Der erste Streich, äh, Akt Ihres Romans

Michael Arndt, Autor von »Toy Story 3« zeigt Ihnen, wie Sie einen ersten Akt schreiben

Eine bewährte Möglichkeit, einen Roman zu beginnen und den ersten Akt zu schreiben, zeigt uns Michael Arndt, Autor des Drehbuchs von »Toy Story 3«, am Beispiel dreier Animationsfilme. Ein sehr vergnügliches Video mit Lern-Garantie, allerdings auf Englisch:
http://drama-blog.de/michael-arndts-erster-akt/

Ich habe hier die wichtigsten Punkte in Arndts Aussagen zusammengefasst. Wie der Drehbuchautor selbst sagt, ist dies nur eine von vielen Möglichkeiten, einen ersten Akt zu schreiben. Es ist jedoch eine der Möglichkeiten, die dramaturgisch funktionieren und bereits zu vielen weltweit erfolgreichen Filmen geführt hat. Das sollte auch in Romanen funktionieren.

1. Führen Sie den Protagonisten ein.
Zeigen Sie die Welt, in der der Protagonist lebt.
Zeigen Sie ihn vor allem dabei, wie er das tut, was er am liebsten tut. Was er am liebsten mag. Was ihn als Menschen definiert.
Zeigen Sie einen Charakterfehler (flaw). Dieser Fehler sollte aus dieser großen Leidenschaft kommen. Auf diese Weise sorgen Sie dafür, dass der Roman thematisch dichter wird.
Im Beispiel des Films »Findet Nemo« ist das den Helden Marlin Definierende die Liebe zu seinen Kindern, äh, Eiern. Diese Liebe sorgt auch für den Charakterfehler: Marlins Beschützerinstinkt ist zu ausgeprägt.

2. »Sturmwolken ziehen auf.«
Zeigen Sie etwas, was die Welt durcheinanderbringen könnte.

3. Die Welt gerät durcheinander – wie durch einen Blitzeinschlag.
Die große Leidenschaft, das ihn Definierende wird dem Protagonisten durch diese Katastrophe genommen – und damit auch seine Idee von dieser Zukunft. Je plastischer Sie diese gute Zukunft zu Anfang zeigen, desto krasser und wirkungsvoller kann die Welt nun durcheinandergeraten.
In »Findet Nemo« ist das der Angriff des Barrakudas, der sämtliche Eier von Marlin und seiner Frau Cora frisst – bis auf eins: das aus dem Nemo schlüpfen wird.

Michael Arndts Tipp: Fügen Sie eine Ungerechtigkeit ein, die Ihrem Protagonisten widerfährt. Zeigen, dass die Welt auf irgendeine Weise unfair dem Protagonisten gegenüber ist.

4. Der Protagonist kommt zu einer Verzweigung auf seinem Weg.
Zwingen Sie ihn dort zu einer Entscheidung.
Die beiden Wege sind nicht austauschbar, sondern zeigen zwei Alternativen, dei sich gegenseitig ausschließen: Einmal den gesunde, verantwortlichen Weg. Dann den ungesunden, unverantwortlichen Weg.
Falls sich Ihr Protagonist für den richtigen Weg entscheidet, ist die Geschichte zu Ende – es gibt erst gar keine.
Der Knackpunkt: Der Leser muss wollen, dass der Protagonist den falschen Weg wählt, er muss ihn dabei anfeuern, die falsche Wahl zu treffen. Weil er – Identifikation! – seinen Schmerz und die Ungerechtigkeit spürt, die den Protagonisten zu dieser falschen Wahl treiben.

Diese falsche Wahl aber führt zu einer Krise – und Rumms! – ist der Leser im zweiten Akt.

(Nach Michael Arndt, Writer of Toy Story 3, http://drama-blog.de/michael-arndts-erster-akt/.)

