mit dem Protagonisten oder Point-Of-View-Charakter.
Eine Identifikation stärkt die emotionale Verbindung und damit auch die Emotionen selbst.
Aber ein Leser kann durchaus in der Geschichte gefangen sein, ohne sich mit einem der Charaktere zu identifizieren. Hier spielen seine ganz eigenen Erlebnisse und Erfahrungen und Gefühle eine Rolle. So kann ihn beispielsweise eine Szene in einem Krankenhaus an ein eigenes Erlebnis in einem Krankenhaus erinnern und dadurch auch körperliche Reaktionen auslösen.

Sie können diese körperliche Reaktion nicht hoch genug einschätzen. Denn da sie für den Leser ein deutliches, reales Erlebnis, kann er sich viel besser daran erinnern als an einen emotionalen oder intellektuellen Kitzel, der lediglich in seinem Kopf stattfindet.
Das heißt: Je stärker die körperliche Reaktion, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Leser über das Buch spricht. Wenn es ein positives Erlebnis war, stehen die Chancen gut, dass er es weiterempfiehlt. Wie wir alle wissen, sind solche direkten Empfehlungen von Freunden mit die beste Werbung für ein Buch.

2. Was Leser wollen: »Sehr viel Menschliches«

Der Punkt scheint banal. Er ist das genaue Gegenteil. Diese Menschlichkeit in Geschichten zu finden, bedeutet für viele Leser, (leichteren) Zugang zu ihrer eigenen Menschlichkeit zu finden.
Menschliches kann vieles sein. Abgründig Böses ebenso wie Gutes. Für mich heißt Menschlichkeit in einem Roman, das dort Dinge gezeigt werden, die uns aus dem Alltag, dem normalen, achtlosen Leben herausreißen und uns wieder die Dinge vor Augen führt, die Menschen ausmachen, die Menschen groß, gut, liebenswert, echt machen.
Das können Geschichten wie die von John Irvings grandiosem »Owen Meany« sein, wo der sehr eigene Titelheld am Ende eine Heldentat begeht, die ihn, den ewigen Außenseiter, für die eine Sekunde vor seinem Tod, in der Mitte seiner Mitmenschen ankommen lässt.

Menschliches meint eher etwas Positives.
Wenn Sie als Autor Menschliches zeigen, enthüllen Sie dem Leser das Gute im Bösen, die Schönheit im Hässlichen, das Erhabene im Banalen, den Triumph im Scheitern.

Menschliches wird besonders gut sichtbar als Kontrast.
In unmenschlichen Situationen, wie etwa einem Gefängnis wie »The Green Mile«. Wer unter diesen Umständen nicht grausam wird, sondern mitfühlend und fair bleibt, der offenbart seine Menschlichkeit.
In Geschichten, die phantastisch sind, erinnert den Leser Menschlichkeit daran, was Menschsein ausmacht. Sie verbindet ihn mit den Ereignissen, die fern seiner eigenen täglichen Wirklichkeit stattfinden.

Wichtig sind insbesondere diese Dinge:

(1) Etwas Menschliches heißt immer: Bezug zur Lebenswirklichkeit des Lesers. Dazu gehören können beispielsweise auch Sehnsüchte des Lesers, etwa die nach einem harmonischen Familienleben, das sich in seinem Leben nicht zeigt. Treffender als Lebenswirklichkeit wäre daher vielleicht »gefühlte und ersehnte Wirklichkeit«.

(2) Je mehr Leser Sie erreichen wollen, desto näher an der Basis sollten Sie mit Ihrer Darstellung des Menschlichen / allzu Menschlichen bleiben. Hier schlägt das Einfache und Universelle ganz klar das Komplizierte und Spezielle.
Die Herausforderung aber ist, das Einfache eben nicht im Einfachen zu suchen, sondern im Komplizierten. Die Herausforderung ist, das Spezielle so darzustellen, dass sich darin das Universelle entdecken lässt.
Alle großen Geschichten sind äußerlich sehr individuelle Geschichten. Nehmen Sie kuriose Helden wie »Forrest Gump« oder kuriose Geschichten wie »Ziemlich beste Freunde«. Große Autoren stellen diese Geschichten so dar, dass der Leser sich darin wiederfindet und, das ist zentral, diese Geschichte zu seiner eigenen Geschichte macht.
Schlechte Geschichten versuchen, das Universelle universell zu machen – indem sie Klischees verwenden. Ein Klischee aber ist das Gegenteil von Individualität. In einem Klischee findet der Leser sich nicht wieder, weil er nur das Allgemeine findet. Sein Leben aber ist für ihn sehr, sehr speziell.

