Die Erzählperspektive — Abschließend geklärt (Teil 2 von 2)

[Der erste Teil des Artikels steht hier …]

Dass Autoren die Erzählperspektive häufig wechseln, hat vor allem zwei Gründe. Keiner davon ist ihnen bewusst, sonst würden sie diese überflüssige Lese-Erschwernis unterlassen.

1. Grund: Autoren wechseln die Perspektive so häufig, weil sie es können. »Because I could« war übrigens auch die Begründung, wieso der damalige US-Präsident Clinton mit seiner Praktikantin Lewinsky eine Affäre hatte. Das sagt doch schon alles, oder? Richtig: Das ist kein Grund, sondern es tut nur so, als wäre es einer.

Der wichtigste Grund:
2. Autoren wechseln die Perspektive so häufig, weil sie unsicher sind.
Sie sind unsicher, was sie erzählen wollen. Sie sind unsicher, was zentral in ihrem Roman ist. Sie sind unsicher, welche Charaktere zentral sind.
Dieser Unsicherheit können Sie am einfachsten und effektivsten mit einer Planung des Romans begegnen. Und mit dem Schreiben eines Exposés, bevor Sie Ihren Roman schreiben. Ein Exposé fokussiert notgedrungen auf die wichtigste Figur, den Protagonisten. Damit es wie aus einem Guss wirkt, also eine zusammenhängende Geschichte erzählt, müssen Sie als Autor die Erzählperspektive eindeutig festlegen. Tun Sie das nicht, bemerken Sie den dauernden Bruch der Erzählung selbst sofort. Ach ja, der Agent oder der Verlag, an den Sie das Exposé schicken, bemerkt es auch.

Wie viele Erzählperspektiven sollte Ihr Roman haben?

Damit Sie diese Frage für sich beantworten können, sollten Sie sich vorab einige Dinge klarmachen.

1. Worum geht es beim Schreiben eines Romans überhaupt?
Sofern Sie keine verkopfte Literatur einzig fürs Feuilleton und für Wettbewerbe schreiben, ist die Antwort klar: Der Roman soll dem Leser ein intensives emotionales Erlebnis bescheren. Welche Emotionen da bedient werden, hängt vor allem vom Genre ab.
Am intensivsten erlebt der Leser Ihren Roman dann, wenn Sie ihn in den Roman mit einbeziehen: wenn Sie ihn mitspielen lassen. Das tut er dann, wenn er sich mit Ihrem Protagonisten identifiziert.

2. Ein Roman ist keine vollständige Erzählung von Ereignissen oder gar eines Lebens. Ein Roman ist ein Best-of aus dem Leben des Protagonisten. Er ist die Greatest-Hits-Kompilation aus den aufregendsten und wichtigsten Ereignissen. Er ist auch ein Konzept-Album, denn die »Songs« fügen sich zu einer Geschichte zusammen.
Das heißt: Der Leser muss nicht wissen, was in jedem der Köpfe vorgeht. Selbst dann nicht, wenn da durchaus Spannendes vor sich geht. Gut ist nicht gut genug! Denken Sie daran: Wir reden hier nicht von einer neuen Platte oder Playlist. Sondern von der Elite, der Crème de la Crème, dem Besten eben: The Essential.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich folgende Empfehlungen zur Wahl der Erzählperspektive für einen zeitgemäßen Roman und ein emotional intensives Lese-Erlebnis.

[unten geht’s weiter im Text …]



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Empfehlungen zur Wahl der Erzählperspektive

Erste Empfehlung:
Erzählen Sie personal. Bei dieser Perspektive fällt es dem Leser am leichtesten, sich mit der Hauptfigur zu identifizieren. Denn Sie als Autor stopfen ihn kurzerhand in den Körper und in den Kopf dieser Figur.
Der Leser ist seit langem an diese Erzählform gewöhnt. Auch dieser Aspekt des Vertrauten sorgt dafür, dass die Identifikation möglichst schnell vonstattengeht.

Zweite Empfehlung:

Wenn Sie personal und in der Ich-Form erzählen, sollte Ihre Sprache eine klare Haltung transportieren. Das Ich muss für den Leser nicht nur durch den Inhalt des Erzählten spürbar werden, sondern durch Sprache, Ton, Stil, Stimme, Einstellungen, Haltung.
Ansonsten wählen Sie besser die dritte Person.

Dritte Empfehlung:
Wechseln Sie die Erzählperspektive nur, wenn es unbedingt sein muss. Das heißt, nur dann, wenn Ihr Roman sonst nicht funktionieren würde.
Jeder Wechsel der Erzählperspektive raubt dem Leser die Zeit, die er mit der einen Figur verbringt. Jeder Wechsel der Erzählperspektive arbeitet somit gegen eine Identifikation und sorgt für ein weniger intensives Erlebnis.

