… und plötzlich ist der Held schlauer als der Leser

Dramatische Ironie verkehrt

Dramatische Ironie, klassisch

Stellen Sie sich eine Droge vor, die es Ihnen erlaubt, schöne Erinnerungen eins zu eins nachzuerleben. Wie diese Droge ganz Amerika in ein Heer von Süchtigen verwandelt und wie ein ebenfalls süchtiger Ex-Cop einen Mord aufzulösen versucht, darum geht es in Dan Simmons’ SF-Thriller »Flashback« (Quercus 2011). Der Roman wird aus den Perspektiven mehrerer Charaktere erzählt – eine Vorgehensweise, die die Verwendung von dramatischer Ironie am einfachsten macht.

So werden auch die Perspektiven von Val, Sohn des Ex-Cops und Protagonisten Nick Bottom, und dessen Großvater dargestellt. Das erlaubt es Autor Simmons, dem Leser Informationen zu geben, die Nick nicht hat. So weit, so bekannt. Was mir in diesem Roman jedoch zum ersten Mal aufgefallen ist – obwohl dieser Kniff häufig angewendet wird –, ist die Verkehrung der dramatischen Ironie in ihr Gegenteil: Ab einer bestimmten Stelle schlägt das Ruder herum und auf einmal weiß Nick etwas, was der Leser nicht weiß.

Der Moment, wo die eine Variante in die andere umschlägt

Beide Varianten – Leser weiß mehr als Charakter, Charakter weiß mehr als Leser – treten häufiger in ein und demselben Roman auf. Das Interessante hier, was wir uns näher ansehen, ist der Moment, wo die eine Variante in die andere umschlägt. Nick hat offenbar etwas vor, will ein Treffen mit dem Bürgermeister. Anscheinend hat er eine Ahnung, wer der Mörder ist. Waren wir bislang immer tief in seinen Gedanken drin, enthält er uns auf einmal vor, was er weiß und was er vorhat.
In »Flashback« geschieht dieses Umschwenken nach 79 % des Romans (diese Prozentangaben beim Kindle sind für uns Autoren ein schöner Vorteil gegenüber Papierbüchern), also kurz vor Ende des zweiten Akts. Sprich: An einer Stelle, wo die Spannung sowieso schon extrem hoch ist. Durch dieses Kippen des Informationsstands zieht der Autor die Spannungsschraube noch ein Stück weiter an.

[unten geht’s weiter im Text …]



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Vorteile dieses Vorgehens

Wieso sorgt dieses Vorgehen für mehr Spannung? Der Leser ist es gewohnt, dass er mehr weiß als Protagonist Nick. Auf einmal aber drehen sich die Verhältnisse um – eine große Veränderung. In einem Roman sind es vor allem die Veränderungen, die dem Leser das Gefühl geben, die Geschichte gehe voran. Auch dieses Umschalten im Informationsstand gibt dem Leser das Gefühl, dass hier gerade etwas Einschneidendes geschieht.
Das Verführerische daran für Sie als Autor: Sie können diese Methode auch dann anwenden, wenn tatsächlich gar nichts wirklich Einschneidendes geschehen ist. Allein das Gefühl beim Leser ist entscheidend, um für mehr Spannung und Suspense zu sorgen.
Hinzu kommt: Das Kippen im Informationsstand kommt für den Leser unerwartet. Überraschungen aber sind einer der wichtigsten Bestandteile im Autoren-Repertoire. Insbesondere in Thrillern wie »Flashback« erwartet der Leser gegen Ende Unerwartetes.

Nachteile dieses Vorgehens

Leider, wie meistens, birgt auch diese Methode Nachteile. Mancher Leser mag sich verschaukelt fühlen, plötzlich und scheinbar grundlos ausgestoßen aus den Gedanken des Protagonisten.
Vor allem aber erfordert das Vorgehen, wie auch »Flashback« zeigt, am Ende eine längere Erklärung durch den Protagonisten: Wie hat Nick herausgefunden, wer der Mörder ist? Denn den Weg, wie Nick zu seinen Schlussfolgerungen gekommen ist, will der Leser in jedem Fall nachvollziehen können. In »Flashback« bedeutet das im Höhepunkt ein Anhalten der Handlung und einen – angesichts der Situation in der Höhle des Löwen (Gegenspielers) – nicht sehr glaubhaften Monolog des Protagonisten.

Sie erkennen diese Situation wieder? Richtig, in vielen weniger gelungenen Romanen oder Filmen ist es der Schurke, der den Monolog hält, um sein Verbrechen zu erklären. Auch diese Situation wirkt in den meisten Fällen aufgesetzt und nicht authentisch. Denn die Erklärung ist ja offenkundig vor allem an den Leser gerichtet und durchbricht so die Geschlossenheit der Handlung.

Empfehlungen

Falls Sie darüber nachdenken, in Ihrem Roman ein solches Umkippen des Informationsstands zwischen Leser und Protagonist zu verwenden: Versuchen Sie, eine im Nachhinein und vor allem durch Handlung verständlich werdende Variante zu schaffen. Im Fall von »Flashback« könnte das beispielsweise heißen, dass Nick durch das, was er tut, die Erklärung für das Ergebnis seiner Ermittlungen liefert – also den von ihm ermittelten, dem Leser aber noch unbekannten Mörder erschießt und seine verbale Erklärung auf zwei, drei Sätze beschränkt.
Das aber erfordert eine sehr gut durchdachte Konstruktion. Denn je weniger der Leser arbeiten muss, desto mehr müssen Sie als Autor schuften. Desto eher machen Sie den Leser zu einem Süchtigen, der nicht genug von Ihren Büchern haben kann.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014

1. PS: Ein schönes Detail aus dem Roman »Flashback« sind die Süchtigen, die sich im Keller einer alten und längst leergeräumten Buchhandlung wie in einer Opiumhöhle ihren Erinnerungen hingeben – und die ersten Male nacherleben, die sie ihre Lieblingsbücher gelesen haben.

