Die Stimme des Autors: Was ist das und wie entsteht sie?

Die Stimme des Autors: So entsteht sie

Die Stimme eines Autors, Ihre Stimme, ist das Ergebnis Ihres Lebens: Ihrer Erfahrungen, Ihrer Einstellungen, Ihres ureigenen Umgangs mit der Sprache und Ihrer Haltung dazu. Sie wird von Emotionen und Stimmungen ebenso beeinflusst wie von Denkprozessen und vielleicht sogar ein Stück weit von Ihrer DNA.

Die Stimme des Autors. So setzt sie sich zusammen. [schriftzeit-grafik zum Romane schreiben]

Abbildung 1: So entsteht die Stimme des Autors


Die Stimme des Autors: Gefahr: Das erzählende Ich verschmilzt mit dem Autor

Diese Stimme ist die, mit der Sie eine authentische Unterhaltung führen. Sie ist die, mit der Sie Tagebuch schreiben (falls Sie das nicht für die Nachwelt tun). Sie ist die, mit der Sie Selbstgespräche führen.
Aber sie ist meistens nicht das, was die Leser in den Seiten Ihrer Bücher finden. Und das ist richtig so, wenn Sie nicht gerade einen schonungslos ehrlichen autobiografischen Text schreiben.
Leider findet sich aber gerade in Romanen von weniger erfahrenen Autoren, die in der Ich-Form erzählen, zu viel dieser Stimme. Die eigentliche Stimme des Autors und die des erzählenden Ichs, das den Roman erzählt, verschmelzen – ungewollt. Die Folge davon sind in der Mehrzahl Romane, die nicht vom Autor abstrahieren, die lediglich Leben und Meinungen des Autors eins zu eins wiedergeben. Der Leser spürt das und wird die Geschichte und die Charaktere als misslungen, als aufgesetzt, als nur behauptet entlarven.
Selbst wenn zu Beginn des Textes das erzählende Ich tatsächlich nicht mit dem Autor identisch war, besteht die Gefahr, dass es mit jeder weiteren Seite mehr mit ihm verschmilzt. Die Charaktere werden immer transparenter, bis sie irgendwann nur noch die Meinungen und Gefühle des Autors zum Besten geben und sich auflösen.

Das erzählende Ich verschmilzt mit dem Autor [schriftzeit-grafik zum Romane schreiben]

Abbildung 2: Das erzählende Ich verschmilzt mit dem Autor


Die Stimme des Autors: Drei Bestandteile eines funktionierenden Romans = drei Stimmen

Eine glaubhafte Geschichte mit überzeugenden Charakteren aber erzählen Sie Ihren Lesern nur dann, wenn Sie neben Ihrer Stimme zwei weitere Aspekte in Ihren Text hineinlassen: die Stimme des (fiktiven) Erzählers oder des Point-of-view-Charakters und die Stimme des Genres.

Drei Bestandteile eines funktionierenden Romans = drei Stimmen
 [schriftzeit-grafik zum Romane schreiben]

Abbildung 3: Drei Bestandteile eines funktionierenden Romans = drei Stimmen


Eine individuelle Stimme des Charakters ist es, was ihm Leben verleiht, was ihn authentisch und glaubhaft als Person macht, die außerhalb des Autors steht.
Die Stimme des Genres wird von den Konventionen eines Genres beeinflusst und damit von den Lesererwartungen. In einem klassischen Fantasy-Roman erwartet der Leser eine weit ausholende Erzählstimme, die immer ein wenig pathetisch klingt, nicht selten auch unheilverheißend. In einem typischen Chick-Lit-Frauenroman hingegen erwartet die Leserin einen lockeren Erzählton, eine flapsige Wortwahl, kürzere Sätze.

Diese drei Stimmen stehen nicht isoliert nebeneinander. Sie sind vielmehr ineinander eingebettet: Die Grundlage bildet die Stimme des Autors. Sie beeinflusst die in ihr gründende Stimme des Genres – jeder Autor hat eben seine eigene Art, die Genre-Konventionen zu bedienen, etwa seine eigene Art von Pathos, seine eigene Art von Flapsigkeit.
Sowohl die Stimme des Autors als auch die Stimme des Genres beeinflussen, wie sich die Charaktere im Roman anhören. Der König der Riesen in einem Fantasy-Epos spricht eher mit einer ernsten, bedeutungsschweren Stimme, womöglich in ausholenden Sätzen mit vielen Ausschweifungen. Die beste Freundin der Heldin in einem Chick-Lit-Roman spricht womöglich schnell, benutzt ein mit sexuellen Anspielungen unterfüttertes Vokabular und unterbricht ihre Sätze andauernd selbst, weil sie kichert oder einen Zug von ihrer Zigarette nehmen muss.

Drei Stimmen, ineinandergebettet [schriftzeit-grafik zum Romane schreiben]

Abbildung 4: Drei Autorenstimmen, ineinandergebettet


Die Stimme des Autors: Die innere Stimme des Lesers

Das aber ist erst die eine Seite der Sprache in einem Roman. Es ist die Seite, die tatsächlich auf der Seite steht und für jeden Leser objektiv dieselbe ist. Wie der Leser aber diese Sprache aufnimmt, ist höchst subjektiv. Er filtert all diese Stimmen durch seine eigene Sprache, sein eigenes Denken und Fühlen, seine Erfahrungen, seine Situation, seine DNA – und erzählt sich den Roman schließlich mit seiner eigenen inneren Stimme.

Die unterschiedlichen inneren Stimmen all der Leser machen aus jedem Roman viele individuelle Geschichten [schriftzeit-grafik zum Romane schreiben]

Abbildung 5: Die unterschiedlichen inneren Stimmen all der Leser machen aus jedem Roman viele individuelle Geschichten

Auf die innere Stimme des Lesers haben Sie keinen oder doch nur einen sehr indirekten Einfluss. Die anderen Stimmen aber können Sie direkt beeinflussen, und das sollten Sie auch. Denn wenn die ein harmonisches Ganzes ergeben, ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass sie auch für den Leser am besten klingen und ihn überzeugen und ihn mitnehmen in die von Ihnen geschaffene Welt.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


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??? Meine Frage an Sie: Was ist für Sie Ihre individuelle Stimme als Autor? Was daran ist wandelbar, was unveränderlich? Welche Stimmen von Autoren finden Sie besonders stark? Warum? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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2 comments on “Die Stimme des Autors: Was ist das und wie entsteht sie?”

  1. Apfelsaft Antworten

    Für Prosa-Texte halte ich den Begriff Lyrisches Ich nicht passend, da denke ich an Gedichte und Lyrik, besser wäre Erzählstimme.
    Zu den Genre-Konventionen in der Erzählstimme, da kann man durchaus abweichen. Man sollte es bewusst tun und wissen, was man damit bezweckt. In der Zwischenzeit gibt es neben der klassischen Fantasy auch Funny-Fantasy, also muss jemand es gewagt haben, die Genrekonventionen zu missachten.
    Wie verleiht man seinen Charakter die individuelle Stimme? Man muss sich bewusst, wie vielfältig die Meinungen und Handlungsmöglichkeiten sind, die Welt endet nicht an der eigenen Haustür, also offen sein für fremde Einflüsse.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Danke für den Kommentar.

      „Die Welt endet nicht an der eigenen Haustür“ — Diesen Satz sollten sich Autoren als Desktop-Hintergrund einrichten.

      Das mit dem „lyrischen Ich“ kann man zwar auch in der Prosa verwenden. Da der Begriff aber nicht exakt trifft, habe ich ihn mit „erzählendem Ich“ ersetzt.

      Stephan Waldscheidt

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