Vierte Empfehlung:
In den meisten Fällen, in denen der Autor denkt, diese Gedanken von Charakter B seien jetzt wichtig oder sorgten für Spannung und mehr Suspense, ist der Wechsel der Erzählperspektive nicht die beste Lösung.
Sie scheint aber leider in vielen Fällen die einfachste zu sein. Geben Sie sich damit nicht zufrieden!
Die Gefahr: Der Wechsel der Erzählperspektive lässt sich einfach bewerkstelligen, hat aber, wie ich oben dargelegt habe, fatalerweise enorme Auswirkungen auf die Aufnahme des Romans durch den Leser.
Suchen Sie stattdessen nach anderen Möglichkeiten, für mehr Aufregung, Konflikte oder Suspense zu sorgen – und zwar innerhalb der Perspektive Ihrer Hauptfigur.
Das hat gleich zwei Vorteile: Sie verschaffen dem Leser mehr Zeit mit seiner Identifikationsfigur – seinem Avatar, der die Handlung stellvertretend für ihn durchlebt. Und Sie geben sich nicht mit der erstbesten, fast immer klischeebeladenen und suboptimalen Lösung zufrieden. Sondern Sie suchen eine bessere, orginellere, konfliktreichere, aufregendere Variante. Und finden diese auch. Schließlich sind Sie kreativ und klug genug dazu. Im Weg steht aber all zu oft Ihre Bequemlichkeit. Sorry, gemütlich und gelassen schreibt sich kein herausragender Roman!

Fünfte Empfehlung:
Bei Romanen, in denen andere Dinge wichtiger sind als die Identifikation mit einer Hauptfigur – etwa die Darstellung einer Welt in einem Fantasy-Roman oder das Zeigen einer globalen Katastrophe in einem Techno-Thriller – ist der Wechsel der Erzählperspektive weniger problematisch. Er kann sogar angeraten sein.
Nehmen Sie einen Fantasy-Roman. Die vom Leser dieses Genres zuallererst gesuchte Emotion ist, eine ganze, neue Welt zu entdecken und zu erleben. Das kann er entweder mit einer einzigen Identifikationsfigur. Er kann es aber auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln, etwa, wenn er den Roman aus den Augen eines Zwergenräubers im Sklavenviertel, eines katatonischen Magiers und der dreiköpfigen Kaiserin erlebt.
Im Techno-Thriller braucht es womöglich mehrere Perspektiven, um die Gefährdung für den Einzelnen, aber auch für eine in einem Bus eingeschlossene Schulklasse und für die gesamte Menschheit durch das entflohene Supervirus darzustellen.

Sechste Empfehlung:
Es gibt erzählerische Kniffe, die einen Wechsel der Erzählperspektive beziehungsweise die Verwendung mehrerer Perspektiven voraussetzen. So etwa das effektvolle Mittel der dramatischen Ironie. Sie tritt dann auf, wenn der Leser mehr weiß als der Charakter, aus dessen Perspektive gerade erzählt wird.
Das klassische Beispiel: Der Mörder lauert im Keller. Der Leser weiß das, weil er in der Szene davor in der Perspektive des Mörders steckte. Jetzt hat der Autor den Leser zurück in den Protagonisten geholt und geht mit ihm in den Keller, nichtsahnend …
Wägen Sie in solchen Fällen dennoch gründlich ab, ob ein solcher Kniff wichtig genug ist, um eine neue Perspektive zu rechtfertigen – mit all den oben geschilderten Nachteilen.

Siebte Empfehlung:
Denken Sie in Ruhe über die Erzählperspektive(n) in Ihrem Roman nach. Die Entscheidung müssen Sie frühzeitig treffen und sie ist so weitreichend, dass Sie sie nicht mal eben wieder korrigieren können. Mit einem einfachen Umschreiben wie etwa bei einem Wechsel des Tempus ist es hier nicht getan.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014


??? Meine Frage an Sie: Welche Empfehlungen würden Sie noch zur Erzählperspektive abgeben? Gelungene Beispiele? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂


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10 comments on “Die Erzählperspektive — Abschließend geklärt (Teil 2 von 2)”

  1. Sonnenlicht Antworten

    Wenn ich einen Wirtschaftskrimi über einen Kriminellen Macho schreibe will ich ja nicht nur wissen was er fühlt sondern eben auch was seine betrogene Ehefrau und die Geliebte fühlt daher sollte ich zwangsläufig als Autor die Gefühle von allen Dreien beschreiben

  2. Rachel Antworten

    Also, gerade, wenn dramatische Ironie angewendet werden soll, finde ich es aber wichtig, regelmäßige POV-Wechsel zu machen, damit die eine Szene, die im Kopf des Mörders spielt, nicht wie gewollt und nicht gekonnt aussieht.
    Es gibt eigentlich weniges, was ich mehr hasse als wenn eine “andere” Perspektive nur ein oder zwei Mal im Roman vorkommt. Wenn schon, denn schon und regelmäßig. Ausgenommen davon sind Prologe und Epiloge, aber wenn ich 30 Kapitel aus Sicht A habe, dann werden mich die 2 Kapitel aus Sicht B so verwirren, dass es keinen Spaß mehr macht. Zumal es dann für mich auch so aussieht, als hätte man nach dem letzten Strohalm greifen müssen, weil sonst nichts mehr geklappt hätte. Und das gefällt mir dann nicht.

