Straße ins Nichts — Schreibtricks von einem Meister

6 Tricks zum Schreiben eines Romans von Amerikas bestem Autor

Ich habe schon eine Menge Artikel übers Schreiben verfasst, und doch vergeht fast kein Roman, in dem ich nicht noch für mich neue Schreibtricks entdecke. Ist das nicht herrlich, wie endlos das Thema ist? Und dass man hervorragende Romane schreiben kann mit nur 10 % der Kapazität dessen, was es an Tricks gibt? Die 10 % übernehme ich mal frech von »Lucy«, dem SF-Film, den ich mir neulich im Kino angesehen habe. Dazu demnächst mehr in einem Schreibtipp auf Facebook.
Der Mensch nutzt kaum mehr als 10 % der Kapazität seines Gehirns, und doch sind wir zu erstaunlichen Dingen fähig. Romane schreiben beispielsweise, zumindest Sie und ich 😉

In dem Roman »Purple Cane Road« von James Lee Burke (Dell 2000 / dt. »Straße ins Nichts«) habe ich einen ganzen Sack voller spannender Kniffe gefunden. Daher geht es in diesem Artikel mal nicht um nur ein Thema, sondern um mehrere. Ihre Gemeinsamkeit: Jede der vorgestellten Methoden hat dazu beigetragen, dass »Purple Cane Road« ein hervorragender Krimi wurde und James Lee Burke nicht ganz zu Unrecht (aber auch nicht ganz zu Recht) von The Denver Post als »America’s best novelist« bezeichnet wurde – daher die reißerische Überschrift. Neben der packenden und wendungsreichen Handlung begeistert mich bei dem Buch, wie Burke es schafft, das Setting – Louisiana in all seiner schwülen Hitze – zu beleben. Auf Deutsch verloren geht notgedrungen die Art, wie Burke die Sprache der Menschen dort unten einfängt.

Worum es in dem Krimi um Detective Dave Robicheaux geht, lesen Sie hier in der ausführlichen Rezension der Krimi-Couch.

Kommen wir zu Burkes Tricks.

Trick 1: Phantasie lebendig machen – auch wenn sie falsch ist

Detective Robicheaux sucht die Mörder seiner Mutter. Ein Informant behauptet, die Mutter des Detectives hätte damals als Prostituierte gearbeitet. Die Vorstellung ist unerträglich für Robicheaux.
Doch anstatt das zu schreiben – »er ertrug die Vorstellung nicht, dass seine Mutter …« – und den Detective zu zeigen, wie er unter der Vorstellung leidet, tut Autor Burke das Naheliegende: Er zeigt, was Burke sich vorstellt.
In einer intensiven Szene stellt Robicheaux vor, was damals passiert sein könnte. Dadurch erleben wir tatsächlich detailliert mit, was Burke quält.
Das hat zwei Folgen:
1. Als Leser werden wir emotional enger an den Protagonisten gebunden, weil wir unmittelbar Zeuge seiner Gedanken und dadurch seines Leids werden.
2. Wir glauben eher, dass diese Vorstellung der Realität entsprechen könnte. Schließlich haben wir sie im Detail miterlebt! Die Richtigstellung später kommt daher brutaler und auch überraschender für uns Leser.

Trick 2: Spannung erzeugen durch Aussparung

Robicheaux, der Ich-Erzähler, verdächtigt die Polizeipräsidentin von Louisiana, Connie Deshotel, dass sie Näheres über den Mord an seiner Mutter weiß. Robicheaux ist überzeugt, die Mörder wären Polizisten gewesen, Deshotel aber gibt im Informationen, die eher auf die Mitarbeiter eines Sicherheitsdienst deuten.