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


??? Meine Frage an Sie: Kennen Sie noch weitere Beispiele für einen ähnlich aufgebauten ersten Akt? Warum, glauben Sie, funktionieren diese Schritte so zuverlässig und gut? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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4 comments on “Der erste Streich, äh, Akt Ihres Romans”

  1. Windsbraut Antworten

    Die Sache mit der Ungerechtigkeit am Ende des Ersten Aktes und der Identifikation des Lesers funktioniert psychologisch immer dann, wenn es dem Autor gelungen ist, Sympathie für den Protagonisten zu erzeugen. (Und wenn ihm das bis dahin nicht gelungen sein sollte, sind sowieso Hopfen und Malz verloren.) Durch die Konstruktion der Opferrolle gerät der Protagonist in eine passive Position, aus der er sich im Folgenden befreien muss. Der Schritt, aus der Schockstarre ins Handeln zu kommen, lädt bei gut ausgeführtem Handwerk wieder zur Identifikation ein, weil jeder von uns sich wünscht, gegen Ungerechtigkeiten aufbegehren zu können. Damit knüpft der Autor das Band zwischen dem Leser und dem Protagonisten immer enger. Aber diese Art von Plotpoint-Konstruktion birgt aus meiner Sicht auch die Gefahr des Klischees, weil sie eben oft genauso angewendet wird.
    Elizabeth George würde sich aufgerufen fühlen, diese „Regel“ zu brechen. Allerdings hat sie auch das Können, das man braucht, um diese Nahtstelle zwischen Kunst und Technik anders zu bewältigen.

  2. Marco Antworten

    Sie hatten an anderer Stelle einmal geschrieben, dass der Einstieg in die Gechichte (bzw. der 1. Wendepunkt) so aussehen sollte, dass der Protagonist ohne eigenes Verschulden in eine Krisensituation fällt. Ihm widerfährt also etwas, für das er nichts kann und gegen das er etwas unternehmen muss, da er sonst seine Ziele nicht mehr erreichen kann oder sein Leben in Gefahr ist.
    Der Entschluss hier etwas zu unternehmen, ist dann entscheidend für den Einstieg in den 2. Akt.

    Das (für mich) Neue, was Michael Arndt hier noch mit hinzu nimmt, ist nun die (offensichtliche?) falsche Entscheidung darüber, wie diese Unternehmung konkret aussehen soll. Für mich war es bisher immer einfach nur „irgendeine“ Entscheidung.

    Allgemein:
    Dieses Vorgehen ist denke ich deshalb erfolgreich, weil Ungerechtigkeit etwas ist, mit dem man die Gefühle der Menschen an ehesten erreicht. Jeder hat etwas gegen Ungerechtigkeit und hat ein verdammt großes Problem damit, wenn ihm (vermeintlich) Ungerechtes geschieht. Die Ungerechtigkeit gegenüber dem Protagonisten führt den Leser/Zuschauer also auf die Mitleid Schiene. Und ich glaube fast, dass es keine bessere Methode gibt um Sympathie für den Protagonisten zu erzeugen.

    Wenn sich nun der Protagonist falsch entscheidet, also offensichtlich falsch, dann erzeugt das Spannung (oder war das Supsense? … ich glaube ich habe inzwischen begriffen was Suspense ist, aber jetzt begreife ich nicht mehr, was Spannung ist … xD ). Denn man fragt sich als Leser, was zum Teufel er da jetzt für einen Unsinn treibt. Das erhöht dann auch das Potential für „Unsinn“, der noch passieren kann. Ist also auch eine Hilfe für den Autor, eine interessantere Geschichte zu erschaffen, was dann wieder dem Leser zugute kommt.

    Soweit mal meine Gedanken als Amateur zu diesem Thema. Würde mich über eine Rückmeldung freuen (insbesondere falls das hier totaler Quark ist, den ich verzapfe).

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Hallo Marco,

      klingt alles recht vernünftig, was Sie da schreiben. „Unsinn“ und „das Falsche“ sind beim Roman in den meisten Fällen lediglich Umschreibungen der eigentlichen kinetischen Energie eines Romans: von Konflikten. Insofern steckt in einer falschen Entscheidung mehr Konfliktpotenzial als in „irgendeiner“ Entscheidung, weil die falsche E. der richtigen eben um maximale 180 Grad zuwiderlaufen kann, „irgendeine“ aber womöglich nur um wenige Grad.

      Wünsche weiterhin feines Schreiben
      Stephan Waldscheidt

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