Gesicht im Licht, verändert

Fangen Sie besondere Momente ein

Gestern habe ich einen Mann mittleren Alters ertappt – als er ganz kurz er selbst war. Zunächst wirkte er ernst, angespannt, er war gut gekleidet, wahrscheinlich beruflich erfolgreich. Er kam mir entgegen. Als er aus dem Schatten eines Gebäudes trat, schien die Sonne in sein Gesicht.
Das Licht und die Wärme verwandelten ihn für einen Moment. Er schloss die Augen, im Gehen, und seine Züge entspannten sich zu einem Lächeln. Ein magischer Moment, der eine Sekunde später schon wieder vorbei war, als der Mann in den Schatten des nächsten Hauses trat.

Nicht nur für diesen Fremden besaß der Moment Magie, Kraft, Bedeutung. Auch für mich. Denn ich erkannte wieder, warum ich schreibe: nicht zuletzt, um solche besonderen Momente einzufangen.

Konflikte sind unverzichtbar in einem Roman, müssen jede Szene dramatisch machen. Das Thema sollte sich, in Variationen, in allem finden. Charaktere müssen vertieft, die Handlung vorangebracht werden. Und das in einem Erzählton, der der Geschichte und ihren Figuren entspricht.
Und dann sind da noch die spezifischen Details. Zu ihnen gehören Momente wie der eingangs beschriebene. Auch durch sie wird Ihr Roman selbst spezifisch, sprich: etwas Besonderes.

Spüren Sie solche Momente in Ihrer Geschichte auf. Folgen Sie den Charakteren Schritt für Schritt, damit Ihnen ein solcher Augenblick nicht entgeht.

Das kann vieles sein:
Ein Moment der Wahrheit. – Der Charakter, sonst verschlagen oder sorgfältig darauf bedacht, sein Gesicht zu wahren, sagt oder tut etwas Wahrhaftiges. Vielleicht überrascht er sich damit selbst.
Ein Moment der Klarheit. – Dem Charakter offenbart sich etwas, ein Geheimnis, eine plötzliche Erkenntnis, etwas, das ihn berührt und ein Trittstein auf dem Weg zur Veränderung wird.
Ein Moment der Schönheit. – Der Charakter findet Schönheit plötzlich und unerwartet und dort, wo er sie nicht vermutet, nicht gesucht hätte. Vielleicht blitzen ihn die Augen seiner dementen Mutter im Heim ganz kurz wissend und auf ihre von früher gewohnte, schelmische Art an. Für eine Sekunde verwandelt sich ihr Gesicht, ihr ganzer Körper, als legte sich der Geist ihres jüngeren Ich wie Gaze über sie.
Ein Moment der Verletzlichkeit. – Der Charakter, der sich sonst keine Blöße gibt, ist von etwas hingerissen oder erstaunt oder erfreut. Und für eine Sekunde wird aus dem toughen Geschäftsmann und Mafia-Anwalt wieder ein Kind, das über Seifenblasen staunt.

[unten geht’s weiter]

——————Stephan Waldscheidt schreibt als Paul Mesa——————-

Insein für Outsider. Romantische Komödie

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Allgemein Ausnahmen von der Regel, Abweichungen:
Der Charakter ändert sein Verhalten, seine Gewohnheiten, er weicht, einem Impuls gehorchend, von seiner üblichen Routine ab und bringt seiner Sekretärin, für die er sonst nur einen muffigen Gruß übrig hat, Blumen mit.
Der Charakter empfindet etwas anders als sonst, intensiver oder weniger intensiv. Vielleicht sieht die Mutter ihren sechzehnjährigen Sohn an, der sie seit zwei Jahren mit seiner Pubertät quält, und erwischt sich zum ersten Mal bei dem Gefühl, dass er bald ausziehen wird und eine große, kein bisschen mit Schuld vermischte Erleichterung erfasst sie.
Der Schauplatz ist ein anderer als sonst. Nach einem Sturm wirkt der sonst so fröhliche und aufgeräumte kleine Platz wie ein trauriges Schlachtfeld und eine Wolke legt sich vor die Sonne wie um zu sagen, »Auf dich scheine ich nie mehr«.

Das sind nur einige Beispiele. Finden Sie welche für Ihren eigenen Roman.
Gehen Sie dafür vor wie ein Fotograf. Suchen Sie Bilder, machen Sie Schnappschüsse, und scheuen Sie sich nicht, diese nachzubearbeiten oder sogar zu verändern, so lange, bis sie in Ihren Roman passen und ihn reicher machen.

Wenn Sie das klug anstellen und Ihnen Ihre Muse gewogen ist, wirken sich solche Momente positiv aus auf Konflikte, auf die Darstellung des Themas, auf die Vertiefung des Charakters oder das Voranbringen der Handlung, ja, selbst auf den Erzählton aus.
In einem Roman hängt alles zusammen. Selbst die scheinbar isoliert stehenden Dinge entfalten eine Wirkung aufs Ganze. Ein solcher Moment verwandelt eben nicht nur das Gesicht eines Fremden. Sondern Ihren ganzen Roman – und damit auch Ihre Leser. Ach, könnten Sie die Verwandlung im Gesicht Ihrer Leser sehen!

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Welche besonderen Momente haben Sie kürzlich eingefangen? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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2 comments on “Gesicht im Licht, verändert”

  1. Christine Antworten

    Oh ja, Verletzlichkeit und Schönheitsempfinden sind so tolle Werkzeuge, um die Menschlichkeit eines ansonsten unzugänglichen Charakters herauszuarbeiten! Vor allem sind das zwei Dinge, die man außer der Leserschaft niemandem zu verraten braucht, was das Image des Charakters vor den anderen aufrecht erhält und gleichzeitig bei der Leserschaft Sympathie erzeugt, weil der Charakter emotional isoliert wirkt. So viel Drama ganz im Geheimen, innere Einsamkeit, Sprachlosigkeit usw. Sowas lieb ich.

  2. Kristin B. Sword Antworten

    Lieber Herr Waldscheidt,

    dieser Artikel hat auch mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

    Ich habe nämlich relativ kurz vor Veröffentlichung meines Romans noch genau so eine Szene eingebaut, in einer Passage, die sonst eigentlich eher düster und für die Protagonistin sehr hart ist. Einen Moment des Glücks in einer Zeit, in der man ihn nicht erwartet hätte und der das Schlimme leichter erträglich macht.

    Jetzt weiß ich auch, warum diese Szene meiner Korrektorin und mir so gut gefallen hat. Vielen Dank dafür!

    Kristin

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