  3. Elena Maar Antworten

    Ihre Hinweise sind wie immer sehr hilfreich und auch schlüssig. Die Wahl der Perspektive ist bedeutend für einen Roman und kann (wenn man sich “vertut”) das ganze Konstrukt zum Einstürzen bringen. In “Das Lied von Feuer und Eis” (“Game of Thrones” im TV) stört mich das ständige Gespringe zwischen den Figuren im Roman (der Autor ist auch Drehbuchautor – das erklärt es sicher). Weniger stört mich der ständige Wechsel jedoch im TV. Und ich denke, das ist das Problem moderner Autoren. Wir sind sehr geprägt durch Fernseh-Serien und Kinofilme in denen der Wechsel der Perspektive oft dramatisches Mittel ist und bestens funktioniert.
    Andererseits, auch der moderne Leser kann sich inzwischen gut in diesen “filmischen” Schreibstil einfühlen. Aber es muss geschickt geschrieben sein, darf den Leser nicht verwirren und den Prot nie aus den “Augen” verlieren.
    Ich persönlich liebe den Perspektivwechsel zumindest (in meinem aktuellen Projekt), da ich die teils sehr unterschiedliche Wahrnehmung verschiedener Personen auf ein und dieselbe Situation oder Person darstellen kann und will. Ob das funktioniert, wird sich noch zeigen.

    Wie immer, vielen Dank für Ihren Artikel.

  4. Carmilla DeWinter Antworten

    Stimmt: sicher sind nur der Tod und die Steuern. Müssen tut mensch überhaupt sehr wenig im Leben.
    Am Ende lese ich aber meistens lieber eine Szene, als dass ich einer Figure “lausche”, die seitenlang von Ereignissen berichtet. Und einfacher zu schreiben ist es obendrein.

  5. Carmilla DeWinter Antworten

    Als eine, die ausschließlich Fantasy schreibt, fühle ich mich hier gerade fein raus. Wenn an mehreren Stellen gleichzeitg etwas passiert, das nachher für den Plot wichtig ist, muss ich entsprechend vielen Leuten in die Köpfe. (Siehe zum Beispiel “Das Lied von Eis und Feuer”) Eventuell auch schon, bevor das richtig wichtige Zeug passiert, damit die Leser*innen nachher nicht zu überrascht sind.
    Aber den Wirt einer Schenke, in der eine Schlägerei stattfindet, und den ich nachher nie wieder erwähne, den muss ich wirklich nicht zu Wort kommen lassen.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Danke für Ihren Kommentar.
      An einem Satz, genauer: an dem Wörtchen “muss”, stoße ich mich ein wenig:

      “Wenn an mehreren Stellen gleichzeitg etwas passiert, das nachher für den Plot wichtig ist, muss ich entsprechend vielen Leuten in die Köpfe.”

      Ein “Muss” gibt es beim Schreiben selten. Sehr wahrscheinlich würde man das auch hinbekommen, wenn man nur aus einer Perspektive erzählt. Dann käme sicher ein ganz anderer, aber nicht notwendigerweise schlechterter Roman heraus. Am Ende kommt es darauf an, was den Leser am glücklichsten macht 🙂

      Stephan Waldscheidt

  6. Meli Antworten

    Lieber Herr Waldtscheidt,

    wow, vielen Dank für die Mühe!!!

    Ich werde mir jetzt erst mal Ihre Empfehlungen eintrichtern ;). Und dann noch einmal in Ruhe überlegen, wie ich es angehen werde.
    Beide Teile waren sehr hilfreich zu lesen!
    Die fünfte Empfehlung finde ich übrigens sehr wichtig.

    Liebe Grüße
    Mel

  7. Apfelsaft Antworten

    Ich mag den deutschen Hang zur Hauptfigur nicht, ich liebe Ensembles und da liegt die Wahrheit meist zwischen den Figuren. Und Bücher wie Korrekturen oder der Turm sind nicht nur bei den Kritikern beliebt, sondern verkaufen sich auch.

    Ich finde die These, was modernes Lesen ist, zu monokausal.

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