Gefühlstonleitern: Wie Sie mit wenigen Worten Menschen bezaubern und begänsehauten

Ein Kapitel aus dem Schreibratgeber „Schneller Bestseller“ aus der Reihe „Bessere! Romane! Schreiben!“

Schneller Bestseller. Ein Schreibratgeber aus der Reihe Bessere! Romane! Schreiben!. Bücher zum kreativen Schreiben.

Die letzte Seite der Wochenzeitung DIE ZEIT ist den Lesern und ihren Texten und Bildern vorbehalten. Die letzte Spalte der letzten Seite (also ihr Höhepunkt oder eher noch ihr Dénouement) ist überschrieben mit »Was mein Leben reicher macht«. Darin berichten Leser in Miniaturen von einem Wort bis zu ein paar Sätzen von Dingen, Situationen, Menschen, die das tun, was die Überschrift besagt.

In der Spalte geht es ausschließlich um eins: um Emotionen. Und zwar um positive. Also um genau das, was oft den Unterschied ausmacht zwischen einem gelungenen und einem erfolgreichen Roman. Denn so aufregend Ihr Plot auch sein mag: Ein Buch, das ausschließlich auf negative Emotionen setzt, wird sich beim breiten Publikum kaum durchsetzen. Aber ziehen Sie daraus nicht die ebenso naheliegenden wie falschen Schlüsse:
Ein Buch, das vor allem positive Emotionen verbreitet, wird automatisch erfolgreich? Nein.
Ein erfolgreiches Buch mit überwiegend positiven Emotionen ist automatisch flach? Auch hier ein klares Nein.

Zurück zur ZEIT-Kolumne. Die viel zitierten »großen Gefühle« interessieren dort kaum, dafür umso mehr die kleinen Gefühle des Alltags. Eine Leserin (Christa Hagel aus Lindau) fasst die Spalte, die ihr Leben reicher macht, perfekt zusammen:

Donnerstag, die neue ZEIT ist da. Zuerst die letzte Seite aufschlagen und die rechte Spalte lesen. Die Texte machen mir manchmal Gänsehaut, lassen mich lachen oder treiben mir Tränen der Rührung in die Augen. Wie nah sind mir diese kleinen Geschichten! Näher als Euro-Krise, Krieg und Skandale.

Sehen wir mal davon ab, dass es die ZEIT-Redakteure zumindest mit ein wenig Selbstzweifeln belasten sollte, wenn das Wichtigste an ihrer Zeitung für manchen Leser das ist, was andere Leser schreiben und nicht die bezahlten ZEIT-Autoren. Widmen wir uns stattdessen dem, was wir Roman-Autoren aus der Popularität dieser Spalte lernen können:

Erfolgreich / wirkungsvoll ist, was menschelt. Wobei das Wort »menscheln« oft eher abfällig und spöttisch gebraucht wird. Was schade ist. Denn eben mit der Menschelei erzeugt man Gefühle – authentische Gefühle, kein Melodrama wie in Arztromanen. Deren Konsumenten sind unter den Lesern der ZEIT wohl seltener vertreten als die Leser anspruchsvollerer Literatur. Aber auch diese lassen sich rühren.
Weil ihnen solche kleinen Geschichten nahe kommen. Näher, wie Frau Hagel treffend beobachtet hat, als Krise, Kriege und Skandale. Warum? Weil sich die Leser mit den Schreibern dieser oft nur wenigen Zeilen leichter identifizieren.

Eine weitere Erkenntnis, für den ein oder anderen erschreckend: Zum Rühren von Menschen, zum Auslösen von Gänsehaut oder Gelächter bedarf es keiner »Schriftsteller-Sprache«. Die Leser sind in der Mehrheit schreibtechnische Amateure, die sonst nicht viel mehr zu Papier oder Bildschirm bringen als E-Mails und Einkaufszettel. Dennoch gelingt ihnen etwas, was mancher Großschriftsteller nach fünfzig Jahren hinter der Schreibmaschine nicht schafft.