2. PS: Wer den wunderbaren Autor Simmons noch nicht kennt: Bitte nicht diesen Roman kaufen! Die Story wird zu oft von reaktionären, dumpfen und, für einen so klugen Autor wie Simmons, erstaunlich dummen Botschaften zum Anhalten gebracht. Was dann leider den Eindruck erwecken muss, hier spräche nicht das lyrische Ich, sondern tatsächlich der Autor. Über Botschaften in Romanen schreibe ich vielleicht demnächst mal …


??? Meine Frage an Sie: Welche Vor- oder Nachteile bringt dieses Umkippen der Informationsverhältnisse noch ein? Kennen Sie Beispiele aus Film oder Buch? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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21 comments on “… und plötzlich ist der Held schlauer als der Leser”

  1. dahmane Antworten

    Wie soll ich meine Seele halten, daß
    sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
    hinheben über dich zu andern Dingen?
    Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
    Verlorenem im Dunkel unterbringen
    an einer fremden stillen Stelle, die
    nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
    Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
    nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
    der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
    Auf welches Instrument sind wir gespannt?
    Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
    O süßes Lied.

    Rilke. Nicht eben neu.
    Die Harmonie liegt nicht darin, schreibt Eckart von Hirschhausen, dass die zwei Saiten verscmelzen, sondern gegenseitig zum Klingen gebracht werden. Das sollen, nach meinem Verständnis, zwei Perspektiven leisten.
    Der Bogen ist die Handlung. Der Spieler bist Du. Oder ich.
    Die Saiten der Gaiger sind die Protagonisten. Wir können als Spieler den Borgen auf verschiedene Weise halten, das verändert die Klangfarbe, und wir können mit der anderen Hand die Saiten so spannen, dass sie unterschiedliche Töne produzieren, so dass wir – tatsächlich – auf zwei verschiedenen Saiten den gleichen Ton spielen können, sagen wir, ein “h'” (eingestrichenes h, würde auf den beiden Mittelsaiten gespielt, die in d’ und a’ gestimmt sind).
    Weil beide Saiten einen ganz verschiedene Klangfarbe haben, klingt das h’ zwar immer noch als h’, aber reicher, tiefer, voller, lebendiger. Das gleiche bei Akkorden. (Das Spiel auf 3 Saiten gleichzeitig ist deutlich schwieriger; man muss dafür den Bogen stark aufdrücken, was den Klang etwas gepresst, mühevoll und leicht unsauber klingen lässt).

    Wir hoffen einfach, dass wir unsere Leser dazu bringen können, alle drei Protagonisten gleichermaßen interessant zu finden und hinreichend eigenständig, dass sie (die Leser) an ihren (der Protagonisten) Wahrnehmung interessiert sind. Was bekommen sie dafür?
    Selbstwahrnehmung, aber aber die Wahrnehmung jeweils der beiden anderen.
    Da ist Ravis, eine schlanke, dunkelhaarige Frau in einer Welt, in der es fast nur schöne Menschen gibt, mit roten, blonden, hellbrünetten Haaren; dunkle Haare sind seltener als gute Schriftsteller. Ravis ist nicht einmal besonders schön, eher markant und herb. Eigensinnig, wild, unvernünftig. Andere sagen noch ganz andere Dinge über sie. Und ein paar sehr seltsame Eigenschaften hat sie auch noch.
    Rhuys, respektabler Heiler in der Stadt, was weitaus mehr bedeutet als hier bei uns, aus reichem Hause (aber vom Land herkommend, also in der großen Stadt auch auf sich allein gestellt), intelligent, aber fast autistisch und eher gefühlsarm, aber neugierig über das gesunde Maß hinaus, wißbegierig, unkonventionell – und doch wieder so ungeschickt, so eigenartig, dass er sich in gewaltige Schwierigkeiten bringt. (Er ist kein Nerd!)
    Schließlich ein ziemlich abgehalfterter Barde, der es sich mit allen verschwerzt hat, die es gut mit ihm meinten, kein Alkoholiker oder etwas derart Banales, aber desillusioniert: Wenn er seine Lust an der Sprache nicht hätte und nicht seinen Platz in einer Kaschemme im zweitüpbelsten Bezirk der Stadt, wäre es vielleicht schon aus mit ihm.
    Diese drei Protagonisten haben naturgemäß ganz unterschiedliche Arten, mit der Wirklichkeit zurande zu kommen. Drei Saiten, die uns reichen müssen, das ganze Stück auf ihnen zu spielen. Aber wir wollen sie alle nutzen. Daher die Persprektivwechsel alle 8 Kapitel. (Nichts in der Ich-Form, alles in der 3. Person.)

    Ich mag auch lieber Schnitzel.

  2. dahmane Antworten

    Ich denke noch über Deinen Eintrag nach. Antwort kommt so bald wie möglich. Hier. 🙂

  3. dahmane Antworten

    P.S. Entschuldige die Tippfehler. Ich habe vergessen, mir den Kommentar vorher noch einmal anzuschauen.

