Romane schreiben wie Stephen King — Dank der Fans von “Shining”

Ein anderer Meister hat ebenfalls Tricks parat, wie der letzte Artikel zeigt: 6 Tricks zum Schreiben eines Romans von Amerikas bestem Autor

Schreiben wie Stephen King (Foto: CreativeCommons, Wikipedia, Foto by Pinguino)

4 todsichere Möglichkeiten, ihren Roman zu verbessern: Schreiben wie Stephen King

Während Ihnen im Artikel von letzter Woche ein Meister-Autor 6 Tipps zum (Besser-)Schreiben eines Romans gab, kommen im Artikel heute die Leser zum Zug. Schließlich wissen sie am besten, was sie wollen. Und da wir alle für Leser schreiben, wäre es recht kurzsichtig, sie nicht auch mal um Tipps zu bitten.
So ganz direkt wollen wir diese Ratschläge natürlich nicht haben. Die meisten Leser wüssten auch gar nicht, was sie uns raten sollten. Also nehmen wir die indirekte Route und fragen: Was gefällt euch besonders?
An Stephen Kings Büchern, zum Beispiel. In einem schönen Artikel hat das Literaturcafe Leser-Meinungen zu mehreren King-Romanen eingeholt. Aus dem, was die Leser sagen, können wir Autoren eine Menge lernen. Aus dieser Fundgrube habe ich mir einige Lesermeinungen herausgepickt, die Ihnen zeigen, wie Sie schreiben wie Stephen King. Die ersten vier finden Sie heute, weitere im nächsten Artikel.

Was Sie von Stephen Kings »Shining« lernen können

1. »Alptraumhafte Szenerie«

Es lohnt sich, viel Grips und Ideen in ein stimmiges und einzigartiges Setting zu investieren. Das Setting ist viel mehr als nur der Schauplatz. Es können auch die Epoche dazugehören, die Gesellschaft, die komplette Umwelt mit all ihren Variablen.
Erst ein gutes Setting gibt Ihrem Roman eine solide Grundlage. Es sorgt für die passende Atmosphäre, in der sich die Geschichte entfalten kann.
Kennzeichen für ein gutes Setting sind:
* in einem anderen Setting hätte die Geschichte nicht spielen können
* der Protagonist hat einen emotionalen Bezug zum Setting (etwa die Rückkehr an einen wichtigen Ort seiner Kindheit oder an den Schauplatz eines Verbrechens)
* zwischen Setting und Charakteren gibt es Konflikte
* das Setting wird selbst zum Charakter
* das Setting ist durchgehend stimmig und rund – aber nicht statisch
* wie ein guter Charakter ändert sich auch das Setting im Lauf der Handlung
* die Eigenschaften des Settings, wie bei »Shining« die »alptraumhafte Szenerie«, treten im Lauf des Romans immer stärker zutage. Sprich: Auch beim Setting spitzen sich die Dinge zu. Ein erster Schritt um zu schreiben wie Stephen King.

2. »Grandioser Hauptdarsteller«

Es ist nicht gerade einfach, einen erinnernswerten Charakter zu schaffen. Schon gar nicht, wenn in dem Charakter ein Schauspieler wie Jack Nicholson steckt. Aber versuchen, Ihren Protagonisten aus der Masse zu heben, das zumindest sollten Sie. Ausnahme: In Ihrem Roman steht der Plot so eindeutig im Vordergrund, dass ein dominanter Charakter ihm die Schau stehlen würde.
Hier kann es hilfreich sein, sich den Plot mal als Romanfigur vorzustellen. So fällt es Ihnen leichter, sich zu entscheiden, wer die Hauptrolle bekommt: Protagonist oder Plot?
Jack Torrance, der Protagonist und Antagonist (darüber kann man diskutieren) von »Shining«, ist als Charakter gar nicht mal so aufregend. Erst Jack Nicholson macht ihn unverwechselbar. Vielleicht hat King, anders als so ziemlich jeder andere, deshalb die Filmversion seines Romans nie gemocht. Vielleicht hat Nicholson der Story zu oft die Schau gestohlen, die für King im Vordergrund stehen sollte.
Genau darüber sollten Sie sich klar werden, wenn Sie vorhaben, außergewöhnliche Charaktere zu schaffen: Wer soll wem die Schau stehlen? Oder sollen sie gleichberechtigt sein, Plot und Protagonist?
In »Das Schweigen der Lämmer« hat der Autor daher einen Kniff gewählt, um die Story hinter der übermächtigen Figur des Hannibal Lecter nicht untergehen zu lassen: Er hat Lecter weder zur Hauptfigur noch zum Antagonisten gemacht. Die Protagonistin ist Clarice Starling, der Antagonist ist Buffalo Bill, aus dessen Fängen Starling ein Mädchen befreien will. Noch als Nebenfigur stiehlt Lecter allen die Schau – allen Charakteren, nicht aber dem Plot. »Das Schweigen der Lämmer« ist ein besserer Film als »Shining«. Bei dem Roman sind die Unterschiede weniger deutlich. Weil Jack Nicholson im Buch nicht mitspielt.

