Was ein untreuer Werbemensch, Zombiejäger und Catweazle gemein haben

Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten dramatischer Ironie

Einer dieser erzählerischen Kniffe, von denen Leser nicht genug bekommen können, ist die dramatische Ironie. Kurz gesagt: Der Leser weiß mehr als der Charakter, in dessen Perspektive er sich gerade befindet. Logisch, dass so etwas Menschen gefallen muss. Sind wir nicht alle kleine Besserwisser? (Nein, ich nicht, ich bin ein großer ;-))

Dramatische Ironie und Erzählperspektive

Die Möglichkeiten, wie Sie damit Ihren Roman besser machen können, sind unbegrenzt. Auch deshalb können Sie dieses Instrument wieder und wieder anwenden, ohne dass es jemals langweilig werden muss.
Braucht man für dramatische Ironie nicht mehrere Erzählperspektiven? Können Sie sie auch dann anwenden, wenn Sie den ganzen Roman aus der Ich-Perspektive erzählen? Der Leser muss doch eine Chance haben, sich von dem Charakter zu distanzieren, um mehr wissen zu können. Oder etwa nicht?

Tatsächlich ist es einfacher, wenn Sie aus mehreren Perspektiven erzählen. So können Sie beispielsweise von Adelgund in Lieselotte wechseln – und Lieselotte weiß etwas Beunruhigendes über Adelgunds Mann, was Adelgund selbst unbekannt ist – und damit weiß es dann auch der Leser.

[unten geht’s weiter im Text …]



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Dramatische Ironie und Ich-Perspektive

Aber selbst in einem Roman aus der Ich-Perspektive ist dramatische Ironie machbar. Schaffen Sie dazu beispielsweise eine Situation, in der der Ich-Erzähler nicht weiß, was um ihn her geschieht – der Leser aber weiß es sehr wohl.
Das funktioniert etwa bei den klassischen »Fish-out-of-water«-Geschichten, wo der Ich-Erzähler in eine für ihn fremde Welt geworfen wird, etwa ein traditionell lebender Zulu nach Las Vegas.
Wichtig ist hier: Für den Leser muss diese fremde Welt vertraut sein. Wenn er die Regeln selbst nicht kennt, kann er sich schwerlich über jemanden amüsieren, dem sie auch unbekannt sind.
Nehmen Sie Catweazle (kennt den hier noch jemand oder bin ich tatsächlich so viel älter?), ein Quacksalber und, ähem, Zauberer aus dem Mittelalter, der sich mit einem zufällig funktionierenden Zauberspruch vor den Normannen rettet – ins England der Gegenwart. Wenn er den »Elektrik-Trick« entdeckt, haben wir die schönste dramatische Ironie. Denn der Leser weiß ja, wie das funktioniert mit dem Lichtschalter und dem Licht und hat dieses Wissen Catweazle voraus. (Die erste Folge der Serie auf YouTube)

Zwei weitere, sehr unterschiedliche Beispiele für dramatische Ironie zeigen, wie vielfältig und wirkmächtig dieses Instrument ist.

Dramatische Ironie und Suspense

In einer Folge der dritten Staffel von »The Walking Dead« trifft sich Protagonist Rick mit dem Feind »The Governor« in einer alten Scheune. Sie sitzen an einem Tisch, verhandeln. Sie sind allein. Ihre Leute warten draußen. Der Governor hat seine Waffen abgelegt — aber die Kamera zeigt dem Zuschauer eine Pistole, die er vor Ricks Erscheinen unter dem Tisch festgeklebt hat. Schussbereit.
Die ganze Szene über weiß der Zuschauer um diese versteckte Pistole. Rick ahnt nichts davon.
In solchen Fällen sorgt »dramatische Ironie« als Mittel zur Steigerung von Spannung und Suspense.

Dramatische Ironie — zugespitzt

Eine ganz andere Möglichkeit, wie Sie mit dramatischer Ironie Ihren Roman verbessern können, zeigt eine Folge aus der dritten Staffel der Serie »Mad Men«.
Peter Campbells Gattin Trudi kommt nach einigen Tagen Solo-Urlaub zurück ins heimische Mehrfamilienhaus. In ihrer Abwesenheit hat Peter mit der Nanny eines Nachbarn geschlafen, Gudrun, für ihn ein bedeutungsloser One-Night-Stand.
Peter und Trudi fahren mit dem Aufzug hinauf zu ihrer Wohnung. Unterwegs steigt Gudrun mit den zwei Kindern ein, die sie betreut. Trudi kennt Gudrun nicht, und Pete und Gudrun tun so, als ob sie einander nicht kennen.
Kaum daheim, will Trudi nach ihrer Abwesenheit mit Peter schlafen. Nach der Begegnung im Aufzug ist Peter aber ganz und gar nicht danach.
Der Zuschauer kennt den Grund. Trudi kennt ihn nicht.
Dramatische Ironie.
Spannend wird, was der Autor hier daraus macht. Er benutzt die menschliche Angewohnheit, Gründe für ein Verhalten zu suchen und sie zu finden – und er benutzt die menschliche Angewohnheit, sich selbst in den Fokus der Welt zu stellen.
So schiebt Trudi Petes Unlust auf die Begegnung mit den Kindern. Trudi und Pete können nämlich keine Kinder bekommen. Also tröstet sie ihn.
Und genau hier erreicht die dramatische Ironie in der Szene ihren Höhepunkt. Die unwissentlich betrogene Ehefrau tröstet den frisch untreu gewordenen Ehemann! Eine wunderbar ironische Situation, die der Zuschauer sehr goutiert.