  4. dahmane Antworten

    Vorab: dahmane@web.de

    Träume:

    Ich mag Träume. Die aberwitzigsten gibt es bei Stephen King (die sind unvergesslich), aber auch Tad Williams setzt sie geschickt ein (im “Drachenbeinthron” zum Beispiel) und selbst Tolkien … Immer ist erkennbar, dass es sich um Träume handelt. Bei mir wird es manchmal implizit sichtbar, weil ich gerne den Übergang von Traum zum Wachsein nachahmen möchte.
    Das Problem liegt vielleicht eher in der Reflexion über die Handlung. Ich bin Fan von Gene Wolfe, dem vermutlich filigransten Schreiber und besten Stilisten der Gegenwart in den U.S.A. Einige seiner Werke werden, denke ich, Klassiker werden. Gene Wolfe arbeitet mit dem unzuverlässigen Erzähler, der zuweilen auch direkt lügt, so dass der Leser sich die Wahrheit selbst zusammenbasteln muss, und er schreibt wenig über Gefühle. Da ich selbst Psychopath im Sinne der aktuellen Definition bin (es gibt auch solche, die sich nicht nur unauffällig benehmen, sondern auch brav …), kam mir das immer sehr entgegen. In Träumen kann man manches sublimieren.
    Nach etwa 50 Druckseiten unserer Geschichte haben wir gemerkt, dass sie so nicht funktioniert. Sobald wir bei der Hälfte des romans angelangt sind (Ende Juli), werden wir die beiden ersten (von 17) Teilen umschreiben. Das hat viele Gründe, aber eben auch den, dass der Leser direkt in den Roman hineingesaugt werden muss. Das funktioniert besser, wenn er sich gleich in die drei Protagonisten einfühlen kann.
    (Da ich keine e-Books lese, werde ich den neusten Ratgeber unseres Gastgebers vorerst nicht genießen können.)

    Perspektiven:
    In unserem Fall ist es, glaube ich, interessant, die Sichtweise zu wechseln. Die drei Leute steuern aufeinander zu. Das merkt der Leser viel früher als die Protagonisten selbst –> dramatische Ironie. In einem Fall gibt es den ersten Kuss sehr spät im Roman, sagen wir, auf Seite 300. Diesen Augenblick halten wir unauffällig an (wie bei der Slow motion in “Matrix”) und wechseln dabei die Sichtweisen. Mit fast identischen Worten beschreiben wir die gleiche Handlung, nur kleine Abweichungen zeigen, dass beide die Situation ganz unterschiedlich empfinden.
    Wir können so auch subtil andeuten – das kommt in Buch III (Teile 9 – 12), -, dass eine Figur beginnt, die beiden anderen zu hintergehen, zuerst ohne dass ihr das bewusst wird. Weil ja jede Sichtweise aus sich heraus authentisch ist. Der Chronist ist nicht verpflichtet, diese Sichtweisen zur Deckung zu gringen. Ja, er ist dazu nicht einmal berechtigt.
    Wir hoffen, auch damit das Geschehen und die handelnden Personen vielschichtiger machen zu können. Stephan Waldscheidt weist in seinem ersten Ratgeber (B!R!S! 1+2) auf diese Technik in einem der neueren Romane von Elizabeth George hin. Für mich ist das wie eine gescheite kontrapunktische Arbeit: jede Stimme hat ihr eigenes Recht, aber ein guter kontrapunktiker (J.S.Bach, M. Reger, R.Strauss, G.Mahler) schafft es, aus diesen eigenwilligen Stimmen, die phasenweise gar nicht zueinander passen und harmonische Reibungen erzeugen oder sogar Disharmonien, einen Gesamtklang zu formen, der deutlich größer ist als die einfache Addition der Stimmen. (Deshalb gilt zu Recht das Streichquartett als die schwerste musikalische Form: nur Muskeln, kein bisschen Fett, aber das Gesamtbild muss trotzdem absolut überzeugend ausfallen.)
    Wir geben uns mit einem Trio zufrieden, beeinflusst durch das wundervolle Klaviertrio von Maurice Ravel (als Filmmusik verwendet in der aufregenden Dreiecksgeschichte “Ein Herz im Winter” mit der wundervollen Emanuelle Béart).

    Du siehst, es gibt viele Einflüsse…

    Die Leiden des Lesers:

    Du hast gleich erkannt, dass ich diesen Satz ironisch gemeint habe. Einigermaßen. Sadistisch bin ich schon. Merkt man auch im Roman.
    Im Ernst. Wenn ich will, dass der Leser sich anstrengt, muss ich ihm eine Belohnung versprechen. Sonst fühlt er sich veräppelt und/oder überfordert. Für Krebsfleisch ist der Genießer bereit, sich die entwürdigende, lächerliche Hantiererei mit einer Krebszange und einer monströsen Serviette anzutun – sobald er einmal den Geschmack von Krebs gekostet hat. Es ist zeitraubend, einen wirklich guten Cappu zu machen. Man kann auch einen Nespresso trinken.
    Ich bin mal gespannt, was wir unseren Leser sich zumuten lassen. Vielleicht nehme ich Dein Angebot an, mal in die Beta hineinzuschauen. Danke!

    • Lillyn Bell Antworten

      Ich kenne ehrlich gesagt die aktuelle Definition von „Psychopath“ nicht, aber Respekt, dass ist das Schrägste, dass ich jemals jemanden von sich selbst habe sagen hören. 🙂 Wie kommst du dann darauf, dich so zu bezeichnen? Da ergänzen wir uns gut, ich bin in einem teilweise ungesunden Maß empathisch, deshalb sind für mich die Gefühl in meiner Geschichte von ganz zentraler Bedeutung.
      Ein Psychopath kann doch mit einem Ratgeber für Gefühle ohnehin nicht viel anfangen, egal ob in gedruckter Form oder als e-book. 🙂 🙂 Wenn das kein schwarzer Humor ist!

      Ein unzuverlässiger Erzähler geht für mich schon wieder in die Richtung von Leserveräpplung. Das liegt vermutlich daran, dass ich zu den Lesern gehöre, die sich in eine Geschichte fallen lassen wollen. Ich will auf möglichst einfachem Weg zu meinem Kopfkino kommen und keinesfalls will dabei denken oder mich fragen müssen, ob ich das glauben kann was da geschrieben steht oder ob mich der Erzähler anlügt.