3. »Langsame Entwicklung« des Plots

»Make them wait«, heißt eine bekannte Aufforderung an Autoren, die Charles Dickens zugeschrieben wird (»Make them laugh, make them cry, make them wait.«). Gerade weniger erfahrene Autoren meinen hingegen, sie müssten dem Leser gleich alles vor die Füße kippen. So beginnen Sie mit einer übertriebenen Szene voller Action und Blut, um anschließend mit Unmengen an Informationen und Backstory jede Spannung zuzuschütten wie eine Blume mit einer Ladung Müll oder eine kleine Glut mit dicken Scheiten nassen Holzes.
Gerade Romane, die viel Atmosphäre verströmen, brauchen einen allmählichen Aufbau. Der Leser wird umgarnt und sanft eingesponnen, bis er irgendwann verblüfft feststellt (genauer gesagt: es gar nicht merkt), dass er sich nicht mehr vom Fleck rühren kann, sondern weiterlesen muss.
Stellen Sie sich einen jungen Mann vor, der pfeifend ins Moor hineinläuft. Es ist dunkel und neblig und Wölfe heulen. Ihm ist unheimlich. Guter Anfang, oder? Er läuft trotzdem weiter, verfehlt einen Trittstein, klatscht ins Wasser und ertrinkt. Ende der Geschichte.
Oder Sie nehmen denselben jungen Mann und lassen ihn pfeifend ins Moor hineinlaufen. Es ist heller Tag, die Vögel zwitschern, Frösche quaken, alles herzallerliebst. Er denkt an das Mädchen, das auf der anderen Seite des Moors auf ihn wartet. Er wird dem Mädchen einen Heiratsantrag machen, trägt seinen Sonntagsstaat. Da verfehlt er einen Trittstein und gerät in eine morastige Stelle mit Treibsand. Er sinkt ein Stück ein. Ärgert sich darüber, dass seine Schuhe und seine Hose verdreckt sind. Er will aus dem Loch heraus, aber er sinkt nur ein Stück tiefer. Lächerlich. Er greift nach einem Ast. Der aber bricht ab. Er sinkt noch ein Stück. Der Morast hat fast seine Oberschenkel erreicht. Die Vögel zwitschern. Aber klingt der Gesang jetzt nicht spöttisch? Er sinkt noch tiefer. Er ruft um Hilfe. Niemand hört ihn. Der Abend dämmert, Nebel ziehen auf. Der junge Mann steckt inzwischen bis zur Brust im Morast. Er hat Durst, er hat Angst. Es wird dunkel. Ein einsamer Wolf heult. Ein zweiter. Gar nicht weit weg. Daheim wartet das Mädchen, dem er seinen Besuch versprochen hat. Es zweifelt an seiner Liebe. Wenn er nicht bald kommt, wird sie fortgehen und nie mehr zurückkommen. Ein Wolf heult, und das Mädchen in seiner Stube schaudert.
Wenn Sie den Unterschied nicht merken, sollten Sie vielleicht doch lieber Sachbücher schreiben 😉

4. »Steigerung der Spannung«

Dieser Punkt scheint selbstverständlich zu sein. Die Gutachten, die ich über Exposés von Autoren schreibe, haben mich eines Besseren belehrt. Zu einer gelungenen Dramaturgie gehört ein Spannungsbogen – und zu dem gehört, dass sich die Spannung kontinuierlich steigert.
Viele Autoren wissen das. Theoretisch. Die Umsetzung ist das Problem. Häufig stehen Ereignisse nebeneinander, die alle auf demselben Spannungsniveau spielen. Oder, noch schlimmer, der Autor verschießt sein Pulver in den ersten Szenen und danach geht es nur noch bergab.

Wie aber schaffen Sie es, die Situation für Ihren Protagonisten weiter und weiter zuzuspitzen? Damit Sie auch so spannend schreiben wie Stephen King.

Die Antwort scheint klar: Schaffen Sie eine Abfolge von Ereignissen, die jeweils schlimmer, dramatischer, eben spannender sind als das Ereignis davor. Das ist zumindest keine schlechte Idee. Nur genügt das nicht.
In vielen Romanen arbeiten nämlich Dinge gegen den Spannungsaufbau. Drei der wichtigsten:

Eins: Der Charakter agiert zu passiv oder zu unglaubhaft. Oder dem Autor ist es nicht gelungen, von Beginn an eine starke Bindung zwischen Protagonist und Leser zu schaffen. Mit zunehmender Handlung wird dem Leser immer gleichgültiger, was dem Protagonisten geschieht. Vielleicht nervt der ihn irgendwann nur noch. Die Vorschusslorbeeren, die wir als Leser zunächst jedem Charakter entgegenbringen, den wir kennenlernen dürfen, sind verdorrt.