An diesem Beispiel sehen Sie, dass »dramatische Ironie« als solche noch nicht ausreicht. Sie gewinnt oft erst an Bedeutung und emotionaler Kraft, wenn Sie sie zuspitzen. Oder wenn Sie den Protagonisten damit noch tiefer in die Bredouille treiben.

Dramatische Ironie ist das perfekte Instrument für Sie. Schließlich wollen Sie nicht bloß einen guten Roman schreiben. Sondern einen besseren.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


??? Meine Frage an Sie: Welche anderen Varianten für dramatische Ironie fallen Ihnen noch ein? Beispiele? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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6 comments on “Was ein untreuer Werbemensch, Zombiejäger und Catweazle gemein haben”

  1. Heike Böttcher Antworten

    Hallo Stephan Waldscheidt,
    oute mich auch als ziemlich alt, denn ich habe mit einem warmen Grinsen auf die gen. Serien wie Daktari und Bonanza, etc. reagiert. Natürlich habe ich auch Catweazle gesehen.
    Möchte noch die Bücher von Enid Blyton (alle) und alle Fischer Bücher meiner Kinder- und Jugendzeit hinzufügen, z. B. Hanni u. Nanni, Dolly.
    Mein Lieblingsbuch schon seit vielen Jahren ist: Vom Winde verweht, auch als Hörbuch großartig!

    Dramatische Ironie: Nach einem von Rhett erzwungenen Beischlaf, den Scarlett eigentlich genossen hat, was er aber nicht weiß, ist sie schwanger. Auch, dass sie ihren Zustand akzeptiert, obwohl sie bisher eine enreute Schwangerschaft abgelehnt hat, wissen nur die LeserInnen/ZuschauerInnen. Es kommt zu einem Strreit und einem Handgemenge auf einer Treppe. Scarlett stürzt und verliert das Kind. Rhett versteckt seine Trauer hinter Zynismus und Kälte und die Kluft zwischen beiden vergrößert sich wieder einmal.

  2. dahmane Antworten

    Selbst in der Ich-Perspektive ist eine subtile Form dramatischer Ironie möglich. Der Ich-Erzähler hat etwas entdeckt, aber er verkennt die Bedeutung dieser Entdeckung völlig. Das kann nach beiden Seiten gehen. Er unterschätzt sie; er überschätzt sie. Eine der bekanntesten Formen dürfte das mediokre Deduktionsvermögen des Dr. Watson sein, der immer wieder beweist, wie gründlich er irrt, wenn er versucht, wie Sherlock Holmes zu deduzieren. Conan Doyle kann es aber noch witziger. Ganz selten kommt es vor, dass Dr. Watson etwas vor Sherlock Holmes entdeckt (eher ein Thema in den modernen Pastiches). Das amüsiert den in seinen Erwartungen getäuschten Leser noch viel mehr. Ironie ist häufig ein Spiel mit Erwartungen, nicht wahr? Um so wichtiger ist es für den Autor, die Erwartungen des Lesers sehr sorgfältig, sehr kalkuliert zu manipulieren – das soll er ja ohnehin tun, damit der roten Faden nicht verloren geht (und dann das Gerüst wieder abbauen, damit man die Deckenmalerein auch sehen kann) -, damit er sie bei passender Gelegenheit feinsinnig unterlaufen kann. Hitchcock: Die Heldin ist allein im Zimmer. Ganz langsam öffnet sich die Türe. Die Heldin ahnt nichts. Der Leser weiß (und wusste damals schon), dass seine Erwartungen enttäuscht werden: es ist nur die Katze. Zwei, drei Sekunden später wird klar: der Mörder war schon die ganze Zeit im Raum. Das nenne ich auch dramatische Ironie, da wir – als geschulte Zuschauer und Leser – uns inzwischen ein Grinsen nicht mehr verkneifen können.
    Herzliche Grüße, d.

  3. Windsbraut Antworten

    Lieber Herr Waldscheidt,
    ich kann Sie beruhigen: Sie sind hier nicht der Älteste! Ich kenne nicht nur Catweazle, sondern auch Percy Stuart, Emma Peel (sehr cool), Pan Tau, die Jungs von Bonanza, John Boy Walton, Flipper, Daktari und die Bezaubernde Jeanny. Alle in Schwarzweiß. Alle Schicksale mit klopfendem Herzen verfolgt.
    Ein weiteres Beispiel dramatischer Ironie ist Rosendorfers „Briefe an die chinesische Vergangenheit“ – nicht ganz so alt wie Catweazle, aber auch nicht gerade taufrisch. Wie wir. Dafür haben wir Neill Amstrongs berühmten Satz über kleine und große Schritte im Original gehört. In Schwarzweiß auf grobkörnigem TV-Bild.

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