      Und wie löst du zB den Perspektivwechsel dieser Kussszene? Szene Perspektive A – Absatz – gleiche Szene PerspektiveB? Sowas in der Art hatte ich am Anfang auch geplant, bin aber mittlerweile, eben nach dem Artikel von Herrn Waldscheidt, davon abgekommen und frag mich jetzt bei jeder Szene: Aus welcher der beiden Prota-Perspektive wirkt die Handlung am stärksten? Diese Sicht wähle ich dann.
      Ich denke es sollte einen wirklich triftigen Grund geben den Leser aus einer Perspektive zu reißen. Besonders, wenn man innerhalb eines Kapitels wechselt. Selbst wenn Figur A und Figur B den Kuss völlig unterschiedlich bewerten oder empfinden, wäre es dann nicht trotzdem spannender dem Leser die Diskrepanz noch etwas vorzuenthalten und die Bombe später platzen zu lassen bzw. den Leser nach und nach von selbst draufkommen zu lassen, dass die Bedeutung des Kusses für B eine ganz andere war?
      Ja, da hast du Recht. Es gibt viele Einflüsse, ich als blutige Anfängerin traue mich über so heikle Techniken nicht drüber, wobei ich die Herausforderung habe, dass die Geschichte in der Gegenwart und in der Vergangenheit spielt und ich es schaffen muss, die Szenen in der Vergangenheit nicht wie öde Rückblicke erscheinen zu lassen.
      Ich verstehe, du schreibst also für masochistische Gourmets. 🙂
      Bedenke halt, dass ich mehr der Schnitzeltyp als der Krabbenliebhaber bin, wenn du mich betalesen lässt. 🙂

  5. Lillyn Bell Antworten

    @ dahmane
    Wie du siehst ist Herr Waldscheidt so lieb und lässt uns treiben, was wir treiben. 🙂
    Alternativ hier noch eine andere Möglichkeit: lillyn.bell@hotmail.com

    Änderung der Sichtweise des Lesers auf die ganze Welt klingt vielversprechend. Es sind die Wendungen, die eine Geschichte speziell machen, denn sie schicken den Leser immer wieder zurück durch die Geschichte und alles, was er bis dahin gelesen hat, sieht er nun mit anderen Augen.

    Klingt, als ob das ein längeres Werk werden würde. Das riecht nach viel Arbeit, am Ende alles auf deinen Schreibstil umzuformulieren, aber ich verstehe, dass das notwendig ist.

    Wenn eine Geschichte mehr als einen Prota hat heißt das in der Regel, dass der Autor seine Geschichte nicht kennt – so in etwa hab ich das bislang meist gehört. Da bin ich beruhigt, dass du das auch anders siehst. Kommt vielleicht auch ein bissl auf das Genre an. Schreibt ihr im Stil von George R. R. Martin? Da gibt es ja auch mehrere Hauptfiguren.
    Bin gespannt auf die Umsetzung dieser Konstellation, grundsätzlich könnte ich mir vorstellen, dass einen Berichterstatter dazwischen zu schieben, den Leser von der Figur bzw. dem Geschehen entfernt.
    Andeutungen sind schon ein Mittel um Spannung zu erzeugen. Ich glaub das ist wie bei jedem anderen Stilmittel, man soll es halt nicht zu oft verwenden.
    Ich hatte vor aus 3-4 Perspektiven zu schreiben, aber Herr Waldscheidt hatte dazu kürzlich einen interessanten Artikel, der mich nachdenklich gestimmt hat. Nun versuche ich die Geschichte so umzuschreiben, dass ich mit den Perspektiven der beiden Hauptfiguren auskomme, damit der Leser nicht ständig aus der einen Haut fahren und in die nächste schlüpfen muss. 🙂 Du siehst, ich habe die gleiche Erfahrung gemacht, was die Auswirkungen dieses Blogs auf das tägliche Arbeiten an der eigenen Geschichte betrifft. An dieser Stelle wird mal wieder ein ganz großes DANKE an Herrn Waldscheidt fällig, der die Geschichten dieser Welt jeden Tag ein klein wenig besser macht! 🙂
    Bei Träumen wäre ich vorsichtig, ich erinnere mich an einen Artikel von Herrn Waldscheidt, indem er auch eher davon abrät. Ich sag mal so: Wenn ich als Leser weiß, dass die Figur grad träumt, dann ist das okay, wenn ich nach 10 Seiten plötzlich vor den Latz geknallt bekomme, dass das eh alles nur ein Traum war, bin ich als Leser sauer.
    Was unvorhersehbare Reaktionen betrifft ist meine Meinung: Ja, wenn es zu der Figur passt und sie halt ein sprunghaftes Wesen hat. Ansonsten bin ich da skeptisch. Wenn sich die Launen einer Figur immer wieder um 180 Grad in zwei Sekunden ändern wirkt das auf mich unglaubwürdig. Lese ich sowas öfter in einem Roman, lege ich persönlich das Buch weg, weil ich dem Autor nicht mehr glaube. Hab schon Bücher gelesen, wo ich mehrmals dachte, dass die Figur so nie im Leben reagieren würde. War das erste und letzte Buch, das ich von diesem Autor gelesen habe.