Zwei: Die Ereignisse werden anscheinend dramatischer – eine zarte Berührung der Hände, ein Kuss, Sex oder: Verfolgung zu Fuß, danach eine im Auto mit ratternden Maschinenpistolen, danach eine im Jagdbomber. Was sich jedoch zu häufig nicht erhöht, sind die Einsätze für den Charakter. Sprich: Was steht für ihn auf dem Spiel? Was verliert er, wenn er in der jeweiligen Szene scheitert?
Beim Händchenhalten kann er seine große Liebe verlieren. Beim Sex womöglich gar nichts außer seinen Klamotten. Bei der Verfolgungsjagd mit dem Flugzeug kann er sein Leben verlieren. Bei der Verfolgungsjagd zu Fuß könnte er nicht vor dem Killer zu Hause sein und dadurch sein Leben und das seiner Familie verlieren.

Drei: Der Protagonist sieht sich zwar zunehmend schwieriger zu überwindenden Hindernissen gegenüber. Aber der Leser spürt das nicht, weil der Charakter nicht adäquat reagiert. Reaktion auf einen Reiz ist wie Einatmen und Ausatmen. Wenn Ihrem Protagonisten etwas Schlimmes widerfährt, muss er davon in irgendeiner Form berührt werden. Entweder grübelt er darüber nach. Oder er ist emotional betroffen. Das müssen Sie nicht jedes einzelne Mal zeigen. Aber doch des öfteren und vor allem bei bedeutenden Szenen. Diese Reaktion ist dann Ausgangspunkt für die nächste Entscheidung des Charakters und die wiederum stößt die nächste Handlung an.
Zeigen Sie hingegen fast ausschließlich die Aktionen und lassen die Reaktionen weg, erscheint die Figur leblos und kalt wie eine Maschine.

Über diese und weitere Leserreaktionen zu Stephen Kings »The Green Mile« schreibe ich im zweiten Teil:
»Schnürt sich einem der Hals zu«, »viel Liebe zum Detail«, »viel Menschliches«.

Bis dahin, schreiben Sie wohl.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014



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??? Meine Frage an Sie: Was haben Sie als Leser oder Filmzuschauer entdeckt, das Sie anschließend für Ihr Schreiben nutzen konnten? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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7 comments on “Romane schreiben wie Stephen King — Dank der Fans von “Shining””

  1. Stephan Waldscheidt Antworten

    Meine Artikel über die Aussagen einiger Fans zu King-Romanen und -Filmen wurden ausführlich seziert und kommentiert. Auch wenn mir das manchmal ein wenig zu akademisch und spitzfindig ist und ich mich, was völlig normal ist, hier und da missverstanden fühle, freue ich mich über die Mühe, die Frederik Weitz sich gemacht hat und ziehe meinen Hut. Wie er schreibt, sind wir uns bei den meisten Dingen sowieso einig 🙂

    Wer also gerne noch tiefer in die Thematik einsteigen möchte, bitteschön, hier steht der erste der Artikel von Weitz:
    http://frederikweitz.blogspot.de/2014/09/romane-schreiben-wie-stephen-king.html

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  6. Jens Antworten

    Sie schreiben:
    „Jack Torrance, der Protagonist und Antagonist (darüber kann man diskutieren) von »Shining«, ist als Charakter gar nicht mal so aufregend. Erst Jack Nicholson macht ihn unverwechselbar. Vielleicht hat King, anders als so ziemlich jeder andere, deshalb die Filmversion seines Romans nie gemocht. Vielleicht hat Nicholson der Story zu oft die Schau gestohlen, die für King im Vordergrund stehen sollte.“

    Mein lieber Herr Waldscheidt, als Stephen-King-Fan kann ich das so nicht stehen lassen. Ich habe Shining viermal gelesen. Und ich kann Ihnen versichern, dass ich Jack Torrance für einen der interessantesten Charaktere halte, die in Unterhaltungsbüchern vorkommen. Torrance ist einer, der sehr viele Facetten hat: Ein innerlich vollkommen unsicherer Mensch mit dem Hang zum Borderliner. Seine Abhängigkeiten hat er nicht im Griff, zuhause neigt er zur Gewalt, gleichzeitig ist er hochsensibel und kreativ. Im Leben bekommt er nichts auf die Reihe. Außer das Schreiben.

    Wenn man im Hinterkopf behält, dass Stephen King in dieser Figur auch ein wenig sein Alter Ego skizziert, wird man sich nicht wundern, dass King die Verfilmung verachtet. Liefert sie nämlich einen zusätzlichen dramaturgischen Knall, indem sie Jacks Schreiben als sinnfreie Beschäftigungstherapie entlarvt (er schreibt immer nur denselben Satz). Dass Stephen King das als unterschwellige Beleidigung seiner eigenen Arbeit empfunden haben könnte, liegt auf der Hand.

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