Auf der fernen Seite des Sees war die Sonne nur ein Stück Glut zwischen den Bäumen. »Ich sage Ihnen etwas, Miss Deshotel«, sagte ich und wandte mich vom Fenster ab.
»Connie«, sagte sie, ihre Augen lächelten.
Dann öffnete sich ihr Mund einen Spalt und ihr Gesicht verlor alle Farbe, als sie hörte, was ich sagte.
Durch die Schatten ging ich den Hang hinunter und trat in mein Boot und warf den Motor an. Clete stieg mit ein …

Fehlt hier nicht was? Das tut es. Es fehlt, was Robicheaux zu Deshotel gesagt hat. Burke zeigt uns nur die Reaktion der Polizeipräsidentin, dann kommt der Schnitt zur nächsten Einstellung, wo Robicheaux in sein Boot steigt, das er unter dem Ferienhaus der Präsidentin festgemacht hatte.
Burke erzeugt mit diesem Kniff Spannung – und das auf eine unerwartete Weise, die gerade deshalb so gut funktioniert. Jeder Leser will genau wissen, was diese ansonsten bis ins Mark kühle Frau zum Erbleichen bringen konnte. Und liest gespannt weiter.

Trick 3: Besseres Beschreiben durch Nicht-Beschreiben

Während der Ermittlungen wird einer der korrupten Polizisten, Jennings, von einem Unbekannten angegriffen, sein Gesicht verstümmelt. Jeder glaubt zu wissen, dass der Unbekannte Robicheaux’ Freund Clete war, aber beweisen kann man es nicht.
Was genau hat der Unbekannte getan? Wie sieht Jennings aus?
In einer kurzen Szene erfahren wir das – auf eine trickreiche Art.

»Das muss ein kompletter Hurensohn sein, der so etwas macht, Dave«, sagte Magelli [Dave Robichaeux’ Chef].
»Clete war es nicht.«
»Woher weißt du das?«
»Überprüf den Chauffeur von Jim Gable. Er ist ein ehemaliger Zirkus-Mann namens Micah. Sein Gesicht ist entstellt.«
»Warum lässt du nicht zur Abwechslung mal [Clete] Purcell seinen eigenen Arsch decken?«
»Jennings ist ein schmutziger Cop. Er hat sich das selbst zuzuschreiben. Lass Clete in Ruhe«, sagte ich.
»Erzähl das Jennings. Sein Arzt hat die Spiegel aus dem Krankenzimmer entfernen lassen.«

Burke spart sich die Arbeit, das Gesicht zu beschreiben. Stattdessen überlässt er die Vorstellung der Phantasie des Lesers. Aber er macht etwas Besseres, als sich einfach die Beschreibung zu sparen. Er zeigt die Auswirkungen (keine Spiegel), nicht die Ursache (Gesicht entstellt).
Wenn Ihnen ein guter Ersatz einfällt (Spiegel entfernen), kann der stärker wirken als die beste Beschreibung.

Trick 4: Mehr Konflikt durch Verweigerung einer Rettung

Detective Robicheaux’ Tochter Alafair wird von einem Auftragskiller, Johnny Remeta, angesprochen. Die beiden freunden sich heimlich an. Als Robicheaux das herausfindet, dreht er fast durch. Er versucht, Alafair klarzumachen, dass der Mann ein gefährlicher Psychopath ist. Wegen Remeta wäre er beinahe getötet worden! Was nichts nützt. Alafair glaubt ihrem Vater nicht, dass Remeta gefährlich sein soll – oder ihr gefährlich werden könnte. Sie will von ihrem Vater nicht gerettet werden.

Dieser Schreibtrick ist aus mehreren Gründen so effektiv. Er zeigt den Protagonisten als guten Menschen, der versucht, einem anderen etwas Gutes zu tun. Der Protagonist bindet dadurch den Leser stärker an sich.
Doch weil dieser andere, hier Alafair, nicht gerettet werden will, kommt es zu einem Konflikt. Dieser Konflikt frustriert den Leser, weil er weiß, dass der Protagonist Recht hat. Hinzu kommt, dass man sich fragt, was geschieht, wenn Robicheaux Remeta töten würde – wie sehr würde das das Verhältnis zu seiner Tochter belasten!
Und: Die Suspense steigt, weil man nicht weiß, ob Alafair nicht doch in Gefahr gerät. Schließlich ist die Gefährlichkeit Remetas reichlich vorbereitet.