    „Der Leser soll leiden“ ist eine interessante Sichtweise! 🙂 Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass der Zugang des Lesers zur Geschichte so einfach wie möglich gestaltet werden soll, dennoch muss man nicht extra in der Überschrift erwähnen aus welcher Sicht grad geschreiben wird, das sollte sich eh aus dem Text ergeben.
    Ich erinnere mich an die Wolfs-Trilogie von Maggie Stiefvater, da hat sich einer der Protas ab einer gewissen Temperatur zum Wolf verwandelt, dH die Temperatur hat in der Geschichte eine wichtige Rolle gespielt. Sie hat das recht interessant gelöst: Kapitel 1 – Grace – -9 Grad

  6. dahmane Antworten

    Zuerst einmal habe ich den Vorteil, dass ich nicht alleine schreibe. Deshalb arbeiten wir über svn, weshalb sich die Struktur unseres Romans über Verzeichnisbäume abbilden lässt. Es gibt also Verzeichnisbäume für die Hintergrundinformationen (Länder, Völker, Tiere, Pflanzen usw.) und ein wachsendes Lexikon. Du siehst daraus – es ist Fantasy (wenn auch als Einkleidung für etwas anderes).
    Wir haben einen groben Plan entwickelt, der nicht schriftlich fixiert worden ist. Aber es gibt einen Verzeichnisbaum mit der “Storyline”. Die ist schriftlich niedergelegt für etwa je ein Viertel des Romans im Voraus (insgesamt rd. 300.000 Wörter, etwas über ein Drittel ist in der Rohfassung fertig zur Zeit), wobei der Detaillierungsgrad nach hinten abnimmt.
    Das liegt daran, dass mir die wirklich interessanten Ideen beim Schreiben kommen. Trotzdem versuche ich, sehr dicht zu schreiben und den roten Faden nicht zu verlieren. Nach meiner begrenzten Erfahrung bedeutet das einen erheblichen Nachbearbeitungsaufwand. Den minimieren wir durch ständige Textkritik, lautes Vorlesen (für andere Leute, nicht gegenseitig) und die progressive Bearbeitung des Storyboards. Alleine hätte ich das nie auf die Reihe gebracht.
    Nicht weniger interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage: Ist der Plot entscheidend für den Schwung und den Zusammenhalt der Geschichte, oder sind es die Figuren? Einen schwächeren Plot kann man durch interessante Figuren überdecken; umgekehrt ist es schwieriger. Wir haben bei einer der drei Hauptfiguren lange gebraucht, bis sie wirklich lebendig war.
    Inzwischen merken wir, was alle Autoren mit starken Figuren entdecken: sie werden richtig lebendig und eigenwillig. Das zwingt uns, den Plot anzupassen, damit die Figuren authentisch bleiben. Seitdem wird es enorm spannend und unterhaltsam, weil sich Spannungsmomente ohne Ende ergeben und sich so einstellt, wonach man als Autor eigentlich verzweifelt sucht: glaubwürdige Konflikte.
    Deshalb denke ich heute: Plot skizzieren, Figuren entwickeln und dann den Plot anpassen. Die meisten Leser verlieben sich in Figuren, auch wenn es Leute wie Dan Simmons oder Tad Williams zuweilen schaffen, dass man die unerbittliche Logik des Plots aufrichtig bewundert. Oder, wenn man ein klassisches Beispiel haben will, Friedrich Schiller: “Maria Stuart” hat einen genial unerbittlichen Plot, der die Figuren zugleich sehr anschaulich werden lässt. So wollte ich schreiben können. (Du siehst, ich bewundere unerbittliche Logik, die sich aus den Figuren heraus entwickelt. Das ist für mich der Gipfel guter Unterhaltung.)

    Entschuldigung an Stephan Waldscheidt, dass wir seinen Blog für methodische Diskussionen verwenden. Sachen gibt’s!

    • Lillyn Bell Antworten

      Ja, sorry lieber Herr Waldscheidt! Wenn das für sie nicht okay ist, bitte einfach sagen!

      Ich finde es interessant, dass du das als Vorteil siehst gemeinsam mit anderen zu schreiben. Das stelle ich mir zB recht schwierig vor. Schreibt da jeder ein Kapitel oder wie funktioniert sowas? Und müssen da nicht auch die Schreibstile sehr gut harmonieren, damit der Leser nicht erkennt wann der eine Autor aufhört und der andere beginnt? Kann man seine Ideen so verwirklichen wie man möchte oder muss man viele Kompromisse zugunsten der Ideen der Mitschreiber eingehen? Wenn du mal eine Betaleserin brauchst, gib mir Bescheid.
      Ich versuch mich an Urbanfantasy, daran gefällt mir das reale Setting. Man hat immer ein wenig das Gefühl, dass diese Geschöpfe doch unter uns leben könnten. Und nein, es geht mal nicht um Vampire. 🙂
      Dass die Ideen mit dem Schreiben kommen, die Erfahrung habe ich auch gemacht, weil ich das Plotten so betreibe, dass ich alles zu jeder Szene dazu schreibe was mir einfällt. So ändert sich schon jetzt laufend der Plot. Wenn ich mir die erste Plotvariante und die letzte durchlese, kann ich nur staunen. Hätte ich damals schon angefangen zu schreiben, wäre nichts annähernd Brauchbares dabei rausgekommen. Und ich kenne mich, wenn ich einen ganzen Roman in weiten Teilen 5x komplett umschreiben müsste, würde ich die Geschichte frustriert in die Schublade werfen.
      Was ich auch festgestellt habe: man kann Figuren nicht einfach so auf dem Reißbrett entwerfen und sie erwachen nicht zum Leben, nur weil man einen Steckbrief ausfüllt – zumindest bei mir nicht. Ich hab eine Hauptfigur, auf der der Plot hauptsächlich beruht, die ich tatsächlich schon recht dreidimensional im Kopf hatte bzw. habe ich da auch die Technik des Interviewens angewendet, was recht gut funktioniert hat. Aber das passt nicht für alle Figuren. Grad bei den Nebenfiguren habe ich gemerkt, dass die sich sehr oft auch erst beim Schreiben entwickeln.
      Apropos „Hauptfigur“: Du schreibst, es gibt drei Hauptfiguren, jetzt bin ich mir mit den Definitionen nicht ganz sicher, ob eine Hauptfigur auch gleichzeitig ein Prota ist, aber ich zB hab in meiner Geschichte zwei Hauptfiguren und man liest ja immer, dass es nur einen Prota geben kann. Und irgendwie frag ich mich die ganze Zeit ob mit der Struktur meiner Story was nicht stimmt, weil ich zwei Hauptfiguren habe. Wie siehst du das?
      🙂 Seit ich mich mit dem Schreiben beschäftige ist mein liebstes Hobby in Geschichten Logikfehler zu suchen. Hoffe das ist eine gute Übung, nur leider ist man so derart betriebsblind bei der eigenen Geschichte, dass ich mich immer wieder über mich selbst wundere, wenn ich auf einen haarsträubenden Fehler draufkomme.