Sie sollte das ermutigen. Wenn der Wenigschreiber von nebenan die Leute zu Tränen rührt, dann können Sie das auch. Sie können es ganz gewiss lernen und jeden Tag besser darin werden.

Womit nun sprechen die Spaltenschreiber unsere Gefühle an?

Mit – Punkt 1 – Details. Die meisten dieser Geschichten erzählen kleine Anekdoten. Und weil unser Leben immer von konkreten, ganz spezifischen Dingen reicher gemacht wird, nicht von abstrakten, treffen nur Details ins Herz.
Sofern wir sie – Punkt 2 – nachvollziehen können. Und – Punkt 3 – eine emotionale Verbindung zu diesen Details aufbauen. Letzteres können Sie, auch bei ganz kurzen Texten, durch die Wahl der Wörter und durch den Ton erreichen. Manche Wörter transportieren eben mehr Gefühle als andere.

Katja Zakotnik lässt sich so ihr Leben bereichern und versetzt den Leser zugleich in eine positive Stimmung (ohne hier sehr tief zu berühren, aber das muss man ja nicht immer):

Am Sonntagmorgen, noch leicht verschlafen: eine Tonleiter auf meinem traumhaften Cello.

Knapp – und doch enthalten die wenigen Wörter bereits alles, was man braucht. Es sind Wörter, die Gefühle und Stimmungen beschwören wie Sonntagmorgen, traumhaft, Cello. Und es geht um Musik! Sie ist einer der schnellsten Wege direkt in unser Gefühlszentrum.*
Die Nachvollziehbarkeit erreicht Frau Zakotnik durch ihr »noch leicht verschlafen« am Sonntagmorgen. Wer kennt dieses Gefühl nicht, wer hat es nicht schon einmal genossen.

Zakotnik zeigt uns eine Frau, die Musik liebt. Menschen, die etwas mögen oder sogar lieben, wirken auf den Leser anziehend, mit ihnen geht er gerne und schnell eine Verbindung ein. Und die Cellospielerin liebt ihre Musik genug, um sich selbst halb verschlafen ihr Cello zwischen die Knie zu klemmen.

In den meisten dieser Anekdoten erleben wir Menschen und ihre Beziehungen. Nichts interessiert und kümmert Leser mehr.

Das war noch nicht alles. Die Spaltenautorin schafft ein konkretes Bild – und das Bild bricht aus dem Schema aus, das da lautet: Cello spielen = Abendkleid, Kammermusik, gediegene Atmosphäre.

Das Wichtigste zum Schluss. Diese kleinen Texte der Kolumne funktionieren vor allem deshalb so gut, weil die Autoren ihre Gefühle hineinlegen – und nicht versuchen, durch gewollt kunstvolle »Schriftsteller-Sprache« das Ganze zu »Literatur« aufzublasen. Denn zu oft stellt sich dabei die Sprache vor die Gefühle, anstatt sie herauszustellen. Das, was sie schreiben, wirkt authentisch und schlägt auf das Gefühlszentrum durch. Als ein eigenes, stimmungsvolles kleines Lied aus Wörtern.
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*) Gerüche schlagen sogar noch schneller auf unsere Gefühle durch. Aber die werden Sie selbst mit einem äußerst sinnlichen Roman nicht direkt auf den Leser loslassen können.

Schneller-Bestseller-Trick: Bei welcher Gelegenheit haben Sie das letzte Mal gedacht, »Das war jetzt wie im Film«? Bauen Sie die Szene in Ihren Roman ein, auch wenn Sie Ihnen zunächst unglaubhaft erscheint.

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1 comment on “Gefühlstonleitern: Wie Sie mit wenigen Worten Menschen bezaubern und begänsehauten”

  1. Apfelsaft Antworten

    Ich weiß nicht, ob die Gefühlslage immer so eindeutig ist. Manchmal geht es bei der kunstvollen Sprache darum, neben den offensichtlichen Gefühlen auch die versteckten, subtilen Gefühle hervorzukitzeln und kenntlich zu machen.

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