Trick 5: Das Richtige ist das Falsche

Besagter Killer Remeta weiß, wer Robicheaux’ Mutter ermordet hat. Er wäre bereit gewesen, es dem Detective zu verraten. Er ruft immer wieder bei Robicheaux an, weil er sich ihm verbunden fühlt, nachdem der Detective ihm das Leben gerettet hat. Aber weil der Detective seine Tochter retten wollte und weil Remeta von der Polizei gesucht wird, hat er Remetas sonderbare Annäherungen immer wieder abgewiesen – und erfährt so das Geheimnis nicht, hinter dem er herjagt.

Das ist ein Klassiker unter den Schreibtricks und besonders perfide. Robicheaux macht alles richtig im Umgang mit dem Killer – der für den eigentlich wichtigen Mord nicht verantwortlich ist, wie Robicheaux weiß. Er verhält sich fair gegenüber Remeta. Aber natürlich will er nicht, dass seine Tochter sich mit ihn anfreundet oder gar in ihn verliebt. Doch was Robicheaux auch tut, es erweist sich als falsch. Der Killer wendet sich, in einem letzten Telefonat, endgültig ab.

»Ritter hat die Mörder Ihrer Mutter ausgespuckt, Mister Robicheaux. Ich war bereit, Ihnen die Namen zu geben. Ja, ich hätte sie sogar für Sie erledigt. Aber Sie tun so, als wäre ich der Gestank auf der Scheiße. Jetzt sage ich Ihnen bloß noch: Fuck you.« Er legte auf.

Trick 6: Versagen auf der ganzen Linie

Robicheaux weiß, dass Remeta um sein Haus herumschleicht. Er lauert ihm auf. Er will den gesuchten Mörder töten. Tatsächlich ergibt sich die Gelegenheit. Aber dann kann er es doch nicht tun.
In seinem Fall bedeutet das eine doppelte Niederlage. Als ihm das bewusst wird, tritt er in den dunkelsten Moment des Romans ein:

Ich hatte mich auf die Lauer gelegt, um vorsätzlich einen Menschen zu ermorden, und hatte zugleich als Mörder versagt und als Polizist.

Das ist besonders geschickt gemacht, weil dieser Schreibtrick eben nicht nur das Versagen in einer Rolle ist. Genau das nämlich können wir Menschen einigermaßen abfangen. Wenn wir unseren Job verlieren, können wir sagen, wenigstens bin ich eine gute Mutter. Wenn wir ein Tennismatch gegen einen Kumpel verlieren, können wir uns sagen, wenigstens schlage ich ihn beim Golf.
Hier aber lässt Autor Burke seinen Protagonisten simultan in den beiden Rollen versagen, die ihm am wichtigsten sind. Er hätte sogar noch hinzufügen können: Auch als Vater hat er versagt.
Wenn Sie Ihren Helden wirklich ganz unten haben wollen, nehmen Sie ihm mehr als eine Sache weg. Stecken Sie ihn nicht bloß in ein Erdloch, wo er zu verrotten droht. Lassen Sie ihn in dem Loch auch daran denken, dass er von hier unten seine Familie nicht retten kann.