      • dahmane Antworten

        Es ist natürlich nicht in Ordnung, dass wir das hier so treiben, wie wir’s treiben. Er kann es aber löschen oder verschieben. Oder stehen lassen. *schmunzel*

        Wir haben drei Protagonisten, eine Frau, zwei Männer. Es gibt verschiedene Geheimnisse, die immer weitreichendere Folgen erzeugen, so dass sich allmählich die Sichtweise des Lesers auf alles verändert, sogar auf die ganze Welt. Im Vordergrund steht aber die Frau; sie scheint die weitaus interessanteste Figur zu sein.
        Meine Co-Autorin übernimmt die Sichtweise der Frau. Einen Mann teilen wir uns. Für einen bin ich allein verantwortlich. Die Endfassung stelle ich her, damit der Stil einheitlich bleibt. Obwohl ich mich für einen leidlich guten Schriftsteller halte, hat dieses Werk von der Zusammenarbeit enorm profitiert, vor allem hinsichtlich Plausibilität, Nachvollziehbarkeit, Anschaulichkeit und Genauigkeit in Sprache, Gedankenführung und Figurenentwicklung.
        Diese drei Hauptfiguren arbeiten zusammen. Die Gegenspieler werden weitaus unschärfer gezeichnet. Das hat gute Gründe, aber auch weniger gute. Über dieses Thema denken wir noch nach.
        Nach allgemeiner Auffassung verkraftet eine Geschichte mehr als eine Hauptfigur, vor allem, wenn sie etwas länger ist (die Geschichte, nicht die Hauptfigur). Wir gehen einigen Problemen aus dem Weg, indem wir abschnittsweise die Erlebnisse und die Sicht einer der drei Figuren schildern (allerdings nicht aus der Ich-Perspektive, um uns selbst und den Leser nicht zu überfordern; obwohl Faulkner in “Als ich im Sterben lag” beweist, wie gut das geht), aber durch einen Berichterstatter, der – Jahrzehnte später – eine Chronik verfasst. Das ist ziemlich speziell und nicht auf jede Konstellation in anderen Romanen übertragbar.
        Aber auch bei mehreren Protagonisten werden sich Abstufungen einstellen. Man kann das jeoch variieren, indem verschiedene Anforderungen, die sich aus dem Plot ergeben, immer wieder andere Protagonisten besonders wertvoll machen.

        Die gespiegelte dramatische Ironie liegt hier in der Konstruktion selbst: der Chronist weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist, aber er versucht, seinen Lesern die damalige Situation nahezubringen, wobei er große Teile rekonstruieren muss, weil er ja nicht in die Köpfe der Personen schauen kann. Der Leser nimmt das aber nur dann wahr, wenn der Chronist kommentierend eingreift – wir überlegen noch, ob wir das drin lassen oder nicht. Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie interessant dieser Blog für alltägliche Entscheidungen beim Schreiben plötzlich werden kann.
        Konkret: Der Chronist kann Entwicklungen andeuten. Der Leser ist aber ebenso dumm wie die Figuren selbst. Sind solche Andeutungen (im Stile von “Wenn sie damals schon gewusst hätten, was wir heute wissen …”, nur deutlich subtiler natürlich) nun förderlich oder eher nicht?
        Wir werden sehen.

      • dahmane Antworten

        Kompromisse:

        Inzwischen sind unsere drei Figuren so lebendig, dass wir kaum noch unterschiedlicher Meinung darüber sind, wie sich die Handlung entwickelt oder was einer von ihnen tut oder lässt.
        Meinungsverschiedeneheiten gibt es aber z B bei
        –> der Reaktion auf Rückmeldungen von Probelesern
        –> dem Einsatz stilistischer Mittel (ich arbeite bei einigen wenigen Protagonisten gerne mit Träumen oder unvorhersehbaren Reaktionen oder sprunghaften inneren Monologen; meine Ko-Autorin findet solche Szenen furchtbar, weil die Leute dann wirken “wie bekifft” …)
        –> dem Einsatz formaler Mittel (heute eine Diskussion über die Frage, ob wir vor jeden Abschnitt den Namen des Protagonisten sezten sollen, dessen Sicht geschildert wird – sie ist vehement dafür, ich bin dagegen: der Leser SOLL leiden …)
        Manchmal lassen wir solche Fragen liegen, oft sehr lange, manchmal genügen kleine Textänderungen, um alle Beteiligten zufriedenzustellen.
        Das als Nachschrift.

      • Stephan Waldscheidt Antworten

        Es ist sehr okay, liebe Lillyn Bell, hier auf diesem Niveau zu diskutieren. Auch dafür ist die Kommentarfunktion da.

        So lange Sie nicht erwarten, dass ich mich überall Senf gebend einmische, dürfen Sie hier sogar die rote Farbe vom Hintergrund runterdiskutieren. Außerdem entdecke ich in den Kommentaren häufig wertvolle Anregungen, die ich dann in die erweiterten Versionen der Artikel einbaue, wie sie in meinen Schreibratgebern der “Bessere! Romane! Schreiben!”-Reihe erscheinen.