(3) Der Leser erkennt das Menschliche als etwas Glaubhaftes. Es ist nicht aufgesetzt, nicht bloß behauptet. Der Empfänger der Geschichte ist nicht bloß Leser oder Zuschauer. Er ist mindestens Zeuge. Bestenfalls nimmt er teil, weil in der Geschichte ein Teil von ihm selbst verhandelt wird und auf dem Spiel steht.

3. Was Leser wollen: »Viel Liebe zum Detail«

Das spezifische Detail ist das Gegenteil eines Klischees. Es ist genau das eine, was durch seine Individualität und Besonderheit den Leser an das Besondere, das Ureigene in seinem eigenen Leben erinnert. Das den Leser daran erinnert, dass sein Leben auch eine Geschichte ist und dass es darauf ankommt, wie er selbst sich diese Geschichte erzählt.

Konkrete Details sind es, was eine Geschichte aus dem Papier, dem Bildschirm, der Leinwand herausheben. Der Leser weiß, dass das Schwarze vor ihm nur Zeichen sind, die Bilder nichts Lebendiges. Um die Geschichte mit dem Leben zu verbinden, braucht es spezifische Details. Auch das Leben kennt nur Spezifika. Es gibt so etwas wie Frauen oder Männer in der wirklichen Welt nicht, sondern nur dreieinhalb Milliarden Individuen, denen man die Bezeichnung Frau oder Mann überstülpen kann.

Welche konkreten Details Sie auswählen, entscheidet, was für eine Geschichte Sie erzählen. Je konkreter das Detail, desto größer seine Kraft, seine Wirkung auf den Leser. Klischees sind nur Theaterwaffen, die Klinge aus stumpfem Plastik fährt bei Berührung in den Schaft. Konkrete, hochspezifische Details aber sind die Skalpelle eines plastischen Chirurgen, eins schärfer als das andere. Mit ihrer Hilfe modellieren Sie das Gesicht Ihrer Geschichte. Ein falscher Schnitt aber, und das Gesicht ist entstellt.

Bei der Auswahl der Details machen Sie sich bewusst, was Sie erzählen wollen.
Gehen Sie in Stufen vor, um das passende Detail zu finden:
1. Malen Sie sich die Szene und ihren Schauplatz aus.
2. Was ist der Charakter für ein Mensch und was nimmt er in dieser konkreten Situation an konkreten Details wahr?
3. Was soll der Leser sehen – um etwa auf eine falsche Spur gelenkt zu werden oder um eine Vorausdeutung späterer Ereignisse zu erleben (Beispiel: Sie zeigen einen Schraubenzieher, der später noch eine Rolle spielt.)?
4. Von diesen Details passt welches am besten zum Thema Ihres Romans?

Die Leser und Zuschauer von Kings Geschichten geben uns noch weitere Hinweise. Könnte noch ein Artikel werden …

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


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??? Meine Frage an Sie: Was haben Sie als Leser oder Filmzuschauer entdeckt, das Sie anschließend für Ihr Schreiben nutzen konnten? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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Mehr Info: Meine Schreibratgeber für Ihren Roman


2 comments on “Romane Schreiben lernen heißt auch, von den Lesern lernen”

  1. Pingback: Erwartungen der Leser und Versprechen an Ihre Leser

  2. Apfelsaft Antworten

    Ich glaube, den Leser an sich gibt es so nicht, wenn ja, dann ist es eine Leserin, aber die ist auch keine Einheit.
    Dass der Leser einen Zugang zum Buch finden sollte, dürfte klar sein, er sollte den kulturellen Hintergrund entziffern können. Wenn man den kulturellen Hintergrund nicht versteht, wird es schwer, emotional mitgerissen zu werden.

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