Hund Rosalie ist tot, es lebe Rosalie!

Erzählbögen wie Regenbögen

In Stephen Kings Roman »Insomnia« (Penguin 1994 / dt. »Schlaflos«) spielt ein streunender Hund namens Rosalie eine nicht ganz unwichtige Nebenrolle. Das arme Mädchen stirbt im Lauf der Geschichte, gewissermaßen beim Kampf für das Gute. Eine traurige Sache für den Leser.
Kurz vor Schluss aber schenkt der Held seiner Geliebten ein Welpen. Und raten Sie mal, wie er diesen kleinen Hund nennt?

Dieses Schließen eines Kreises oder Schlagen eines Bogens ist eine sehr schöne erzählerische Figur. Warum fühlt sich das für die Leser so gut an?

Die Sache hat vor allem zwei Gründe. Zum einen ist da das Gefühl, das etwas abgeschlossen wird. Anders ausgedrückt: Der Leser bekommt ein Gefühl von Vollendung. Oder, noch anders: Das Chaotische in der Welt ist wieder aufgeräumt, die Ordnung wiederhergestellt.

Zum anderen bedeutet das Schließen eines Kreises immer auch die Wiederkehr von etwas Vertrautem. Es ist wie das andere Ende eines Regenbogens. Wir folgen, als Leser, dem Schwung des Bogens über den Himmel und begrüßen es, das andere Ende zurück zur Erde kommen zu sehen, begrüßen es wie einen alten Freund.

Doch das Beispiel aus Stephen Kings Roman zeigt, wozu dieses Mittel noch taugt. Damit erweist sich King einmal mehr als ein gerissener, äh, Hund von Autor, der genau weiß, welche Emotionstasten er beim Leser drücken muss.

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Sehen wir uns das Beispiel unter der Voraussetzung an, King hätte den Hund einfach sterben lassen. Der Leser wäre traurig gewesen. Die Emotion wäre jedoch sehr schnell verblasst.
Oder eine andere Variante: Protagonist Ralf hätte seiner Geliebten Lois bloß ein Hundewelpen geschenkt und es nicht Rosalie, sondern Henriette genannt. Der Leser hätte sich kurz gefreut. Aber auch diese Emotion wäre sofort verblasst.
Jede Variante wäre nichts weiter gewesen als ein kleine Stück Regenbogen, der aus dem Boden ragt und sofort in den Wolken verschwindet. Nett anzusehen, aber nicht spektakulär.

Was King nun macht: Indem er Ralf ein Welpen verschenken lässt, dass er dann Rosalie nennt, verbindet er einzelne Enden zu einem echten Bogen und öffnet dem Leser damit den Himmel. Aus einem »nett« wird ein »Wow!«.
Mehr noch: Er nimmt die Trauer bei Rosalies Tod und wandelt sie in ein positives Gefühl um. Ohne die Trauer würden das Geschenk und die Namensnennung – der Name für das Welpen, Rosalie, ist das letzte Wort der Szene – weniger stark wirken. So aber entfalten sie, gemeinsam, eine viel größere emotionale Wucht.
Nehmen Sie auch hier wieder das Bild des über den Himmel geschlagenen Bogens – und betrachten den Bogen als Rutschbahn. Wenn Sie den Leser daran hinunterrutschen lassen, erreicht er höhere Geschwindigkeiten, als wenn er bloß auf einem kleinen Bogenstück hinunterrutschen würde: stärkere Gefühle.

Schreibanregung: Sehen Sie sich bei der Überarbeitung Ihren Roman im Hinblick auf solche Bögen an. Achten Sie insbesondere auf emotional negative Ereignisse im zweiten Akt. Können Sie davon ausgehend einen Bogen in den dritten Akt schlagen? Und die Emotion, falls Sie auf ein versöhnliches Ende zusteuern, ins Positive wenden?

Schlagen Sie Regenbögen.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

PS: Ich freue mich, wenn Sie einen Blick in meinen neuen Roman werfen …

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Welche Vorteile hat das Schlagen von Erzählbögen noch? Welche gelungenen Beispiele fallen Ihnen ein? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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