        Also: Ihnen und dahmane und auch allen anderen recht herzlichen Dank fürs Diskutieren. Hauptsache, Sie vernachlässigen dabei das Schreiben Ihrer Romane nicht. Wäre schade.

        Stephan Waldscheidt

        • Lillyn Bell Antworten

          Das ist sehr lieb Herr Waldscheidt, vielen Dank!
          Mir gefällt übrigens die Hintergrundfarbe, sie erzeugt mit der Schriftfarbe im Cover ein sehr harmonisches Bild. 🙂

  7. dahmane Antworten

    Gespiegelte dramatische Ironie
    Die wesentlichen Fallarten
    1. Eine Nebenfigur weiß mehr als der Leser (und mehr als der Held). In diesem Fall dürfen wir davon ausgehen, dass ihr das nicht gut bekommt. Der Held wird zig Seiten darauf verwenden, ihre Erkenntnisse zu rekonstruieren. Sie ist leider an Selbstüberschätzung und Naivität vorzeitig verstorben.
    2. Der Held weiß mehr als der Leser
    2.a. Sein Schweigen ist durch die Handlung motiviert (Verräter in den eigenen Reihen, der irregeführt werden muss; es handelt sich nur um eine unausgereifte Vermutung usw.). In diesem Fall ist der Leser geneigt, der Hauptperson die Geheimniskrämerei zu verzeihen.
    2.b. Sein Schweigen ist im Grunde nicht motiviert. In der Regel offenbart das nur die Fraulheit des Erzählers, der um eines erprobten Spanngseffektes willen den Leser veräppelt. Das funktioniert nicht einmal dann, wenn der Erzähler mit diesem Stilmittel spielt. Dann schafft er eine Distanz, die man nur als metaironisch bezeichnen kann. Verbraucht sich schnell und hinterlässt viele ekelige Rückstände.
    Was tun?
    Der Effekt auf den Leser ist frappant. Wenn man also nicht auf die gespiegelte dramatische Ironie verzichten will, gibt es nur ein Mittel: dieser Twist muss sich aus der Konstellation der Figuren und ihrem autonomen Handeln heraus entwickeln – und das jenseits der bereits erpobten Stilmittel, die so interessant sind wie das schon fünfmal durchgekaute und wieder unter den Tisch geklebte Kaugummi (z.B. “Ich habe es eigentlich schon damals erkannt, aber ich wollte es mir nicht eingestehen, und daher…” Das ist nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut).
    Zudem sollte dieses Stilmittel auch wirklich ein wenig ironisch wirken.
    Überlegenswert wäre z B, dass der Held, der längst begriffen hat, wer der Mörder war, eine bewusste – durch den Plot sauber motivierte .- Irreführung aller Verdächtigen inszeniert und damit den Leser zum Komplizen seiner Raffiniertheit macht. Dann ähnelt er einem Illusionisten. Wir wissen, dass er nicht wirklich zaubert – und glauben keine Sekunde, dass er es tut. Was wir aufrichtig bewundern, ist die Inszenierung unserer Irreführung. Für mich war das immer der Gipfel der Ironie.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Danke für den ausführlichen und erhellenden Kommentar. Ich stimme weitgehend zu.

      Nur in einem Punkt hat mich die Erfahrung etwas anderes gelehrt: Auch das unmotivierte Schweigen wird von den meisten Lesern in den meisten Fällen durchaus akzeptiert. Sofern es nicht extrem plump daherkommt.
      Die meisten Leser wollen ja durchaus manipuliert werden und nehmen dafür auch einiges an Künstlichkeit in Kauf. Das liegt unter anderem wohl auch daran, dass die Mehrzahl der Leser nicht bewusst darüber reflektiert, wie sie vom Autor behandelt und genasführt werden. Sobald man, wie wir hier und wie manch anderer Leser, darüber nachdenkt, erscheint einem vieles an Kniffen nicht mehr als akzeptabel.

      Stephan Waldscheidt

      • Lillyn Bell Antworten

        Das sehe ich auch so.
        Ich diskutieren oft mit Freunden über Filme, die Herr Waldscheidt auf seinem Blog hins. der Story abklopft. Beispielsweise über „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ (Der Titel ist ja schon furchtbar.) – und ernte jedes Mal verständnislose Blicke und darf mir anhören, ich sehe das viel zu eng.
        Wer sich selbst nicht mit dem Schreiben, mit dem Aufbau von Geschichten, beschäftigt, analysiert diese nicht. Sobald es etwas gibt, dass den Leser fesselt, zB eine Figur, die Welt in der die Geschichte spielt etc., lässt er vieles mit sich machen, weil er eben nicht hinterfrägt. Er will manipuliert werden, er will das ultimative Leseerlebnis, den Kopfkino-Flash. Dass auf Seite 235 die Logik etwas hinkt bemerkt er nicht und die etwas unglückliche Figurenbeschreibung auf Seite 367 überliest er, weil er sowieso ganz eigenen Vorstellungen vom Aussehen der Figur hat.
        Das soll kein Freibrief für Faulheit des Autor sein, aber der normale Leser überprüft nun mal nicht Aufbau, Struktur, Technik etc.