Spoiler? Ach was. Burkes Buch bietet so viel, Sie sollten ihn lesen. Viel Vergnügen bei der Lektüre. Bestimmt finden Sie darin den einen oder anderen weiteren Kniff, mit dem Sie Ihren Roman noch besser machen können.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


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??? Meine Frage an Sie: Welcher Schreibtrick eines Meisters hat Ihnen besonders weitergeholfen? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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6 comments on “Straße ins Nichts — Schreibtricks von einem Meister”

  1. Mischa Antworten

    Hey, du weißt ich lese deine Sachen, besonders den Blog, echt gerne. Von daher bitte nicht falsch, sondern als gut gemeinten Tipp verstehen: Langsam nimmt die Werbung von der Masse her überhand und wird in der jetzigen Form sehr aufdringlich. Besonders das Popup, dass mir auf halbem Wege nach unten ins Gesicht gesprungen ist und mir nahelegte, den Newsletter zu abonnieren – was letztendlich auch der Auslöser für diesen Kommentar war. Ich habe alle Posts schon als RSS feed und überlege mir im Moment, mir nur die Inhalte auf Instapaper zu pushen. Damit ist aber niemandem geholfen. Ich habe bewusst keinen AdBlocker an, damit Inhalte wie diese weiterhin kostenlos bleiben können. Bitte arbeite an der Trennung Inhalt Werbung und der Blog bleibt weiterhin erfolgreich.

    LG und weiterhin viel Erfolg.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Hi Micha,

      danke für den Hinweis. Ich arbeite schon länger an der Trennung :-). Die Werbung für eins meiner Bücher ist ans Ende des Artikels gewandert. Der Hinweis auf den Newsletter erscheint nur dann, wenn man mindestens die Hälfte des Artikels gelesen hat. Sie erscheint auch nur ein Mal, dafür sorgt ein Cookie, und dann erst wieder zwei Wochen später. DieBox erscheint eigens nur rechts unten und keineswegs mitten im Schirm wie bei vielen anderen Werbetreibenden.
      Ab und an verweise ich, ebenfalls erst nach dem Artikel, auf die im Artikel vorgestellten Bücher anderer Autoren oder Filme. Das ist als Service gedacht für Leute, die sich näher informieren und das Teil vielleicht kaufen wollen. Das macht mir Arbeit, diese Amazon-Werbung, mehr, als ich daran verdiene, falls jemand klickt.

      Sprich: Man kann den kompletten Artikel lesen, ohne dabei von Werbung „gestört“ zu werden. Ich versuche auch, meine Werbung so unaufdringlich wie möglich zu halten. Auch hier habe ich das Dilemma, dass jeder eine andere Aufdringlichkeitsschwelle hat und dass Werbung, die beachtet werden kann, auch wahrgenommen werden muss.

      Jeder hat eine andere Wahrnehmung davon, was zu viel Werbung ist. Ich weiß, ich habe den perfekten Weg noch nicht gefunden. Ich weiß auch, dass ich mir dieses Blog nur leisten und es kostenlos halten kann, wenn ich für meine Bücher werbe. Und zwar dort, wo meine Leser sind,
      Der Newsletter selbst ist ebenfalls kostenlos. Noch so eine Serviceleistung, die der Leser mit seiner Zeit bezahlt und seiner Bereitschaft, die eine oder andere Werbung für meine Bücher oder meine Beratungsleistungen zu sehen.

      Ich schreibe das Blog, weil ich es gerne tue. Ich diskutiere gern mit den Lesern über die Artikel und ich bin happy, wenn mir jemand erzählt, der Artikel habe ihm oder ihr weitergeholfen. Ich lebe von meiner Arbeit rund ums Schreiben. Ich muss damit Geld verdienen.

      Wenn du Ideen hast, wie ich das ebenso effektiv, aber weniger „werbig“ machen kann, nur her damit.

      Stephan Waldscheidt

  2. Pingback: Romane schreiben wie Stephen King — Dank der Fans von “Shining” | schriftzeit -- So schreiben Sie heute Romane

  3. Windsbraut Antworten

    Herr W. spricht von der Ausnutzung von 10% der vorhandenen Hirnkapazität. Diese Zahl wird in neurobiologischen Schriften so publiziert. Natürlich ist sie nur ein theoretischer und auf die vermutete Gesamtkapazität des Gehirns bezogener Wert, aber die Zahl stimmt.

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