        • dahmane Antworten

          Ja. Und nein.
          Vieles verzieht der Leser. Logiklöcher allemal, wenn es ohnehin nicht auf Logik ankommt. (Für “Flashback” trifft das bedingt zu.) Und natürlich verzeiht er einem Helden auch, dass dieser ihn – den Leser – nicht an seinen Erkenntnissen teilhaben lässt. Es muss dafür aber gute Gründe geben. Zum Beispiel:
          –> Der Besserwisser konnte damals nicht darüber reden, und wir Leser erleben die Handlung in Echtzeit nach. Dann akzeptieren wir auch, dass die Hauptfigur heute nicht darüber redet.
          –> Wir sollen uns auch mit einer Figur identifizieren, die wie wir im Ungewissen gelassen wird (Sherlock Holmes ist ein Klassiker für diese Konstellation)
          –> der Illusionist (s.o.)
          Grenzwertig ist der Fall, in dem wir gar keine Erklärung bekommen oder eine ungare. Wenn der Autor sich dafür entscheidet, muss er uns – das verlangen wir schon – in der Regel eine Gegenleistung bieten, die ihn auch etwas kostet: saftige Handlung, authentische Charaktere usw. Ich behaupte, dass die meisten Leser einen Instinkt dafür haben, wieviel Mühe sich ein Autor gibt. Schlaglöcher in der Straße akzeptieren sie, wenn die Aussicht gut ist und die Fahrt sich rasant anfühlt, sonst nicht.
          Ich warte noch auf den Autor, der die Chuzpe hat, die Schlaglöcher selbst zum Erlebnis zu erklären. In auch nur halbwegs ernst gemeinten Spannungsromanen geht das nicht, fürchte ich.
          Jedenfalls ist es nett, dass sich hier eine echte Diskussion entspinnt …

          • Lillyn Bell

            Ja, da hast Du Recht! Ich sag jetzt einfach mal DU, hoffe das ist okay.
            Ich kenne nicht so viele Leute, mit denen ich übers Schreiben diskutieren und philosophieren kann.
            „Schlaglöcher in der Straße akzeptieren sie, wenn die Aussicht gut ist und die Fahrt sich rasant anfühlt, sonst nicht.“ Das hast du schön gesagt, genau das meinte ich damit.
            Ich kenne „Flashback“ nicht, also kann ich dazu nicht viel sagen, ansonsten spielt es halt auch eine Rolle wie wichtig das Verschweigen für die Handlung insgesamt ist. Wenn das am Ende die Wende bringt und mir der Autor nicht glaubhaft erklärt warum der Prota sein Wissen verschwiegen hat, fühle ich mich als Leser veräppelt. Da frage ich mich aber dann schon, warum der Lektor des Verlages das durchgehen lässt.
            Ich versuche mich ja gerade an einem Plot und weiß mittlerweile wie schwer es ist eine tragfähige Struktur aufzubauen, die logisch, homogen und spannend ist und noch gefühlte 1000 andere Anforderungen erfüllt. Wie machst du das? Bist du Planer oder ein drauflos Schreiber?

  8. dahmane Antworten

    1. Simmons kann man nur loben, besonders vielleicht den Hyperion/Endymioin-Zyklus, der mit einer der herzzerreißendsten Eukatastrophen (der Begriff stammt von Tolkien) endet, die ich kenne. Genial vorbereitet und wunderbar menschlich ausgeführt. “Flashback” dagegen, ein an und für sich toller SF-Thriller, klingt, als solle er die Botschaft der Tea-Party transportieren, und es wird noch grauenvoller dadurch, dass Simmons ein paar klassische Autoren, die er gelesen hat, mitreden lässt, sogar zu Kronzeugen seiner kindischen Ansichten macht. Zum Kotzen.
    2. Die reaktionäre, geschichtsvergessene Botschaft, die Simmons uns vermitteln will, wird durch seinen Roman nicht gestützt. Der Plot und die Charaktere sind zu gut, die Botschaft ist zu schlecht. Es ist gut, dass das so ist. Es ist schade, dass das so ist. Dieser Roman ist bestes Anschauungsmatrial dafür, dass ein Autor es sehr geschickt anfangen muss, wenn er uns eine Weltsicht unterjubeln will. Heinlein konnte das viel, viel besser, obwohl Simmos der bessere Autor ist.

  9. Apfelsaft Antworten

    Zu den Botschaften, vielleicht sind sie dir so aufgefallen, weil sie nicht in dein Weltbild passen, ich glaube, sie passen auch nicht in meines, aber ich habe das Buch nicht gelesen.
    Wenn die Botschaft oder die Philosphie einem nicht passt, kann es das ganze Buch versauen, aber das geschieht auch, wenn es eher indirekt passiert. Bei die Hüter der Lichts mochte ich die Botschaft oder die Philosophie nicht, sie war mir zu fundamentalistisch, sie war aber gut in die Geschichte integriert, trotzdem ärgert es einen.
    Ein Weltbild transportiert man sicherlich immer mit einer Geschichte. Ich finde, es sollte besser bewusst geschehen.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Stimmt, es hängt beim Aufnehmen einer Botschaft stark davon ab, ob sie ins eigene Weltbild passt. Tut sie das, akzeptiert man sie eher und auch in größeren Dosen.
      Im Fall von “Flashback” hingegen mutet Simmons den Lesern die Botschaft so geballt zu, dass sie aus den Rändern der Geschichten herausquillt wie Schleim. Vieles dieser Botschaft geht weit über das hinaus, was der jeweilige Charakter sagen oder denken würde, vieles erfüllt keinerlei Aufgaben in der Geschichte. Die Botschaft verselbständigt sich, emanzipiert sich von der Geschichte und ihren Charakteren, wird dadurch sichtbar — und damit störend.

      Stephan Waldscheidt

      • dahmane Antworten

        Diese Interpretation – die Botschaft emanzipiert sich von der Geschichte und ihren Charakteren, wird dadurch sichtbar (und damit störend) – ist eine unmittelbar einleuchtende Erklärung. Das ist einen eigenen Beitrag wert, weil es schlüssig erklärt, warum uns solche Romane derart sauer aufstoßen.

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